DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 02/2009: José CURA, Meine Traumrolle ist der Don Giovanni!

Gespräch mit José Cura

Meine Traumrolle ist der Don Giovanni!

José Cura liebt die Wiener Staatsoper, „weil man hier mit dem Publikum eine gleichsam eheähnliche Beziehung eingeht“. Trotzdem sind an diesem Haus für ihn noch viele Wünsche offen, die er allerdings der nächsten Direktion präsentieren muss: Premieren von „Othello“ und „Samson und Delilah“ zum Beispiel – oder der Don Giovanni...

Von Renate Wagner

Herr Cura, wir haben wieder einige Vorstellungen des „Stiffelio“ mit Ihnen in der Hauptrolle gesehen. Man hat den Eindruck, dass dieser selten gespielte Verdi Ihnen persönlich sehr wichtig ist.

Ich habe die Rolle erstmals 1995 in London gesungen, und in 14 Jahren entwickelt man sich natürlich weiter, nicht nur technisch. Wenn man etwa den Rudolf eine so lange Zeit singt, dann entfernt man sich natürlich von der Figur des jungen Poeten. Aber in den Stiffelio wie in den Othello oder den Canio kann man nur hineinwachsen. Vor 14 Jahren habe ich vorgegeben, so alt zu sein wie Stiffelio, einen Mann in seinen Fünfzigern, damals hat man mir silberne Strähnen ins Haar gemacht, weil ich nicht alt genug ausgesehen habe. Heute versucht man, die echten Silberstreifen herauszufärben…

Sie sind 46, so schlimm ist es wohl noch nicht…

Nein, es geht grundsätzlich um etwas anderes. Es gibt zwei Gründe, warum Leute in die Oper gehen – oder im allgemeinen: zwei Wege, sich der Oper anzunähern. Die einen mögen einfach schöne Musik – das ist absolut in Ordnung. Die andern möchten echtes, packendes Theater erleben. Und das ist es dann, was mich an einer Rolle interessiert. Im allgemeinen heißt es, der Stiffelio gebe für einen Tenor nichts her, und wenn man bedenkt, dass der Sopran mehrere Arien und der Bariton eine riesige Szene hat, mag das auch stimmen. Als Tenor arbeitet man schwer, singt die ganze Zeit, aber man bleibt gewissermaßen im Hintergrund, das Publikum bekommt nicht einmal die Gelegenheit für Applaus, man bleibt also auch noch unbelohnt. Aber trotzdem ist es für mich eine großartige Partie im Vergleich zu anderen, wo man seine Arien singt und vielleicht nichts Interessantes zu spielen hat. Ich liebe komplexe Charaktere. Und wenn man bedenkt, der letzte Akt von „Stiffelio“, die Auseinandersetzung zwischen ihm und Lina über die Scheidung, das ist doch der reinste Ibsen! Hochmodern und geradezu shocking für ein Verdi-Publikum. Und ideal für mich. Ich bin nicht gern der Held oder der romantische Beau, sondern liebe eben schwierige Rollen. Ich singe den Stiffelio, wo ich kann. 2004 war eine interessante Inszenierung in Zürich – zu Beginn sind Regisseur Cesare Lievi und ich nicht ganz zusammen gekommen, aber dann war es eine sehr gute Arbeit. Und 2010 singe ich den Stiffelio an der Met, dort gibt es eine Inszenierung von Giancarlo del Monaco. Diese und Zürich und die Londoner / Wiener Produktion – mehr gibt es derzeit gar nicht auf der Welt, glaube ich.

Apropos dramatische Rollen: Auch der Don José ist ja eine solche, den Sie heuer nach dem Cavaradossi und dem Stiffelio noch an der Staatsoper singen.

Ja, und das ist für mich fast eine Premiere, denn ich habe die Rolle hier nur einmal 1998, also vor mehr als zehn Jahren, gesungen, damals auch nur zwei Vorstellungen, mit Agnes Baltsa. Jetzt ist Vesselina Kasarova meine Partnerin, die ich aus Zürich kenne, mit der ich aber noch nie auf der Bühne gestanden bin. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit, denn sie ist ein richtiges „Bühnentier“.

Zwischen den Wiener Stiffelio und dem Wiener Don José sind sie schnell nach Bologna und haben einige Vorstellungen von „La Rondine“ dirigiert. Ist Dirigieren für Sie ein Hobby oder eine Altersvorsorge?

Also, wenn ein Pianist wie Barenboim dirigiert oder ein Cellist wie Rostropowitsch, findet niemand etwas dabei, wenn hingegen ein Sänger dirigiert, ist das sofort verdächtig. Ich habe mein Musikstudium mit der Intention begonnen, Dirigent und Komponist zu werden, ich bin es auch das geworden, aber eben auch ein Tenor, und es wäre unsinnig, diesen Beruf nicht auszuüben, wenn man es dabei einigermaßen zu etwas gebracht hat: Man verbringt schließlich so viele Jahre im Kampf darum, ein reifer Sänger zu werden. Außerdem würde ich lügen, wenn ich sagte, dass ich nicht glücklich bin, ein Tenor zu sein. Aber wenn ich heute nur Dirigent wäre, wäre ich auch zufrieden. Derzeit bezieht sich etwa ein Viertel meiner Verpflichtungen auf das Dirigieren, und das ist gut so, denn es wäre dumm, zu viel zu singen, und so ist es eine gute Sache, die Stimme ruhen zu lassen und doch etwas Musikalisches tun.

Dass Sie „La Rondine“ dirigiert haben, hat das mit Ihrer deklarierten Vorliebe für Puccini zu tun?

Auch, denn ich finde „La Rondine“ ist ein ähnlicher Fall wie „Stiffelio“ – wenig bekannt, wenig beliebt und doch ein Meisterwerk. Der erste Akt ist pure Konversation, da hat Puccini gewissermaßen den Richard-Strauss-Stil vorweggenommen, das war eigentlich revolutionär damals, aber es entspricht nicht dem Puccini-Klischee. Darum hat es mich interessiert. Aber diese Arbeit hängt auch damit zusammen, dass ich dem Theater von Bologna sehr verbunden bin, ich singe dort seit 15 Jahren, und ich hätte dort eine aufregende Premiere gehabt, auf die ich mich sehr gefreut hätte – den „Nerone“ von Boito, den bei der Uraufführung 1924 Aureliano Pertile gesungen hat und seither fast niemand. Und dann kam mit größtem Bedauern die Absage, weil man sich die Premiere nicht leisten kann – die Situation in den italienischen Opernhäusern ist derzeit absolut verheerend, man weiß nie, ob die nächste Vorstellung noch stattfindet. Und man hat mich gebeten – wohl, weil man einen bekannten Namen brauchte -, ob ich „La Rondine“ nicht mit Studenten der Meisterklasse machen könnte. Da ich sehr viel und sehr gerne mit jungen Leuten arbeite – mein Tenor in der „Rondine“ war 22 -, habe ich das natürlich gerne gemacht. Ich finde es wichtig, dass man weitergibt, was man weiß und kann, denn wie sollte man sonst in der nächsten Generation weiterleben, eines Tages ist ja für einen persönlich doch das Ende angesagt. Ich wünsche mir auch, dass jemand meinen Kindern Wissen und Erfahrung weitergibt.

Sie haben fast alle großen Rollen Ihres Faches gesungen. Gibt es außer dem „Nerone“, der sich vielleicht nachholen lässt, offene Wünsche?

Ich möchte sehr gerne einmal den Peter Grimes singen, das wäre meine erste Rolle in englischer Sprache. Ich könnte wahrscheinlich die eine oder andere Wagner-Rolle singen, aber ich weiß, wenn ich an die Sprache denke, dass ich hier einfach nicht auf der Höhe meiner eigenen Anforderungen agieren könnte, und darum werde ich das wohl nie tun. Aber ich habe einen Traum – und das wäre der Don Giovanni. Sagen Sie nicht, er sei zu tief für mich, das könnte ich singen, Othello geht gelegentlich auch so tief hinunter. Ich liebe Mozart, habe leider nicht die Stimme für seine Tenorpartien – aber der Don Giovanni… Den sollte mir jemand zutrauen, bevor ich zu alt dafür werde!

Sie selbst waren – und sind - in der Generation nach den „Drei Tenören“ einer der großen Namen, aber die nächste Generation müsste auch schon da sein. Die Welt der Tenöre ist ein Schlachtfeld. Sie selbst galten als sehr ehrgeizig. Haben Sie erreicht, was Sie angestrebt haben?

Also, der Druck ist riesig, wenn man ein Weltklasse-Tenor sei möchte, aber es ist in der Jugend viel schlimmer als später. Dann weiß man nämlich, dass man nicht „der Beste“ sein kann, sondern nur so gut, wie man eben selbst sein kann. Und das muss man jeden Abend geben – aber nicht jeder einzelne Abend kann optimal sein, das muss man auch wissen, das hängt von so vielem ab, von sich selbst, von den Partnern. Und wenn man das einmal erkennt und der große Druck weicht, dann kann man es leichter nehmen, ein bisschen mehr lächeln und sich wohlfühlen. Man ist schließlich nur ein menschliches Wesen, keine Perfektionsmaschine, jeder Tag ist eine Lotterie, mit Erfahrung kann man manches verhindern, aber wenn es passiert, dann passiert es eben. Ich muss sagen, dass ich heute viel entspannter bin als früher. Wir Sänger haben einen wundervollen Job, den ich sehr liebe, es ist natürlich auch eine Berufung, aber letztendlich ist es ein Job, der die Rechnungen bezahlt. Und was den Ehrgeiz betrifft – der ist eine gute Sache, denn wenn die Menschheit als solche nicht immer weiter gestrebt hätte, lebten wir heute noch in der Steinzeit. Also denke ich, wir sollten alles anstreben, was wir erreichen können. Allerdings ohne gierig zu sein. Ich gebe zu, es gibt Zeiten, da wird man süchtig nach dem Applaus des Publikums, aber nach 30 Jahren auf der Bühne – ich bin mit 15 erstmals auf den Brettern gestanden -, lernt man damit umzugehen.

Ist nicht jeder Sänger süchtig nach Applaus? Wie ist es eigentlich mit den Buh-Rufen, die es auch manchmal geben mag? Verletzt das?

Das muss man auch in der Perspektive sehen. Wenn man einen schlechten Abend hatte und es selbst weiß, sind sie vielleicht verdient, wenn auch nicht unbedingt fair, dann man gibt ja sein Bestes. Aber 99 Prozent von Buh-Rufen sind organisiert, und das ist eigentlich traurig. Wenn mir nachher jemand ins Gesicht sagt, ich sei nicht gut gewesen – in Ordnung. Aber sich in der Anonymität zu verstecken, das ist feige. Mir tun die Leute fast leid. Aber ich fürchte, wir leben in einer Welt, wo das üblich wird, wo jeder sich hinter seinem Computer verkriecht und sich hinter falschen Namen versteckt, wenn er sich in Blogs, Chatrooms oder Leserbriefen äußert. Keiner bekennt sich mehr dazu, wer er ist und welche Meinung er vertritt.

Wir haben früher davon gesprochen, dass Sie eigentlich Dirigent und Komponist werden wollten. Komponieren Sie noch?

O ja. Ich war von Anfang an von der Spiritualität der lateinischen Kirchenmusik fasziniert, habe also beispielsweise 1984 ein Requiem für die Opfer des Falkland-Krieges geschrieben, später auch ein „Stabat Mater“ oder ein „Magnificat“, auch eine Kinderoper. Zuletzt habe ich sieben Gedichte von Pablo Neruda vertont, die auch auf CD herausgekommen sind. Wo immer ich sie selbst singe, werden sie sehr positiv aufgenommen. In Wien habe ich zwei davon im Rahmen einer „Argentinischen Nacht“ gesungen…

Sie stammen aus Argentinien, leben in Madrid, gastieren in der ganzen Welt. Wo fühlen Sie sich zuhause?

Meine Frau und ich haben Argentinien verlassen, weil wir dort keine Zukunftsmöglichkeiten für uns und unseren Sohn sahen – heute haben wir drei Kinder, der jüngste kam in Paris zur Welt, mittlerweile ist Madrid unser Wohnsitz. Wir sind aus unserer Heimat weggegangen mit der festen Absicht, nicht tragisch-nostalgisch zurückzublicken: I don’t cry for Argentina, wenn ich mich dem Land auch selbstverständlich verbunden fühle. Ich muss dazu sagen, dass meine Großeltern einst – und sie kamen aus Spanien, Italien, dem Libanon, um nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Heimat zu finden – als Immigranten immer gelitten und sich nach ihrem früheren Zuhause gesehnt haben. Wenn meine Frau und ich – ihre Vorfahren sind spanisch und italienisch – jetzt nach Europa gekommen und halbe Europäer geworden sind, ist das quasi eine Rückkehr in der nächsten Generation.

Sie haben von Ihren Kindern gesprochen: Zeigen diese Interesse daran, selbst Musiker zu werden?

Mein ältester Sohn ist schon erwachsen, er ist 22, lebt in London und will Schauspieler werden, so wird man vielleicht von Ben Cura noch hören. Meine Tochter ist 15 mit allen Interessen einer Fünfzehnjährigen, und mein jüngster Sohn ist 12, da liegt das Hauptinteresse derzeit auf Fußball. Ich habe immer dafür gesorgt, dass meine Karriere mein Familienleben nicht auffrisst – ich will nie viel länger als eine Woche von zuhause weg sein, dann komme ich für ein paar Tage zurück, auch wenn ich solcherart viel Zeit im Flugzeug verbringe. Und es hat mich schon viele Engagements gekostet, weil die Bedingung war, dass ich mich zwei Monate ohne Unterbrechung in einer anderen Stadt aufhalte, und das habe ich einfach nicht getan.

Letzte Frage: Was bedeutet Ihnen die Wiener Staatsoper?

Das muss man von zwei Seiten her sehen. Es gibt hier ein besonderes Publikum, mit dem man quasi eine eheähnliche, lebenslange Beziehung eingeht. Wenn sie einen kennen und mögen, dann interessieren sie sich für alles, was man tut, für jede neue Rolle, für jeden Abend. Sie wissen, was man kann, erkennen, wenn man einmal sehr gut war, sind nicht böse, wenn es einmal nicht perfekt war. Man muss sozusagen nicht immer wieder von Null beginnen, man kann auf diese Beziehung zum Publikum aufbauen, und das ist für einen Sänger sehr schön. Andererseits hat das Haus einen Repertoirebetrieb, in den man mit seinen Rollen immer wieder hineinspringt. Ich singe hier seit dem November 1996, als ich als Cavaradossi hier debutiert habe, und seither habe ich hier viele Rollen gezeigt, hatte aber nur eine einzige Premiere an diesem Haus – und das war der „Le Villi“-Einakter. Ich hoffe also, dass die künftige Direktion, wenn sie neue Produktion von „Othello“ und „Samson und Delilah“ macht, dies mit mir tut. Das wäre ein Wunsch und ein Ziel, die ich hiermit ebenso deponieren möchte wie den Don Giovanni…

 

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Wien, 2010.09.05 22:29:54