DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 10/2005: Violeta URMANA, Ich bin eher eine Puristin

Interview mit Violeta Urmana in Wien (18.10.2005- Dr. Klaus Billand)

Violeta Urmana ist nicht nur den Wiener Opernfreunden in einigen grossen Rollen bestens bekannt geworden. Nicht alle werden sich aber daran erinnern, dass die Litauerin hier mit der Eboli 1996 begonnen hat. In der für sie einzigen Hosenrolle, dem Adriano, trat sie dann 1997 in der Neuinszenierung des Rienzi durch David Pountny an der Staatsoper auf. Mittlerweile ist ihre Kundry weltbekannt. Sie sang im Bayreuther Ring von Jürgen Flimm die Sieglinde und in Wien u.a. die Leonora di Gusman in der Neuinszenierung der Favorite von Donizetti. Mittlerweile macht Violeta Urmana auch durch einen Fachwechsel hin zum dramatischen Sopran von sich reden. So sang sie im Oktober die Wally konzertant im Wiener Konzerthaus, nachdem sie gerade zum ersten Mal die Ariadne, und zwar gleich an der Met, gesungen hatte. Während ihres Aufenthalts in Wien konnte ich die Sängerin am 18. Oktober im Ana Grand Hotel interviewen.

Frau Urmana, wie war Ihre Erfahrung mit Ihrer ersten Ariadne an der Met?

Die neue Rolle ist wunderbar, es war meine erste Strauss-Partie überhaupt. Die New Yorker Inszenierung ist ziemlich statisch, was die eigentliche Oper, also den 2. Akt betrifft, in dem die Ariadne in grosser Ruhe verharrt, sich mit Gedanken an den Tod quält. Theatralische Momente, die auch beim Publikum viel Erheiterung bewirken, werden durch das dauernde Stören ihres Grübelns durch die Komödianten gesetzt, die dann in ihr auch die Primadonna wecken, was ich für reizvoll halte. Ich finde die Rolle wunderschön, sie lässt sich sehr gut singen. Die Musik ist wunderbar, die Oper nicht zu lang. Ich habe meine erste Strauss-Partie sehr genossen. Sie wird aber wahrscheinlich vorläufig meine einzige bleiben.

Wie sehen Sie die Wagnerrollen, die Sie singen, vor allem Kundry? Ich erinnere mich u. a. an den Film mit Placido Domingo...

Bei diesem Film musste ich Eigenregie machen, denn eine spezielle Regie für die Kundry war nicht vorhanden. Ich hatte auch damals schon immer meine eigene Idee von der Kundry gehabt, aber es sollte mal etwas anderes werden. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich nur eine Kundry gesungen, in der Grüber-Produktion in Amsterdam 1997, in der es aber auch keine besondere Regie in bezug auf die Rolle der Kundry gab. Für mich als Sängerin ist wichtig, was auch für Kundry wichtig ist, nämlich Erlösung zu finden. Von Klingsor manipuliert, macht sie bis weit in den 2. Akt hinein, was von ihr verlangt wird. In dem Moment, wo sie merkt, dass Parsifal derjenige sein könnte, durch den sie vielleicht Erlösung findet, versucht sie alles Mögliche, um ihn für sich zu gewinnen. Da dreht sich erstmal alles um mich, da ist die Möglichkeit, diese Rolle zu gestalten, das Leiden und Erlöstseinwollen mit ganz persönlichen Mitteln zu zeigen. Natürlich versucht es Kundry vielleicht mit falschen – eben den gewohnten – Mitteln. Die Verzweiflung, Erlösung zu finden, möchte ich hier besonders darstellen. Bei Fricka, einer kleineren Rolle, steht im Vordergrund, dass sie Wotan an den Moralkodex erinnert, den er selbst geschaffen hat. Nach dem folgenschweren Dialog mit ihm in der Walküre kann sie gehen, ihn aber immer noch lieben. Das muss also kein endgültiger Bruch sein. Götter sollten sich vielleicht auf ewig vertragen! Die Sieglinde liebe ich. Sie hat aber den Nachteil, dass sie den ganzen Abend über doch nicht so viel singt, wie ich es gern hätte, das gilt auch für die Kundry, die wenig im 1. Akt und fast gar nichts im 3. Akt zu singen hat. Da lobe ich mir schon die Tosca, die ich in der Premiere beim Maggio Fiorentino im April d.J. gesungen habe, eine schöne Rolle. Sie geht wie Butter, das gilt für das dramatische Singen im 2. Akt wie für die Lyrik im dritten. Den 3. Akt liebe ich am meisten. Die Partie in Florenz habe ich in nur acht Tagen inkl. Generalprobe einstudiert. Wie in der Ariadne an der Met war ich keinen Augenblick vor dem Debüt aufgeregt. Es ist sowas von schön, dass endlich die lang ersehnten Partien kommen! Im Augenblick habe ich fast jeden Monat ein Rollendebüt!

Wie steht es mit dem Fachwechsel zum Sopran?

Ich war anfangs einmal Sopran, habe vier Jahre Sopran studiert, Lucrezia Borgia gesungen, habe auch Gilda und Traviata ein wenig studiert und verschiedene Arien des Sopranfachs gesungen und hatte eine viel höhere Lage als heute. Wegen meines dunklen Timbres wurde ich gewissermaßen nach unten gedrückt. Leider gibt es in Litauen keine guten Lehrer, die einen auf dem richtigen Weg begleiten. Auch wenn ich Mezzo sang, versuchte ich immer auch die andere Rolle, eben die Sopranrolle, mitzusingen und dachte, dass es eigentlich das war, was ich konnte und wollte. Ich war deshalb nie glücklich, dass ich plötzlich ein Mezzo geworden war. Die Potenz für den Sopran, auch die Töne, hatte ich immer schon. Schliesslich hat sich die Stimme allein befreit, und es war nicht mehr möglich, dass ich diese tiefen Partien singen konnte. Bei der Amneris hatte ich mich ohnehin nur gequält. So, wie ich jetzt singe, das ist so meine Stimme, sie ist befreit! Der Fachwechsel ist für mich irreversibel, wenngleich eine Rolle wie die Kundry, die ja als Sopranrolle geschrieben wurde, nicht out ist. Die schaffen ja auch die richtigen Mezzosoprane nur mit Schwierigkeiten. Auch für die Ortrud, die mich aber nicht interessiert, muss man schon ein Teil Sopran sein. Ich bedaure es, dass manche Kritiker diesen Fachwechsel nicht verstehen und sogar für bedenklich halten. Wenn ich so etwas lese, denke ich mir, solche Kritiken gar nicht mehr lesen zu sollen. Um selbst genau zu wissen, wie ich eine Rolle singe, nehme ich Vorstellungen manchmal in der Garderobe über Lautsprecher auf. Ich will selbst hören, wie das klingt.

Was bedeuten Ihnen Komponisten wie Wagner und Strauss, etwa im Vergleich zu Verdi, Donizetti und anderen?

Kundry war meine Lieblingspartie, dann die Sieglinde. Wichtig ist aber immer, an jedem Abend für die jeweilige Rolle das Beste zu geben, unabhängig vom Komponisten. Der Reiz und die Herausforderung liegen in der Abwechslung. Bei Verdi braucht man mehr Disziplin. „Schreien“ fällt hier sofort auf. Man darf aber nicht zuviel Emotion zulassen, das kann die Gesangslinie gefährden. Schluchzen ist nicht gut für die Stimme! Ich bin eher eine Puristin.

Ihre Bayreutherfahrung?

Ich debütierte 1994 mit kleineren Partien (wie der 2. Norn und Walküre-Waltraute). Mit der Kundry kam ich 1999 zurück, und 2001 bis 2003 folgte dann die Sieglinde. Es war sehr schön, in Bayreuth gleich ganz zu Beginn der Karriere gesungen zu haben.

Wie stehen Sie zu unkonventioneller Regie bzw. zum sog. Regietheater?

Bis jetzt hatte ich stets Glück und bin auf keinen „verrückten“ Regisseur gestoßen. Mit einer Rolleninterpretation, mit der ich mich überhaupt nicht mehr identifizieren kann, hätte ich meine Probleme. Das soll nicht heissen, dass ich traditionell eingestellt bin. So habe ich z.B. Le Prophète in Wien in der Neuenfels-Inszenierung geliebt, bis auf den 5. Akt. Das war eine fantasievolle Regie, zauberhaft! Ich sang wohl die dritte Reprise nach der Premiere 1998. Bei Neuinszenierungen bin ich jedoch vorsichtig und versuche in Erfahrung zu bringen, dass da keine Schweinerei vorkommt. Denn ich möchte das nicht erst bei Beginn der Proben feststellen und dann damit 6-8 Wochen verbringen. Die unbegrenzte Macht der Regisseure geht mir auf den Geist, als ob wir nur Idioten wären und nur den Mund zum Singen aufmachen dürften. Man hat schliesslich auch seine Ideen. Ich muss keine 20 Jahre Regiearbeit gemacht haben um zu wissen, ob ein bestimmter Fußboden Stimmen absorbiert oder wir Sänger zu weit entfernt vom Publikum postiert sind. Man könnte auch viel kürzer proben. Eine wichtige Rolle sollten bei dieser Problematik auch die Operndirektoren spielen. Irgendwann einmal war die Oper Sängertheater. Das ist auch überholt. Aber die meisten von uns haben auch eine eigene Meinung und nicht nur Dirigent und Regisseur. Mit intelligenten Dirigenten und Regisseuren lässt sich natürlich immer reden. Ein Beispiel: Obwohl es als Gesamtkunstwerk konzipiert ist, besteht das Wagnersche Werk erst einmal aus der Partitur, die musikalisch und mit guten Sängern wiederzugeben ist. Ich muss als Sängerin „drin“ sein, erst mal das erfüllen, was zu erfüllen ist. Dann müsste auch eine intelligente Regie möglich sein, die immer wieder guter Ideen bedarf. Von denen hört man allerdings in letzter Zeit nicht allzu viel. Man kann Wagner auch konzertant aufführen, es ist immer noch das Wagnersche Werk! Aber es ginge nie ohne Musik und Gesang. Meine Regie ist, was ich mit dem Text und der Musik mache, was für mich geschrieben steht. Sonst wäre es doch Langeweile. Die Leute müssen verstehen, worum es geht!

Wie stehen Sie zum Open Air Festival gegenüber dem normalen Opernbetrieb?

Solange die Open Air Festivals ihr eigenes Publikum finden, ist das in Ordnung. Ich lehne für mich aber solche Festivals ab, deshalb habe ich auch Angebote aus der Arena di Verona bisher nicht angenommen. Die gesundheitlichen Gefahren sind einfach zu gross, das ist eine Unberechenbarkeit, aber auch die fehlende akustische Begrenzung ist von Nachteil. Ich habe nur zweimal Open Air gesungen, und das hat gereicht: Auf der Waldbühne in Berlin bei 8 Grad Celsius im Juni - ich wurde danach gleich krank - und in Orange bei Mistralwinden...

Was sind Ihre weiteren Rollen und Projekte?
Die Isolde habe ich konzertant bereits gesungen, aber ich habe definitiv vor, sie auch auf der Bühne zu singen. Es wurde immer wieder verschoben, vielleicht ist es 2009 so weit. Ich nehme an, dass ich gewisse Partien des italienischen Fachs mit weiterer Reife auch nicht mehr singen können werde. Wenn die Stimme für das italienische Fach zu schwer wird, kann ich schneller ins deutsche Fach wechseln. Ich habe keine Röhre, aber eine Brünnhilde könnte ich mir dann in 10 Jahren eventuell vorstellen. Die Lady Macbeth glaube ich noch länger zu singen zu können. Auch das Verdi-Requiem ist kürzlich gut gelungen. In jedem Falle würde ich niemals gegen meine Stimme entscheiden. Ich habe immer noch Ehrfurcht vor solchen Partien, so als dürfte ich sie nicht singen... Ich fühle mich als dramatischer Sopran. Und von dem kann Power durchaus erwartet werden. Ich konzentriere mich natürlich auf ein Standardrepertoire und erlaube mir keine Ausflüge ins Exotische. Ariane et Barbe-Bleue von Dukas würde mich schon interessieren, aber dafür habe ich einfach auch nicht die Zeit. Ich singe gern an grossen Häusern wie Wien und Mailand, und natürlich auch in New York, trotz der Unannehmlichkeiten der langen Anreise, wie jet lag und ähnliches. Im April 2006 werde ich in der Sala São Paulo in São Paulo/Brasilien dreimal die Sieglinde mit Stephen Gould in einer konzertanten Aufführung des 1. Akts der Walküre mit dem Symphonischen Orchester des Staates São Paulo singen. Aber mir graut schon vor der langen Reise...

Frau Urmana, ich danke Ihnen für das Gespräch. Der Neue Merker wünscht Ihnen weiterhin alles Gute! Klaus Billand

 

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Wien, 2010.09.05 22:29:15