Thomas Quasthoff im Künstlergespräch beim Verein der Freunde der Wiener Staatsoper(am 24.April 2004)
Gesprächsleitung: Walter Gellert, ehemals Kulturleiter des Hörfunks, das Interview wurde von Dr. Elisabeth Loibl für den "Merker" zusammengefasst
Das Publikum, welches den Marmorsaal der Wiener Staatsoper bis auf den letzten Platz füllte, begrüßte den Künstler mit lang anhaltendem, herzlichem Applaus. Herr Gellert hob die großartige Leistung hervor, die Thomas Quastoff in seinem Debut als Amfortas in der Neuinszenierung des „Parsifal“ an der Wiener Staatsoper geboten hatte und fragte nach dessen Weg zur Oper nach einer langen, erfolgreichen Karriere als Konzert- und Liedsänger.
ThQu: Sein Karriereweg sei nie steil gewesen. Dass er den ARD Wettbewerb gewann, sei ein wichtiger Schritt gewesen. Vor allem habe er ausgezeichnete Lehrer gehabt. Mit Lotte Lehmann habe er 17 Jahre gearbeitet. Sein vorrangiges Anliegen war, die Stimme nicht zu überlasten, mit ihr sehr behutsam umzugehen. Er wollte keine schnelle Karriere und setzte auf den Faktor Zeit.
In Wien fühle er sich sehr wohl. Er kenne kein treueres und liebenswerteres Publikum. „Bewahren Sie das MUSS an Kultur“, rief er den Anwesenden zu.
WG: Sei ihm die Umstellung vom Konzertpodium auf die so ganz andere Bühnensituation in der Oper schwergefallen?
ThQu: Er sei extrem positiv überrascht gewesen, dass er keine Schwierigkeiten hatte. Die Regiearbeit von Frau Mielitz habe ihn von Anfang an überzeugt. Die Regisseurin habe für ihn einen Zugang zur Rolle gefunden, der für ihn schlüssig war. Sie diene dem Werk auch mit ungeheurem Wissen. Zu Beginn habe sie ihm einen 40-minütigen Vortrag gehalten, sehr ins Detail gehend und etwa auch Wagners Verbindung zu Schopenhauer erwähnend. Auch seine Einbindung als Sänger mit einer Behinderung sei ihr ausgezeichnet gelungen. Als sich seine Mutter während der Probenarbeit einer Herzoperation unterziehen mußte, habe sie großes Verständnis und Mitgefühl gezeigt. Er verstehe die Proteste nicht. 20-minütige standing ovations bei der letzten Vorstellung hätten jedenfalls gezeigt, dass es gelungen war, Ergriffenheit in den Zuhörern auszulösen.
WG: hob hervor, dass er den Sänger verstehe, wann lerne man Wortdeutlichkeit?
ThQu: Sehr richtig. Er sei überrascht, wenn er einen Kollegen verstehe. Die jungen Sänger hätten zu wenig Zeit und legten vorwiegend Wert auf technisches Singen. Er selbst versuche in seiner Lehrtätigkeit als Professor in Detmold dieser Entwicklung entgegenzusteuern.
WG: Wie leicht oder schwer sei es ThQu gefallen, dem Engagement zuzusagen?
ThQu: Die Zusage zur Rolle des Amfortas sei ihm wesentlich leichter gefallen als bei „Fidelio“ in Salzburg. Er freue sich darauf, die Rolle unter Simon Rattle im Januar zu singen, der auf seiner Teilnahme bestanden habe.
WG: Der Sänger stamme aus Hildesheim und sei in Hannover ausgebildet worden. Wann sei ihm klar geworden, dass er singen müsse?
ThQu: Er höre immer von Kampf, Durchsetzen, Widerstand – das stimme nicht. Er habe schon sehr früh als Kind Freude am Singen gezeigt. Der Wunsch , zu singen, war immer da.
Er fand bei seinen Eltern Unterstützung und hatte eine gute Lehrerin. Dass er nicht studieren durfte, erwies sich nachträglich als Segen. So konnte er seinen Stil in aller Ruhe entwickeln.
Er schätze die harmonischen Verhältnisse in seiner Familie, verstehe sich ausgezeichnet mit seinem Bruder, mit welchem er derzeit seine Biographie –besser: Lebensabschnittsbericht - verfasse, die im September 04 auf den Buchmarkt kommen werde.
XY: Wie ist ThQu zum Liedsingen gekommen?
WG: Wer habe den Künstler zum Liedsingen inspiriert?
ThQu: Mit 5 habe er eine Single des Bassisten Josef Greindl gehört mit Löwe-Liedern. Von dieser sei er fasziniert gewesen. Auch später von Dieter Fischer-Dieskau. Doch habe er immer auf seine Individualität Wert gelegt. „Besser ein durchschnittlicher Quastoff als ein sehr guter Nachahmer von Fischer-Dieskau“. (starker Applaus)
WG: wie erarbeite er ein Lied?
ThQu: Über den Rhythmus, dann die Harmonien, schlußendlich der Text. So entstehe Sicherheit.Auch lese er über die Dichter und ihre Zeit, über die Geisteshaltung und das philosophische Weltbild etwa.
Mit seinem Pianisten, Justus Zein, verbinde ihn ein tiefes Einverständnis.
Hörprobe: Schubert: „Das Fischermädchen“ nach H.Heine
WG: Klingt einfach, leicht...
ThQu: Singen sei etwas Natürliches. Manierismen lehne er besonders bei Schubertliedern ganz ab. Halte sich für weniger wichtig als den Komponisten.
WG: Sänger in der Oper seien gewohnt, sich vor das Werk zu stellen.
ThQu: Dies liege ihm fern. Er habe eine gute Lehrerin gehabt. Er vernachlässigte das Singen während des Stimmbruchs nicht. Es half seiner Stimme auch, dass er lange als falsettierender Tenor sang. So konnte er sie problemlos entwickeln in großer Bandbreite. . Man müsse sie wachsen lassen. Vor 10 Jahren hätte er den Amfortas noch nicht singen können. Er habe bewußt spät expandiert.
Oper werde er konzertant singen unter dem Dirigat von Welser-Möst: 2006 Falstaff und 2008 den Ochs im „Rosenkavalier“ .
WG: Welcher sei sein Lieblings-Liedkomponist?
ThQu: Da falle ihm ein Ausspruch von James Levine ein: „Ich mache das am liebsten, was ich gerade mache. Das gilt allerdings nicht für Schubert.“ Ja, Schubert stehe ihm sehr nahe. Außerdem suche er intensiven Zugang zu Bach.
Hörprobe: Schubert: „Der Erlkönig“ mit dem von ihm sehr geschätzten Claudio Abbado und dem Chamber Orchestra of Europe. (Wunderbar dramatisch!)
WG: Wirkliches Theater ....
ThQu: Viele Lieder seien kleine Miniopern. Man müsse als Sänger eine starke Aussage entwickeln. Dies helfe der Gattung, die so sehr zurückgehe.
WG: Viel Selbstkritik?
ThQu: Er habe da eine sehr einfache Sichtweise. Man müsse sein spezielles Talent bestmöglich entwickeln. Torten, wie sie im Café Mozart ausgestellt seien, könne er nicht backen. Außerdem habe er viel Humor und sich die Fähigkeit bewahrt, über sich selbst zu lachen.
WG: Da gäbe es auch kabarettistische Fähigkeiten. Perfekte Stimmenimitation. (Der Sänger gibt widerwillig eine Hörprobe von Bundeskanzler Kohl -sehr zur Erheiterung des Publikums)
WG:Und Bach. Diese ernsten musikalischen Strukturen...
ThQu: Bach sei für ihn eine unentdeckte Kathedrale, die umso größer werde, je öfter man eintrete. Er sei für ihn der universellste und visionärste Komponist. Die polyphonen Elemente seien richtungsweisend.
Hörprobe: „Mache dich, mein Herze, rein“ aus der Mathhäus-Passion. (Bewegend!)
ThQu: Diese Aufnahme sei sehr schön. (1994 mit seinem engen Freund Helmut Drilling und dem Bachkollegium Stuttgart) Alle seien zu Tränen gerührt gewesen. Und Bach schrieb jedes Wochenende so ein Lied!Im Juni werde er beim Bachfest in Berlin den Elias singen.
WG: Und Oper. Kommen Angebote?
ThQu: Sehr wohl, doch werde er sich auf seine konzertanten Pläne konzentrieren. Den Alberich werde er nicht singen. Diese Rolle habe ja nicht mehrheitlich Kantilenen. Er wolle sich auf 40 bis 45 Konzerte pro Jahr beschränken, dazu komme ja noch seine intensive Lehrtätigkeit (in Detmold und Berlin). Er wolle nicht, dass seine Stimme sich früh verbrauche. Und garantiere, dass er einst sehr genau wissen werde, wann es Zeit sei, aufzuhören. – Immer häufiger wolle er sich auch in sein Haus in Hannover zurückziehen, wo auch seine Eltern derzeit einziehen.
WG: Werde die sängerische Leitung zu ernst beurteilt?
ThQu: Ja, man lacht nicht mehr gern! Es sei in Vergessenheit geraten, dass, der Tradition entsprechend, der Künstler unterhalten solle. Der Sänger gehöre unters Volk. Einmal habe ihn eine Kollegin kritisch darauf angesprochen, dass er die vergnügliche „Storchenbot-
schaft“ in eine CD aufgenommen habe. „Nicht wahr, da wollten Sie die Leute nur zum Lachen bringen!“ „Ja, genau das,“ antwortete ThQu. Auch seine letzte CD mit Romantischen Liedern sei „Just for fun“.
WG: Sei nicht die künstlerische Ausbildung stark verwissenschaftlicht?
ThQu: In Detmold habe er viele junge Sänger ausgebildet. Die jungen Leute müßten wissen, wo sie stehen. Der Lehrer sei zur Ehrlickeit verpflichtet. (Die im Publikum befindliche Hilde Zadek nickte zustimmend.) Er wundere sich oft, wer aller zu den Wettbewerebn komme.
Hörprobe: Arie des Baculus aus dem „Wildschütz“ von A.Lortzing. Mit Lortzing sei er aufgewachsen und schätze diesen Komponisten sehr.
WG: Was sei seine Meinung zum CD Klassikmarkt?
ThQu: Es wirke sich schlimm aus, dass man früher auf Teufel komm raus produzierte. Man müsse sich bei den Konzerten wieder auf qualitativ Hochwertiges konzentrieren. Außerdem seien die Produkte zu teuer. Er würde gerne Oper ins Internet stellen für die Kinder, die von Gewaltvideos weggelockt werden sollten. (Großer Applaus! Der Berichterstatterin spricht der Sänger da besonders aus dem Herzen , die gelegentlich in Cyberzentren im In- und Ausland einkehrt und dort bombardiert wird mit lautem Geknalle, da sich meist minderjährige Jugendliche über den Schirm im sicheren Gebrauch eines Maschinengewehrs üben!)
Hörprobe: Hugo Wolf: „Auf einer Wanderung“ (Begleitet von Justus Zein)
WG: ThQu hört auch gelegentlich Cole Porter Melodien?
ThQu: Nicht nur das. Auch Free Jazz ....
Letzte Hörprobe: auf vergnüglicher Note. „Wie schön ist doch die Musik..“ aus R.Strauß „Die Schweigsame Frau“. (Chr.Thielemann)
Damit ging das interessante und berührende Gespräch mit Thomas Quastoff, einem bewundersnwerten Künstler und Menschen unter langem Applaus zu Ende.
Dr.Elisabeth Loibl
