DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 07/2003: Siegfried JERUSALEM, BAYREUTH IST MEINE MUSIKALISCHE HEIMAT

Vom Fagottisten zum Sänger zum Gesangslehrer: Gespräch mit Siegfried Jerusalem, dem Rektor der Musikhochschule Nürnberg-Augsburg
BAYREUTH

Von Gert-Dieter Meier

Eine ungewöhnliche Karriere. Er begann als Fagottist. Wechselte ins Gesangsfach. Und feierte dort unglaubliche Erfolge in allen Opernhäusern dieser Welt. Als Siegfried, Lohengrin, Stolzing, vor allem aber als Tristan an der Seite von Waltraud Meier. Diese Erfolge sind Siegfried Jerusalem nie zu Kopf gestiegen. Er ist geblieben, was er immer war: Eine Frohnatur, ein Draufgänger. Das Singen hat er längst noch nicht aufgegeben. Allein sein Schwerpunkt hat sich verändert. Jerusalem ist erfolgreicher Rektor der Musikschule Nürnberg-Augsburg. Gert-Dieter Meier sprach mit Jerusalem in Nürnberg.

Herr Jerusalem, Sie haben in Ihrer Laufbahn bisher zumindest zwei elementare Fachwechsel vollzogen: Vom Fagottisten zum Sänger und dann, vor ziemlich genau zwei Jahren, vom gefeierten Tenor zum Rektor der Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg. Wie sehen Sie denn Ihre heutige Tätigkeit?
Jerusalem: Vom Fagottistin zum Sänger - das war schon ein großer Sprung, während der Wechsel vom Sänger zum Dozenten eher normal ist. Man muss natürlich ein Verhältnis zum Lehren haben. Das hat sich bei mir früh entwickelt, da habe ich ja schon Kurse gegeben. Obwohl ich bei meinen Kindern weniger erfolgreich war. Aber das kommt meist daher, dass man mit den Kindern oft Streit hat. Was mir mit meinen Schülern gottlob nicht passiert.

Wollten Sie denn Ihre Kinder in den Gesang lotsen?
Jerusalem: Nein, die hatten bei mir Klavierunterricht. Das war viel schlimmer. Das endete dann meist in Tränen. Aber so ist das halt, weil man als Vater den eigenen Kindern gegenüber viel zu ungeduldig ist.
Meine Tätigkeit als Dozent macht mir wahnsinnig viel Spaß. Wobei ich hier viel aufgeregter bin als als Sänger. Weil man ja alle Schwächen und Stärken der Schüler kennt und weiß, wo es schief gehen könnte. Man leidet mit ihnen, wenn es mal nicht so gut läuft, aber man freut sich auch, wenn sie Erfolg haben. Und Erfolg habe ich mit meinen Schülern, die sind wahnsinnig erfolgreich. Meine ersten beiden Schüler, die jetzt fertig geworden sind, sind beide in ein festes Engagement gekommen. Und das ist ja heutzutage ja schon ganz schön viel
.

Da hilft sicherlich der Sänger Jerusalem mit seinen weltweiten Kontakten als Vermittler...
Jerusalem: Natürlich kann der helfen - und er tut es auch, wo es nur geht. Aber in diesem Fall kam die Intendantin von Meiningen hierher und machte ein Vorsingen. Und lobte, was mich riesig freute, die Qualität meiner Klasse über alle Maßen.

Wie wichtig ist es denn für einen Gesangslehrer, dass er selber singt?
Jerusalem: Er sollte schon singen können, wobei er natürlich nicht weltberühmt sein muss. Er muss nur von der Materie selbst viel verstehen. Ein Gesangslehrer kann ja nicht ein Bild an die Wand werfen, den Kehlkopf erklären und sagen: Jetzt sing mal schön! Es geht alles über das Hören und das Gefühl. Und dieses aufeinander eingehen ist auf eine Weise wahnsinnig intim. Da steht ein Schüler völlig blank vor einem da. Deshalb braucht es zwischen Lehrer und Schüler ein gutes Verständnis. Und weil das nicht immer klappt, klappt es auch nicht mit jedem Schüler.

Können Sie sich selbst noch an diese Situation erinnern: Ihren Gesangsunterricht?
Jerusalem: Na klar! Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meiner Lehrerin, die im seligen Alter von 93 Jahren verstorben ist. Das war keine berühmte Sängerin. Aber sie hatte ein irrsinniges Gespür. Sie hat mir mal einen langen Brief geschrieben. In dem hat sie mir niedergeschrieben, was sie über den Gesang denkt. Ich setze mich heute noch ab und zu hin und lese diesen Brief.

Nun sind Sie ja nicht nur Dozent, sondern sogar Rektor der Musikhochschule. Das hört sich nach verdammt viel Verwaltungskram an. Kommen Sie da überhaupt noch zum Unterrichten?
Jerusalem: Aber sicher. Wenn das nicht wäre, würde ich den Rektor sofort wieder abgeben. Die Schüler sind mir das Wichtigste. Wir haben hier ja auch einen eigenen Verwaltungschef. Und ich habe noch nicht mal einen Computer am Schreibtisch. . .

. . . aber dafür einen Flügel!
Jerusalem: Der mir viel wichtiger ist, ja. So kann ich ab und an auch hier unterrichten, wenn der normale Probenraum besetzt ist.
Ich bin Künstlerischer Leiter hier. Und ich denke, dass es für die junge Hochschule wichtig war, dass jemand an der Spitze steht, der bekannt ist. Das öffnet Türen
.

Nun wird seit Jahren über die Sängerkrise gesprochen. Aus Ihrer neuen Blickrichtung: Ist Singen, ist klassische Musik überhaupt noch gefragt bei jungen Menschen? Haben Sie genügend Schüler?
Jerusalem: Ich kann diese Frage mit Zahlen beantworten: Wir haben jetzt gerade Vorsingen. Und es haben sich 222 Frauen und Männer für diese Aufnahmeprüfung angemeldet. Es gibt sogar noch eine Warteliste. Insgesamt können wir am Ende zehn Leute zum Studium zulassen.

Warum so wenige?
Jerusalem: Nur wer wirklich gut ist, hat am Ende auch eine Chance. Ich kann ja nicht Leuten, die kein Talent haben, fünf Jahre ihres Lebens rauben. Das verbietet die Verantwortung als Lehrer - und als Rektor. Wobei man sagen muss, dass es gerade in künstlerischen Berufen niemals eine Garantie dafür gibt, dass jemand Karriere macht. Zumal bei dem riesigen Angebot, das wir derzeit haben.

Ist die große Nachfrage bei Ihnen auch auf den großen Namen Jerusalem zurückzuführen?
Jerusalem: Es scheint in der Tat so zu sein. Weil wir weit mehr Nachfragen haben als andere Hochschulen. Alles in allem haben wir rund 1 200 Anmeldungen für die Musikhochschule. Das spricht für die Hochschule, das spricht für unsere Dozenten, die auch wirklich sehr gut sind.

Woher kommen denn Ihre Studenten - aus der ganzen Welt?
Jerusalem: Wir haben - natürlich - sehr viele Anfragen aus Asien. Ich schätze deren Anteil auf knapp 30 Prozent. Aber wir müssen dafür sorgen, dass wir genügend Plätze für unsere deutschen Studenten freihalten.

Fehlt Ihnen denn eigentlich die Bühne?
Jerusalem: Überhaupt nicht, weil ich noch oft genug darauf stehe. Ich war unlängst erst in Tokio, wo ich - wie auch in London - zweimal die "Elektra" gemacht habe. In der kommenden Spielzeit mache ich eine Neuinszenierung der "Salome" an der New Yorker Met. Vergangenes Jahr habe ich fünf Mal "Tristan" in Venedig und den "Ring" in Wien gesungen. Nein, ich habe schon noch genug zu tun. Natürlich hat sich mein Engagement jetzt mehr aufs Charakterfach verlegt. Die Zeiten als Siegfried und Tristan sind irgendwann halt mal vorbei.

Lässt sich das also kombinieren: Hier der Sänger, da der Rektor?
Jerusalem: Muss ja wohl. Aber im ernst: Ich halte es für sehr wichtig, dass der Rektor einer Musikhochschule in der Welt rumkommt, Kontakte knüpft und pflegt. Man muss präsent sein. Und das bin ich. In München und Wien, aber auch in New York und London.

Eigentlich haben Sie doch einen traumhaften Übergang geschafft: Gerade noch der gefeierte Tristan in Bayreuth, dann schon Rektor einer Musikhochschule. Ein singender Rektor! Ein Abschied in Raten vom Gesang?
Jerusalem: Wenn man so lange auf der Bühne war und dann wirklich abrupt aufhört - das hält, glaube ich, niemand aus! Man kann so etwas natürlich propagieren, aber es ist kaum glaubhaft. Klar: Wenn die Stimme weg ist, ist Schluss. Ich möchte auch nie jemandem auf die Nerven gehen mit meiner Stimme. Aber so, wie es jetzt läuft, ist es ideal: Ich suche mir aus, was ich mache. Und das Unterrichten hält mich in Form. Das sagen übrigens viele Sänger: "Seit ich unterrichte, singe ich viel besser". Ich fühle mich wohl. Und fit. Und das Singen macht mir irre viel Spaß.

Hat der Gesangslehrer denn einen Gesangslehrer?
Jerusalem: Nö, ich habe doch meine Schüler! (lacht). Das geht ganz gut.

Können Sie uns denn etwas über das Geheimnis des Singens verraten?
Jerusalem: Singen ist die natürlichste Sache der Welt. Wenn Babys geboren werden, schreien sie wie die Wahnsinnigen. Und werden doch nie heiser. Sänger werden ganz schnell heiser. Babys machen viel richtig - zum Beispiel das Atmen! Erst dann fängt der Mensch an, sich selbst zu verbiegen. Schließlich kommt dann der Gesangslehrer. Entweder er verbiegt den armen Menschen vollends, oder er biegt das wieder gerade. Das Geheimnis ist, Säger zum Natürlichen zu bringen. Es braucht eine gewisse Lockerheit. Das braucht Training, das braucht Technik, auch Automatisierung. Gelingt es einem, diese Techniken anzutrainieren, wird er auch vor etwaigen Krisen gefeit sein.

Haben Sie denn noch viele und gute Erinnerungen an Bayreuth? Verbindungen?
Jerusalem: Nun, ich war ja 23 Jahre in Bayreuth. Das ist ein guter Teil meines Lebens. Da habe ich mit meine größten Erfolge gefeiert - Erfolge, die mir halfen, in der Welt zu bestehen. Bayreuth ist für mich - Heimat!

Wenn man mit gewissem Abstand über diese Heimat liest, von ihr hört: Was löst das aus? Erinnerungen?
Jerusalem: Ich erzähle meinen Schülern oft Geschichten aus Bayreuth. Meist lustige, positive Geschichten, schließlich will ich ja keine Negativerfahrungen auf meine Schüler abwälzen. Ich schaue mit Freuden auf dieses Bayreuth zurück. Bayreuth ist meine musikalische Heimat.

Und Nürnberg Ihre musikalische Gegenwart. Sie scheinen's richtig zu genießen...
Jerusalem: Ich fühle mich sauwohl, ja! Und habe noch nie so viel gearbeitet in meinem Leben wie jetzt. In Kürze fliegen wir - meine Schüler und ich - nach Canada. Da haben wir vier Konzerte. Die Schüler haben zusammengelegt und sich diese Reise buchstäblich ersungen. Ich freue mich drauf - zumal ich dann anschließend dort gleich Urlaub mache.

Ihr Sohn scheint ja direkt in Ihre Fußstapfen zu treten. Hat der Vater ihm zugeraten?
Jerusalem: Mit zwölf Jahren hat er noch gesagt: Ich übernehme die Karriere von meinem Papa. Jetzt ist er 18 und singt beim Windsbacher Knabenchor. Er hat eine gute Stimme, Spaß am Singen und schauspielert gerne. Mal sehen, was daraus wird.
Haben Sie ihm denn zugeraten zu einer Sängerlaufbahn?
Jerusalem: Ich habe ihm weder zu- noch abgeraten, ich habe zugelassen. Das muss er selbst entscheiden. Er liebt Wagner, er liebt aber auch Jazz zu singen.

Sie lieben ihn auch noch, den Wagner?
Jerusalem: Klar, wobei man im Alter wieder zu Mozart zurückgeht. Ich habe unlängst beim Wagnerverband meine musikalischen Vorlieben - scherzhaft - so erklärt: "Mit Wagner habe ich mein Geld verdient. Und mit Mozart bin ich jung geblieben".

 

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Wien, 2010.09.05 22:08:53