Der Dirigent und Pianist Ira Levin, Musikdirektor des Theatro Municipal von Sao Paulo, Brasilien – „Ich muss die Ohren öffnen für Musik, nicht für Politik!“
Anlässlich der erstmaligen Aufführung einer Oper von Leos Janacek in Brasilien, der Jenufa (s. Merker 10/2003) hatte ich im August die Gelegenheit, den sympathischen Amerikaner aus Chicago in Sao Paulo zu interviewen. Er hat das Orchester des Theatro Municipal in nur eineinhalb Jahren zu neuer Blüte gebracht.
Ira Levin, der im März 2002 die künstlerische Leitung des Theatro Municipal de Sao Paulo und das Chefdirigat des dortigen Orquestra Sinfônica Municipal übernommen hat, war von 1985 bis 2002 18 Jahre lang in Deutschland tätig, zunächst an der Oper Frankfurt, von 1988-1996 als Chefdirigent der Oper Bremen und schliesslich bis 2002 in dieser Funktion an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg. Er ist ihr auch heute noch als Haupt-Gastdirigent verbunden. In Linz dirigierte Levin 1999 einen Fliegenden Holländer und im Jahr darauf die Saison-Eröffnungspremiere Hoffmanns Erzählungen. Im März 2002 übernahm er ohne Probe und nach nur wenigen Stunden Vorankündigung für Semyon Bychkov eine Tristan-Aufführung bei den Dresdner Opernfestspielen. Die Süddeutsche Zeitung schwelgte in höchsten Tönen von der Qualität der Aufführung, zollte Levin ein Bravo und bescheinigte ihm hohes künstlerisches Niveau. Nur zwei Tage darauf wiederholte er diesen Erfolg mit einem Einspringen für Marc Albrecht in der Frau ohne Schatten!
Die Anfänge: Mit 18 bis 26 studierte er Klavier bei dem bekannten Kubaner Jorge Bolet am Curtis Institute of Music in Philadelphia, dessen Lehr-Assistent er wurde. Mit 20 gewann Levin bereits den 1. Preis des Amerikanischen Chopin-Wettbewerbs. Er ging sodann auf Konzert-Tourneen in den USA, Südamerika, und Europa und ist auch heute noch als Konzertpianist tätig, mit einem weit gespannten klassischen Repertoire. Mit 26 Jahren begann seine Laufbahn als Operndirigent in Europa, wo er auch als Dirigent und Solist mit Werken von Bach, Mozart und Beethoven auftrat. Mit seinen erst 45 Jahren hat er mittlerweile 68 Opern einstudiert, worunter sich die bedeutendsten Werke von Mozart, Verdi, Wagner und einige von R. Strauss befinden, also den Hausgöttern der Wiener Staatsoper! Aber er liebt auch Busoni, Martin (Der Sturm), Pfitzner, Prokofiev und Braunfels (Die Vögel), mit dessen Sohn ihn eine enge Freundschaft verbindet.
Erinnerungen an seine ersten Jahre als Operndirigent: Die Zusammenarbeit mit Ruth Berghaus unter Michael Gielen in Frankfurt kommt ihm sofort in den Sinn. Dort brauchte man einen guten Pianisten für die Stellproben des neuen Ring des Nibelungen. Er hat alle Proben über neun Wochen in den Jahren 1985/86 mitgemacht und kennt nun die Ring-Partitur in- und auswendig. Ja, man könnte ihn nachts wecken und er wäre gleich mitten drin! Nachdem er mir am Tag darauf in seiner Wohnung in Higienópolis, einem guten Wohnviertel von Sao Paulo unweit der Oper, spontan etwas aus dem Ring vorgespielt hat, habe ich daran nicht den geringsten Zweifel! Gern erinnert er sich aber auch an seinen Tannhäuser in Bremen und seine Tristan-Aufführungen in Düsseldorf und Dresden. Nicht unerwähnt bleibt auch eine Assistenz beim Ernani in Bregenz im Jahre 1987, wo er auch einmal als Dirigent für das Schlaue Fuechslein im Gespräch war. Sehr wichtig ist ihm schliesslich seine Beschäftigung mit dem unkonventionelleren Repertoire, allem voran mit der Jenufa, die er mit Sao Paulo bereits in der fünften Inszenierung dirigiert, nach Bremen (1991 zum ersten Mal), Essen, Kassel und Düsseldorf.
Wie kam er nach Sao Paulo? Das fand seinen Anfang im September 2001, als ihn der Stadtsekretär für Kultur nach zwei erfolgreichen Gast-Dirigaten fragte, ob er den damals verwaisten Posten des Musikdirektors am Theatro Municipal de Sao Paulo übernehmen wolle. So wurde er der erste Amerikaner in dieser Position an einem der vier großen Opernhäuser Südamerikas. Da die Oper von Sao Paulo der Stadt untersteht, und zumal in Brasilien, ist sie ständig politischen Veränderungen ausgesetzt, mit den entsprechenden - und oftmals mehr politischen als künstlerischen - Neubesetzungen. Unter der jetzigen Bürgermeisterin gab es zwei Jahre gar keinen Musikdirektor und davor einen meist abwesenden, was natürlich nicht ohne Folgen für die Kontinuität der Leistungskraft des Orchesters blieb.
Die Aufbauarbeit in Sao Paulo. So hatte Levin wichtige Aufbauarbeit mit dem Orchester zu leisten. Und ein wichtiger Anreiz schien ihm dabei zu sein, das Orchester mit neuen und bis dato ihm unbekannten Werken zu konfrontieren und daran zu alter Leistung und neuen Ufern zu führen. Die Motivation, die er damit wecken konnte, war offenbar gross: Seit seiner Übernahme des Hauses brachte er viele bedeutende Konzertstücke zu ihrer brasilianischen Erstaufführung, so die 3. und 5. Symphonie von Carl Nielsen, das Chorwerk der 100. Psalm von Max Reger, das Tedeum von Hector Berlioz, die 4. Symphonie von Dmitrij Schostakowitsch, u.a. Und eben jetzt die Oper Jenufa von Leos Janácek. Es gelang ihm dabei, bedeutende brasilianische Solisten wie Nelson Freire, Antonio Meneses und Claudio Cruz an das Orchester zu binden. Zum Ensemble gehört auch Boris Belkin, und im kommenden Jahr werden Arnaldo Cohen und Jean-Louis Steuermann hinzu kommen.
Eine couragierte Programmpolitik. Meistens, aber nicht immer war ihm bei seiner unkonventionellen Gestaltung des Spielplans die Zustimmung des Publikums sicher. Erst im vergangenen September musste er sich in der renommierten Tageszeitung O Estado de Sao Paulo mit einem Publikumseinpruch auseinander setzen, der sich u.a. über Werke wie das Te Deum von Verdi, das Requiem von Berlioz, den Oedipus Rex von Strawinsky, sowie Werke von Prokofiev und eben die Jenufa empörte als dem Bodensatz des klassischen Repertoires zugehörig und zu nichts anderem im Spielplan, als den Musikdirektor Ira Levin zufrieden zu stellen. Auch sei dies alles weder brasilianisch noch lateinamerikanisch! Und sofort wurde das Argument der vermeintlich verschwendeten öffentlichen Subventionen bemüht, eine auch in Europa nicht ganz unbekannte Keule in solchen Fällen. Levin konnte diese Kritik mit dem Hinweis auf ein durchaus signifikantes Programm brasilianischer Komponisten wie Heitor Villa-Lobos, Carlos Gomes und anderen kontern, aber eben auch mit der triftigen Begründung, dass Werke wie Jenufa, Falstaff und die im Oktober gespielte Salome eben zu einem kosmopolitisch orientierten Hause gehörten und er sich deshalb in seiner im übrigen vom Städtischen Kultursekretariat und der Gesellschaft der Förderer gedeckten Programmpolitik nicht beirren ließe. In der Tat hat Levin das Haus aus den auch mir aus den 90er Jahren bekannten, sich ständig wiederholenden Zyklen der fünf bis sieben meist gespielten Werke der Opernliteratur heraus geführt. Mit seiner Jenufa wurde sicher ein neuer Meilenstein in der Operngeschichte Brasiliens gesetzt. Das Symphonische Orchester verfügt mittlerweile über gute Streicher und oft betörend und prägnant spielende Holzbläser. So wusste es die glutvolle Musik des tschechischen Meisters und die Seelendramen der Hauptpersonen eindrucksvoll wiederzugeben, wobei auch die folkloristischen Elemente nicht zu kurz kamen. Dem Haus kommt dabei zu Gute, dass Levin oftmals die Sänger für die Hauptrollen aus Europa gewinnen kann, die schon dort mit ihm zusammen gearbeitet haben, so in der Jenufa Therese Waldner, Jeffrey Dowd und Nina Warren.
Seine Nachwuchsarbeit. Er kümmert sich mit grossem Engagement für den Sänger- und Orchesternachwuchs, um die Basis beider Ensembles ständig zu verstärken. So hält er laufend Auditionen ab, wobei sein Credo lautet, das es nur um die Musik gehen muss und niemals um Politik. Dabei sind fast alle Nachwuchssänger und -musiker Brasilianer. Wie gut diese Ensemblearbeit auch bei den Gesangssolisten klappt, zeigte ebenfalls die Jenufa. Hier waren alle Nebenrollen mit BrasilianerInnen gut bis sehr gut besetzt. Besonders hebt er die Qualität des fest engagierten Chores hervor, aus dem des öfteren Solisten für die Nebenrollen hervor gehen.
Wie fühlt er sich in Sao Paulo? Er liebt das quirlende Leben dieser Stadt, sowie ihre Energie, und natürlich die Brasilianer. Allerdings geht ihm manches oft zu langsam. Er ist eher ein Dynamiker und scheint enorme Energie zu besitzen sowie die Überzeugung einer Mission in dieser Stadt und in diesem Land, eine Mission im Dienste der Musik. Dabei spielt das Herz aber auch eine nicht unbedeutende Rolle. So sagte er mir, dass ihm immer im zweiten Akt der Jenufa einige Tränen kommen, da ihn die traurige Geschichte an das Schicksal seiner nun 13-jährigen Tochter erinnert. Sie ist seit ihrer Geburt stark behindert. Mit einem Jahr lag sie im Krankenhaus unter grosser Todesgefahr. Die Problematik Kind-Tod-Trauer der Mutter in der Jenufa bringt ihm also die Musik emotional sehr nahe. Sie gab ihm bei der Bewältigung dieses menschlichen Schicksals sehr viel Kraft. Ich glaube, dass er daraus auch einen wesentlichen Teil seines so akzentuierten künstlerischen Engagements entwickelt. Ihn reizt an der Aufgabe in Sao Paulo, ein Orchester wieder auf hohes Niveau zu bringen, und das mit einem neuen Repertoire, anstatt in Europa ein bereits gutes Orchester auf seinem Niveau zu halten. Nach seiner Ansicht „wird es jetzt ernst“, und er findet es aufregend, den Wandel zu bewirken, aber auch die Grenzen zu sehen. „Es gibt noch ein grosses Repertoire hier zu spielen, bevor ich gehe.“
Damit wären wir bei seinen Plänen: Gerade hat Ira Levin Konzerte mit dem Orchester des Haager Konservatoriums in Den Haag, Utrecht und Amsterdam gegeben. Im November dieses Jahres kommt in Sao Paulo die brasilianische Erstaufführung der Glagolitischen Messe von Janacek, neben dem Te Deum von Haydn. Die Jenufa soll in die kommende Saison übernommen werden, ebenfalls der so erfolgreiche Falstaff des vergangenen Mai. Er wird die 450-Jahr-Feierlichkeiten von Sao Paulo im Januar 2004 mit Beethovens Missa Solemnis eröffnen. In Taiwan sind 2004 Konzerte mit dem Nationalen Symphonieorchester von Taipeh und den Solisten Michel Beroff und Mikhail Rudy geplant. Im August wird er den fünfaktigen Don Carlos auf italienisch und im November 2004 den Düsseldorfer Lohengrin im Theatro Municipal de Sao Paulo aufführen. Später ist der Dr. Faust von Feruccio Busoni anvisiert.
Der Neue Merker wünscht Maestro Levin weiterhin viel Erfolg bei seinem innovativen Weg in Brasilien und hofft, dass wir ihn auch einmal wieder in Österreich erleben können. Klaus Billand
