DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 05/2007: Janina BAECHLE, "Ich bin viel zu neugierig!"

Gespräch mit Janina Baechle

Janina Baechle war noch nicht lange an der Wiener Staatsoper engagiert, als
die große Chance, die jeder erträumt, kam: Sie musste, sie durfte im
Dezember 2005 in der "Lohengrin"-Premiere für Agnes Baltsa als Ortrud
einspringen und meisterte die schwere Aufgabe fulminant. Seither ist es,
nicht nur im Wien, stetig bergauf gegangen.


Frau Baechle, es gibt einen Ausdruck in der österreichischen
Steuergesetzgebung: "Mittelpunkt der Lebensinteressen". Kann man sagen, dass
die Ihren in Wien liegen?


Absolut. Ich habe ja meinen ständigen Wohnsitz hier und bin furchtbar gern
in Wien, wohne in der Gegend des Naschmarkts und mag die Bier- und
Weingärten.


War Wien in Ihrer Karriere eigentlich geplant?

Ich war in meinem Leben nie eine Schnelle, aber später hat sich
herausgestellt, dass alles, was wie ein Umweg schien, mich geradewegs
dorthin gebracht hat, wo ich sein soll. Ich habe ja relativ spät begonnen,
mit 24 habe ich erst Gesang studiert, bekam mit 28 mein erstes Engagement,
und mit 36 war ich an der Wiener Staatsoper.


Wie ist es dazu gekommen?

Das war nach der "Troubadour"-Premiere in Innsbruck. Ich weiß nicht, wer von
der Wiener Staatsoper da war, vermutlich nicht Direktor Holender selbst,
denn das hätte mir Brigitte Fassbaender gesagt. Aber jedenfalls kam schon
ganz kurz danach die Aufforderung, nach Wien zum Vorsingen zu kommen. Da
waren dann Direktor Holender, sogar Seiji Ozawa war dabei, und ich sang die
Azucena, die Brangäne, und dann wollte man noch die Erda von mir hören, die
ich gar nicht dabei hatte, da mussten sie extra die Noten holen. Direktor
Holender kam auf die Bühne, sah mich auf seine unvergleichliche Art an und
sagte: "Wenn Sie wollen, können Sie kommen." Und ich kam, seit der Spielzeit
2004/05 habe ich am Haus einen normalen Festvertrag ohne Beschränkung der
Vorstellungszahl. In der letzten Spielzeit war es ziemlich viel, 78 Abende,
das war an der Grenze, jetzt wird es ein bisschen weniger.


Blenden wir noch ein wenig zurück. Bevor Sie Sängerin wurden, haben Sie erst
alles Mögliche andere studiert?


Ja, ich bin in Hamburg geboren, in Süddeutschland aufgewachsen, habe erst in
Heidelberg studiert, bin dann nach Hamburg zurück, da kam zu Geschichte und
Anglistik und Politik dann auch noch Musikwissenschaft. Meine Mutter hat
alle musischen Interessen sehr ermutigt, und so kam es, dass ich mich in der
Hamburgischen Staatsoper für den Extrachor meldete. Und als ich als Sklavin
in "Aida" die erste Bühnenprobe mitmachte - da wusste ich, als ich auf der
dreckigen Hinterbühne stand: Das ist es!


Wenn Sie also in diesem Herbst an der Hamburgischen Staatsoper die Quickly
und später die Amme singen werden, ist das eine Art Heimkehr?


In vieler Hinsicht. In der "Frau ohne Schatten" wird Franz Grundheber der
Barak sein - und er war damals, in meinen Anfängen, der Amonasro, und er
erinnert sich noch daran, wie ich damals als eine seiner Sklavinnen an seiner Seite sein durfte und natürlich eine Heidenangst hatte, dass ich ja nichts verkehrt mache... In der Hamburger Opernschule bin ich während des Studiums schon zwei- bis dreimal im Jahr auf der Studiobühne gestanden, das war eine tolle Möglichkeit für eine Anfängerin. Und in dem
Callas-Stück "Meisterklasse" war ich 1997 am Thalia Theater eine der jungen
Sängerinnen, die von der Callas unterrichtet werden.


Und wann sind Sie dann erstmals mit einer Opernrolle professionell auf der
Bühne gestanden?


Das war in Braunschweig, dort hatte ich mein erstes Engagement. Ich habe die
klassische "Provinzkarriere" gemacht, und ich persönlich kann das nur
absolut empfehlen. Nie sonst hat man die Möglichkeit, dermaßen zu lernen und
zu reifen. Sicher, es mag für manche Sänger richtig sein, ihr Engagement an
der Wiener Staatsoper zu beginnen - für mich bedeutete ein kleineres Haus die Möglichkeit, eine unglaubliche Vielzahl von Rollen zu singen, von der Spieloper bis zu Wagner, also von der Frau Reich bis zur Erda, außerdem die Modernen. In Hannover lag die Spannweite dann zwischen der Amneris und der Geschwitz. In kleinen Häusern sind die Ensembles nicht so groß, da kann man viel singen, man muss nur aufpassen, dass es nicht zu viel wird. Und ich
habe dabei mich selbst als Sängerin kennen gelernt - meine Belastbarkeit, was geht und was nicht geht, meine Stärken und meine Schwächen.


Das ist natürlich ein Stichwort: Was sind Ihre Schwächen?

Ich bin zum Beispiel keine Koloraturbegabung, habe keine „Geläufigkeit“, wie Rossini sie erfordert, und habe auch nicht die Geduld, das zu lernen. Sicher trainiert man das gelegentlich für die Flexibilität der Stimme, aber den Ehrgeiz, das auf die Bühne zu bringen, habe ich nicht.

Das schließt die logische Frage nach Ihren Stärken an.

Ich glaube, die liegt bei Rollen, wo ich mich wirklich einbringen kann, auch
wenn es ganz kleine sind wie die Madelon in "André Chenier", die ich jetzt
wieder ein paar Mal singe. Natürlich kann ich mir nicht wirklich vorstellen,
meinen Enkel in den Tod zu schicken, aber das ist eine sehr menschliche
Figur mit vielen Facetten. Oder ich habe sehr an meiner Sicht der Ortrud
gearbeitet, sie nicht einfach als böse Intrigantin zu sehen, sondern ihren
Hintergrund zu gestalten - den einer Priesterin der alten Religion, die in
die Ecke gedrängt wird und zu allen Mitteln greift, das zu verhindern. So
etwas gestalte ich gerne, egal, ob tragisch oder auch komisch. Wobei man bei
komischen Figuren ja sehr ernsthaft sein muss, sonst wirken sie nicht.


Auch dazu gibt es eine logische Frage: Sie haben zu dem Traumensemble der
"Regimentstochter" gehört und in einer sehr komischen Rolle brilliert...


Ja, und es ist gut, dass alle im Zuschauerraum so viel Vergnügen dabei
gehabt haben. Aber wenn man mir sagt, es müsse ja für mich ein Spaß gewesen
sein, die Marquise de Berkenfield zu singen, dann kann ich nur sagen: Spaß
habe ich bei Ortrud und Brangäne, die Buffa ist unheimlich harte Arbeit, man
kann es wirklich mit dem Zirkus vergleichen: Es muss völlig leicht aussehen,
aber...


Die Berkenfield oder die Madelon oder die Schenkenwirtin, die Sie im neuen
"Boris" gesungen haben, sind "Nebenrollen". Andererseits haben Sie bereits
als Ortrud am Haus triumphiert, singen die Brangäne, auch die Mrs. Quickly
im "Falstaff", also die großen Wagner- und Verdi-Partien Ihres Fachs. Ist
man sich für die kleinen Partien nicht irgendwann "zu gut"? Wenn man in Wien
die Anina singen muss, und anderswo war man doch schon der Octavian?


Im Moment ist es so okey, wenn man fest an ein Haus verpflichtet ist, gehört das auch dazu. Ob es auf die Dauer in Ordnung wäre, kann ich nicht sagen, mein Vertrag läuft jedenfalls bis 2010, und in der nächsten Spielzeit kommen schöne Rollen dazu, vor allem die Herodias. Dass ich als Zweitbesetzung als Preziosilla in der "Macht des Schicksals" angesetzt bin, hat mich sehr überrascht, weil ich doch das Gefühl habe, Herr Direktor Holender sieht in
mir vor allem die Wagner-Sängerin. Mit Ausnahmen eben: Diese Preziosilla ist mir im Gegensatz zu vielen anderen Verdi-Rollen noch nicht untergekommen, die muss ich erst studieren.


Zur Wagner-Sängerin Baechle stellt sich aber dann die Frage, warum Sie nicht
im neuen "Ring des Nibelungen" besetzt sind? Schmerzt das?


Da muss man wahrscheinlich das Leading Team fragen, warum das so ist. Aber
ich denke mir, ich weiß, dass ich eines Tages die Fricka singen werde, ich
habe sie studiert, und ob das 2007 in Wien ist oder zwei Jahre später hier oder
irgendwo anders, spielt eigentlich keine Rolle.


Sie studieren Rollen ohne "Auftrag", darunter so schwierige wie die Kundry?
Wer das wagt, fürchtet sich ja vor gar nichts mehr. Und wie ist es überhaupt
möglich, dass Sie bereits diese Unmenge von Rollen drauf haben?


Seit ich die Ortrud gesungen habe, habe ich vor nichts mehr Angst. Das
Gefühl, das gut gemacht zu haben, hat mein Selbstbewusstsein ungemein
gestärkt. Und ich lerne die Kundry, so wie ich die Santuzza lerne, einfach
weil ich weiß, dass diese Partien einmal auf mich zukommen werden. Da haben
die Lehrer meiner Jugend einen sehr guten Grundstein für das Repertoire
gelegt, indem ich damals schon sehr viel gelernt habe, das dann liegen
blieb. Aber wenn es aktuell wurde, konnte ich es abrufen. Als die erste
Amneris auf mich zukam, "konnte" ich sie längst, bei Wagner war das ähnlich.
Ich fange früh zu lernen an, denn man weiß nie, was wann kommt - so wie ich
für die Ortrud ja nur als Cover vorgesehen war, und dann sagte die Baltsa
ab.


Würden Sie gerne eine Rolle wie die Carmen singen, die Ihnen ja gut in die
Kehle passen würde?


Nie! Da würde ich lieber barfuss durch die Wüste laufen. Die Menschen haben
so fixe Vorstellungen von der "Carmen", dass man chancenlos ist, wenn man
diesem Bild nicht entspricht. Und eine Rolle, an die gar keine
ungewöhnlichen Erwartungen gestellt werden, interessiert mich nicht.


Wie wird es mit Janina Baechle weitergehen?

Ich denke nicht, dass es an der Wiener Staatsoper für mich bis 2010 noch
große Überraschungen geben wird, das heißt, ich muss damit leben, dass ich
in Rollen, die ich gerne hier singen würde wie etwa die Eboli, nicht besetzt
werde. Aber ich frage nach Urlauben an, Sie werden immer öfter gewährt, und wenn ich
nächste Spielzeit die ersten Monate in Dresden mit der Ortrud und in Chemnitz mit dem Verdi-Requiem und in Hamburg mit Quickly und später, im April 2008, mit der Amme verbringen werde, bin ich so oft weg wie noch nie.


Dafür singen Sie erstmals zu Silvester im Konzerthaus die Neunte Beethoven,
was ja in Wien Tradition hat.


Nicht nur in Wien, schon zuhause haben wir die Neunte immer zum
Jahreswechsel gespielt, ich habe sie auch schon gesungen, aber in Wien zum
ersten Mal. Ich habe auch unter Ozawa die Zweite Mahler gemacht, und es ist
mir wichtig, die Konzert- und Liedtätigkeit zu verstärken. Ich freue mich
besonders auf einen Abend mit der "Schönen Magelone", den ich im Februar 2008
mit Charles Spencer und Michael Heltau im Stadttheater Klagenfurt machen
werde. Ich liebe es, Liederabende zu geben und dabei auch Dinge zu singen,
die man sonst nie hört.


Wie wichtig ist für Sie, wer nach Ioan Holender Direktor in der Wiener
Staatsoper sein wird?


Ich denke, es ist sehr wichtig für das Haus, für die Stadt und für die
Stellung der Staatsoper innerhalb der Opernwelt. Für mich persönlich ist es
interessant, ich bin auch schon sehr gespannt, welche Pläne man mit mir
haben wird, so wie Holender mich wirklich von Stufe zu Stufe weitergeführt
hat. Aber über 2010 hinaus denkt man ja auch an andere Häuser und an andere
Rollen, so wie ich schon im Juli 2008 die Judith in "Herzog Blaubarts Burg"
in Santiago de Chile singen werde, also etwas, das in Wien nicht auf mich
zukommt. Ich bin viel zu neugierig, um mir mein weiteres künstlerisches
Leben mit einem halben Dutzend Partien vorzustellen, mit denen ich dann
herumreisen würde...


Was wären Ihre Traumrollen?

Neben Kundry und wieder vermehrt italienischem Fach fände ich es toll, wenn es einmal die "Trojaner" gäbe, wo mich die Dido ebenso interessiert wie die Kassandra, die Fides im "Propheten" wäre etwas für mich, und auch bei Strauss sollte es noch einiges geben: Ich bin ein dramatischer Mezzo mit guter Tiefe und guter Höhe, wenngleich ich mit der
Klytämnestra sicher noch länger warten werde.


Zu all dem können wir Ihnen nur viel Glück wünschen und hoffen, dass Ioan
Holenders Nachfolger dessen Warnung beherzigt, das kostbare Ensemble des
Hauses nicht zu verlieren, wobei er darunter auch an prominenter Stelle
Ihren Namen genannt hat. Vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Renate Wagner

 

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Wien, 2010.09.05 22:39:22