Gespräch mit Hui He
Ein Traum ging in Erfüllung
Hui He, die Chinesin, die auf den Opernbühnen die vermutlich berühmteste „Japanerin“ und „Äthiopierin“ unserer Tage ist, da sie als Butterfly und Aida buchstäblich in der ganzen Welt gastiert, hat in Wien wieder eine Serie von „Stiffelio“-Aufführungen gesungen, bevor Sie mit neuen Rollen in die Welt geht.
Von Renate Wagner
Frau Hui He, zuerst eine naive Frage, weil wir Europäer bei asiatischen Namen nie ganz sicher sind: Welcher Ihrer Namen ist der Vorname, welcher der Nachname – wir wissen ja auch, dass die Reihung anders ist als bei uns, Mao Zedong zum Beispiel, da ist Mao der Nachname…
Also: Ich habe es den Gebräuchen im Westen angepasst, Hui ist der Vorname, der bedeutet intelligent, He ist der Nachname, das heißt Frieden. Ich stamme aus Xian, nicht aus Shanghai, wie in allen meinen Biographien steht, das ist ein Irrtum, der sich immer fortgepflanzt hat. Xian ist eine alte, berühmte Kaiserstadt mit der „tönernen Armee“ des „Ersten Kaisers“, und es gibt dort auch ein gutes Konservatorium. Mein Vater war Arzt, meine Mutter Lehrerin, und ich habe noch drei Geschwister.
Bedenkt man, dass es eine Milliarde Chinesen gibt und man nur Hui He als Sängerin von Weltruhm aus dem Reich der Mitte kennt – wie kam es dazu?
Ich habe schon als kleines Kind immer gesungen, das Radio lief, man spielte nicht nur chinesische, sondern auch westliche Musik. Die erste Oper, an die ich mich erinnere, war „La Boheme“, und das war so schön, dass ich weinen musste. Diese Art von Kunst schien mir geradezu unglaublich. Aber ich dachte nicht daran, dass ich wirklich Opernsängerin werden könnte, als ich mit 18 auf das Konservatorium in Xian ging. Das Ausleseverfahren ist dort sehr streng, es waren viele Anwärter, sieben wurden nur genommen, ich war darunter. Das war natürlich eine große Herausforderung. Was chinesische Sänger betrifft, so denke ich, dass in Zukunft mehr von uns die Bühnen erobern werden, wie es viele Koreaner schon getan haben. Es ist viel Interesse an Musik in China vorhanden und auch genug Geld, damit junge Leute im Ausland studieren können.
Wann fiel Ihre Entscheidung für die Oper?
Als ich mit 22 Jahren graduierte, dachte ich eigentlich, dass ich Gesangslehrerin werden würde. Ich hatte im Rahmen meines Studiums nur eine Oper gesungen, das war „Cosi fan tutte“ – und das auf Chinesisch. Aber dann wurde 1998 in Shanghai ein neues Opernhaus eröffnet, und da stand ich als Aida erstmals auf einer richtigen Bühne. Und ich muss sagen – die Aida ist meine Lieblingspartie geblieben, sie ist genau richtig für meine Stimme, und ich liebe sie. Im Jahr 2000 fuhr ich dann nach Los Angeles zu Placido Domingos „Operalia“-Wettbewerb – ich hatte einen japanischen Sponsor, der dies finanzierte. Ich gewann den zweiten Preis und hatte das große Glück, dass Domingo meine Stimme mochte: So bliebt ich eine zeitlang in Los Angeles, und als er 2001 dort und in Shanghai Konzerte gab, durfte ich mit ihm singen. Dann ging ich nach Italien und gewann den Voci verdiane-Wettbewerb in Busseto. Damals fand ich auch meinen Agenten Giorgio Benati, der mich bis heute betreut und sehr wichtig für mich ist. Von da an ging es mit der Karriere sehr schnell, 2002 in Italien, 2003 auch Frankreich, und 2004 kam ich schon nach Wien.
Es heißt in Ihrem Lebenslauf, Sie hätten für Ihr europäisches Debut im Februar 2002 am Teatro Regio in Parma die Tosca mit Raina Kabaiwanska einstudiert. Wie kam es dazu?
Dieser Kontrakt folgte auf den Preis in Busseto, und diese „Tosca“ war der Abschiedsabend von Raina Kabaiwanska. Sie suchte sich zwei junge Sopranistinnen aus, denen sie ihre Erfahrungen mit der Rolle weitergab, und eine davon war glücklicherweise ich. Ich hatte viel zu lernen, allein, wie man sich auf der Bühne bewegt, wie man eine Rolle spielt. Glücklicherweise war es ein großer Erfolg für mich, und heute ist die Tosca nach der Butterfly und neben der Aida jene Rolle, die ich am meisten singe. Als ich dann wirklich Karriere machte, war es mir, als sei mein Leben ein Traum – ein erfüllter Traum.
Als Butterfly kamen Sie dann nach Wien an die Volksoper.
Ja, ich hatte sie in Bordeaux zum ersten Mal gesungen, und es ist eine Partie, die mich sehr bewegt, ich weine jedes Mal wirklich, wenn ich sie singe, über die Musik, über die unendlich traurige Geschichte. 2003 habe ich dann für die Wiener Butterfly vorgesungen, ich und viele andere Sängerinnen auch, und ich hörte lange Zeit nichts. Dann kam, ich war gerade in Bologna, der Anruf: „You got Vienna!“ Das war natürlich wunderbar, denn jeder weiß, dass Wien die Welthauptstadt der Musik ist. Ich kam nach Wien mit der Butterfly-Erfahrung aus Bordeaux, wo es eine sehr schöne, traditionelle Inszenierung gibt, und arbeitete dann mit Stefan Herheim an seiner sehr speziellen Fassung des Stücks – manche mochten das sehr, manche gar nicht. Für mich war es ein Experiment, ich sage mir, die Musik kommt zuerst, und ich war sehr glücklich, dass ich persönlich einen großen Erfolg hatte.
Und dann folgte im Jahr darauf die Staatsoper.
Das war ein besonderes Glück, dass Ioan Holender die „Butterfly“ in der Volksoper hörte und mir gleich für das darauf folgende Jahr einen Vertrag für „Stiffelio“ mit José Cura gab, das Werk, das wir jetzt wieder aufgenommen haben. Es war natürlich ungemein aufregend, an diesem Haus zu singen, und ich komme immer wieder sehr gerne hierher. Ich habe die Lina eigens für Wien gelernt, die Partie ist nicht leicht, denn man muss sie auch als unschuldsvolle, reine Persönlichkeit glaubhaft machen, selbst wenn sie eine Ehebrecherin ist. Dazu kommt eine schwierige Intonation, drei Arien, viele Duette… ich hoffe, ich bekomme noch Gelegenheit, die Partie zu singen, die Oper wird ja nicht so häufig gespielt wie die großen Verdis.
Sie haben an der Wiener Staatsoper auch noch „Ihre“ klassischen Rollen, also Butterfly, Aida und Amelia gesungen. Man gewinnt den Eindruck, Sie seien eine Sängerin, die sich gänzlich auf Verdi und Puccini konzentriert, stimmt das?
Bisher vielleicht, aber in Zukunft werde ich mein Repertoire erweitern. Nicht nur um italienische Partien wie die Madeleine in „Andrea Chenier“ in Genua, sondern auch heuer noch um die Ariadne von Strauss, die ich in Athen machen werde. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, einmal eine der „leichteren“ Wagner-Partien zu singen. Ich denke, vor allem der Verismo hat noch einiges für mich zu bieten, und die Adriana Lecouvreur beispielsweise möchte ich unbedingt einmal machen. Und in zehn Jahren vielleicht die Turandot. Im übrigen singe ich, was für mich und meine Stimme am besten ist: Ich diskutiere die Angebote immer genau mit meinem Agenten und den Leuten, mit denen ich lerne. Aber es ist ja auch so, dass die Opernhäuser immer am stärksten nach Aida, Tosca und Butterfly fragen.
Sie haben sich bisher auf das Live-Singen konzentriert. Nun ist gerade Ihre erste CD herausgekommen, mit Verdi- und Puccini-Arien. Sind Sie damit zufrieden?
Offen gestanden, nicht ganz. Das Ganze ist in Ordnung, aber ich setze doch sehr auf Perfektionismus, und da stimmen einige Details nicht. Die Aufnahme wurde in Bratislava gemacht, ich konnte nicht viel bestimmen. Aber für mich ist es eine wichtige Erfahrung auf diesem Gebiet, und das nächste Mal werde ich mehr aufpassen.
Sie sagen, Ihre Karriere sei wie ein Traum. Aber wenn man sie so intensiv betreibt wie Sie, bis zu zehn verschiedene Engagements im Jahr, man kann die Städte und Häuser, an denen Sie singen, gar nicht alle aufzählen – weiß man da morgens, wenn man aufwacht, immer, wo man gerade ist?
Das ist eine sehr berechtigte Frage. Sänger zu sein, ist kein leichtes Leben, sondern ein sehr, sehr schweres. Im Grunde ist man immer unterwegs, Gepäck, Flughafen, Hotel, ich mache alles selbst, ohne Sekretärin, und glücklicherweise bin ich noch nicht „müde“, obwohl ich seit 2002 fast ohne Unterlass arbeite. Ich habe leider ganz selten Zeit, nach Hause zu meiner Familie zu fahren – 2008 ist es sich ganze dreimal ausgegangen. Immerhin telefoniere ich täglich eine halbe Stunde mit meinen Eltern. Ich war auch einmal verheiratet, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass unsere Lebensformen nicht zu vereinbaren waren. Jetzt bin ich geschieden und fühle mich sehr frei, das zu tun, was ich jeweils will und für richtig halte.
Und wo leben Sie, da man ja nicht immer nach China zurück kann?
Italien ist meine zweite Heimat, ich habe ein Appartement in Verona, dort komme ich zwischen Engagements gewissermaßen „nach Hause“. Ich bin gerne da, ich mag die Leute, das Essen, die Kultur. Dort sind auch Menschen, mit denen ich neue Partien einstudieren kann. Man muss immer bestens vorbereitet sein und auch sein Bestes geben, sonst kann man sich in dem Opernbetrieb nicht halten. Und natürlich die Freude an dem Beruf nicht verlieren – ich liebe das Singen einfach.
Sie waren lange Jahre sommers in der Arena di Verona dabei, Sie haben an der Scala unter Lorin Maazel die Tosca gesungen, haben in Wien, Paris, München, Hamburg gastiert, was steht bevor?
Was Verona betrifft, so habe ich in meiner Jugend gedacht, wenn ich eines Tages hier singen könnte, wäre das die Erfüllung meines Lebens. Dann bekam ich schon einen Vertrag für 2003, wurde krank, habe aber 2005 hier gesungen, erst die Liu, dann Tosca und Aida, und es immer noch ein Wunder, vor dieser Riesenmenge von Menschen zu singen, wenn sich die eigene Stimme in die Lüfte erhebt… Im übrigen bin ich bis 2013 fast ausgebucht, jetzt im März singe ich in Genua in „Andrea Chenier“ unter Daniel Oren mit Marcello Giordani und Renato Bruson, heuer kommt erstmals in Berlin die Butterfly, in Tel Aviv die Tosca, die Ariadne in Athen, ich werde 2012 erstmals in Covent Garden singen, 2013 die Aida unter Mehta in Valencia, nur auf die Met warte ich noch. Aber ich entscheide gar nichts – Gott entscheidet. Ich bin von meiner Mutter her katholisch, wenn ich Zeit habe, gehe ich sonntags in die Kirche, und ich bete vor jeder Vorstellung…
Wann werden wir Sie wieder in Wien hören?
2010 als Butterfly. Wie es danach weitergeht, wird man sehen. Aber ich bin sehr gerne hier, die Arbeitsverhältnisse an der Staatsoper sind für Sänger wunderbar.
