DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 03/2006: Johannes Martin KRÄNZLE, Alles ist eine Frage der Plausibilität

Johannes Martin Kränzle im Interview mit Marc Rohde:
Direkt nach der anstrengenden Hauptprobe von Brittens „Death in Venice“ nahm sich der Bariton Johannes Martin Kränzle Zeit für ein Gespräch mit dem Neuen Merker. An seinem Stammhaus, der Oper Frankfurt, verkörpert er derzeit in Brittens Spätwerk die Rolle des Traveller. Es handelt sich in dieser Oper neben der Tenorrolle des Aschenbach um die zweite große Partie. Tatsächlich besteht sie aber aus nicht weniger als sieben verschiedenen Charakteren, die der spielfreudige Sänger an diesem Abend zu verkörpern hatte. „Meine Rolle ist das Gegengewicht zu Aschenbach, der ihm immer wieder auf seiner Venedigreise begegnet. Man weiß nicht genau: ist es die Einbildung des anderen, der immer wieder denselben zu sehen glaubt, oder sind es tatsächlich sieben verschiedene Menschen, die auf ihn zufällig hintereinander treffen. Der Traveller ist ein mephistophelischer Widerpart, oder auch, wenn man es psychologisch deuten will, das Unterbewusste Aschenbachs. Es ist für mich sehr dankbar, diese Partie zu singen.“ Bei einer Herausforderung wie dieser Rolle ist der Bühnensänger in seinem Element. „Auch musikalisch ist die Partie sehr anspruchsvoll: eine der sieben Rollen ist extrem hoch mit viel Falsettanteil, die nächste dann in der Bass- Tessitur, die nächste hat große Linie, die übernächste ist buffonesk.“

Die Kritiken waren vielversprechend, der Erfolg der Aufführungen bisher riesig, so dass sich ein Besuch der noch bis Mitte Mai laufenden Vorstellungen mit Sicherheit auch für auswärtige Besucher lohnen wird.

Für Kränzle ist Britten ein Klassiker des 20. Jahrhunderts, der es geschafft hat, eine eigene und typische Klangsprache zu entwickeln, die er in „Death in Venice“ oft minimalistisch reduziert. Auf den Spielplänen der Welt hat er inzwischen einen festen Platz.

Die Regie von Keith Warner in Frankfurt dient in erster Linie dazu, den Inhalt des Stücks für den Zuschauer klar zu machen, was Johannes Martin Kränzle bei Stücken, die schon musikalisch stark abstrahieren, sehr begrüßt. „Wenn man jetzt hier nicht ordnend wirkt, dann verliert das Publikum die Verbindung zum Zusammenhang und somit zum Stück“.

Bei Repertoireopern ist der Sänger in punkto moderner Regie sehr aufgeschlossen. Da ist es oft sehr spannend, das Stück einmal völlig auseinander zu nehmen, und anders wieder zusammen zu bauen. Aber gerade das wieder Zusammensetzen gelinge dann nur in wenigen Fällen, weil oft Handwerkszeug und dramaturgisches Geschick fehlen. Kränzle sagt, er sei „grundsätzlich überhaupt nicht gegen moderne Regie: alles ist eine Frage der Plausibiltät.“

Angesprochen auf die momentane Stellung der Oper Frankfurt konstatiert der Sänger ihr ein sehr hohes musikalisches wie auch szenisches Gesamtniveau, welches nicht zuletzt durch das hier praktizierte Semi-Stagione Prinzip, also blockweisen Vorstellungsserien, und die mutige und künstlerisch kompetente Leitung erreicht wird. Bei vermutlich geringerem Etat, kann sich die Oper der Mainmetropole problemlos mit den Häusern in München oder Hamburg messen lassen. „Deswegen bin ich sehr froh, an diesem Opernhaus zu wirken.“
In Frankfurt hat das Ensemble einen hohen Stellenwert. Die eigenen Sänger bekommen hier die Chancen, an die großen Rollen heranzukommen. Andernorts werden oft schicke Gäste, die man von der neuesten CD-Einspielung kennt, eingekauft und erst nach Jahren oder im Krankheits- oder Notfall darf jemand aus den hauseigenen Reihen ran.
In Frankfurt stimmt einfach die Mischung aus hochqualifizierten Gästen und oft ebenso hervorragenden eignen Kräften, mit denen das Publikum sein Opernhaus letztlich identifiziert. Viele Namen von Gastsängern sind dem durchschnittlichen Besucher kein Begriff. Bei den anderen macht es dann keinen Unterschied mehr, ob ein Lorenzo Rinotti oder ein Lauranzo Rinaldo auf dem Besetzungszettel stehe. Für den Großteil des Publikums ist es somit interessanter, wenn sie die eigenen Künstler in verschiedensten Rollen verfolgen können. Ohne eigenes, intaktes Ensemble ist vielerorts die Oper eine Institution ohne Identität, ein Gemischtwarenladen ohne Markenprodukte.

Kränzle selbst war stets Mitglied eines Opernensembles. „Ich bin ein Langsamentwickler“, wie er von sich selbst sagt, aber dies doch im allerpositivsten Sinne. Nach dem Studium in Frankfurt ging er zunächst nach Dortmund, wo nur sehr kleine Rollen auf ihn warteten. Dann folgte Hannover, wo er nach erfolgreicher Teilnahme an einem Gesangswettbewerb auch große Partien singen konnte und nun in Frankfurt, wo er bereits seit acht Jahren engagiert ist und es ihm immer noch nicht langweilig geworden ist. Seit zwei Jahren bewegt er sich von den lyrischen Partien fort zum Fach des Charakter- und Kavaliersbaritons. So sang er in dieser Spielzeit den Grafen Tomsky in Tschaikowskys Pique Dame, in der nächsten Spielzeit geht er mit dem Beckmesser in Frankfurt seine erste große Wagner Partie an.
Der Frankfurter Intendant, Bernd Loebe, hat ihm immer Freiräume gelassen, so dass jährlich ein bis zwei Gastengagements an anderen Häusern möglich waren. „Ich merke auch für mich als Sänger, dass es auch wichtig ist, wieder mal woanders gehört zu werden.“ In San Francisco hat er letztes Jahr im 3.500 Zuschauer fassenden Opernhaus den Papageno gegeben und stand dort zuvor in La Boheme auch schon mit Anna Netrebko auf der Bühne, von deren Bühnenpräsenz er noch heute schwärmt.

Angesprochen auf die aktuell grassierende Eventkultur, begrüßt er zwar jede Veranstaltung, die Menschen dazu bewirkt, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen, findet die aktuellen Entwicklungen auf diesem Gebiet aber teilweise auch bedenklich. Im Sommer sind jegliche Festivalproduktionen ausverkauft, egal in welchem „Heustadel“ sie stattfinden. Künstlerisch meistens viel hochwertigere Produktionen im heimischen Stadttheater werden hingegen teilweise vor halbleerem Haus gespielt. Sobald man sich als Zuschauer ein Butterbrot mitbringen kann, es keine Heizung oder nur schlechte Beleuchtung gibt, handelt es sich dann aber kurioserweise um eine Attraktion und die Massen strömen. Event eben.

Der sympathische Sänger lässt sich aber nicht nur aufs Singen festlegen. Als Schüler und später noch mal für einen Wettbewerb in Berlin hat er sich – erfolgreich - im Komponieren versucht. Es handelte sich um einem Wettbewerb, bei dem der Name des Komponisten der Jury nicht namentlich bekannt war und somit Vetternwirtschaft und Sympathieurteile nicht vorkommen konnten. Das Thema war vorgegeben, die ungefähre Stücklänge, die zur Verfügung stehenden Stimmlagen und ebenso die Instrumente, die verwendet werden durften. Darüber hinaus hatte der Komponist jegliche Freiheiten. Der ausgeschriebene Preis war finanziell lächerlich, aber die sechs besten Werke sollten in der Neuköllner Oper aufgeführt werden, was für den Sänger dann der eigentliche Ansporn war, zum Schreibtischtäter zu werden. Das Libretto hat er dann auch selbst geschrieben und gewann mit dem Stück schließlich den dritten Preis. Durch die ungewöhnliche Instrumentierungsvorgabe, ohne Streicher, klangen die Werke dann ein wenig nach „Augsburger Puppenkiste“, aber das Produktionsteam hat einen tollen Abend aus den Stücken gemacht.
„Ich war begeistert, welche neuen Komponenten das Produktionsteam aus meinem Stück herausgelesen hat, an die ich beim Komponieren gar nicht gedacht habe“. Auch beim Publikum kam seine Kurzoper gut an, was wohl auch der praktischen Theatererfahrung zu verdanken ist, die Kränzle als Sänger vorzuweisen hatte.

Neben Singen und Komponieren kommt dann noch Violinespielen als weitere Komponente für das Prädikat „Musikalischer Allrounder“ hinzu. In „Orpheus in der Unterwelt“ greift er immer wieder gerne selbst zur Geige und verblüfft nicht selten Musiker und Publikum mit seinem auch für Orchestermusiker gefürchteten Solo.

Eine weitere Aktivität in dem musikalischen Leben des Familienvaters ist seine Lehrtätigkeit an verschiedenen brasilianischen Universitäten. „1991 hatte ich in Brasilien einen Gesangswettbewerb gewonnen und wurde dann im Jahr darauf gefragt, ob ich im nordöstlichen Teil des Landes ein Konzert geben könnte“ Die Leute hatten ihn im Fernsehen gesehen und wollten an das Konzert dann auch gleich noch eine Art Meisterkurs knüpfen. Zunächst traute er sich die Lehrtätigkeit noch nicht zu, gab dann aber doch nach und inzwischen ist hieraus eine feste Institution geworden. Jedes Jahr reist er im brasilianischen Winter für ungefähr zwei Wochen in den Nordosten des Landes, um dort ehrenamtlich zu unterrichten. Im Schnitt nehmen 15-20 Studenten teil, im letzten Jahr waren es sogar 50. Diese Arbeitsaufenthalte haben aber doch auch immer ein wenig Urlaubscharakter, weil die Städte am Meer sind und die Arbeitszeiten sich auf 4 bis 5 Stunden täglich beschränken.

Rein vom Erholungsfaktor her betrachtet war eines der tollsten Gastspiele allerdings der 2. Handwerksbursche in Wozzek im italienischen Spoleto. Die Rolle beschränkt sich auf drei Gesangsminuten, den Rest der Oper hat man frei. Da hatte Kränzle eine tolle Zeit in Umbrien, in Restaurants, am Strand, konnte an einem Tag einen Ausflug nach Rom machen, dann mal einen nach Bologna und zwischendrin ist er immer mal wieder einen halben Tag für die drei Sätze zurückgekommen. Dies war an und für sich viel attraktiver als eine Rolle, bei der man außer dem Hotel und dem Theater nichts von dem Gastspielort sieht.

In Österreich kennt man den Sänger vielleicht noch von den Mörbischer Seefestspielen 1985, als er im Bettelstudent als Jan mitwirkte oder von seinen Auftritten an der Volksoper in der Ära Klaus Bachler als Graf Danilo und in der damals gefeierten Produktion „ Der Konsul“ von Menotti als John Sorel.

Die Wiener Staatsoper ist für einen Sänger seiner Meinung nach sicher einer der hervorragendsten Orte für Oper. Wenn man allerdings Sehnsüchte hat, unbedingt an einem bestimmten Haus singen zu wollen, wird sowieso nichts daraus. Völlig unberechenbar und damit auch spannend sind die zufälligen Begegnungen mit Orten und Kollegen. „Das Mirakel ist in unserem Beruf, dass Musik Augenblickskunst ist, und keiner das nächste Jahr exakt prophezeien kann“.
Zu Kränzles schönsten Erlebnissen in Deutschland gehören allerdings seine Auftritte an der Bayerischen Staatsoper in München. Sowohl in akustischer Hinsicht, von den Publikumsreaktionen wie als auch vom Flair des Gebäudes, gehört diese Oper für ihn zu den schönsten Häusern überhaupt. Nächste Spielzeit wird ihn der Papageno, den er dieses Jahr zum 100. Mal singen wird, wieder dorthin führen.
Aber gleichzeitig räumt er ein, dass es auch keine Freude für ihn wäre, am schönsten Aufführungsort an einer Produktion mitzuwirken, die misslungen ist. „Ich habe nie Scheu gehabt, auch an ganz kleinen Häusern etwas für meine Entwicklung Wichtiges zu singen.“

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Stimme einmal von heute auf morgen wegbleiben sollte, hat er immer Alternativen im Hinterkopf. Er hat ebenso Interesse an dem administrativen Teil des Opernbetriebs. So hat er zunächst Musiktheaterregie studiert und erst anschließend Gesang. Ideal wäre für den Fall der Fälle, in einem Führungsteam rein für die künstlerische Komponente zuständig zu sein. Darüber muss ja aber derzeit gar nicht spekuliert werden, weil es sängerisch blendend läuft, wie auch die folgenden Kritiken zu „Death in Venice“ belegen:

...dazu der baritonal ungemein wandlungsfähige, mal amüsant, mal gefährlich wirkende Johannes Martin Kränzle als zunächst agil-herrische Vaterfigur, später als geiler Geck, öliger Hotelchef, wichtigtuerischer Figaro und in vier weiteren Rollen (Bayern 4 Klassik-Radio)

Johannes Martin Kränzle erweist sich in diesen Rollen als wahres Chamäleon, er stattet den gestaltlabilen Gegenspieler Aschenbachs stimmlich mit Hinterlist und Süßlichkeit aus (FAZ)

Johannes Martin Kränzle has just the right chameleon theatricially for the multiple baritone roles, with plenty of vocal burnish when needed (Financial Times)

Prachtvoll auch Johannes Martin Kränzle als mephistophelischer Verführer... (Frankfurter Neue Presse)

Sechs Spiegelfiguren und Gegenspieler des alternden Aschenbachs sowie Nachgott Dionysos sind ein und demselben Bariton anvertraut. Johannes Martin Kränzle gelingt das Schwerste: für jede Figur findet der Ausnahmesänger die treffende Stimmfarbe, den treffenden Körperausdruck. Hintergründigkeit und Komplexität jeder einzelnen "Maske" werden lebendig. (Hanauer Anzeiger)

Sein Gegenspieler, der Verführer, der ihm in sieben verschiedenen Rollen begegnet, wird von Johannes Martin Kränzle mit bewundernswertem künstlerischen Instinkt gesungen und gespielt.. (Klassik.com)

Ovationen erhielt auch Johannes Martin Kränzle, der als Aschenbachs Alter Ego einen seiner größten Erfolge in seiner Frankfurter Ensemble-Zeit feiern konnte. Selten hat man den Künstler so vokal facettenreich und variabel gehört wie am vergangenen Samstag. Die zynischen Elemente, die Britten in dieser Rolle angelegt hat, spielte der Bariton auf grandiose Weise aus. Vor allem als Hotelmanager und Coiffeur lieferte er superbe Charakterstudien -sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Da blieben wahrlich keine Wünsche offen. (Maintal Anzeiger)

...fabelhaft besetzt auch mit Johannes Martin Kränzle als vielgestaltigem Reisenden, einer sinistren, mythologisch mehrdeutigen Figur,... (Allgemeine Zeitung Mainz)

...Johannes Martin Kränzle packt alle diese Parts mit einem offenbar automatisch justierbarem Bariton, eine Vielzweckwaffe in dieser Oper (Offenbach Post)

Mit atemberaubender Wandlungsfähigkeit und viel stimmlichem wie schauspielerischem Humor schlüpfte Johannes Martin Kränzle in die acht dem Bassbariton zugeordneten Rollen.... (Giessener Allgemeine)


© Marc Rohde 03 / 2006

 

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Wien, 2010.09.07 14:47:11