DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 07/2005: Sally MATTHEWS, Schön ist sie, blendend singt sie!

Festspiel-Größen (Teil 2)
Sally Matthews, Sopran
Titelpartie in „La Calisto“, Münchner Nationaltheater

In welchem Outfit ist sie am schönsten? Als Dianas keusche Nymphe, die allen fleischlichen Verlockungen stand zu halten schwor und sich dann doch mit ihrer Göttin einließ, nicht ahnend, dass sie mit dem obersten Gott Giove schlief? Als hochschwangere Salon-Chansonette in der Bocks-Bar mit so niedlich-widerlichen Kunden wie Pane, Satirino oder Linfea, wo sie Giunone, die ihr bei der Entbindung ihrer Erstgeburt hilft, in die Eifersucht treibt? Oder erst am Schluss der Oper „La Calisto“ von Francesco Cavalli, wo sie Giunone in ein Bärenfell steckt, dann aber Giove sie in den Sternenhimmel erhebt? Die Britin Sally Matthews erfüllt ihre dreifache Verwandlungs-Rolle der Calisto, von Buki Shiff jedes Mal noch attraktiver eingekleidet, so perfekt, dass die Entscheidung schwer fällt.

Schön ist sie, blendend singt sie. Blutjunge Mutter einer knapp zweijährigen Tochter, Gattin eines freien Klarinettisten. Sally Matthews, Münchens umjubelte „Calisto“, könnte nach Aussehen und Ausstrahlung gut und gerne noch Pennälerin sein. Aber mit der kleinen Lebenserfahrung des Familientiers. Ernsthaftigkeit ist ihr ebenso wenig abzusprechen wie Zielstrebigkeit. Ihr München-Debüt, ein Festspiel-Höhepunkt im ohnehin hochkarätigen Angebot, ist einer der seltenen Glücksfälle im Metier.

Dabei ist Sally Matthews gerade erst einmal fünf Jahre „im Geschäft“. Gewann sie 1999 den Kathleen Ferrier Award, gelang ihr 2001 der Sprung auf die Bretter des heimischen ersten Hauses, Covent Garden in London, wo sie mit Nannetta anfing, der sie Pamina, Iris und die „Rosenkavalier“-Sophie folgen ließ. Deutschen Opernboden betrat sie, bald in Glyndeburne ein gefragter Jungstar, in Berlin Unter den Linden. Sie sang, erstaunlich genug, bereits in Mahlers Zweiter und Achter sowie in Beethovens Neunter die Sopranpartie. Und kehrt hoffentlich immer wieder zu Mozart und zum Barock zurück.

Über ihre Münchner „Calisto“ – sie ruht vorerst bis nächsten April und Juli – sagte Sally: „Eine phantastische Rolle und wundervolle Musik“. Regisseur David Alden habe das Stück ganz nach ihrem Geschmack inszeniert: wild, kein bisschen prüde und engherzig: „Ich glaube, man muss mit dieser Musik so umgehen – dann wird sie aufregend und macht Spaß.“ Zum Glück des reinen, (auf)reizenden Gesangs aus Sallys mädchenhaft unverbrauchter Kehle kommen so wunderbare Partner wie Umberto Chiummo als in Dianas Figur schlüpfender, Cary Grant-schöner Giove oder der umwerfend komische Dominique Visse als bock-geiler Satirino, der am Ende die mannstolle Linfea des grandiosen Guy de Mey vernascht. Rund um die reine Unschuld Sally Matthews: Götterzwist und Liebesschmachten. Ein parodistisches Fest für Barockfans, wie München sie sich züchtete. Hans Gärtner

 

http://www.der-neue-merker.at/
Wien, 2010.09.05 22:33:06