DER NEUE MERKER

Nummer 121 (17. Jahrgang, Januar/Februar - 2006)
06.01.08 10:56:36
Anton Cupak

Interview, 11/2004: Komponist Robert MORAN, auch ein paar Worte zur neuen Kulturmafia

Robert, ich freue mich, dieses Interview mit Ihnen führen zu können, obwohl ich zugeben muss, dass ich vor kurzem noch nicht mal wusste, dass Sie überhaupt existieren.

Sie wussten nicht, dass ich existiere. Es gibt Tage, an denen ich mich selbst frage : „Do I actually exist?“, womit wir auf ein wunderbares Zitat aus Alice im Wunderland zurückgreifen.

Können Sie mir ein wenig über Ihre Abeitsweise erzählen?

Hier bei mir in Philadelphia ist vor ein paar Minuten der Ausläufer des großen Hurrikans aus Florida angekommen… mit viel Regen und sehr dunklen Wolken. MEIN WETTER. Regen nimmt in meinen Kompositionen eine wichtige Stellung ein. Die Klangmuster und die rythmischen Ideen vermische ich normalerweise mit meinen langen, dröhnenden Kompositionen, die einen in Trance führen können.
Ich habe nie Computer für meine Arbeit benutzt, außer um Briefe zu schreiben. Komponisten, die am Computer arbeiten, sind drittklassig… und haben nachlässige Ohren… und haben keine Vorstellung davon, wie es sich anhört, was sie schreiben.


Nach Ihrem Studium bei Heinz Apostel in Wien, sind Sie des Öfteren nach Österreich zurückgekehrt. Ihre Städtekomposition für Graz ist sicher noch vielen in Erinnerung.

In der Vergangenheit hatte ich viele Aufführungen beim Steirischen Herbst in Graz. Hierunter war auch meine „Pachelbel Promenade“ für die gesamten musikalischen Kräfte der Stadt Graz. Die komplette Altstadt wurde 1975 in einen musikalischen Raum verwandelt.
Obwohl ich mehrere solche Projekte durchgeführt habe, würde ich heutzutage keine weiteren Städtekompositionen mehr machen, weil:

1. Es sich meistens um nur eine einzige Vorstellung ohne Wiederholungsmöglichkeit handelt.
2. Es gibt keine Möglichkeiten, diese Werke zu dokumentieren; sie sind zu umfangreich.
3. es sich um eine Idee der 60´er und 70´er Jahre handelt, die heutzutage zu schwer zu organisieren ist.


Auf Ihrer kürzlich bei INNOVA erschienenen CD ist auch das in München uraufgeführte Werk „Stimmen des letzten Siegels” enthalten.

Für die Uraufführung der “Stimmen des letzten Siegels” in München im Oktober 2001 hatten Alexander Hermann und ich den Wunsch, einen Text von Ludwig II zu verwenden.. Wir mussten feststellen, dass die Kirchenväter bei dem Gedanken etwas nervös wurden. Hauptsächlich wegen Ludwigs Homosexualität, aber ich konnte meine Vorstellungen durchsetzen.
Für die Aufführung wollte ich die komplette Kirche in kobaltblaues Licht tauchen lassen. Dies ist meine Lieblingsfarbe... und auch die von König Ludwig.
Ich bin kein religiöser Mensch, aber viele Leute sagen mir, dass meine Musik besondere geistliche Qualitäten haben soll.
Während der Reprise des Konzertes im letzten Jahr in Ingolstadt hat ein Mann begonnen zu beten. Zwei anwesende Nonnen hatten Tränen in den Augen. Liegt es an der Musik? Oder passieren solche Dinge, weil die Leute die guten alten Zeiten mit einem attraktiven und liebenswürdigen König vermissen? Vielleicht waren sie auch bloß von dem blauen Licht verzückt?


Der Text zu “Stimmen des letzten Siegels” stammt, wie Sie sagen, von König Ludwig II. Was fasziniert Sie an dieser Persönlichkeit?

Er ist der Märchenkönig schlechthin und seine Bekanntschaft zu Wagner, Kainz und anderen ist außerordentlich beeindruckend. Könige und Königinnen müssen schön anzuschauen und zauberhaft sein. König Ludwig war das Ebenbild eines attraktiven Königs. Ich glaube nicht, dass er verrückt war. Er hat Schlösser bauen lassen und es abgelehnt Krieg zu führen. So etwas ist doch nicht verrückt!
Der einzige Grund für eine Monarchie in unseren Tagen: lustige Klatschgeschichten in den Zeitungen… aber wenn man bedenkt, was die Hälfte des amerikanischen Volkes von George Bush hält, würde ich einen König einem faschistischen Diktator jederzeit vorziehen!


Zusammen mit Philip Glass haben sie die leider selten aufgeführte Oper “The Juniper Tree” geschrieben. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und wie kann man sich die Arbeitsverteilung konkret vorstellen?

Grimm´s „Märchen von dem Machandelboom” wurde mir von Kinderbuchautor Maurice Sendak zur Vertonung vorgeschlagen. Ich erzählte Philip, dass ich die Geschichte schockierend und schön zugleich gefunden habe. In ihr sind alle schrecklichen und wundervollen Elemente eines Märchens enthalten und sie ist die ausdrucksstärkste, die ich kenne. Phil hatte zunächst Bedenken aber ich sagte ihm, dass Sex und Gewalt die wichtigsten Elemente in der Oper überhaupt sind. Philip weiß nur sehr wenig über Opern, obwohl er selbst welche komponiert.
In „The Juniper Tree“ kommt die bösartigste Stiefmutter vor, die man sich vorstellen kann, und ich habe ihre gesamte Musik in dieser Oper geschrieben. Ich habe alle Szenen geschrieben, die ich haben wollte, Philip hat die anderen geschrieben, von denen er dachte, dass sie besser zu ihm passen würden. So einfach war das. Dann haben wir einen Sommer gemeinsam in Nova Scotia komponiert. „The Juniper Tree“ war sehr erfolgreich.


Da ich selbst zwei Töchter habe, interessiert mich die Frage, ob sie auch Werke für Kinder geschrieben haben.

Ich habe auch Werke für Kinder geschrieben, und zwar vor Jahren für das Bonner Kinderforum. Ich habe auch viele Multimediaprojekte MIT Kindern in Bonn gemacht. Wir hatten viel Spaß. Außerdem habe ich auch Zeichentrickfilme für das amerikanische Fernsehen gemacht. Ich bin aber der Meinung, dass jede Art guter Musik von allen Altersstufen gehört werden sollte. Ihre Tochter Luisa hat mit ihren fünf Jahren ja auch schon Gefallen an „Stimmen des letzten Siegels“ gefunden, wie sie mir sagten.
Es ist wunderbar, Kinder in Opern und Konzerte mitzunehmen. Ich selbst war mit fünf zum ersten mal in der Oper und bin schon damals zum Opernjunkie geworden.


Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Werke in den Radioprogrammen genügend berücksichtigt werden?

In diesem Zusammenhang muss ich ein paar Bemerkungen über die “neue Musikmafia” in Europa und den USA machen. In Europa, insbesondere in Deutschland und Frankreich, bestimmt diese Mafia, was im Radio unter der Bezeichnung „neue Musik“ gesendet wird und was nicht. In den USA gibt es eine ähnliche, aber weniger starke Kontrolle in den Universitäten, wo oft minderwertige Werke als „neue Musik“ präsentiert werden.
Ich würde meine neue CD gerne auch in Europa herausbringen. Der Deutsche Anbieter jpc hat bereits einige Aufnahmen von INNOVA im Programm, meine ist allerdings noch nicht dabei. Über Frankreich brauche ich gar nicht erst nachzudenken. BMI, die Gesellschaft, die die Tantiemen für Radio- und Fernsehausstrahlungen eintreibt, schickt mir regelmäßig eine Liste, aus der hervorgeht, wo meine Musik gespielt wird. Meine Stücke werden überall gespielt, nur nicht in Frankreich, wo Boulez das Sagen hat.


Bei meinem Recherchen über Sie, traf ich zufällig auf eine in einer Wiener Galerie angebotene Grafik von Ihnen. Ich war erstaunt, eine weitere künstlerische Seite an Ihnen entdeckt zu haben, aber auch Sie selbst waren überrascht von dieser Entdeckung.

Für den damaligen Direktor der Galerie habe ich 1975 einige meiner „musikalischen Grafiken“ signiert, aber nie wieder etwas von ihm gehört. Eine davon kann man jetzt noch in der Galerie Ariadne für EUR 300,- erwerben. Ich habe nie einen Cent für diese Arbeiten bekommen. Leider ging die Galerie damals pleite und der jetzige Inhaber hat die Konkursmasse ordnungsgemäß bezahlt, so dass ich zwar die Arbeit hatte, aber auch im Falle eines Verkaufs der letzten Grafik auf keine Beteiligung hoffen kann.

Werden in absehbarer Zeit Aufführungen Ihrer Musik in Europa stattfinden?

Zunächst ist ein neues Ballett für das „Scottish Ballet“ im Gespräch, aber die Planungen für die nächste Spielzeit sind noch nicht abgeschlossen.
Mein Freund Alexander Hermann sagte mir kürzlich, dass es im nächsten Jahr in Dresden ein Festival für neue Musik mit dem thematischen Schwerpunkt Indien geben werde. Alexander hofft, dort mein zweistündiges „Salagrama“ für Orgel und weitere Instrumente aufführen zu können.
Im November nächsten Jahres ist ein weiteres Werk von mir zur Uraufführung vorgesehen. Für ein Konzert in der neuen Münchner Herz Jesu Kirche werde ich ein Stück für Chor, Blechbläser und vier Alphörner schreiben, das auf einem Text von Meister Eckhart basieren wird. John Cage hat mich vor vielen Jahren auf ihn aufmerksam gemacht.
Und irgendwann möchte ich ein ganz besonderes Konzert entweder in Schloss Linderhof oder Neuschwanstein geben. Das MUSS möglich sein, nachdem ich jetzt sogar schon die Frauenkirche erobert habe!



Weitere Informationen finden Sie im Internet auf der Seite:
http://members.macconnect.com/users/r/rbtmoran/Index.htm

© Marc Rohde Nov/2004

 

http://www.der-neue-merker.at/
Wien, 2018.12.13 23:49:33