DER NEUE MERKER

Nummer 102 (16. Jahrgang, 04/05 - 2004)
04.04.10 19:16:34
Anton Cupak

Interview, 04/2004: Edita GRUBEROVA, In den Himmel entschweben

EDITA GRUBEROVA VOR IHREM EUROPA-DEBÜT ALS "NORMA" IN BADEN-BADEN (24.
April 2004 / 1. Mai 2004 - Festspielhaus Baden-Baden)
In den Himmel entschweben

BADEN-BADEN - Die Sopranistin Edita Gruberova steht vor dem Höhepunkt ihrer Karriere. So schätzt sie selbst ihr Europa-Debüt als "Norma" in der gleichnamigen Oper von Vincenzo Bellini ein. Im Rahmen von zwei konzertanten Aufführungen am 24. April und am 1. Mai 2004 im Festspielhaus Baden-Baden wird sich die Sängerin nach 35 Jahren Bühnenerfahrung kein bisschen müde dieser Aufgabe stellen. Die Aufführungen sind bis auf Restkarten bereits ausverkauft.
"Ich habe mich ein Leben lang auf diese Rolle vorbereitet", verriet die Ausnahme-Kümstlerin gestern (13. April 2004) zum Probenbeginn den Journalisten.
Den Entschluß, diese Partie zu studieren, fasste Edita Gruberova jedoch erst im Jahr 2000. Damals fühlte sie sich bereit, ihre Belcanto- wie auch ihre Lebenserfahrung in der dramatischen Geschichte der Druidenpriesterin, die sich selbst opfert, zusammenfließen zu lassen.
"Ich habe mir zum Beginn des Rollenstudiums viele Aufnahmen anderer Sängerinnen angehört", gestand die in Bratislava geborene Sängerin, "doch ich habe auch bei den großen Vorgängerinnen in dieser Rolle Dinge gehört, die ich ganz anders machen würde. Es gibt da Stellen, da muss man einfach bei aller Dramatik mit der Stimme in den Himmel entschweben, und das kann ich."
Schon deshalb werden Vergleiche mit Sängerinnen wie Maria Callas oder Joane Sutherland möglicherweise nicht ziehen, wenn Edita Gruberova am 24. April 2004 unter der Leitung von Friedrich Haider mit der Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz erstmals die "Norma" auf europäischen
Boden singen wird. Ihre Feuertaufe in dieser Partie hatte sie bereits vor einem Jahr in Tokyo ebenfalls in konzertantem Rahmen bestanden, doch auf die Auftritte im Festspielhaus Baden-Baden konzentriert sie sich nun
besonders: "Ich brauche immer viele Aufführungen, bis ich die Partie wirklich bis in den kleinsten Finger verinnerlicht habe".
Das Festspielhaus Baden-Baden hält Edita Gruberova dabei für den richtigen Ort für eine solche Premiere: "Meine Verbindung mit dem
Festspielhaus Baden-Baden ist eine erarbeitete Erfahrung. Ich habe mir hier ein Publikum 'ersungen', und was kann es schöners geben, als sich
ein Publikum zu ersingen?"
Mit der "Primadonna Assoluta" werden weitere namhafte Solistinnen und Solisten zur "Norma" in der nach Edita Gruberovas Aussagen "fantastischen Akustik" des Festspielhauses Baden-Baden singen. Mit der lettischen Mezzo-Sopranistin Elina Garanca wird dabei ein Shooting-Star der internationalen Opernszene in der Rolle der "Adalgisa" zu hören sein. Die Rolle des "Pollione" wird der Tenor Aquiles Machado singen, und den "Oroveso" singt der britische Baß Alastair Miles. Alle Sängerinnen und Sänger wurden von Edita Gruberova ausgesucht und auf ihre ergänzenden Qualitäten zu ihrer eigenen Ausnahmestimme hin abgewogen. Dass sie die "Norma" erst im Jahr 2006 in München in einer szenischen Produktion singen wird, ist für Edita Gruberova kein Problem. Im
Gegenteil. Seit ihr der Star-Regisseur Konwitschny attestierte, dass sie die Inszenierung durch die Farbenvielfalt ihrer Stimme ersetze, ist sie sich sicher, dass auch eine konzertante Aufführung die beabsichtigte Wirkung des Komponisten erzielen kann. Sie selbst findet immer wieder neue Passagen in dieser Oper, die für sie eine besondere emotionale Herausforderung darstellen: "Wenn sich Norma am Schluss der Oper entscheidet, selbst auf den Scheiterhaufen zu gehen
und ihre Kinder dem Vater anvertraut, ist die Musik ganz einfach, nur ein Tonwechsel, da muss ich beim Studium und in den Proben immer weinen. Ich hoffe, dass ich dieses Gefühl auch in den Aufführungen transportieren kann."
Ihre Fans sind sich da sicher, denn Edita Gruberova gilt in Opernkreisen
als ein Phänomen. Kaum eine andere Sängerin vermag es trotz einer solch
langen Karriere, das Niveau ihres Gesanges noch immer zu steigern. Sie
selbst führt das auf die richtige Gesangstechnik und das Schonen der
Stimme zurück: "Erst mit fast 40 Jahren habe ich von einer Sekunde auf
die andere bemerkt, wie mir die richtige Gesangstechnik hilft. Es war,
als lege sich ein Lichtschalter um. Aber es war der entscheidende Augenblick, fast 20 Jahre, nachdem ich das Konservatorium verlassen hatte." Andere Sängerinnen, so Edita Gruberova, achteten im Moment des
Erfolges nicht genügend auf die für die Stimme so wichtigen Ruhepausen.
"Ich kenne das doch", so die Sopranistin, "wenn sich das Karrussell
dreht, nimmt man alles mit, sagt zu jeder Rolle schnell 'Ja'". Sie selbst lebt seit vielen Jahren jedoch nach den Regeln des großen Sängers Alfredo Kraus, der seinen Kollegen ausgedehnte Ruhephasen empfahl. "Zwei, drei Wochen Urlaub reichen da nicht", so Edita Gruberova", "es müssen schon zwei Monate sein, in denen man aber nicht faul ist, sondern die Stimme immer wieder ganz leicht traniert." Wer so arbeitet, hat auch wenig Mühe, seine Stimme auf den Punkt in Top-Form zu bringen und etwa die bekannte "Casta Diva"-Arie aus "Norma" in der höheren Originaltonart G-Dur zu singen, wie es Edita Gruberova plant.
Von Urlaub kann daher derzeit bei den Proben zur "Norma" in Ludwigshafen
und Baden-Baden keine Rede sein. Mit großer Konzentration und mindestens
ebsenso großer Leidenschaft bereitet sich Edita Gruberova auf die besondere Premiere vor, um gleichwohl bescheiden in die Zukunft zu blicken: "Ich hoffe, es geht nach der 'Norma' noch ein bisschen weiter."
Die Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden werden vom SWR für den
Hörfunk und für eine CD aufgenommen. Sendetermine und CD-Erscheinungstermin stehen allerdings noch nicht fest.

 

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Wien, 2017.07.24 12:29:05