DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 04/2005: Friedemann RÖHLIG, Bassist, Lehrer, Philosoph, Schwertkampfkünstler und Familienmensch

Friedemann RÖHLIG – Bassist, Lehrer, Philosoph, Schwertkampfkünstler und Familienmensch

ARD-Wettbewerb 2000, Abschlussprüfung Gesang mit Orchester – unser Favorit: ein langer, dünner Mann mit einer für einen jungen Sänger bereits höchst imponierenden Bassstimme. Zuerst begeisterte er das hochinteressierte und kritische Wettbewerbspublikum mit der Osmin-Arie „Oh, wie will ich triumphieren“, und als er dann auch noch „Hagens Wacht“ aus Wagners „Götterdämmerung“ mit der gebotenen Schwärze seines Basses vortrug, dazu das dräuende Mienenspiel, da waren wir sicher, der muss den ersten Preis kriegen! Es wurde dann zwar der dritte, aber dieses Los darf Röhlig mit Francisco Araiza teilen, der seinerzeit auch „nur“ den dritten Preis erringen konnte und doch die größte Karriere unter seinen Mitkonkurrenten gemacht hat. Auch Röhlig ist auf dem allerbesten Wege dazu. –
Geboren und aufgewachsen in Leipzig als Sohn von Eginhard Röhlig, damals Dramaturg an der Leipziger Oper, heute Ehrenmitglied des Hauses, wuchs Friedemann mit der Oper auf. Bereits im Alter von 9 Jahren trat er in die Kinderklasse der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ein – Hauptfächer: Klavier und Harfe. Später kam Dirigieren hinzu.
Zum Gesang kam Friedemann Röhlig zunächst durch die Hartnäckigkeit seiner Patentante, der in der DDR sehr bekannten Opernsängerin, Christa Maria Ziese, die meinte, Junge lass deinen Eierschneider (gemeint war die Harfe, die später zu Gunsten des Gesanges beiseite gestellt wurde), wenn jemand eine solche Gabe wie deine Stimme erhalten hat, ein solches Talent, dann hat er auch die Pflicht, dieses zu nutzen.
Zunächst schrieb Röhlig das der familiären Zuneigung zu. Als er jedoch kurz nach der Wende bei einem Meisterkurs von Julia Hamari als Klavierbegleiter fungierte, ging ihm das alles entscheidende Licht auf. Gefesselt von der energiegeladenen Arbeitsweise der Hamari, beschloss er, sich von ihr das maßgebliche Urteil zu holen. Auch Julia Hamari riet Röhlig zu und bot ihm auch gleich an, bei ihr zu studieren. Zunächst wollte er aber sein Studium in Leipzig fertig machen. Etwas später kam Röhlig dann in Hamaris Gesangsklasse an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart um die Sache endgültig ernsthaft anzugreifen, immer im Hinterkopf, dass, wenn es denn schief gehen sollte, ja immer noch Zeit blieb, sich dem Dirigieren voll zu widmen. Julia Hamari und Carl Davis, ein ganz außerordentlicher, 2004 verstorbener Gesangspädagoge („ein sängerischer Vater“), waren dort die entscheiden Gesangslehrer und z. T. auch Wegbegleiter der ersten Berufsjahre.
Zahlreiche Masterclasses, u. a. bei Regina Resnik, Dunja Vejzovic, Hans Sotin (Arbeit an Gurnemanz) und vor allem Andreas Schmidt besuchte Röhlig zur Weiterbildung, wobei Letzterer auch mit Rat und Tat hilfreich zur Seite stand.
Nach dem Opernstudio in Düsseldorf folgte ein 4-jähriges Engagement an das Staatstheater Kassel, von wo aus er sich, nunmehr als Freischaffender, die internationale Opern-Welt erobert. Opernhäuser und Konzertsäle in ganz Europa und USA (speziell San Francisco) haben ihn schon gesehen und werden dies auch weiterhin tun. Per Rundfunk war Röhligs Stimme über den Äther zu hören (und wird zu hören sein) – zuletzt beim BR als Tannengreis in Pfitzners „Christelflein“. Auch an mehreren CD-Operngesamtaufnahmen war er bereits beteiligt.
Da Röhlig auch als Musikpädagoge ausgebildet ist, hat er trotz seines jugendlichen Alters inzwischen Lehraufträge an den Hochschulen von Stuttgart und Frankfurt/M. (Ziel: eine Professur), betätigt sich auch privat als Gesangs- und Klavierlehrer, arbeitet als Korrepetitor, als sein eigener sowieso, was auch schon mal bei Vorsingen von Nutzen war.
Röhlig will nicht erst „im Alter“ unterrichten, es ist sein Wunsch, immer parallel zu seinen Gesangsauftritten zu unterrichten. Dies sei letztlich auch für ihn selbst nützlich, wenn er beim Lehren und Erklären feststellt, dass er dieses oder jenes vielleicht selbst anders machen könnte – man kommt dabei eventuellen eigenen Fehlern auf die Spur.
Die absolute Wunsch- und Traumrolle: König Philipp in Verdis Don Carlos, den er, „obwohl er Deutscher ist“, hofft irgendwann einmal angeboten zu bekommen. Und in ganz weiter Ferne schweben ihm zwei besondere Traumrollen vor: Wotan und Hans Sachs! Geradezu dankbar ist Röhlig, dass er eine ganz große, den Gurnemanz, inzwischen schon singen durfte. Nach einem Kurzversuch in Kassel hat er sich die Partie bei seinem höchst erfolgreichen und begeistert aufgenommenen Debut in Straßburg 2003 zu eigen gemacht. Früher galten seine Träume einem Sarastro, der inzwischen zu seiner meistinterpretierten Rolle „all over the world“ geworden ist.
Seine Sprachkenntnisse ermöglichen es ihm, in allen infrage kommenden Opernsprachen bestens zurecht zu kommen: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch beherrscht Röhlig neben seiner Muttersprache (dass er aus Sachsen stammt, hört man fast nicht mehr).
Friedemann Röhlig erscheint mir bei diesem Gespräch als ein ewig Hungriger nach mehr und noch mehr Wissen - um das Singen aber auch um viele andere Dinge dieser Welt. Er ist ein sehr ernsthafter Gesprächspartner – nichts wird „einfach so dahin“ gesagt, immer geht er in die Tiefe, immer hat er eine fundierte Antwort parat (man könnte stundenlang mit ihm diskutieren und Themen aller Arten wälzen).
Zynismus ist etwas, das ihm ganz zuwider ist. Er möchte Vertrauen unter den Menschen, glauben können, was sie sagen. Gerade im Theaterleben wird so vieles versprochen und dann schaut es doch plötzlich wieder ganz anders aus…. Röhlig möchte optimistisch in die Welt schauen können - warum haben so viele Menschen so wenig Mut zum Guten und Schönen? Das trifft auch auf Regisseure zu. Was immer dieses „Schöne“ auch sein mag. Das muss sich dann allerdings nicht unbedingt in einem falsch verstandenen Realismus oder einer Volkstümelei ausdrücken, unsere Welt ist nun mal eine gebrochene….
Eitelkeit ist ein weiterer Negativpunkt – die Eitelkeit von Regisseuren im Besonderen, aber auch bei Sänger- oder Pult-„Stars“ hält er sie für verfehlt (mal von der notwendigen „normalen“ künstlerischen Eitelkeit abgesehen) – wichtig sei schließlich das Werk.
Beispiel Parsifal: Welche Botschaft ich immer im Parsifal sehe, es sollte eine Botschaft sein, an die ich glauben kann. Wenn ich gar nichts darin sehe, sollte ich kein neues Stück erfinden, sondern einfach die Finger davon lassen und etwas anderes inszenieren. Allerdings kann man manchmal auch durch ganz konträre, absurde Experimente zu einer Erkenntnis kommen; Röhlig zeigt Beispiele aus seinem Unterricht auf, aber auch „Improvisationsbeispiele“ von Regisseuren…
Seine körperliche Fitness pflegt Friedemann Röhlig bevorzugt als begeisterter Anhänger asiatischer Kampfsportarten, bzw. Kampfkunst - besonders der japanische Schwertkampf IAIDO, eine Samurai-Waffenkunst, hat es ihm angetan – wobei er auch hierbei bereits höhere Weihen erreicht hat, u.a. bei Wettkämpfen in Japan. Das Ganze kommt seiner Körperbeherrschung sehr zugute, was Röhlig – zur Freude von Regisseuren und Publikum - zu effektvollen Stunts auf der Bühne befähigt. Andererseits wirkt es sich positiv auf die innere Konzentrationsfähigkeit aus. - Seinen Schülern empfiehlt er als sängerfreundliche, bzw. sängernützliche Sportart AIKIDO (waffenlose Selbstverteidigung, wird heute an vielen Konservatorien angeboten) - das hat was mit Atemfluss zu tun.
Die Röhligs sind Familienmenschen. Friedemann hat eine spanische Frau (Schauspielerin) und eine 3-jährige kesse Tochter. Alljährlich gibt es ein Familien-Clan-Treffen in Leipzig, zu dem Verwandte aus allen Teilen der Welt anreisen.
Röhligs junior haben sich ihr derzeitiges „Nest“ in Kassel eingerichtet. Bei dem dreimonatigen Amerika-Aufenthalt 2004 (San Francisco/Kalifornien) hatte Friedemann seine Familie dabei. Von San Francisco, dieser ganz untypisch amerikanischen, offenen, multikulturellen Stadt schwärmt Röhlig: Alles, was ich mir vom Leben wünsche, kann ich in San Francisco bekommen (…wenn nicht gerade ein Erdbeben kommt …).
Kommentar zum Ausspruch von John Dew „Kunst ist da, um Langeweile zu vertreiben“:
Da könnte die fälschliche Meinung entstehen, alles, was Langeweile vertreibt, sei Kunst.
Im besten Falle soll Kunst wach machen, sensibel machen, zum Denken anregen, Emotionen aller Arten wecken, auch unterhalten natürlich und Langeweile vertreiben.
Röhlig findet es gut, dass es noch Theaterskandale gibt, zeigt das doch, dass das Theater den Leuten nicht gleichgültig ist. Er hat diesbezüglich selbst schon „spannende Abende“ miterlebt.
Kunst entsteht oft in kleinen, ganz wenigen besonderen Momenten, wo man glaubt, man sei plötzlich in einer anderen Welt. So geschehen bei der Kasseler Traviata mit Alexia Voulgaridou, „wo einem plötzlich das Herz stehen blieb – und hinterher stand das Publikum auf wie ein Mann und tobte – weil es jemandem geglückt ist, etwas in den Seelen der Menschen anzurühren …“ ….. D. Zweipfennig



Nächste Termine von Friedemann Röhlig:
14./15.4. - München - BR konz. „Wozzeck“
23. u. 28.5., 3. u. 8.6. - STO Stuttgart - Dr.Faust/Busoni
8.6. - STO Stuttgart - Arien-Konzert in der Liederhalle
31.7. - Galakonzert der KO Rheinsberg
Okt. 05 - San Francisco - UA von John Adams “Dr. Atomic”
Nov. 05 - Bilbao – Don Giovanni/Commendatore
März 06 - Strasbourg - “ “
Juni 06 - Nederlandse Opera Amsterdam - „Dr. Atomic“/Adams


Fotos sind bereits in der Bildergalerie

 

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Wien, 2010.09.05 22:08:35