"Dieses Haus braucht eine gute Ortrud"
Sie ist eine überaus vitale Erscheinung. Judit Nemeth, die neue Ortrud der diesjährigen Bayreuther Festspiele. Und das ist auch das große Thema, ihr Thema: die Bayreuther Festspiele. "Ich habe nie von der Met geträumt, sondern immer von Bayreuth",
bekennt die gebürtige Ungarin offenherzig. Dass sie jetzt bereits im vierten Jahr diesen Traum leben darf, erscheint ihr immer noch wie ein kleines Wunder.
An der Staatsoper in Budapest hat sie sich mühsam emporgesungen, sich immer größere Partien erkämpft. Zuletzt
glänzte sie als Fricka in einem über die Landesgrenzen hinaus beachteten "Ring". Schon als Jugendliche kam sie mit Bayreuth
in Berührung. "Parsifal" mit Peter Hofmann in der Titelrolle war die prägende Erfahrung für die heranwachsende Sängerin. "Neben Bach und Mahler ist es vor allem Wagner, der eine unerklärliche Wirkung auf mich hat. Wenn ich hier singe, ist das keine Arbeit, sondern eher ein Dienst, den Menschen etwas von dem zurückzugeben, was Wagner für uns geschrieben hat."
Dazu kommen für Nemeth noch die besonders angenehme und intensive Atmosphäre im Festspielhaus und die Akustik: "Einmalig, einmalig", findet die so ungemein enthusiastisch wirkende Sängerin. Und so sprudelt sie sie heraus, die Bayreuth- und Wagner-Begeisterung, die in dieser Herzlichkeit, na, sagen wir's mit Nemeths Wort, "einmalig" ist. Der entscheidende Termin war für sie das Vorsingen im Sommer 1999, dem Jahr der "Lohengrin"-Premiere. "Alle waren so unglaublich nett. Ich fühlte mich gleich aufgehoben." Und später folgt das ultimative Bekenntnis: "Alles Gute, was mir als Opernsängerin passiert ist, ist mir hier in Bayreuth passiert. Wenn man so viel vom Haus bekommt, muss man über die Musik etwas zurückgeben."
Die Möglichkeit dazu bot sich für Judit Nemeth zunächst als Waltraute und 3. Norn im Flimm-"Ring", bis unverhofft jenes Rollenangebot folgte, das ihr bis zur Premiere den Schlaf raubt: Ortrud. "Dieses Haus braucht eine gute Ortrud." Und damit meint sie in der Tat das Festspielhaus und nicht sich selbst. Selbstbewusst ist sie, aber Selbstüberzogenheit gehört zweifelsohne nicht zu ihren Eigenschaften. Deshalb grübelte Nemeth lange über das unerwartete Angebot, probierte herum, sagte erst nach zwei Monaten Bedenkzeit zu.
Vielleicht ist es gerade dieses Zögern, das genaue Abwägen der eigenen Stärken und Schwächen, das die eigentlich gar nicht zögerlich wirkende Ungarin so weit nach vorne gebracht hat. Denn dass ihre Karriere nicht nur steil und geradlinig nach oben verlief, verhehlt Judit Nemeth keineswegs. "Ich hatte nach meinem Diplom eine harte Zeit, musste mich komplett umstellen." Erst als aktive Solistin fand sie unter Anna Reynolds zu voller stimmlicher Blüte und zurück zu jener Schwärmerei für ihren Beruf, die heute so ungemein ansteckend wirkt.
Und erst recht wenn es um die Arbeit an der neuen Rolle geht. "Als Ortrud gebe ich mein Rollendebüt. Und das hier in Bayreuth", wie sie mit Kind-unter-dem-Weihnachtsbaum-Glanz in den Augen gesteht.
Akribisch hat sie sich mit der psychologischen Seite dieser Figur, ihrer Ortrud, auseinander gesetzt. Intensive Proben und endlose Gedanken. Sie spricht von der Vielschichtigkeit dieser Frau, spricht von der Ehe und unerfüllten Liebe zu Telramund und ihrer Beziehung zu Elsa.
Fast so, als müsste sie Ortrud verteidigen oder zumindest Mitleid für sie erlangen. Und doch ist hinter allen wichtigen Worten um das Rollenprofil die immens hohe Belastung im Vorfeld des Bayreuth-Debüts zu spüren gewesen, die Nemeth, wohltuend ehrlich, erst gar nicht durch die branchenübliche Coolness vieler Kollegen zu überspielen suchte. "Oh ja, ich bin schrecklich nervös. Ich übe jeden Tag", sagte sie vor ihrem so erfolgreichen Debüt. Bleibt zu wünschen, dass ihr Traum noch lange so schön bleibt.
