DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 03/2003: Elina GARANCA, Am Beginn einer großen Karriere

Elina Garanča -
Eine junge Sängerin am Beginn einer großen Karriere Sie trat ihr Festengagement an der Wiener Staatsoper zwar “nur” als Lola in Mascagnis “Cavalleria rusticana” an, doch diese kleine, aber nicht unwichtige Partie reichte aus, um auf ihr großes Talent aufmerksam zu machen. Die Rede ist von Elina Garanča, der jungen lettischen Mezzosopranistin, der Staatsopernintendant Holaender bei einer Podiumsdiskussion ein großes Kompliment machte, indem er ihr denselben Karriereverlauf zutraute, wie ihn die legendäre Giulietta Simionato genommen hatte - von der Lola zur Santuzza.
In Kurzform biographische Daten zur bisherigen Laufbahn Elina Garančas. Geboren am 16. September 1976 in Riga, der Hauptstadt Lettlands. Beide Elternteile waren Musiker (Sängerin, Dirigent). Ab 1996 Gesangsausbildung an der Lettischen Musikakademie. Teilnahme am Wiener Belvedere-Wettbewerb, wo sie von Christiane Mielitz und Kirill Petrenko gehört wurde, die sie nach Meiningen verpflichteten. Nach kleineren Partien folgten so typische Hosenrollen wie Orlofsky und Octavian. 1999 Gewinn des renommierten Mirjam-Helin-Wettbewerbs in Helsinki. 2000/01 Engagement an der Frankfurter Oper. 2001 Finalistin beim Wettbewerb “Cardiff Singer of the World”. 2001/02 “Rigoletto”-Maddalena beim Opernfestival im finnischen Savonlinna. 2002 Gastspiel an der Finnischen Nationaloper als Giovanna Seymour (ihrer Debütpartie 1998 in Bukarest!) in “Anna Bolena”, als Rosina sowie im Rossini-Stabat mater. Im Sommer 2003 Debüt bei den Salzburger Festspielen als Annio, wo sie auch 2004 als Dorabella auftreten wird. 2004 Adalgisa in Helsinki (Regie Renata Scotto!).
In Savonlinna führte Sune Manninen folgendes Gespräch mit der jungen, aufstrebenden Künstlerin, das sich hauptsächlich mit ihrem Wiener Festengagement beschäftigte.

Überwiegen für Sie bei diesem Engagement die Chancen oder die Risiken?

Ich fühle mich dort sehr geschützt, weil ich einen Vertrag habe, der mich zu fünfmonatiger Anwesenheit in Wien verpflichtet. Ich sagte nach dem Vorsingen zu Direktor Holaender, ich würde mich noch nicht fertig genug fühlen, gleich mit großen Partien einzusteigen. Er will mir Zeit geben, mich in Ruhe auf größere Aufgaben vorzubereiten. In der ersten Spielzeit werde ich mit Lola, der 2. Dame in der „Zauberflöte“ und dem Orlofsky Partien singen, die ich schon in Frankfurt bzw. Meiningen gesungen habe. Dann bin ich Cover für Zerlina und Dorabella, die ich vorher noch in Frankfurt singe, und bin im „Chénier“, den Domingo singen wird, in einer kleinen Partie, der Bersi, angesetzt. Ich bin sehr glücklich, dass ich in Wien mit Partien anfange, die ich schon drauf habe, denn in einem so großen Repertoirebetrieb wie der Staatsoper hat man nicht immer Zeit für genug Proben. Für die folgende Spielzeit ist die Meg Page im „Falstaff“ vorgesehen. In Tokio probiere ich den Niklaus in „Hoffmanns Erzählungen“ aus, der dann auch in Wien kommt. Besonders freue ich mich darauf, dass ich im Februar 2005 in einer Neuproduktion mit einer jungen Besetzung (Marcello Alvarez singt Werther, Philippe Jordan dirigiert) die Charlotte singen werde.

Ein großer Betrieb wie die Wiener Staatsoper bringt aber mit sich, dass sie in Ihrem Fach nicht allein sind. So singen dort auch Angelika Kirchschlager und Michelle Breedt, um nur einige zu nennen, Ihre Partien.

Das wird vielleicht anfangs ein kleiner Schock für mich sein, denn in Frankfurt war ich fast die einzige Sängerin im Fach des lyrischen Koloraturmezzosoprans. Aber eigentlich habe ich damit keine Probleme, denn ich weiß, dass ich noch viel lernen muss, und ein besserer Sänger als ich ist keine Gefahr, sondern ein Ansporn. Deshalb bin ich auch glücklich, für einige Partien als Cover besetzt zu sein. Somit habe ich die Gelegenheit, bei den Proben dabei zu sein und mir von den Kolleginnen etwas „ablauschen“ zu können. Seit ich 1998 zum ersten Mal in Wien war, damals zu privaten Studien, habe ich mich dort immer unheimlich wohl gefühlt. Die Stadt strahlt so viel Kultur aus, und dann dieses herrliche Opernhaus mit seinem großartigen Orchester!

Die fünfmonatige Anwesenheit gibt Ihnen dann auch Gelegenheit zu Gastengagements.

Im Sommer 2003 folgt ein weiterer großer Sprung für mich, wenn ich bei den Salzburger Festspielen debütiere und unter Nikolaus Harnoncourt den Annio in „Clemenza di Tito“ singe. Der Sesto ist mein großes Idol, Vesselina Kasarowa, und ich habe gesagt, es ist mir egal, was ich singe; Hauptsache, ich kann zusammen mit ihr auf der Bühne stehen. Ich habe sie noch nie live gehört und kenne sie nur von ihren CDs, besonders von den Rossini-Aufnahmen, die ich so oft gehört habe, dass ich sie anfangs sogar kopiert habe.

Ihr Engagement in Salzburg bedeutet dann aber gleichzeitig, dass Sie für Savonlinna nicht mehr zur Verfügung stehen.

Das ist natürlich schade, denn ich habe mich hier unglaublich wohl gefühlt. Es war hier wie Urlaub für mich, in dem ich mich sonnen oder im See schwimmen konnte. Aber die Maddalena im „Rigoletto“, die man mir auch für das nächste Jahr anbot, bietet mir keine Entwicklungsmöglichkeiten; die kann ich auch noch mit 55 singen. Aber jetzt habe ich die Angebote, um mich weiter zu entwickeln.

Sie haben Vesselina Kasarowa genannt. Kann man sagen, dass sie Ihr Vorbild ist?

Ja, unbedingt, aber ich kann nicht sagen, dass ich ein einziges Vorbild für alle Stile oder Musikrichtungen habe. Vesselina Kasarowa finde ich ganz toll in Rossini und Mozart. Anfangs war ich nicht so begeistert von Cecilia Bartoli; ich fand ihre Art zu singen zu kultiviert, zu mechanisch. Aber jetzt, wo ich ein Konzert mit Liedern von Rossini, Donizetti, Bellini und Tosti, habe ich mir eine CD der Bartoli mit dieser Musik gekauft und fand sie ganz großartig. Auch Anne Sofie von Otter, besonders in ihren Hosenrollen, aber auch bei Offenbach, begeistert mich. Jessye Norman natürlich, bei Spirituals und Mahler, Strauss. Bei Dolora Zajick finde ich unglaublich, wie sie an einem Abend Lady Macbeth und am nächsten Azucena singen kann. Weil ich gerade einen Abend mit Zarzuelas vorbereite, höre ich im Augenblick Aufnahmen Monserrat Caballés sehr intensiv und versuche, mir von allen etwas zu nehmen.

Mir fällt auf, dass Sie niemanden aus der ehemaligen Sowjetunion nennen.

In Riga hörte ich Irina Arkhipova in der Domkirche mit einem Konzert, und obwohl sie über 65, fast 70 Jahre alt war, klang ihre Stimme noch immer unglaublich jung, frisch und unverbraucht. Bei den meisten russischen Mezzosopranen klingt mir der Übergang von der Mittellage zur Tiefe, wenn sie in die Bruststimme gehen, zu brutal. Vielleicht ist brutal ein zu hartes Wort, aber diese Art zu singen ist nicht mein Geschmack. Keiner der Mezzos, die ich genannt habe, hat diesen Bruch in ihrer Stimme. Ansonsten finde ich von der jungen, in Russland singenden Generation die Sopranistin Anna Netrebko ganz hervorragend (eine wunderschöne Stimme und ein wahnsinnig netter Mensch) und auch den jungen Bassisten Ildar Abdrazakov, mit dem ich in Frankfurt im Verdi-Requiem singen werde.

Bei unserem ersten Gespräch vor einem Jahr gestanden Sie, eine Vorliebe für sog. Powerfrauen zu haben - Sie nannten u.a. Lady Macbeth, Santuzza und Abigaille - , und dass es ihr Wunschtraum wäre, diese Partien eines Tages einmal auf der Bühne zu gestalten.

Im vergangenen Jahr bin ich viel, viel ruhiger geworden. Natürlich mag ich komplizierte Charaktere, die man in den 3-4 Stunden auf der Bühne entwickeln kann, aber diese Powerfrauen sind im Moment ganz weit entfernt.

Birgit Nilsson, die Sie bei Ihrem Wettbewerbserfolg vor drei Jahren in Helsinki hörte, prophezeite Ihnen damals eine Zukunft als hochdramatische Sopranistin. Vor einem Jahr widersprachen Sie dieser Prophezeiung nicht energisch. Und heute?

Ich bin ein ganz typischer lyrischer Mezzosopran, und ich fühle mich dabei wohl. Natürlich muss ich als Mezzo ein hohes C haben, aber es ist doch ein Unterschied, ob ich ab und zu einen Spitzenton singe oder eine ganze Partie in dieser Tessitura singen muss. Heute ist die Mittellage für mich viel wichtiger geworden; die ist das Brot, das Fleisch, die Creme, die wir täglich einsetzen. Wenn die Mittellage stimmt, kommen die hohen Töne von selbst

Sie haben eine Zeit lang mit Irina Gavrilovici zusammengearbeitet, die nicht nur Ihre Lehrerin, sondern auch Ihre Pianistin war. Von wem lassen Sie heute Ihre Stimme kontrollieren?

In London gibt es einen Coach, Gerald Moore, und außerdem bin ich im vergangenen Oktober nach Amerika zu Virginia Zeani gereist, um neue Ideen zu entwickeln.

Die Partie, mit der Sie 1998 debütierten, die Giovanna Seymour in „Anna Bolena“, sangen Sie im Februar 2002 in Helsinki, wo Sie auch gerade als Rosina und im Stabat mater gastierten. Gibt es neue Pläne für dieses Opernhaus?

Für 2004 ist die Adalgisa in „Norma“ vorgesehen, und ich habe mir sehr viel Zeit gelassen zu überlegen, ob diese Partie für mich richtig ist, weil die Tessitura insgesamt doch recht hoch liegt. Aber sie ist nicht dramatisch, überwiegend lyrisch, und man muss eine leichte Höhe haben. Ich glaube, sie kommt dann zum richtigen Zeitpunkt für mich.

Für Ihren Start in Wien, und für Ihre weiteren Pläne wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Sune Manninen

 

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Wien, 2010.09.05 22:39:51