DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 02/2009: Lars WOLDT, Du bist doch unser Komödiant

Interview mit Lars Woldt

Du bist doch unser Komödiant

Als Karikatur lächerlicher oder böser „Deutscher“ hat Lars Woldt in den Volksopern-Premieren von „Die lustigen Nibelungen“ und „Kehraus in St. Stephan“ wieder einmal auf sich aufmerksam gemacht. Aber der Norddeutsche „kann“ auch Wienerisch – als Ochs ist er überall gefragt. Im gemütlichen Gespräch im Café Weimar konnten auch manche falsche Details, die sich im Internet in eine Biographie einschleichen, bereinigt werden.

Von Renate Wagner

Herr Woldt, Sie stammen aus Herford, ein kleine Stadt, die bei uns wohl kaum jemand kennt, in der Nähe von Detmold, Nordrhein-Westfalen. Sie säßen wohl heute nicht als bekannter und geschätzte Bassist in Wien, engagiert an der Volksoper, beschäftigt an der Staatsoper – Ihr erster Don Fernando steht bevor -, wenn es dort kein Musikleben gäbe?

Ja, diese Kleinstädte haben ein lebhaftes und engagiertes Kirchenmusikwesen, da führt jeder zu Weihnachten das „Weihnachtsoratorium“ und zu Ostern die „Matthäuspassion“ auf, und ich habe meine Mitwirkung da viel wichtiger genommen als die Schule. Meine Eltern – der Vater Polizist, die Mutter Beamtin – waren zwar nicht unbedingt musisch, aber sie haben mich (nach anfänglichen Sorgen, ob man als Musiker auch sein Geld verdienen kann) in Ruhe gewähren lassen, wofür ich dankbar bin: Mitschüler im Gymnasium, die mit überehrgeizigen Eltern gequält waren, sind heute meist Zahnärzte… Das Musikalische kam vom Großvater, der früher Geige gespielt hat. Er war ein großer Musikhörer und Wagnerianer und hat mich sehr früh angesteckt. Mit 11 habe ich mir den kompletten „Ring“ unter Karl Böhm gewünscht und auch bekommen: Der Anfang des „Rheingolds“ war ein Wunder für mich und ist es noch immer… Die erste Oper, die ich auf der Bühne gesehen habe, war als Kind die „Zauberflöte“ in Bielefeld, und ich weiß noch, dass ich dachte: „Das ist nicht meine Welt, ich bleibe bei Wagner.“ Glücklicherweise habe ich später eine schöne, innige Beziehung zu Mozart entwickelt.

Und wie hat sich Ihr musikalischer Weg bis zu Ihrer Sängerkarriere als Bass gestaltet?

Ich habe Cello gelernt, schon in der Schulzeit ein wenig im Orchester gespielt und schon damals eine Leidenschaft für Kammermusik entwickelt, die ich heute, in meiner Tätigkeit im Opernbetrieb, nicht befriedigt finde. Vielleicht kommt daher die Sehnsucht, mich künftig mehr dem Lied zu widmen, wo man dieses konzentrierte, sensible Miteinander des Musizierens vielleicht erreichen kann… Nach dem Abitur wusste ich gar nicht, welchen musikalischen Weg ich gehen will, also habe ich auf der Hochschule für Musik in Detmold auch Komposition bei Giselher Klebe belegt, wofür ich heute sehr dankbar bin. Denn man lernt doch sehr viel über die Struktur von Musik, ich kann heute eine neue Rolle nicht aus dem Klavierauszug, sondern aus der Partitur lernen, und ich habe wahrscheinlich aufgrund dieses Studiums gar keine Schwierigkeiten mit neuer Musik. Ich habe auch selbst ein paar Werke komponiert, bis Klebe zu mir sagte: „Das ist ja sehr schön und hat alles Qualität, aber ich denke: Sie wollen etwas sagen, aber müssen Sie auch?“ Und das habe ich eingesehen, und mittlerweile vermisse ich das Komponieren auch nicht mehr.

Und die Stimme?

Da war zuerst das Studium bei Martin Christian Vogel, einem vorzüglichen Tenor aus dem Peter-Schreier-Umfeld, der besonderes Gewicht auf Textdeutlichkeit legte. Aber ganz wichtig war für mich, als Brigitte Fassbaender mich in meinen Innsbrucker Jahren an Franz Crass als Lehrer verwies, der die ideale Ergänzung dazu war, weil er sich vor allem auf die Gesangslinie verlegt hat. So kann man sich von jedem Lehrer etwas Besonderes holen. Wenn in meiner Biographie steht, ich hätte „bei Thomas Quasthoff und Walter Berry“ studiert, dann ist das natürlich cum grano salis zu nehmen. Quasthoff kam nach Detmold und gab ein paar Stunden, da war man dabei, und bei Walter Berry habe ich die einzige Meisterklasse meines Lebens gemacht – da singt man was, er sagt ein paar Worte, man singt noch was, er sagt wieder etwas… und das ist es auch schon. Wenn ich von Lehrern spreche, dann muss ich weit eher Edith Lienbacher erwähnen, der ich mich anvertraut habe, als ich an die Volksoper kam, und die wirklich über eine hochreflektierte Technik verfügt. Oder jemanden wie Gottfried Hornik, den berühmten Faninal, der nicht nur mich, sondern auch wahrscheinlich ein Dutzend anderer Sänger „Ochs“-reif gemacht hat und heute mein ständiger Lehrer ist.

Und wie begann es dann?

Schon ganz früh mit Tourneen durch viele kleine deutsche Städte, von denen ich nicht einmal gewusst habe, dass es sie gibt. Da war ich dann bei „Bezauberndes Fräulein“ oder in einer winzigen Rolle in der Musikfassung von „Lumpazivagabundus“ mit dabei. So lernte man schon, auf der Bühne zu stehen. Während der Studienjahre gab es dann auch kleine Rollen im Landestheater Detmold, als Antonio im „Figaro“ oder als Brandner im „Faust“ oder auch schon die Bassrollen in „King Arthur“. Ich habe mich auf der Bühne auf Anhieb wohl gefühlt, und obwohl ich auf der Uni nie in den Schauspielunterricht gegangen bin, habe ich wohl eine Art natürlicher Begabung für das Spielen. Für mich war der Weg, mich von Kleinstrollen hoch zu arbeiten, zweifellos der Richtige – ich weiß, Kollegen, die direkt an der Wiener Staatsoper angefangen haben, fanden dies für sich auch richtig, aber ich habe eben diese kleinen Schritte gemacht. Es gibt eben so vieles, das man erst in der Praxis lernt, die Hochschule ist ja doch ein „geschützter Raum“.

Wie sind Sie zu Brigitte Fassbaender nach Innsbruck gekommen?

1998, nach der Reifeprüfung in Detmold, habe ich zuerst Agenturen angeschrieben. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die selbst ihre Engagements aushandeln. Ich finde, Agenturen sind die nötige Pufferzone zwischen Künstlern und den Häusern, denn vor allem in den Anfängen hat man ja keine Ahnung. Man weiß nichts von Gagen – entweder man verlangt zu viel oder zu wenig, und beides ist gleich dumm. Wenn man Glück hat, findet man so wie ich zu Beginn auch jemanden, der ehrliches Interesse an einem Sänger nimmt und versucht, ihn richtig aufzubauen. Wenn jemand mich anruft, wenn ich gerade 26 bin, und mir Wagners Hagen anbietet, dann disqualifiziert er sich selbst. Dieser mein erster Agent brachte mich im Jahr 2000 an das Tiroler Landestheater, und da habe ich wirklich sehr viel und Verschiedenes gesungen. Meinen bisher einzigen König Marke, was mit 28 natürlich ein bisschen früh war, den Timur, den Rocco, den Falstaff in den „Lustigen Weibern“, den Zsupán im „Zigeunerbaron“, also schon Anfänge von jenem „Spielbass“-Repertoire, in dem ich mich so wohl fühle. Und ich gehe auch demnächst sehr gerne für ein Gastspiel nach Innsbruck zurück und werde den Doktor in „Wozzeck“ singen.

Und dann sind Sie 2004 an die Volksoper wieder in ein festes Engagement gegangen?

Ich muss dazu sagen, dass ich das mag. Ich habe gerne ein festes Standbein – mit dem zweiten kann man dann anderswo hin gehen - , ich bin gerne in einem Ensemble, ich finde es schön, mit einem Kreis von Künstlern zu arbeiten, die man kennt, und wenn die Atmosphäre so gut ist wie in Innsbruck oder an der Volksoper, dann fühle ich mich in einem Ensemble aufgehoben. Was nicht heißt, dass es nicht interessant ist, als Gast zu kommen und rund um sich alles neu vorzufinden – der Extremfall war allerdings, als man mich kürzlich mittags aus Hamburg anrief, ob ich abends dort als Kaspar einspringen könnte. Hinein ins Flugzeug und um 19 Uhr auf der Bühne, in diesem Fall allerdings neben die Bühne, weil die Konwitschny-Inszenierung so kompliziert war, dass der heisere Kollege sie spielen musste und ich sie vom Bühnenrand sang…

Erfüllen Wien und die Volksoper Ihre Vorstellungen und Bedürfnisse?

Absolut. Ich bin in Wien natürlich auch durch Ehe doppelt zuhause – d.h., meine Frau ist Mühlviertlerin, lebt aber schon immer in Wien, sie war in der Regiekanzlei der Volksoper, als wir uns kennen lernten. 2006 haben wir geheiratet, und nun hat sie ihre Stellung gekündigt, weil bei mir die Gastspiele doch häufiger werden und wir absolut keine Lust haben, immer getrennt zu sein. Also reist sie mit mir. Ich habe an der Volksoper vorgesungen, als man in der Direktion von Rudolf Berger einen Van Bett suchte. Ich wurde engagiert, habe hier gearbeitet, und nach ein paar Wochen hat man mich gefragt, ob ich nicht ins Fixengagement kommen wollte, was natürlich sehr erfreulich war. Brigitte Fassbaender, bei der ich noch einen Vertrag hatte, hat mich anständigerweise gehen lassen, und dann habe ich hier begonnen – mit Kleinerem und Größerem nebeneinander, für den Van Bett habe ich 2004 den Eberhard Waechter Förderungspreis bekommen. Die Rollen sind besser und größer geworden, die Bedingungen auch: Der Kaspar im „Freischütz“ war eine Art „Durchbruch“ bei der Kritik, jetzt singe ich ihn bei der Wiederaufnahme wieder. Mein Vertrag läuft bis Ende der nächsten Spielzeit 2009/10. Mittlerweile sind meine Auftritte so gelegt, dass sie sich innerhalb einiger Monate abspielen und ich Zeit habe, die übrige Zeit zu gastieren – diese Engagements sind häufiger, seit Michael Lewin mein Agent ist. 2011 singe ich den Kaspar in Barcelona.

Sie sind ja auch schon von der Volksoper an die Staatsoper gewechselt..

Zuerst mit dem Mesner in der „Tosca“ und zu Beginn dieses Jahres als Ochs. Glücklicherweise war es nicht mein erster, ich habe ihn schon in Kopenhagen in einer schönen Marelli-Inszenierung gesungen und in Düsseldorf, das war auch eine Schenk-Inszenierung wie in Wien. Aber an der Staatsoper ist natürlich alles anderes – da erlebt man als Sänger diesen unglaublichen Klang, der von den Philharmonikern aus dem Orchester kommt, wie ein Wunder. Und wenn man dann Soile Isokoski und Elina Garanca als Partnerinnen hat… Der Ochs ist übrigens neben dem Kaspar die Rolle, nach der ich am öftesten gefragt werde. In der nächsten Saison werde ich in Stuttgart in einer neuen „Rosenkavalier“-Inszenierung von Stefan Herheim singen. Er hat einen „wilden“ Ruf, und ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn man mir etwas abverlangte, das gegen meine Natur geht. Aber vorläufig bin ich neugierig und finde es sehr interessant: Man muss immer offen bleiben.

Sie haben an der Volksoper sehr viel und sehr Verschiedenes gesungen. Waren Sie mit allem glücklich, oder gibt es auch Dinge, die man als Ensemblemitglied tun „muss“?

Ich denke, wenn man energisch nein sagte, würde einen niemand zwingen. Und ich war natürlich nicht mit allem glücklich. Ich halte mich beispielsweise nicht für einen Sänger fürs italienische Fach, man hat mir trotzdem den Don Magnifico in „La Cenerentola“ und den Bartolo im „Barbier“ gegeben, die für mich eigentlich zu hoch liegen. Aber dann kommt die Direktion, sagt „Du bist doch unser Komödiant!“, und dann macht man es eben. Aber es gibt bessere Rollen für mich.

Etwa den „grimmen Hagen“ in den „Lustigen Nibelungen“ und den ekligen „Piefke“ Kabulke im „Kehraus um St. Stephan“, Ihre beiden jüngsten Premieren an der Volksoper?

Ja, ich muss ehrlich sagen – ich mag entweder die ganz lustigen Rollen oder die ganz bösen, die dazwischen sind weniger interessant. Wie gesagt, fühle ich mich derzeit im „schweren Spielbass“, wie man so schön sagt, am wohlsten, da fehlt mir eigentlich nur noch der Osmin, und der wird auch noch komme. Wenn man, wie ich jetzt, 37 Jahre alt ist, ist man als Bass ja noch ein Kind. Ich denke, was ich jetzt singe, kann ich auch in der Zukunft sehr gut singen – und wie man das Repertoire erweitert, wird sich weisen. Sicher nicht zu Verdi, da habe ich einmal in Innsbruck einen Verschwörer im „Maskenball“ gesungen, das war es auch schon, ich könnte nicht einmal den Melitone machen, weil er mir zu hoch liegt. Wagner ist eine andere Frage…

Sie haben doch auch 1997 ein Stipendium des Richard-Wagner-Verbandes erhalten, war das nicht mit einem Studienauftrag verknüpft

Also, ich denke, das muss man auch einmal richtig stellen, das klingt so pompös, ist es aber nicht. Es gehört zum lobenswerten Selbstverständnis der einzelnen Sektionen des Richard-Wagner-Verbandes, dass sie diese jährlichen Förderungen vergeben, aber diese besteht nicht in Geld, sondern in Bayreuth-Karten. Ich habe damals vom Bielefelder Wagner-Verband aus den Kirchner-„Ring“ sehen können, dann berichtet man ihnen darüber, und zum Dank habe ich einen Liederabend gegeben – aber das war es auch schon. Und trotz meiner schon in der Kindheit verankerten Liebe zu Wagner bin ich nicht sicher, ob ich mich als Wagner-Bass sehe. Im Moment könnte ich mir nur den Daland als Rolle vorstellen, der würde mich auch reizen, es gibt aber noch keinen Termin dafür. Ob ich vom „grimmen Hagen“ der Operette je zum echten Hagen werden kann – das braucht noch Jahre, um das zu wissen. Sicherlich würde er in die Kategorie der „ganz bösen“ Rollen fallen, die mich so reizen, aber das muss sich einfach zeigen.

Aber in welche Richtung können Sie Ihr Spielbass/Charakterbass-Repertoire eigentlich ausbreiten

Bei Mozart nur zu Osmin, wie gesagt. Ich habe den Figaro gesungen, nie allerdings den Papageno, die Tessitura ist zu hoch für mich, man muss ja auch nicht alles singen. Es gibt ja Gott sei Dank auch die Modernen, es hat jetzt wieder großen Spaß gemacht, an der Volksoper im „Sommernachtstraum“ als Handwerker auf Wienerisch agieren zu können – Englisch singt sich zwar, offen gestanden, leichter, aber es ist eben das Selbstverständnis dieser Direktion, alles auf Deutsch zu spielen.

Was werden Sie nächste Spielzeit an der Volksoper singen?

Das darf ich einfach noch nicht sagen, ich kann doch dem Direktor nicht seine Überraschung bei der Spielplan-Pressekonferenz nehmen, aber es sind vier Rollen, und alle sind neu für mich, und auf eine freue mich besonders…

Wohin geht Ihr Ehrgeiz, was Häuser und Rollen betrifft?

Ich weiß nicht, ob ich eine Weltkarriere von Scala bis Met machen werde, ich bin da auch überhaupt nicht besonders ehrgeizig. Vielleicht kommt das daher, dass ich imstande bin, mein Eheleben zu genießen. Aber manches wird kommen – ich hätte in Berlin in der Neuenfels-Zauberflöte den Sarastro singen sollen, da kam eine Erkrankung dazwischen, aber Berlin lässt sich sicher nachholen, München ist vielleicht im Gespräch, es herrscht kein Mangel an Angeboten. Auf dem Konzertsektor ist es natürlich so, dass man schon ein wenig festgelegt wird – wenn man den Ochs singt, wird man nicht mehr nach der „Matthäuspassion“ gefragt, auch wenn man sie gut kann. Und wahrscheinlich widerspricht mein Image auch dem Liedsänger, der ich einmal gerne sein würde. Ich weiß, dass ich rundlich bin – ich koche sehr gerne! -, habe einmal versucht abzunehmen, aber da hat mich Christoph Wagner-Trenkwitz gleich gewarnt: „Vorsicht, Du verlierst Dein Fach!“ Und das möchte ich sicherlich nicht. Wenn ich mich selbst definieren würde, kann ich gerne jene Karikatur heranziehen, wo in Sprechblasen gezeigt wird, woran Sänger beim Auftritt denken: Bei der Sopranistin sind es jubelnde Menschenmassen, beim Tenor ist es ein Dollarzeichen, und der Bass sieht sich selbst gemütlich beim Angeln. Ich angle zwar nicht und befasse mich auch in der Freizeit meist mit Musik, aber ich bin doch eher der in sich selbst ruhende Typ…

 

http://www.der-neue-merker.at/
Wien, 2010.09.05 22:08:15