Interview mit DIANA DAMRAU
Anlässlich einer “Fledermaus”-Produktion der Bayerischen Staatsoper, in der sie schon seit geraumer Zeit den Part der Adele singt, gewährte mir die junge Koloratursopranistin Diana Damrau im Opernclub München ein Interview, das – wie könnte es anders sein – am Faschingssonntag, dem 2. März, stattfand.
Zierlich und grazil in der Erscheinung, mit langen blonden Haaren, liebenswürdig und bei aller augenscheinlichen künstlerischen Zielstrebigkeit doch bescheiden wirkend, erscheint sie schon äußerlich geradezu prädestiniert für die großen Koloraturgestalten der Opernbühne.
Nachdem sie uns die Bravourarie der Ophelia aus “Hamlet” von Ambroise Thomas, eine Aufnahme aus dem Jahr 1996 von einem Konzert in Würzburg, mitgebracht hatte und uns außerdem ein selten gehörtes Konzert für Koloratursopran des russischen Komponisten Reinhold Morizewitsch Glière auf CD zu Gehör brachte, waren wir fasziniert von ihren präzis ausgesungenen Koloraturhöhen. “Um diese zu singen, glaube ich, braucht man das Gottesgeschenk der Stimme mit Veranlagung zu einem hohen Koloratursopran, dazu gute Lehrer, die aus einem das Beste herausholen, und einfach Übung, Übung, Übung.” Vorbild war zunächst ihre Lehrerin Carmen Hanganu, selbst lyrischer Koloratursopran, auf der Musikhochschule in Würzburg, bei der Diana Damrau ihr Gesangsstudium begann schon mit 15 Jahren (früher sollte man damit nicht beginnen) und die sie bis zum Examen geführt hat, die ihr riet, viel zu hören und zu vergleichen.
Mittlerweile hat sie zu Hause eine Musikbibliothek, die so groß ist, dass sie im Augenblick nicht mehr weiß, wo sie die vielen CDs unterbringen soll. Durch dieses Hören und Vergleichen versucht sie, für sich die beste stimmliche Interpretation zu finden. Auch riet ihr ihre Lehrerin immer wieder, mit der Stimme “rauszugehen”, so dass sie während ihres Studiums bei verschiedenen kirchlichen Anlässen immer wieder ihre Stimme zu Gehör brachte.
Im schwäbischen Günzburg geboren, begann ihr Theaterinteresse, zunächst für das Schauspiel, schon als Kind. Bei sonntäglichen Kaffeekränzchen bei der Oma versteckte sie sich hinter dem Vorhang und inszenierte kleine Auftritte. Verwandt mit dem großen Paul Kuen und durch die vielen Besuche der Cousine ihrer Mutter, die Chorsängerin mit Soloverpflichtungen am Münchner Gärtnerplatztheater war, verheiratet mit James Palmer, Solotänzer des Bayerischen Staatsballetts, und auch durch die Unterstützung ihrer Eltern und Großmutter, die der Musik stark verbunden sind, war die Kindheit schon vom Theater- und Musikleben geprägt. Obwohl sie damals schon Opern hörte, wie z.B. den “Freischütz”, konnte sie zunächst mit Opernstimmen nichts anfangen.
Als Diana aber mit 12 Jahren zum ersten Mal eine Fernsehaufführung von “La Traviata” unter der Regie von Franco Zefirelli mit Plácido Domingo und Teresa Stratas sah, war sie der Oper verfallen. “Das möchte ich einmal können, diesen körperlichen und mimischen Ausdruck, ganz in eine Rolle zu versinken, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Da wollte ich lernen, Teil davon zu sein.” Die Violetta gehört seither zu ihren Traumpartien.
Vervollkommnet hat sie ihr Können immer wieder durch Meisterkurse, so bei Editha Mathis in Hamm und Hanna Ludwig an der “Internationalen Sommerakademie Mozarteum” in Salzburg, die sozusagen ihre 2. Lehrerin wurde und mit der sie sich bis heute ihr Opern- und Konzertrepertoire künstlerisch und stimmtechnisch erarbeitet. Diana Damrau war Preisträgerin mehrerer Wettbewerbe – für sie sehr wichtig der Mozartfest-Gesangswettbewerb in Würzburg, wo sie den 2. Preis gewann. Dadurch erhielt sie ein Vorsingen für die Salzburger Festspiele, wo sie vor 2 Jahren als Najade in “Ariadne auf Naxos” debutierte. Voriges Jahr sang sie bereits dort die Königin der Nacht. Ihr erstes Engagement allerdings erhielt sie in Würzburg am Mainfrankentheater, wo sie vor ihrem Examen schon als Barbarina debutiert hatte. Noch nicht im Festengagement, wurde sie bereits in mehreren kleineren Rollen eingesetzt, wo sie ihre Kollegen an der Arbeit beobachten konnte. Ihre erste Rolle im Festengagement war die Eliza Doolittle. Der damalige GMD Jonathan Seers meinte belustigend, sie sei die “Würzburger Sparmaßnahme”, da man sie in so vielen Partien einsetzen konnte. Es folgte das Nationaltheater Mannheim, wo sie die in Würzburg probierten Rollen sang, dann die Oper Frankfurt, wo sie für 20 Partien jährlich engagiert war und nebenbei gastieren konnte, vor allen Dingen mit “ihrem Steckenpferd”, der Königin der Nacht. Ihr Debut an der Bayerischen Staatsoper gab sie als “Einspringerin” mit der Zerbinetta, für die sie, wie auch für die Königin der Nacht, vorher schon den Theaterförderpreis der Stadt Mannheim erhalten hatte. Mittlerweile hörten wir sie an der Bayerischen Staatsoper als sternflammende Königin, als Adele, Ännchen und Marzelline.
Ihr Debut an der Wiener Staatsoper gab Diana Damrau wiederum als Königin der Nacht und sie erzählt mit Freude, dass man sie danach für die Welturaufführung des “Riesen vom Steinfeld” als “kleine Frau” engagierte, wo sie ein hohes F zu bewältigen hatte. Diese Partie, gesangstechnisch eine Art Zerbinetta, bezeichnet sie in ihrer lyrischen Weichheit als eine Idealpartie, die Friedrich Cerha für sie komponierte, eine Frauengestalt mit viel Liebe in sich, die viel Liebe weitergibt. Überhaupt interessiert sie sich sehr für die Werke zeitgenössischer Komponisten. So hat sie in Mannheim von Matthias Pinscher die Herodiade-Fragmente gesungen, ein halbstündiges Werk für Sopran-Solo und großes Orchester, “eine unglaubliche Arbeit, das zu lernen, wenn man kein absolutes Gehör dafür hat, vor allem von Instrumenten Töne abzunehmen, die in Extremlagen gespielt werden, das ist schon sehr schwierig, aber wenn man es einmal intus hat, dann geht es.” Momentan ist sie gerade dabei, einen Liederzyklus von Cham (Schreibweise nicht bekannt) einzustudieren und auch ein wenig die Lulu zu beschnuppern.
Nach Wiederentdeckung der Handschrift der Salieri-Oper “Kublai, der große Khan der Tartaren” in Wien gestaltete sie anlässlich des Würzburger Mozartfestes bei der Uraufführung in deutscher Übersetzung die Alzina, eine sehr temperamentvolle Rolle mit vielen Koloraturen, die sie sehr gerne sang.
Der Grundstein ihrer internationalen Karriere wurde ihrer Meinung nach durch den “Zerbinetta-Einspringer” in München und bei den Salzburger Festspielen im letzten Jahr mit der Königin der Nacht gelegt, mit der sie im Januar 2003 am Covent Garden debutierte und die sie mittlerweile in 14 verschiedenen Produktionen gesungen hat.
“Sobald die Regie der Musik des Komponisten gerecht wird und sobald mir die Gedanken der Regisseure plausibel gemacht werden, wenn alles für mich umsetzbar ist, dann stehe ich voll hinter moderner Regie.”
Ihre umfangreiche Konzerttätigkeit im In- und Ausland begann in Mannheim mit Adam Fischer. In der Folge hat sie mit den meisten namhaften Dirigenten konzertiert. Mit Zubin Mehta gibt es neuere Konzertpläne. Bei der Verwirklichung einer geplanten Opernkomposition von Lorin Maazel wird sie mitwirken. Im Rahmen der BBC Proms ist Beethovens IX. Symphonie mit Christoph von Dohnany geplant.
Regelmäßig Liederabende zu geben hält die junge Künstlerin für äußerst wichtig. Lieder sind für sie “das Schönste, was es gibt. Sie sind Zeugnisse unserer Kultur. Für mich ist es wichtig, einen Ausgleich zu schaffen zwischen meinen hohen Koloraturen und dem lyrischen Fach. Gerade im Lied gibt es unbegrenzte Möglichkeiten, etwas auszuprobieren. Ich liebe es auch, in fremden Sprachen zu singen und habe sogar schon chinesisch gesungen. Ich liebe den Umgang mit dem Text. Lieder sind mini-Gesamtkunstwerke, filigran wie Uhren.” Einen bevorzugten Liedkomponisten hat sie nicht, da sie sich gern allen Tondichtern widmet.
Mit ihrem Partner, dem Bariton Ivan Pale, plant sie Liedtourneen und CD-Aufnahmen, die demnächst erscheinen werden.
Eine ihrer vielen Wunschpartien ist mit dem Münchner Gilda-Angebot (2005) schon in Erfüllung gegangen, worüber sie sehr glücklich ist. Noch fehlen ihr die Rosina und Susanna, die Sonnambula und die Lucia in Vorbereitung auf ihren großen Traum, die Traviata. Im französischen Fach würde sie sehr gerne Opehlia und Lakmé singen.
Für die Opernbühne gibt es viele Pläne: in München das Debut mit Zdenka 2004 und Sophie 2005 oder 2006; Konstanze in Frankfurt und München, vorher in Salzburg die Blonde, in Covent Garden im Juli 2004 Zerbinetta und mit dieser Rolle ihr Metdebut im Oktober 2005.
Sehr glücklich ist sie über das Angebot von Direktor Holender, im Wiener Burgtheater die Konstanze im Mozartjahr zu singen, da ja die “Entführung” dort zum ersten Mal aufgeführt wurde. Die Zaide plant sie konzertant im Januar 2005 mit Nikolaus Harnoncourt. Am 7.12.2004 wird sie bei der Wiedereröffnung der Mailänder Scala in der Salieri-Oper “Europa riconosciuta” unter Riccardo Muti wirken, mit der die Scala seinerzeit auch eröffnet wurde, eine Oper, die 2 ungeheuer schwierige Koloratur-Partien enthält. Auf diese Aufgabe freut sie sich besonders.
Alles, was sich diese vielbeschäftigte junge Künstlerin wünscht, ist, für alle diese enormen wunderbaren Pläne gesund zu bleiben und positiv zu denken. Wir schließen uns diesem Wunsch voll an und danken für dieses aufschlussreiche, hochinteressante Gespräch. Irene Stenzel
