DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 10/2007: Anu Tali, "Ich halte mich ganz einfach daran, worin ich gut bin"

Interview von Marc ROHDE mit der Dirigentin ANU TALI

Anu Tali war Mitglied der Meisterklasse des berühmten Jorma Panula an der Sibelius Akademie in Helsinki. 1997 gründete sie das Nordic Symphony Orchestra, mit dem sie mehrere CDs eingespielt hat. Zudem übernahm Anu Tali im September 2007 die Position der Chefdirigentin des Manitoba Chamber Orchestra in Kanada. Als Gastdirigentin hat sie weltweit mit bedeutenden Orchestern gearbeitet. 2006 debütierte sie bei den Salzburger Festspielen sowie beim Savonlinna Opern-Festival. Im Jahre 2003 bekam Anu Tali den Cultural Award of Estonia, 2003 und 2004 den ”Presidential Award of Estonia” für ihr Engagement für die Musik ihres Heimatlandes. Jüngst wurde Anu Tali zum ”Musician of the Year 2006” durch den Estnischen Rundfunk ernannt. Bereits 2003 errang sie mit ihrem Debüt-Album „Swan Flight“ den ECHO Klassik Award als „Young Artist of the Year“. Der Fernsehsender ARTE hat einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Maestra Baltica“ über sie produziert, der im September 2007 ausgestrahlt wurde.

Sie haben bereits einige Konzerte in Österreich dirigiert. Welche Erfahrungen haben sie dort gemacht?

Ich glaube, es gibt keinen Menschen auf der Welt, der Wien nicht liebt. Diese Stadt hat eine ganz eigene Atmosphäre: Wien kann unfreundlich zu einem Künstler sein, wenn man aber in Topform ist, heißt einen das dortige Publikum aufs herzlichste willkommen.
Ich habe auch schon in Innsbruck gearbeitet und mich total in diese Stadt verliebt. Die Gastfreundschaft dort und die Freude der Leute an Musik, ist beeindruckend.

Auch bei den Salzburger Festspielen habe ich mich sehr wohl gefühlt. Es ist das einzige Festival auf der Welt, bei dem man direkt erfährt, wie die Musik bei den Leuten ankommt. Das Publikum kann dort ja den Saal verlassen. Das ist nicht nur ehrlich, sondern auf gewisse Weise amüsant. Zumindest, solange es einem nicht selbst passiert...

Aber auch wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich sehr wohl und komme gut mit den Leuten klar. Dies liegt vermutlich an unserem gemeinsamen hanseatischen Hintergrund. Wir haben sogar das Sauerkraut gemein. Für mich ist es manchmal etwas merkwürdig in außereuropäischen Ländern zu dirigieren denn dort kann ich nicht auf Anhieb einschätzen, ob die Zuhörer zum Beispiel aus Enthusiasmus aufstehen oder ob es bloß eine nationale Eigenheit ist.


Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?

In der Musik geht es niemals nur um die Musik an sich, sondern es geht auch immer um Kommunikation zwischen Menschen, mit denen man sich austauscht, aber auch Spaß haben kann. Ich komme gerade aus München, wo ich mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks gearbeitet habe. Es ist faszinierend, wie diese höchst professionellen Berufsmusiker noch ihre Freude an der Musik ausleben können! Wenn ich so etwas erlebe, bin ich immer sehr glücklich, dass ich diesen Beruf ausüben darf.


Vor Ihrem jetzigen Konzertdebüt in Frankfurt haben Sie bereits einmal mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks zusammengearbeitet.

Dies ist in der Tat schon mein zweites Engagement in Frankfurt. Im Jahr 2005 habe ich mit dem gleichen Orchester eine Aufnahme mit estnischer Musik eingespielt. Ich habe ein gutes Gedächtnis und erinnere mich noch an viele der Musiker. Wenn man die Leute ein wenig kennen lernt, dann erfährt man auch etwas über ihren kulturellen Hintergrund und lernt damit auch etwas über ihre Art zu spielen.


Bei Ihrem Konzert in Frankfurt werden Sie Tõnu Kõrvits“ „Sung into the Wind“ zur deutschen Erstaufführung bringen. Ist das auch für Sie eine Premiere?

Das Stück, „Sung into the Wind“ wurde extra für mich komponiert und dieses Werk habe ich auch kürzlich mit meinem eigenen Orchester auf CD eingespielt. Die aufregendste Frage für mich ist es aber immer, wenn ich ein mir bekanntes Programm in einer neuen Stadt dirigiere: Wie werden die Musiker es annehmen? Es gibt in jeder Stadt und in jedem Orchester Traditionen. Deutsche spielen Schostakowitsch ganz anders, als es Russen tun würden, allein weil ihnen der sprachliche Hintergrund fehlt. Allein aus den Noten heraus sind viele Feinheiten der Musik nicht erkennbar. Das langweiligste, was man als Musiker tun kann, ist exakt das zu spielen, was in den Noten steht!


Ein Stück, das besonders häufig auf Ihrem Terminplan steht, ist Tschaikowskis 6. Symphonie.

Ich denke man kann dem Leben und dem Tod nicht näher kommen als bei diesem Stück. Bei Tschaikowsky findet man alles wieder, was man als einsamer Mensch erleiden kann. In der sechsten Sinfonie hat er das Leiden geradewegs niedergeschrieben. Für mich zählt das Stück zu dem Höchsten, was in der Musikgeschichte je geschrieben wurde.


Sie sind relativ jung, sind eine Frau und sehen gut aus. Ist es damit für Sie manchmal schwierig, von den Orchestermusikern akzeptiert zu werden?

So denke ich gar nicht erst! Würde ich anfangen, darüber nachzudenken, hätte ich schon beinahe verloren. Ich halte mich einfach an das, worin ich gut bin: Ich mache meine Musik. Meine Aufgabe ist es, den Musikern entgegenzugehen und zu sehen, wie weit der einzelne gefordert werden kann und wie ich den Leuten dabei helfen kann, über sich selbst hinauszuwachsen. Es ist viel schwieriger ein Solo aus einer großen Gruppe heraus zu spielen, als es zum Beispiel das Dirigieren für mich ist, weil ich ohnehin an einer exponierten Stelle stehe. Man muss die Musiker einfach lieben, um ihnen bei ihrer schwierigen Arbeit helfen zu können. Ich denke in erster Linie daran, was ich geben kann und nicht an das, was ich selbst dafür zurückbekomme.


Leben Sie noch in Estland?

Ich liebe Estland und letztendlich kann man als international tätiger Künstler überall wohnen, sofern es einen Flughafen in der Nähe gibt. Natürlich ist Estland nicht gerade der Nabel der Welt, aber Heimat ist Heimat. Ich liebe Musik sehr, doch auch Sprachen haben für mich eine fast ebenso große Bedeutung. Ich denke, es gibt nichts erfüllenderes als die Feinheiten seiner eigenen Muttersprache bis ins Detail auskosten zu können.

Sie sind hauptsächlich für Ihre Konzertdirigate bekannt, aber haben bei den Opernfestspielen in Savonlinna auch schon Carmen dirigiert und werden Anfang nächsten Jahres am Mannheimer Nationaltheater mehrere konzertante Aufführungen von Donizettis „Anna Bolena“ dirigieren.

Auf die Arbeit in Mannheim freue ich mich schon sehr, nicht zuletzt wegen des traditionsreichen Orchesters dort. Natürlich weiß man vor der ersten Probe nie genau was einen erwarten wird. Ich bin aber sehr zuversichtlich.

Ich dirigiere relativ viele Opern und Ballette, jedoch nimmt kaum jemand Notiz davon, weil die Vorstellungen in Estland stattfinden. Ich werde in Tallinn demnächst „Romeo und Julia“ dirigieren, aber in der Tat, sieht man mich meistens in Konzerten.


In Ihren Konzertprogrammen und auf Ihren CDs sind stets Werke zeitgenössischer Komponisten enthalten.

In Konzerten ist es immer mein Anliegen, einen zeitgenössischen estnischen Komponisten und etwas klassisches zum Vergleich zu spielen. Kürzlich haben wir Erkki-Sven Tüürs 6. Sinfonie aufgenommen, mit der das Nordic Symphony Orchestra demnächst auch in Berlin und München zu hören sein wird. Als Kontrast dazu spielen wir in den Konzerten die 6. Sinfonie von Tschaikowski.

Moderne Musik spiegelt die Töne unseres täglichen Lebens wider. Oft haben wir im Alltag nicht die Zeit, stehen zu bleiben und die Geräusche auf uns wirken zu lassen.
Ich habe ein starkes Vertrauen in die Generation der etwa 18-jährigen und ich baue darauf, dass sie frisches Blut in die Klassikszene bringen werden. Diese Generation bringt sogar ihre Eltern dazu, in Konzerte mit zeitgenössischer Musik zu gehen, zumindest ist dies in Estland so. Sie mögen Stravinskis „Rite of Spring“ lieber als Mozart, weil es darin etwas verrückter zugeht und sie sich damit identifizieren können.

In der klassischen Musik besteht aber auch das Phänomen, dass die Interpreten vor den Klassikern eine solch große Ehrfurcht haben, dass sie wie gelähmt sind. Sie beginnen dann, frühere Interpreten nachzuahmen, weil sie sich keine eigene Meinung zugestehen. Mich würde es nicht stören, wenn es ein wenig verrückter zugehen würde.


Was bedeuten Ihnen Preise, wie der 2002 erhaltene ECHO?

Ich bin den gewonnenen Preisen gegenüber ein wenig skeptisch, obwohl ich sehr dankbar dafür bin. Ich habe den Echo gewonnen, aber es gibt so viele andere großartige Aufnahmen. Da lässt sich nur sehr schwer eine allerbeste aus ihnen auswählen. Trotzdem bin ich sehr froh über den Preis, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber es hat sicher auch ein wenig Glück dazugehört.


Welches sind Ihre bislang größten Erfolge?

Nach meiner Geburt im Jahre 1972 gibt es zwei weitere bedeutende Ereignisse in meinem Leben: Eines war die eher zufällige Gründung des Nordic Symphony Orchestras im Jahre 1997. Ursprünglich hatten wir vor, nur ein einziges Konzert zusammen zu spielen. Dann wurde eine ganze Saison draus, es folgte eine weitere und heute existieren wir immer noch. Das dritte große Ereignis wird das Debüt meines Orchesters in der Berliner Philharmonie am 14.11. und im Münchner Herkulessaal am 15.11. werden.


Stimmt es, dass Ihr Orchester ausschließlich privat finanziert wird?

Ja, das Orchester wird durch private Sponsoren getragen. Ich glaube unser Orchester gehört zu den ganz wenigen auf der Welt, die ausschließlich durch private Zuwendungen finanziert werden. Neben Firmen aus der Finanzbranche gehört auch Finnair zu den großen Förderern unseres Orchesters. Es kommen vermehrt Interessenten aus dem Ausland hinzu.


Was bedeutet Luxus für Sie?

Zeit für meine Freunde und Verwandte zu haben, so dass sie nicht das Gefühl bekommen, ich wäre durch den Erfolg eine andere geworden. Ein normales Leben zu haben und mich über Kleinigkeiten freuen zu können, so wie damals in meiner Kindheit. Das ist Luxus.

Das Gespräch führte Marc Rohde im Oktober 2007

 

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Wien, 2010.09.05 22:55:35