DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 02/2002: Heinz FRICKE, Ein Leben für die Oper

Ein Leben für die Oper
Interview mit Generalmusikdirektor Heinz Fricke (erschienen anlässlich seines 75. Geburtstages am 11. 02.2002)

Nicht aufgrund seiner Körpergröße von 1,68 Meter, aber aufgrund seiner beruflichen Fähigkeiten und Erfolge darf er als ein Großer seiner Zunft bezeichnet werden: Heinz Fricke, der am 11. Februar 1927 in Halberstadt (dort Ehrenbürger seit 1990) geboren wurde und daher in diesen Tagen allen Grund zum Feiern hat, gehört seit Jahrzehnten (national wie international) zu den gefragtesten Operndirigenten.
Sein Opernrepertoire umfasst 180 Werke!
Nach Festengagements in Halberstadt, Leipzig, Schwerin, Berlin und Oslo ist er seit 1992 „Music Director“ der Oper in Washington, was in unseren Breiten dem GMD entspricht.
Gastdirigate führten Fricke u.a. an die Staatsopern von Wien (hier mehrfach „Fidelio“), München, Dresden und Hamburg (zuletzt „Holländer“ 2001), an die Covent Garden Opera London sowie nach Köln, Düsseldorf, Duisburg, Hannover, Chemnitz (Wiedereröffnung des Opernhauses 1992 mit „Parsifal“), Innsbruck, Zürich, Basel, Lausanne, Prag, Moskau, Stockholm, Kopenhagen, Rom („Parsifal“ mit Domingo), Madrid, Barcelona, Lissabon, Buenos Aires, Rio de Janeiro, San Diego und an die Deutsche Oper Berlin („Elektra“).
Dabei stand bei Abschluss seines Studiums an der Musikhochschule Weimar (bei Herrmann Abendroth) 1950 noch gar nicht fest, ob er nun Dirigent oder doch lieber Berufspianist werden sollte. Die seit 1946 gesammelten Berufserfahrungen als Solorepetitor und Kapellmeister in seiner Heimatstadt brachte dann aber den Ausschlag. Deshalb ging er als 1. Kapellmeister an die Städtische Oper Leipzig, die damals im Ausweichquartier „Dreilinden“ spielte. Daneben leitete er ab 1957 den Gewandhauschor, bevor er 1960 als Nachfolger von Kurt Masur GMD in Schwerin wurde.
Das Kapitel Berlin begann für Fricke nicht erst 1961 mit seinem 31-jährigen Wirken als GMD an der Deutschen Staatsoper Berlin: Bereits im Admiralspalast dirigierte er als Assistent Erich Kleibers das italienische Repertoire. (Debüt 1952 „Tosca“ mit Erich Witte) Da er 1955 im Gegensatz zu Horst Stein den unterschriftreifen Folgevertrag nicht rechtzeitig unterschrieben hatte, wurde ihm die plötzliche Absage Kleibers an die im Stammhaus wiedereröffnende Staatsoper zum Verhängnis und Berlin schien für ihn erledigt zu sein. In der personellen Notlage des Mauerbau-Jahres 1961holte ihn dann die Staatskapelle Berlin (mit seinem ehemaligen Gewandhauschef Franz Konwitschny an der Spitze) gegen Widerstände von oben nach Berlin zurück, wo er bis zum Eintritt ins Rentenalter 1992 fest verpflichtet blieb und auch weiterhin wohnt.
Jahrelang war Fricke hinter dem geschäftsführenden GMD Otmar Suitner der zweite Mann des Hauses, was Vor- und Nachteile mit sich brachte, wie er freimütig einräumt: Einerseits blieb ihm so Freiraum zum Gastieren, sodass er in manchem Jahr mehr im westlichen Ausland dirigierte als in Berlin. Andererseits blieben die großen Premieren der Klassiker nicht selten seinem „Chef“ vorbehalten, auch wenn Fricke im Repertoire fast alles nachdirigierte. Zudem brachte er hier in 30 Jahren immerhin 37 Premieren heraus (30 Opern von 24 Komponisten), wobei neben den gängigeren Werken etwa von Auber, Donizetti, Lortzing, Wagner, Verdi, Gounod, Bizet und Mussorgski die zeitgenössische Oper einen breiten Raum einnahm: Werke von Prokofjew, Schostakowitsch, Wagner-Regeny, Cerha, Ernst-Herrmann Meyer, Alan Bush, Günther Kochan oder Siegfried Matthus erlebten so unter seiner Stabführung ihre Erst - bzw. Uraufführungen. Gerne denkt er an die „herzliche Zusammenarbeit“ mit Dimitri Schostakowitsch zurück, der persönlich nach Berlin kam, um den Entstehungsprozess seiner „Katherina Ismailowa“ zu begutachten. Ihm zu Ehren setzte die Staatsoper eine Wiederaufnahme der „Nase“ unter Frickes Leitung an, und der Komponist war tief gerührt, nach 40 Jahren seine (in der UdSSR jahrelang verbotene!) Oper wieder auf der Bühne erleben zu dürfen.
Angebotene Chefpositionen in Hamburg, Mannheim und München (Rundfunksinfonieorchester) musste er in jenen Jahren auf staatlichen Druck hin ablehnen, und 1984 verlor er sogar seine Professur an der Berliner Hochschule für Musik, die er seit 1964 inne hatte, weil ein wichtiger Schüler von ihm der DDR den Rücken kehrte.
Einen Ausgleich dafür bot die Übernahme des Postens des Musikdirektors der Norske Opera in Oslo (1984 – 90), wo er seit 1980 und auch nach seiner Festverpflichtung gastierte. Dem in den Neunziger Jahren geschmiedeten „Ring“ soll 2003 ein „Lohengrin“ folgen.
Waren anfänglich Verdi und Puccini seine Favoriten, stellte sich im Laufe der Jahre jedoch immer stärker heraus, dass das deutsche Fach (v.a. Wagner und Strauss) sein Schicksal werden sollte. So führte letztlich auch sein „Holländer“-Gastdirigat 1992 in Washington zu der Festverpflichtung, die bis heute andauert und ihm die Wahrnehmung anderer Angebote (auch des schon vereinbarten Gastvertrages mit der Berliner Staatsoper ab 1992) zumeist unmöglich macht.
In Washington fühlt Fricke sich nach eigener Aussage „sauwohl“. Deshalb hat er seinen Vertrag auch bis 2005 verlängert. Erfolgreichen Produktionen wie „Tiefland“, „Tristan und Isolde“, „Sly“ (mit Carreras) und „Parsifal“ (mit Domingo) sollen noch viele weitere folgen. („Fidelio“, „Die Walküre“, „Aida“, „Ariadne“ u.a.)
Den 11. September 2001 erlebten die Frickes hautnah in Washington, etwa 1 km Luftlinie vom Pentagon entfernt. Natürlich haben diese Ereignisse in der US-amerikanischen Hauptstadt tiefe Spuren hinterlassen. Noch nie, so Fricke, habe er einen solch kollektiven Schockzustand erlebt wie in jenen Tagen. Interessanterweise fiel in Washington (ganz im Gegensatz zu Berlin) aber deshalb nicht eine einzige Vorstellung aus. „Cosi fan tutte“ wurde planmäßig weiter gespielt, und die Leute kamen auch. Vielleicht, so Frau Fricke, wollten die Hauptstädter so ihren festen Willen dokumentieren, sich von Niemandem unterkriegen zu lassen.
Als Placido Domingo 1996 „Artist Director” der Washingtoner Oper wurde, erklärte er in Sachen Fricke: „Er bleibt mein Musikdirektor!“ Seitdem verbindet beide eine tiefe Freundschaft, die über die gemeinsamen „Parsifal“-Aufführungen in London, Rom und Washington weit hinaus geht. So hat Fricke keinen der letzten Berlin-Auftritte Domingos verpasst. Er bewundert nicht nur dessen stimmliche Qualitäten, sondern auch dessen umfangreiches Arbeitspensum.
Im Frühjahr dirigiert er in Washington eine neue „Pique Dame“ mit Domingo als Herrmann. Anschließend steht er in Japan bei Domingos (angeblich) letzten Otello-Auftritten am Dirigentenpult.
Zuvor kommt aber in Washington noch die neue „Salome“ heraus, bei der Frickes langjähriger Freund René Kollo sein Rollendebüt als Herodes geben wird. Schon sein Tristan-Debüt hatte Kollo unter dem Dirigenten Heinz Fricke gegeben: Das war 1980 in Zürich; Hildegard Behrens gab gleichzeitig ihr Debüt als Isolde – die Premiere wurde ein ungeheurer Erfolg!
Anschließend holte er Kollo gastweise als Parsifal an die Berliner Staatsoper und band ihn Wie andere westdeutsche Sangesgrößen (Kurt Moll, Franz Grundheber) in die dortige Ensemblearbeit ein.
Beim Erinnern an das ehemalige Solistenensemble der Deutschen Staatsoper Berlin gerät Fricke noch immer ins Schwärmen: International heiß begehrte Größen wie Anna Tomowa-Sintow, Anneliese Buhrmeister, Peter Schreier, Spas Wenkoff, Ekkehard Wlaschiha oder Theo Adam (um nur einige zu nennen!) waren hier fest am Haus engagiert und standen für regelmäßige Auftritte in einer Vielzahl unterschiedlicher Rollen und eine kontinuierliche Ensemblearbeit zur Verfügung. Das war schon eine besondere Qualität, sagt Fricke. „Und was wir für ein Repertoire hatten, das konnte sich schon sehen lassen!“
Freilich haben sich die Zeiten inzwischen aber gründlich geändert, in vielerlei Hinsicht. Daher ist auch die Frage, ob dieses einzigartige Ensemble über die Wendezeit hinaus hätte erhalten werden können oder müssen, heute nur sehr schwer zu beantworten.
Letztlich ist Heinz Fricke (der ebenso die Ehrendoktorwürde zweier amerikanischer Universitäten verliehen bekam wie 1999 aus den Händen von Roman Herzog das Bundesverdienstkreuz) glücklich und dankbar für seine 56-jährige Dirigentenlaufbahn und (fast) alles, was er dabei erleben durfte. In Amerika genießt er heute besonders die offene Herzlichkeit der Menschen untereinander sowie den dortigen, sich dem allzu rasch voranschreitenden „Regie-Fortschritt“ verweigernden Opernbetrieb. Erst kürzlich wünschte sich Domingo von ihm, gemeinsam in Washington „Das Land des Lächelns“ zu machen. Und wenn seine Gesundheit weiterhin so gut mitspiele, ergänzt der Jubilar lächelnd, möchte er sich noch viele Jahre der Oper mit ganzer Kraft widmen.

Nachbemerkung: Ich habe Heinz Fricke viele der schönsten und prägendsten Opernerlebnisse meines Lebens zu verdanken. Und spätestens seit meinen Washingtoner „Parsifal“-Besuchen im Herbst 2000 (vgl. „Merker“ 2/2001) habe ich die Gewissheit, dass Qualität sich auch unter veränderten Bedingungen durchsetzt und eine kontinuierliche Orchestererziehung mit großartigen Ergebnissen möglich bleibt.
Er ist der Wagner -Dirigent meines Lebens, vielleicht überhaupt mein Operndirigent Nummer 1!
Für die vielen unvergesslichen Vorstellungen, die mit seinem Namen verbunden sind, und für die Gewährung diese Interviews möchte ich noch einmal aus vollem Herzen Dank sagen und ihm weiterhin frohes Schaffen wünschen !!! Ivo Zöllner
(erschienen in: „Der Neue Merker“, Heft Februar 2002)

 

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Wien, 2010.09.05 21:50:50