DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 08/2003: Robert Dean SMITH, "Ich brauche Atmosphäre"

Stimmwechsel sei Dank: Robert Dean Smith verriet beim Kamingespräch
das Geheimnis seines Erfolgs


"Versuchung" - Robert Dean Smith, der bei den Festspielen 2005 in die Rolle des Tristan schlüpfen wird, stockt: Der englische Begriff liegt ihm auf der Zunge, geht ihm jedoch nicht über die Lippen. Dem kurzen, Hilfe suchenden Blick zur Dolmetscherin hinter ihm folgt ein verschmitztes Lächeln, als die ihm prompt souffliert. Dass ihm als Amerikaner englische Wörter fehlen, scheint ihn nicht sonderlich zu berühren. Dass man sich im Auditorium, einschließlich der drei mit am Tisch sitzenden Herren Andreas Lösch, Steward Emmerson sowie Florian Eickelberg, darüber köstlich amüsiert, allerdings auch nicht. Man wird das Gefühl nicht los, als ob Smith nichts so leicht aus der Ruhe bringt.

Das ist vielleicht auch die Erklärung dafür, warum Smith im "späten" Alter von 30 Jahren das Risiko einging,
sein Stimmfach zu wechseln. Denn die Folgen dieser Entscheidung waren für ihn, wie er selbst bemerkte, "nicht abzuschätzen". Andererseits hat er den Wechsel vom lyrischem Bariton hin zum
Tenor penibel vorbereitet und war sich nach einer selbst gesetzten Frist von zwei Monaten Probezeit sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn die Schwierigkeiten, mit denen er als Bariton zu kämpfen hatte, waren in der Tenorlage plötzlich nicht mehr existent. Und das berühmt-berüchtigte Passagio war für ihn "reine Übungssache".

Disziplin ist alles

Womit Smith bei einem Punkt ist, den er, für den wichtigsten hält, wenn man wirklich vorhat, die Berufung Sänger zum Beruf zu machen. "Disziplin ist
alles. Nur so kann man Erfolg haben. Talent nützt wenig, wenn es an Disziplin fehlt", so Smith. Für ihn bedeutet das, vier, fünf Tage vor Vorstellungen kein Alkohol und regelmäßig, das heißt täglich, Stimmübungen.
Disziplin bewahren heißt es jedoch auch, zumindest Smith sieht das so, im Wahrnehmen von Terminen. Ihm "reichen rund 40 pro Jahr, mehr möchte ich meiner Stimme nicht zumuten". Dazu gehört auch, den Stimmbändern genügend Zeit zur Erholung einzuräumen. Denn diese sind schließlich sein Kapital.

Auch wenn auf dem Weg zum Sänger natürlich auch eine Portion Glück ganz nützlich sein kann, ist Smith der
Ansicht, das allein Übung der ausschlaggebende Faktor ist. Denn "was bringt es, wenn man eine große Chance bekommt und kann sie nicht nützen,weil man nur schlecht vorbereitet ist"?

Er hat seine Chance genutzt, als er 1997 als so genanntes "Cover" für den indisponierten Peter Seiffert in Wolfgang Wagners "Meistersinger"-Inszenierung einsprang. Er war zwar damals "vorgewarnt" worden, doch dann verlief zunächst einmal alles in gewohnten Gleisen. Als dann gegen 22 Uhr "wider Erwarten" Wolfgang Wagner
bei ihm auftauchte und alles plötzlich sehr schnell gehen musste, war er, "trotz zehn Stunden Wartezeit", vorbereitet.
Überrascht zeigte sich damals allein Daniel Barenboim am Pult des Festspielorchesters, der den Wechsel nicht mitbekommen hatte und mit dem Vorspiel zum dritten Aufzug begann, jedoch abbrechen musste, als auf einmal Wolfgang Wagner auf der Bühne
stand, um Smith's Einsatz anzukündigen.
Das war für ihn, wie er auf Rückfragen des Auditoriums bestätigte, der internationale Durchbruch, da es bei dem einmaligen Auftritt nicht blieb: Peter Seiffert musste auch die übrigen Vorstellungen absagen. Dass er damals seine verständliche Nervosität unter Kontrolle halten konnte, hält Smith,
wie könnte es auch anders sein, seiner peniblen Vorbereitung zugute.

Natürlich ist er auch heute noch vor seinem Auftritt als Siegmund nervös, doch "das gehört im positiven Sinn
dazu. Denn daraus ziehe ich meine Inspiration."

Ein Bühnenbild hilft
Wichtig ist ihm zudem ein Bühnenbild, das Hilfestellung zur Gestaltung der geforderten Figur geben kann. "Nichts ist schlimmer für mich, als mich auf der Bühne in einem leeren Raum zu bewegen. Ich brauche Atmosphäre", so Smith. Die erhofft er sich auch von Christoph Marthaler, in dessen Neuinszenierung von "Tristan und Isolde" er 2005 den Tristan übernehmen
wird. Den kennt er zwar nicht, sieht aber darin kein Hindernis. Man wird miteinander auskommen, davon ist er überzeugt.

Vertrauen in Fähigkeiten
Diese positive Grundhaltung, die auf "hartem Üben" beruht, ist es auch, die den Erfolg bringt. Und ganz pragmatisch, auf gezieltes Nachfragen aus dem Auditorium: "Suchen Sie sich eine Person Ihres Vertrauens, die Ihnen sagt, wo Sie stehen, was Sie gut und schlecht gemacht haben. Und suchen Sie sich einen guten Agenten, der Sie zu Vorsingen bringt. Vertrauen Sie nicht auf den Zufall oder das Glück, vertrauen Sie auf Ihre eigenen
Fähigkeiten, dann stellt sich eine glückliche Fügung meist von selber ein." Wie man an ihm wohl am besten sehen kann. Denn das musste Smith im Rückblick selbst einräumen.

 

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Wien, 2010.09.05 22:25:17