MIHOKO FUJIMURA – Fricka und Waltraute aus Japan!
Anlässlich Ihrer Mitwirkung als Fricka und Waltraute am Wiener Ring des Nibelungen konnte ich Anfang Oktober in der Staatsoper Mihoko Fujimura interviewen. Schon zu Saisonbeginn hatte sie hier mit ihrer Brangäne brilliert. Die äußerst sympathische junge Mezzosopranistin aus der Umgebung von Nagoya wohnt in München und spricht gut deutsch, bei ihrer exzellenten Diktion in ihren Wagnerrollen ja fast zu erwarten.Graz stand am Anfang ihrer Karriere. Graz war ihr erstes Festengagement, von 1995 bis 2000. Sie war ganz überrascht zu hören, dass ich ihr Rollendebüt als Rheingold-Fricka in Graz miterlebte, in der Inszenierung von G. Jäkel am 20. Februar 2000. Innerhalb kurzer Zeit erreichte sie einen fast kometenhaften Aufstieg als Fricka, Erda und Waltraute an ganz grossen Häusern wie Bayreuth, Wien, der Deutschen Oper Berlin, München, Stuttgart, Köln, Maggio Musicale Florenz, natürlich auch New National Theatre Tokyo u.a.. Doch schon bei den Bayreuther Festspielen 1995 war sie als Cover für die Brangäne verpflichtet, nachdem sie mehrere erste Preise bei internationalen Musikwettbewerben (München, Bilbao, Strasbourg „Wagner-Stimmen“, Barcelona) erhalten hatte. Sie sang dann in Graz 22 Partien und hatte mit der Venus ihr Haus- und Rollendebüt! Dazu kamen also die beiden Fricka-Rollen, Siegfried-Erda, Waltraute, Azucena, Suzuki, Carmen, Dorabella, Rosina, u.a. Man darf wohl sagen, dass sie in Graz ihre erste Sänger- und Bühnenerfahrung gemacht hat.
Wie fing alles an? Ja, ganz klein und sehr früh: „Als ich klein war, so vier oder fünf, habe ich unermüdlich gesungen, immer gesungen, gesungen, gesungen... aus lauter Freude daran. Dann den ganzen Weg zur Grundschule, 40 Minuten hin und 40 zurück, auf dem es fast keinen Menschen, nur viele Autos gab, habe ich gedichtet, komponiert und gesungen, aus freien Stücken!“ Ein wichtiger Antrieb für ihre frühe Begeisterung für klassische Musik war aber ihr sechs Jahre älterer Bruder, der täglich sechs Stunden am Klavier übte. So hat sie alle Stücke von Chopin, Liszt, Beethoven und anderen kennen gelernt, ohne ihre Titel zu wissen. „Danach hatte ich mit etwa 10 Jahren schon das absolute Gehör“. Der Bruder brachte sie daraufhin zu einer Gesangslehrerin, und von da an nahm sie privat Gesangsunterricht. 1985 ging es auf die Musikhochschule in Tokio, und dann kam ihre grosse Chance: Die Sony Music Foundation suchte 1989 JapanerInnen für die von Hans Hotter geleitete Meisterklasse für deutsche Lieder im Münchner Gasteig. Sie wurde eingeladen.
Ihre Lehrer. Ihre erste Lehrerin war die japanische, bereits verstorbene Mezzosopranistin Kimura, eine Opern- und Liedsängerin. Als Mihoko 1991 erneut an der Meisterklasse von Hans Hotter teilnahm, empfahl er ihr - von ihren Fortschritten in den zwei Jahren beeindruckt - Prof. Josef Loibl in München als Gesangslehrer. So nahm sie 1992 ihr Studium an der Musikhochschule München auf. Dankbar berichtet sie über ihre Orientierung durch Prof. Loibl, bei dem sie heute noch Unterricht nimmt. Bei ihm traf sie auch Violetta Urmana.
Wie kam sie zu Richard Wagner? Das war wohl von Anfang an reine Begeisterung und hat auch etwas typisch Japanisches. „In jeder Pause in der Musikhochschule Tokio ging ich in die Bibliothek, um Laserdisks anzuschauen und CDs zu hören. Dann kam die Ankündigung einer Aufführung der Meistersinger auf Leinwand. Das war mein erster visueller Kontakt mit Wagner – ich war begeistert, wie anders war es doch als auf der CD!“ Dann kam die Wiener Staatsoper mit Tristan und Isolde nach Japan, und sie erlebte zum ersten Mal eine Wagneroper live. „Es war wie ein roter Faden; ich kann nur sagen, dass das Gott so wollte.“ Zum Glück der internationalen Wagner-Gemeinde! Aber auch Verdi liebt sie sehr: „Azucena und Eboli habe ich gesungen mit voller Wonne!“.
Der Liedgesang: Mihoko Fujimura liebt auch den Liedgesang. Schubert, Schumann, Brahms, Mahler, Richard Strauss sind die wichtigsten Stützen eines über 100 Lieder zählenden Repertoires. „Die Japaner wollen immer die Wesendonck-Lieder von mir!“
Gibt es Lieblingskomponisten oder -rollen? „Bei mir gibt es weder das eine noch das andere. Das, was ich gerade singe, liebe ich sehr“. Eine äußerst professionelle Einstellung, mit der sie stets ihr Bestes zu geben vermag, wie man ja immer wieder erlebt. Auch nennt sie keine Vorbilder, aber irgendwie scheint sie doch Christa Ludwig zu beeindrucken, vor allem ein Satz in ihrer Biografie: „Man muss Mut haben, Nein sagen zu können“.
Wie sieht sie die Fricka und die Waltraute? „Bei mir kommt in erster Linie immer der Text. Fricka ist eine unglaublich kluge Frau mit hoher Intelligenz und Würde. Sie weiss alles über Wotan, hat aber dennoch Achtung und Respekt vor ihm. Auch er achtet sie noch mit Respekt“. Die Waltraute hingegen, und das hat sie am 5. Oktober wieder auf der Bühne der Staatsoper gezeigt, müsse klar machen, dass sie unter dem Druck der nahenden Katastrophe zu Bruennhilde kommt, das sei nicht nur eine Erzählung. Sie müsse dem Publikum und der liebestrunkenen und damit für die Realität tauben Bruennhilde klar machen, dass das Ende bevor steht. Waltraute müsse ein Bild von der Bedrohung geben, „was Waltraute singt, muss wie ein Bild sichtbar werden, und das muss auch das Publikum sehen können. Um Brünnhilde zu bewegen, muss Waltraute sehr aufdringlich sein.“
Was bedeutet es für sie, in Japan, Wien und Bayreuth aufzutreten? In Japan fühlt sie sich als Vermittlerin zwischen der vorherrschenden Meinung, dass Opern so wie auf den dort so beliebten Laserdisks und DVDs, also eher „traditionell“ aufgeführt werden müssen, und den moderneren Produktionen in Westeuropa. Hier will sie etwas von ihrer Erfahrung einbringen, um „nur“ traditionelle Vorstellungen zu verändern. Als Referenz für den neuen Wagner in Japan gilt für sie der Ring von Keith Warner, der gerade am New National Theatre Tokyo entsteht. Mit Freude teilt sie mit, dass der frühere Produktionsleiter der Wiener Staatsoper, Thomas Novohradsky, am 1. Oktober 2003 das Amt des Künstlerischen Direktors an diesem Hause angetreten hat. Wien? „Möchten Sie die Wahrheit wissen? Ich liiiebe Wien! Ich fühle mich hier auch deshalb so wohl, weil ich so richtig als Künstlerin behandelt werde, da ist die besondere Atmosphäre in der Oper. Und die Autogrammjäger, nicht nur nach der Vorstellung, sogar vor der Probe, unglaublich!“ An der Wiener Staatsoper debütierte sie mit Brangäne (Everding, Bychkov) und sang hier neben ihren Wagnerpartien auch die Azucena. Bayreuth? „Ich bin ein Naturmensch. Bayreuth ist das einzige Haus, wo man das Fenster aufmachen kann, und riesige Kastanien und blühende Hügel sieht mit der fränkischen Schweiz im Hintergrund, das ist eine fantastische Ruhe. Und die Atmosphäre, die Akustik, ich kann mit jedem Konsonanten, jedem Piano, jedem Klang „spielen“, es ist unglaublich! Wenn man in Bayreuth einmal gesungen hat, weiss man erst, was Wagner gemeint hat, man muss nicht brüllen!“ Und als begeisterte Rennradfahrerin hat sie während der Probenzeiten schöne Strecken entdeckt, die ihr Ausgleich und Entspannung bringen. Also ist Bayreuth auch etwas Besonderes für Mihoko.
Was bedeutet für sie das moderne Regietheater? „Ich sage nicht von vornherein nein, ich frage warum, und dann diskutiere ich. Wenn ich nicht die Beweggründe des Regisseurs kenne, kann ich es auch nicht vermitteln“. Dabei will sie stets flexibel sein, um sich für Neues zu öffnen. „Ich interessiere mich sehr für Gemälde, Schauspiel, Film und Literatur.“ Daraus bezieht sie Bilder, die ihr bei der Rolleninterpretation helfen. Sie regen ihre Fantasie an, die sie ihre Rollen und auch unterschiedliche Sichtweisen von Regisseuren verstehen lassen. „Das ist wie der Maler, der viele Farben hat und sie mischen kann. Ich möchte viele viele Farben haben!“
Ihr Credo: „Mein Hauptanliegen ist, dass ich meiner Stimme treu bleibe. Wenn ich versuche und wünsche, dass ich immer besser werde, dann kommt es so, und so ist es bisher immer gelaufen. Das nennt man auch Glück, und ich bin dankbar, dass ich soviel Glück gehabt habe.“ Als sie noch Studentin war, hörte August Everding sie bei einer Probe und wollte sie als Kundry für eine Neuinszenierung des Parsifal haben. Bevor sie überlegen konnte, und sie hielt die Kundry schon damals für eine Traumrolle, war er unerwartet gestorben. Nun hat sie die Kundry dieses Jahr zum ersten Mal und mit grossem Erfolg gesungen, an der Deutschen Oper Berlin. Auf der anderen Seite wurde sie vor etwa fünf Jahren beim Duschen angerufen, um sofort für Marjana Lipovsek als Brangäne in einer Tristan-Produktion von Peter Konwitschny einzuspringen. „Als ich mit noch nassen Haaren zur Orchesterprobe kam, standen da Waltraut Meier, Siegfried Jerusalem, Bernd Weikl und Kurt Moll!“ Und noch eine Anekdote: Ihren ersten Ring sah sie in Tokio bei einem Gastspiel der Deutschen Oper Berlin mit der schon legendären Goetz Friedrich Produktion. Mit fast mädchenhafter Begeisterung erzählt sie, dass sie damals im Freien übernachtete, um morgens eine preiswerte Karte zu ergattern. In eben diesem Ring hat sie dieses Jahr gesungen. „Das war für mich sensationell und nahezu unfassbar!“ Mit ihrer Fricka in der Walküre in München erhielt sie schliesslich den „Stern der Woche“ der Münchner Presse.
Was sind ihre weiteren Pläne und Auftritte? Sie würde gern Sesto, Orlovsky, Octavian und Amneris singen. Idamante singt sie in Tokio, worauf sie sich sehr freut. Fest geplant sind die Waltraute beim neuen Ring von Keith Warner 2005 an Covent Garden und Brangäne in Dresden im Januar 2004 und in Genf 2005. Beide Frickas, Erda und Waltraute kommen an der Deutschen Oper Berlin, im Dresdner Ring, eben dort die Brangäne im Januar und Oktober 2004, wie auch in Wien im Mai 2004. Im Januar/Februar 2004 singt sie wieder im Ring in München, und sie wird auch bei den Bayreuther Festspielen 2004 auftreten. Im gleichen Jahr wird sie in der Götterdämmerung in Tokio als Waltraute zu hören sein. In Paris am Théatre du Chatelet stehen Rheingold und Walküre im Oktober 2005 an, in der Zürcher Produktion von Robert Wilson.
Der Neue Merker wünscht der sympathischen und so bescheidenen Sängerin alles Gute auf ihrem weiteren und viel versprechenden Weg! Klaus Billand
