DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 04/2004: Johan BOTHA, Botha und sein Entdecker Norbert Balatsch

Künstlergespräch in den Bundestheaterkassen: Zu Gast: KS Johan Botha, Norbert Ballatsch.
Leitung : Peter Sichrovsky

In regelmäßigen Abständen wird der Raum der neuen Bundestheaterkassen nunmehr für Künstlergespräche genutzt. News und die Bundestheaterholding hatten gestern (Sa.,17.4.) KS Johan Botha und dessen Entdecker und Förderer, Norbert Ballatsch, Chorleiter in Bayreuth, geladen.

Peter Sichrovsky eröffnete das Gespräch mit Lobesworten für KS Bothas triumphalen Erfolg als Parsifal. Er besuche die Oper seit 1967, kenne also auch die „Götterzeit“, – eine so großartige Leistung habe er in all den Jahrzehnten nicht gehört. Wie denke B über die Regiearbeit von Frau Mielitz?
KS B: Er habe sich in der Inszenierung sehr wohlgefühlt. Man saß zusammen und erarbeitete ein erwünschtes neues Konzept . Parsifal könne man durchaus spielen in einer erbärmlichen Welt.
Er selbst habe bemerkt, dass er nicht einmal seinen Nachbarn in seinem Wohnhaus kenne.
PS: Man könne also die Erlösungsidee in den Alltag übertragen?
KS B: Durchaus. Menschen könnten so viel Hilfe leisten, tun es aber nicht. Im Parsifal seien Mythologie und Glaube nicht zu unterscheiden. Man müsse auch andere Wege der Erlösung suchen.
PS: Werde der Regie zu viel Gewicht beigemessen und stünden die Sänger in 2.Reihe, besonders auch in den Kritiken?
KS B: Für ihn seien Kritiken nicht das A und O. Er habe ein Geschenk vom lieben Gott und setze seine Stimme in eigener Verantwortlichkeit ein. Er schlage zuerst die Partitur auf, der man treu bleiben müsse.
Das Publikum habe zwar lautstark protestiert, aber von konkreten Beschwerdebriefen habe er noch nichts gehört.
PS: Frau Mielitz sei doch klar und intelligent dem Werk gefolgt.
KS B: Vor allem bietet sie den jungen Sängern eine Rollen- und Charakterinszenierung. Die ältere Generation hatte große Persönlichkeiten, wie z.B.: Zefirelli.. Heute höre er auch die Bemerkung: „Machen Sie das mal!“ Da fühle er sich angespornt, zu sagen:“Na ja, wenn Sie mir ihre Gage überschreiben lassen..? „ (lacht herzhaft)
PS: In Kowitschnys „Meistersinger“ Inszenierung sollten sich die Sänger auf offener Bühne auf eine Diskussion einlassen. Würde er da mitmachen?
KSB: meint, er hätte sicher opponiert, weil er Sänger sei und nicht Politiker. Es könne sein, dass viel Politik in der Oper stecke, aber es seien doch Ereignisse, die weit zurückliegen.
PS: Er wisse, dass Welser-Möst nach einem Siegmund Ausschau halte....
KS B: Darauf würde er sich derzeit nicht einlassen. Er erarbeite derzeit Othello, den er 2006 auf die Bühne bringen wolle, und ein Liedrepertoire.
PS: Weshalb B überhaupt noch italienisches Fach singe?
KS B: Es sei richtig, seine Stimme fühle sich bei Wagner wohler. Keinesfalls wolle er auf das italienische Fach verzichten, vielmehr den Belcanto-Stil ins Wagner Fach übertragen.
PS: Er habe etwas gehört von Ochsen und einem technikfeindlichen Großvater, der sich vor dem ersten Auto erschrocken versteckte.
KS B: Richtig. Seine Kindheit sei sehr rustikal verlaufen. Er sei auf einer riesigen südafrikanischen Farm aufgewachsen. Keine andere Siedlung weit und breit. In die Stadt fuhr man mit einem 12 spannigen Ochsenkarren. Erst in den 80er Jahren begann das Fernsehen. Sein Großvater wollte den Pfarrer zur Teufelsaustreibung herbeizitieren, als er hörte, Johan wolle ein Fugzeug besteigen.
Beide, Vater und Großvater, hatten große Liebe zur Musik. Bei den Warensendungen für seinen Vater aus Deutschland lagen gelegentlich Schallplatten dabei. Da wurde dann am Sonntag der Generator angeworfen und Musik gehört, etwa La Traviata (Tucker/Moffo) und Johan sang mit. Aber auch die Natur sei sehr wichtig gewesen für die Schulung seines Gehörs. Die Natur habe ihre eigene, wunderbare Musik.
Jedenfalls konnte er in Johannesburg Gesang studieren. Zunächst war er Bassbariton und sang den Falstaff in der Opernschule. 1986 entwickelte sich sein Stimme ins Tenorfach. Er sang den 1.Freischütz in Johannesburg. 1990 habe er begonnen, im Bayreuther Chor zu singen. Und das kam so....
„Den Botha lassen wir nicht in Afrika“: An dieser Stelle des Gesprächs rief PS den verborgenen Ehrengast, sehr zur Freude des Sängers, Norbert Balatsch.
NB berichtete , er sei nach Südafrika gekommen, um einen „Lohengrin“ zu planen. Daraus wurde jedoch nichts, da die Musiklehrer gegen das Chorsingen opponierten. Doch er wurde nach Kapstadt geladen, um bei einem Vorsingen anwesend zu sein.
NB hob rühmend hervor, wie diszipliniert JB sich in den Chor fügte. Bei Bothas Stimme stimmte alles.Es war nichts zu beheben. Er brauchte nur eine Gelegenheit und wenn die kommt, müsse man sie bestehen.
PS: Gäbe es Höchstqualitätssänger im Verborgenen?
KS B: In Südafrika seien jetzt die Chancen gering, denn alle Opernhäuser seien wegen Geldmangel geschlossen.
Er selbst habe seine Chance bekommen und genützt. Sein Grundsatz sei, immer sein Bestes zu geben, als gäbe es keine 2.Chance.
PS: „Wie steht´s mit Bayreuth?“ KS B: „Das ist der Entschluß von Wagner.“
PS: Könnte B. sich mit Schlingensiefs „Parsifal“ anfreunden?
KS B: Für ihn entscheide die Partitur. Er wolle Wagner die Ehre geben. Würde es ihm zu bunt, würde er sagen:“Es tut mir leid.“ Es gäbe eine Linie, die man nicht überschreiten darf.
PS: „Wie ist die Entwicklung in Bayreuth? Ein Labor?“ NB: Tatsächlich, Bayreuth sei eine Werkstatt geworden. Er selbst habe immer eisern Widerstand geleistet, wenn die Regie gegen das Singen ging. Schon seit den 1.Tagen mit Götz Friedrich. „Ich brauche einen Ausdruck,“ schrie der Regisseur. „Und ich die Stimmen“, rief NB zurück. Er habe auch das Schicksal so mancher Chorleiter geteilt und gelegentlich die Buhrufe für den Regisseur abbekommen.

So endete das spannende Gespräch in heiterer Atmosphäre. Doch das eigentliche Ende kam erst, nachdem der Hornist der Wiener Philharmoniker, Wolfgang Tomböck, und Frau Madoka Inui (Klavier) die Horn-Sonate von Beethoven mit höchstem Wohllaut zu Gehör gebracht hatten .

Nächste Veranstaltungen: Am 2.Mai ist Welser-Möst zu Gast im Karajan Zentrum.
Am 3.Mai 2004 diskutieren Christian Thielemann und Stefan Herheim mit Dr.Georg Springer das heikle Thema: „Die Grenzen der Kunst“ im RadioKulturhaus (20h) Reihe: Kunst.Werte III
Dr. Elisabeth LOIBL

 

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Wien, 2010.09.05 22:10:36