DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 10/2003: Viktor LUTSIUK, Ein unkomplizierter Tenor und ein sonniger Mensch

Viktor LUTSIUK – ein unkomplizierter Tenor und sonniger Mensch

„Ein bravouröser Hermann“ ist der ukrainische Tenor Viktor Lutsiuk, jetzt beheimatet in St. Petersburg, Gergievs Parsifal, Lohengrin, Siegfried und natürlich Vertreter aller russischen Tenorpartien. Ein hoch potenter, klarer, kraftvoll und dunkel timbrierter, heldischer Tenor. Von der außerordentlichen Qualität dieser, seiner meistgesungenen Rolle konnten sich nun auch die Münchner bei der Aufführungsserie im Oktober 03 überzeugen. Kurz vor der letzten „Pique Dame“-Vorstellung haben wir uns getroffen. Ich hatte Bedenken wegen des Termins, so kurz vor dem Auftritt mit einer derart anspruchsvollen Rolle, aber sein Agent meinte, Lutsiuk sei kein „normaler“ Tenor, mit Schal um den Hals und Allüren. Stimmt! Ich lernte einen mächtig sympathischen, patenten Mann kennen. Der bedankte sich erst einmal ganz charmant für die seiner Meinung nach gelungene Analyse seines Singens in meinem Merkerartikel und meinte, da ich sein Singen so gut verstanden hätte, würde ich wohl auch seine menschliche Natur gut verstehen können. –
Ein Tenor! Das ist einerseits der Bühnengott schlechthin, es ist andererseits aber auch stressig, diesem Ideal immer wieder gerecht werden zu müssen. Sind Sie gerne Tenor? –
Ich liebe grundsätzlich Extremsituationen und Tenor sein ist eine Extremsituation, also bin ich gerne Tenor. Die Leute, die in die Oper kommen, um einen Tenor zu hören, warten ja mit besonderer Spannung gerade auf die heiklen Punkte. Da muss man dann zeigen, ob man’s drauf hat. Das ist ein bisschen wie im Zirkus. Das Risiko reizt! Ich fühle mich ganz wohl dabei.
Was ist passiert, dass „der kleine Viktor“ Sänger werden wollte? – Schon als ich auf die Welt kam, war entschieden, dass ich Sänger werden würde ... naja, aber ab meinem 4. Lebensjahr habe ich unentwegt und überall gesungen. Das führte vom Kindergarten über die Schule bis ans Konservatorium in Charkow, in das ich 1981, mit 23 Jahren eintrat. Zunächst bin ich 10 Jahre lang als Popsänger unterwegs gewesen. Die Frage war nie, singen oder nicht singen, sondern nur das Was hat sich geändert. Irgendwann ist mir aufgegangen, dass es noch eine bedeutungsvollere, ewigere Musik gibt.
Jemand hat gesagt, Singen sei wie eine Krankheit. Wenn man sie hat, muss man singen, sonst ist das Leben sinnlos. Empfinden Sie das auch so? – Es ist in der Tat wie ein Virus. Wenn man den einmal erwischt hat, wird man ihn nicht mehr los.
Wichtige, prägende Ereignisse und Menschen: – Zunächst mein Konservatoriumsprofessor, dann natürlich hauptsächlich Valery Gergiev, mit dem ich so viel zusammen gemacht habe und noch mache. Bedeutsam war auch die Zusammenarbeit mit Freni und Gjaurov, die zu einer schönen Freundschaft geführt hat. Und gegenwärtig ist mir die Arbeit mit dem italienischen Gesangspädagogen Sergio Bertocchi wichtig.
Was für ein Mensch sind Sie? – Ich lebe nach dem Prinzip, möglichst viele frohe Menschen mit positiver Ausstrahlung um mich haben zu wollen. Deshalb versuche ich bei der Probenarbeit und während des Vorstellungsabends selber Fröhlichkeit zu verbreiten und für gute Stimmung zu sorgen. Das macht die Arbeit und das Leben leichter!
Wie bei ihrem Hermann zu beobachten war, sind Sie ein ausgezeichneter Schauspieler. Haben Sie diesbezüglich auch eine Ausbildung gemacht? – Man kann nichts angelernt bekommen, was nicht schon in einem selbst angelegt ist. Die besten Schauspieler sind Kinder in ihrer unverfälschten Natürlichkeit. In diesen Zustand sollte man sich irgendwie versetzen können, um zu einer glaubhaften Darstellung zu gelangen.
Ihre Einstellung zu Regiearbeiten, die das Originalstück stark verändern? – Traurig ... aber man muss sich damit auseinandersetzen, versuchen, sich hineinzudenken und zu -leben. Dann kommen auch keine Gedanken daran auf, bzw. dürfen nicht aufkommen, dass es vielleicht eine missglückte Produktion werden könnte. Man muss auch diese Produktion lieben lernen. Denn wenn du selbst nicht überzeugt bist, wie willst du das dann dem Publikum klar machen, es könnte dich dann weder als Schauspieler noch als Sänger verstehen.
Sie haben viel Leben, ja, einen richtig frischen Wind in unsere „Pique Dame“ gebracht. – Das funktioniert nur, wenn ein gegenseitiges Reagieren unter den einzelnen Protagonisten besteht. Allein bin ich auf der Bühne nichts. Ich versuche immer, auch dann darstellerisch beteiligt zu sein, wenn ich gerade selbst nichts zu singen habe, versuche, auf das, was die oder der Andere gerade singt, entsprechend zu reagieren. Nur so kann es für das Publikum wirklich spannend sein.
Immer wieder Hermann! Was bedeutet diese Rolle für Sie? – Sie bedeutet mir sehr viel. Als ich mich zum ersten Mal damit befasste, spürte ich, das ist eine Rolle, die darf ich niemals schlecht singen, ich habe einfach nicht das Recht dazu. So habe ich nach meinem ersten Hermann erst einmal wieder damit pausiert, einfach, weil ich mit meiner Leistung nicht zufrieden war. Selbst nach den vielen Produktionen, in denen ich die Partie nun gesungen habe, hört die Arbeit an dieser komplizierten Figur nie auf - auch musikalisch.
Sie haben vor allem Hermanns Wahnsinn so überzeugend und fesselnd dargestellt. Das kommt keineswegs bei allen Sängern so toll rüber. – Das ist auch schwer. Das ist etwas, was man bei den Proben gar nicht richtig üben kann. Das funktioniert erst auf der Bühne, wenn der Scheinwerfer auf einen gerichtet ist, man sich von seiner eigenen Persönlichkeit lösen und sich richtig hineinsteigern kann. Allerdings darf man dabei die Konzentration auf die Musik nicht vernachlässigen ...
Ist Hermann Ihre Lieblingsrolle? – Ich habe schon Lieblingsrollen - Kalaf, Pinkerton (zwar kurz aber schön zu singen), José, Lohengrin. Auch mit dem Götterdämmerungs-Siegfried war ich recht glücklich. Hermann ist vielleicht weniger eine „Lieblingsrolle“, aber doch die Partie, die mir am nächsten steht. Die ist so grandios, dass man jedes Mal wieder etwas Neues darin entdecken kann. „Turandot“, „Carmen“ und „Pique Dame“, das sind meine drei wichtigsten Opern ... zur Zeit.
Gerade wollte ich fragen - wieso Siegfried und nicht Otello? – Sowas hängt ja nicht nur von einem selbst ab. So ist das Leben. Irgendwann wird es vermutlich schon dazu kommen, aber im Moment liegen keine aktuellen Angebote dafür vor. Zunächst wünsche ich mir „Manon Lescaut“, „Un Ballo in Maschera“ und „Andrea Chenier“. – Und Pagliacci? – Gerne ...
Nach den großen russischen Rollen und auch Wagner, haben Sie auch einmal an Richard STRAUSS gedacht? Da gibt es so gemein schwere Sachen ... – Außer der Sängerarie aus dem Rosenkavalier am Konservatorium, habe ich noch nichts von ihm gesungen. - (Ich schwärme Herrn Lutsiuk von Midas/“Liebe der Danae“ vor, auch von Menelas/“Ägyptische Helena“ - Bacchus und Kaiser kennt sowieso jeder - wie schön und gemein schwer die seien, und dass ich ihm „das Unmögliche“ durchaus zutrauen würde). – Wenn man mir sowas vorschlagen würde, würde es mich durchaus interessieren; mich kann man schnell für etwas begeistern ...
Lieder und Geistliches? – Mag ich schon, aber ich bin mit der Oper ziemlich ausgelastet. An der Uraufführung von Sofia Gubaidulinas „Johannespassion“ unter Gergiev war ich beteiligt, Dvoraks Requiem habe ich gesungen, früher auch Mozarts Requiem, aber mein Hauptbetätigungsfeld ist die Oper.
Haben Sie (für später einmal) Ambitionen zum Dirigieren, Regieführen oder Unterrichten? –
Im Moment denke ich an sowas überhaupt nicht!
Rivalität und Kollegialität: – Wenn ich das Glück habe, mit großen Meistern auf der Bühne zu stehen, so wirkt sich das auf mich animierend aus, wenn ein Kollege oder eine Kollegin Schwierigkeiten hat, kann mich das irritieren. Es ist ein bisschen wie beim Eiskunstlaufen – du kannst alles 1000-mal üben und im entscheidenden Moment doch auf die Nase fallen. Das kann jedem von uns passieren. Deshalb sind weder Schadenfreude noch eifersüchtige Rivalitätsgefühle angebracht. - Wenn einer heute nicht so gut drauf ist, kann“s morgen besser sein. Und der Tenor ist sowieso in einer Sonderposition, da warten ja alle darauf, klappt“s nun oder klappt’s nicht ...
Gab es in Ihrem Leben oder Ihrer Karriere irgendwann Zweifel und Krisen? – Natürlich gab es das, wie bei allen Menschen. Es gibt Aufführungen, wo man das Gefühl hat, wirklich alles gegeben zu haben und trotzdem kommt vom Publikum nicht die erwartete Reaktion. Dann fühlt man sich leer und neigt zum Grübeln, wozu man denn eigentlich da sei ... Mit der Zeit lernt man, das Ganze sportlich zu nehmen - Oper ist wie Sport, Leistungssport.
Was macht Sie, neben der Musik, glücklich? – Kinder! (2 Söhne) - und Frauen und Angeln ... Vor einem Jahr habe ich mit viel Spaß angefangen Ski zu fahren (Anm.: der Unfallgefahr zum Trotz).
Was beschäftigt Sie emotional? – Die Zukunft meiner Kinder. Meine Arbeit. Meine Mutter und meine Brüder, die in der Ukraine leben, also weit weg und wo die Situation nicht so ganz einfach ist.
Was würden Sie gerne beeinflussen, ändern oder verbessern wollen? – 1. Ich möchte irgendwann nach Westeuropa übersiedeln, damit die zeitaufwändigen Ümständlichkeiten mit den Visa endlich wegfallen. – Was spricht gegen einen Umzug? – Hm ... ich muss mir endlich mal die Zeit nehmen, die notwendigen Dokumente zusammenzusammeln. - (Anmerkung: Das Wunschziel wäre Luxembourg, inzwischen Heimat vieler russischer Künstler). – 2. Ich ziehe einen gemischten Spielplan demjenigen vor, wo immer nur ein Stück für eine bestimmte Zeit gespielt wird, wie in Genf oder Italien. In München, Zürich und St.Petersburg ist der Spielplan viel bunter, da kann man jeden Abend etwas anders sehen.
Haben Sie alle Ihre Ziele schon erreicht oder gibt es noch ein großes, bisher unerreichtes? –
Ich habe kein konkretes Wunschziel. Aber ich will mich in allem stetig verbessern: Besser arbeiten, besser leben, besser lieben ... Wenn einem dieser Antrieb fehlt, wird man alt; nicht im Gesicht und am Körper, aber in der Seele ...
Worauf freuen Sie sich im Moment am meisten? – Ich bin ein Mensch, der sich immer an irgendwas freut, dazu braucht es keinen speziellen Anlass. Ich genieße den Augenblick.
Ich sehe das Leben heller als viele andere. Dieser Charakterzug liegt bei mir wohl in den Genen, das ist meine Natur.
Die berühmte Schlussfrage: Was möchten Sie den Leuten noch gerne mitteilen? – Ich wünschte mir, dass noch mehr Menschen Interesse, Verständnis, Liebe und Leidenschaft für die Oper entwickeln würden, besonders junge Leute. - Nur wenige wissen, was für einen komplexen Apparat die Oper mit ihren unzähligen, unterschiedlichsten Arbeitsplätzen darstellt.
- Er ist wahrhaftig ein ansteckend sonniger Typ, dieser Viktor Lutsiuk. Ich freue mich auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen, irgendwann, irgendwo – am liebsten in München!

Interneteinträge finden sich unter Lutsiuks Namen, u. a. unter http://www.mariinsky.ru, Lutsiuks nächste Termine in unseren Infoseiten unter http://www.der-neue-merker.at und in unserem Beiblatt.

Dorothea Zweipfennig – 30.10.2003

 

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Wien, 2010.09.05 21:48:24