Interview mit Hans Sotin, anläßlich des „Parsifal“ in Wels, am 23. Mai 2004 (das Gespräch fand in der ersten Pause, vor dem zweiten Aufzug, statt).
Frage: Hans Sotin, Sie singen heuer in Wels den Gurnemanz. Wie kamen Sie nach Wels und warum erleben wir Sie nicht mehr in Bayreuth?Antwort: Das ist ja hinlänglich bekannt. Ich habe meine Probleme mit Bayreuth. Das liegt letztlich an der Leitung. Ich glaube, der Wolfgang Wagner ist irgendwo verrückt geworden. Und seit seine Tochter diese schrecklichen Inszenierungen macht, hat er sich völlig gewandelt. Die Leute, die er sich ins Haus holt, das ist schon merkwürdig!
In Bayreuth habe ich Renate Doppler kennengelernt, die Leiterin des Welser Wagner-Festivals. Sie hat mich für ein Galakonzert verpflichtet, später kam dann die „Walküre“.
F: Wenn man Sie dennoch fragen würde, könnten Sie sich vorstellen, in der Parsifal-Inszenierung von Christoph Schlingensief mitzuwirken?
A: Das kommt darauf an. Wenn er ein vernünftiges Konzept vorlegt, dann ja. Ich habe keine Vorurteile, ich möchte nur, dass das Werk und nicht der Regisseur im Mittelpunkt stehen.
F: Stichwort Werktreue: In Wels gibt es ja das sogenannte Reinheitsgebot, was bedeutet: kein Regietheater, den Anweisungen des Komponisten ist genauestens zu folgen...
A:...na ja, das ist so eine Sache. Der Begriff „Werktreue“ ist ja problematisch. Ich glaube einfach, man muß das Werk und den Komponisten ernst nehmen.
F: Das bedeutet nicht automatisch eine naturalistische Umsetzung. Denkbar sind zum Beispiel abstrakte Lösungen wie bei Robert Wilson.
A: Ja. Das funktioniert häufig sehr gut. Wogegen ich mich wehre, das ist das zeitgenössische Regietheater. Ich mußte vor einiger Zeit beim Münchner Parsifal in der Inszenierung von Peter Konwitschny den Gurnemanz spielen. Das ist eine furchtbare, weil nicht schlüssige Produktion. Konwitschny ist einfach kindisch, er versucht unbedingt, witzig zu sein. Und beim dritten Akt ist ihm dann gar nichts mehr eingefallen.
F: Möchten Sie vielleicht selber einmal Regie führen, um die Szene nach ihren Vorstellungen gestalten zu können?
A: Sehr gerne sogar. Den Giovanni würde ich gern machen, auch manch anderes von Mozart. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich ärgere mich einfach über die Unklarheit vieler Konzepte. Wenn irgendwo im Stück ein konkreter Spielort angegeben ist, dann sollte es auch tatsächlich dort spielen.
F: Würden Sie eigentlich sagen, die Szene ist nachrangig zur Musik – und natürlich zum Gesang?
A: Unbedingt! Hier in Wels mache ich im Prinzip die gleichen Schritte wie damals in Bayreuth. Wie das rüberkommt, weiß ich nicht genau, aber ich gebe mein Bestes, die Rolle gut zu verkörpern.
F: Nun ist Parsifal ja ein sehr extremes Werk. Wie gehen Sie an die Rolle des Gurnemanz heran, wie sehen Sie überhaupt diesen Charakter im Gesamtkontext des Stückes?
A: Gurnemanz ist soetwas wie der Erzähler. Er erzählt die ganze Geschichte – und gleichzeitig erlebt er sie nochmals. Die Identifikation ist für mich nicht schwer, ich habe die Rolle ja schon sehr oft gesungen.
F: Ich fand ihre Darstellung wirklich sehr überzeugend. Nehmen Sie eigentlich vom Gurnemanz auf der Bühne etwas mit in ihr „wirkliches“ Leben?
A: Nein, gar nicht. Während ich spiele, bin ich Gurnemanz. Danach ist das erledigt.
F: Wie gehen Sie mit Kritik um? Treffen Sie schlechte Besprechungen? Lesen Sie überhaupt Rezensionen?
A: Was mir so gerade in die Hände kommt, das lese ich. Kritiker müssen über etwas schreiben, aber ich weiß selbst, ob ich gut war oder nicht. Vielen Kollegen geht das wohl ähnlich.
F: Noch einmal zurück zu Wels: Wie waren hier die Probenzeiten, war ausreichend
Zeit?
A: Dreieinhalb Wochen, das genügte. Ich selber muß ja ohnehin nicht so viel Neues lernen.
F: Zum Schluß noch eine Frage: Mit welcher Figur aus den Opernstoffen Richard Wagners würden Sie sich am ehesten identifizieren – einmal abgesehen von Gurnemanz?
A: Vor allem mit Hans Sachs. – Aber eigentlich mit jeder Figur, die ich mal gespielt habe.
F: Besten Dank für das Gespräch und alles Gute!
A: Danke. Ihnen viel Spaß beim zweiten Aufzug.
Das Interview führte Jörn Florian FUCHS in Wels
