Juha UUSITALO
Der finnische Baßbariton Juha Uusitalo bekam kürzlich für seinen Gunther in der neuen Münchner "Götterdämmerung" herausragende Kritiken. Da er dort auch die Titelpartie in der Konwitschny-Neuproduktion des "Holländer" singen
wird, denke ich, daß es für deutsche und österreichische Leser interessant sein könnte, diesen aufstrebenden Sänger in einem Porträt vorgestellt zubekommen:
Interview mit Juha Uusitalo- Vom Flötisten zum Heldenbariton„Ganz hervorragend, man könnte sagen : eine Entdeckung, war der Leporello von JUHA UUSITALO, in dem – wenn nicht alles täuscht – ein künftiger Heldenbariton heranwächst : ein fast schwarzes Timbre, gekrönt von einer metallischen Höhe mit einer das Haus beinahe sprengenden Durchschlagskraft. Diesen Namen sollte man sich merken!“
Dieses Zitat findet sich in einem deutschen Opernmagazin über eine „Don Giovanni“-Aufführung, die im Februar 1999 im Konzerthaus der kleinen finnischen Stadt Mikkeli stattgefunden hatte. Es mutet waghalsig an, nach einem Leporello auf eine Karriere als Heldenbariton zu schließen, doch diese Prophezeiung wurde schneller Wirklichkeit, als der Rezensent es vermutet hatte : Bereits im Sommer desselben Jahres sprang Juha Uusitalo für Albert Dohmen als Wanderer bei Gustav Kuhns Tiroler Festival in Erl ein, und heute steht er an der Bayerischen Staatsoper München als Donner und Gunther auf der Bühne und wird dort 2006 im kommenden, von Peter Konwitschny inszenierten „Fliegenden Holländer“ die Titelpartie singen. Davor wird er 2004 in den Alden-“Meistersingern“ der Kothner sein. Anlass genug, den sympathischen Finnen den deutschen und österreichischen Opernfreunden in einem Porträt vorzustellen, für das er sich freundlicherweise unserem Finnland-Mitarbeiter Sune Manninen in Helsinki zur Verfügung stellte.
Was der Rezensent dieser „Giovanni“-Aufführung nicht wusste : Juha Uusitalo hatte zu diesem Zeitpunkt schon Erfahrung als Wagner-Heldenbariton gemacht. Auf einer Tournee der kleinen mitteldeutschen Bühne in Freiberg durch Deutschland, Österreich, Schweiz und Frankreich hatte er in 8 Aufführungen die Titelpartie im „Fliegenden Holländer“ gesungen, die – wenn nicht alles täuscht – in naher Zukunft zu seinem Markenzeichen werden wird. Außer in der bereits erwähnten Münchner Neuproduktion wird er diese Partie in diesem Sommer bei den Opernfestspielen im finnischen Savonlinna (wo er 1996 im „Holländer“-Geisterchor mitgewirkt hatte) und 2004 in San Francisco interpretieren.
Angefangen hatte Juha Uusitalo (dessen Name auf Deutsch Johannes Neuhaus, auf Italienisch Giovanni Casanova bedeutet!) jedoch nicht als Sänger, sondern als Flötist, der mit einer eigenen Gruppe die Welt bereiste und seine letzte Arbeitsstelle im Orchester der Finnischen Nationaloper hatte. Schicksalshaft seine beiden letzten Vorstellungen als Flötist : Im Opernhaus war es Wagners „Siegfried“, im Konzertsaal Bruckners Wagner gewidmete 7. Sinfonie. Parallel zu dieser Tätigkeit begann er ab 1995 Gesang zu studieren und bekam, nachdem er auf Umwegen einen Studienplatz an der Sibelius-Akademie in Helsinki erhalten hatte, mit Falstaff und Gianni Schicchi gleich gewichtige Hauptrollen zu singen. Die Finnische Nationaloper, die sehr schnell auf ihn aufmerksam geworden war, gab ihm jedoch anfangs mit Antonio oder Angelotti recht kleine Aufgaben. Heute jedoch ist das Opernhaus stolz, einen „shooting star“ wie Uusitalo in den eigenen Reihen zu haben, und wenn es nach dem Besetzungsbüro gegangen wäre, so wäre er in zweiten Hälfte des vergangenen Jahres in nicht weniger als sieben Produktionen eingesetzt worden. Aus den anfänglichen kleinen Rollen sind jetzt Hauptpartien geworden : Jago, Jack Rance in Puccinis „Fanciulla“, Don Magnifico in „Cenerentola“ oder Schaklowity in „Chowanschtschina“.
Allein die Aufzählung dieser Partien lässt die ganze Bandbreite von Uusitalos Fähigkeiten erkennen, und wenn der Regisseur Michael Hampe nach der „Cenerentola“-Premiere meinte, jetzt müsste Uusitalo Falstaff und Ochs singen, zeigt diese Einschätzung eben, dass Uusitalo nicht auf ein Fach oder eine Stimmlage einzugrenzen ist. Bisher bezeichnete man als Bassbariton einen Sänger, der weder Bariton noch Bass war; Uusitalo dagegen ist beides – Bariton und Bass (denkt man an Partien wie Wotan, eine denkbar günstige Voraussetzung).
Am Anfang seiner Karriere ist wohl jeder Sänger darauf angewiesen, vorzusingen – und für absagende Kollegen einzuspringen. Das war bei Juha Uusitalo (siehe Wanderer in Erl) nicht anders. Dabei kam ihm eine Fähigkeit, die für einen Orchestermusiker unerlässlich ist, zugute, sich nämlich auf die Intentionen des Dirigenten reaktionsschnell einstellen zu können. Nach dem Motto „Es ist nicht schwer, eingeladen zu werden; schwer ist es jedoch, wieder eingeladen zu werden“ führten sowohl viele Vorsingen bzw. Einspringen zu Folgeengagements, wobei mit Zubin Mehta, Riccardo Chailly („Oedipus rex“ in Amsterdam) und Sir Colin Davis („Samson und Dalila“ in London) schon jetzt renommierte Dirigenten auf seiner Liste stehen. Das Vorsingen für Mehta führte nicht nur zu dem bis 2009 projektierten Gast-Vertrag mit München, sondern auch zu seiner Teilnahme an den von Mehta dirigierten Ring-Zyklen in Florenz und Valencia. Insgesamt hofft Uusitalo jedoch, daß seine Zeit als „Prima vista-Sänger“ vorbei ist und er Gelegenheit bekommt, Partien und Produktionen langfristiger vorzubereiten. Auch wenn international sein Hauptbetätigungsfeld zukünftig sicherlich Wagner sein wird, so lässt er sich doch nicht auf diesen Komponisten allein eingrenzen. In Brasilien sang er Macbeth (und wurde wieder eingeladen, dort im Oktober 2003 Jochanaan zu singen, konnte dieses Angebot aber leider nicht annehmen), und in Tampere, einer Stadt in Finnland, die alljährlich in einer Mini-Stagione eine einzige Oper aufführt, stand er kürzlich als Escamillo auf der Bühne. Es liegt nahe, dass auch Bayreuth auf ihn aufmerksam wurde und ihn zu einem Vorsingen einlud. Es scheint nur eine Frage der Zeit und des Terminkalenders zu sein, wann Uusitalo die Riege finnischer Sänger, die mit Talvela begann und jetzt zu Jaakko Ryhänens Daland führt, bereichern wird. Das Talent, ein großer Wagner-Sänger zu werden, hat er zweifellos.
Sune Manninen
