DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 04/2006: Andràs LUKÀCS, Dankbar für das bisher Erreichte, offen für neue Herausforderungen

Wir stellen vor: ANDRÁS LUKÁCS
Der junge Ungar ist seit vergangenem September als Halbsolist im Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper engagiert.
Zum Ballett kam er durch seine Mutter, die - angeregt durch einen Fernsehbericht – ihr bewegungsaktives Kind zur Aufnahmsprüfung der Staatlichen Ungarischen Ballettakademie schickte. „Wo immer ich Musik hörte, bewegte ich mich rhythmisch dazu „Schon als Kind hatte ich ein Gefühl fürs Tanzen“. Kein Wunder also, dass Klein-András aufgenommen wurde. Doch die strenge Disziplin gefiel ihm zunächst nicht sehr, der trockene Unterricht war nicht nach seinem Geschmack. Erst sein Lehrer Tibor Kováts vermittelte ihm die Liebe und das Verständnis für Ballett. Auch heute noch stehen die beiden in engem Kontakt. –
Nach erfolgreich abgeschlossenem Ballettdiplom erhielt András Lukács ein Vertragsangebot von Ballettdirektor Gyula Harangozó für das Ungarische National Ballett – aber der vielseitig interessierte junge Mann entschied sich dafür, an der Elmhurst Ballet School ein Stipendium anzunehmen. Er wollte seinen tänzerischen Horizont erweitern und möglichst viel Neues kennen lernen. Dieses Jahr in London war wieder sehr prägend für ihn. Sein Lehrer André de Villiers eröffnete ihm mit Graham und Cunningham neue Tanzwelten. Ein Engagement beim London City Ballet war die Folge, wurde aber unfreiwillig durch die Auflösung der Truppe vorzeitigt beendet. Also kehrte der Tänzer nach Budapest an die Staatsoper zurück.
Der Wunsch, selbst zu choreographieren, saß immer schon tief in ihm drinnen. Anlässlich eines Abends für junge Choreographen stellte er 1999 seinen Erstling „Connection“ vor. Der Pas de deux wurde vom Publikum begeistert aufgenommen und Gyula Harangozó schickte den aufstrebenden Jüngling zu William Forsythe, dort ein Praktikum zu absolvieren. „Ein Traum erfüllte sich für mich, so glücklich war ich, bei Forsythe tanzen zu dürfen“, schwelgt András in Erinnerungen. Aus dem kurzen Praktikum wurde ein Jahr Engagement als Solist. - Doch dann suchte er wieder nach neuen Aufgaben, wurde ihm doch das Repertoire beim Frankfurt Ballet zu einseitig. András Lukács wechselte nach Lyon, wo er in einer für ihn idealen Mischung Werke sehr verschiedener Choreographen von Jiri Kylian bis Mats Ek tanzte. So lange fern der Familie, ließ ihn nach 2 Jahren dem Heimweh nachgeben. Seine Heimkehr nach Budapest war tänzerisch gleichsam eine Rückkehr zum klassischen Ballett, denn in seiner Heimatstadt standen inzwischen „Mayerling“ und „Onegin“ auf dem Programm. Die Erfahrungen aus London und Frankfurt beeinflussten sein kreatives Schaffen nachhaltig. Die gelernten Stilrichtungen hatten ihren Niederschlag in den in den Folgejahren entstandenen Duos und Trios.
Als bekannt wurde, dass Gyula Harangozó als Ballettdirektor nach Wien wechseln würde, hat dieser ihm angeboten, mitzukommen. „Herr Direktor Harangozó hat meine choreographischen Ambitionen immer sehr unterstützt. Ich bin froh, dass er mir vertraute und mir sozusagen als Neuling die Chance geboten hat, mit einem neuen Stück Teil der Volksopern-Premiere zu sein.“ Natürlich hat er begeistert angenommen.
So entstand „Tabula rasa“ zur gleichnamigen Musik von Arvo Pärt für den mehrteiligen Ballett-Abend „Nicht nur Mozart“. Mit diesem Werk beschäftigt er sich bereits seit 2 Jahren, langsam reifte in ihm das tänzerische Konzept. Erstmals entstand ein Piece (?) für ein größeres Ensemble. Inmitten von 13 Tänzerinnen ist das Kernstück ein Männer-Pas de deux. Unmittelbar nach der Premiere war er sehr erleichtert und zufrieden, denn das Bild in seinem Kopf hatte er genauso auf der Bühne umgesetzt vorgefunden. Die Anspannung war an jenem Abend doppelt groß, da er nach der Uraufführung seines Stückes in „Petit mort“ selbst als Tänzer eingesetzt war. Die positiven Publikumsreaktionen haben ihn sehr gefreut. Von vielen Leuten wurde er angesprochen, dass ein Stück ruhig hätte noch länger sein können, so gut hätte es gefallen. „Das ist besser zu hören, als wenn sie sagen, es ist zu lang“, freut er sich über das Lob.
Seine Nähe zu Graham ist auch im 2001 entstandenen „Letter to Martha Graham“ augenscheinlich. Diese Stück ist sein Beitrag für choreo.lab am 22.und 23.April im Odeon. „Für eine weitere, neue Choreographie wäre keine Zeit gewesen, bedauert er. „Ich möchte in Ruhe meine Piecen vorbereiten können und nichts drängen oder forcieren. Daher braucht alle Entstehungsarbeit eben seine Zeit.“ An Handlungsballetten ist er weniger interessiert, er möchte in erster Linie Emotionen zeigen und die Musik mit entsprechender Bewegung erfüllen.
Wien gefällt ihm sehr gut, er mag die Atmosphäre der Stadt, und seine Familie kann er jetzt auch wieder öfter sehen.
Für die Zukunft wünscht er sich, noch lange und viel verschiedenes zu tanzen und weiter zu choreographieren. Ein Wunschtraum wäre, eines Tages eine eigene kleine Compagnie zu haben. „Ich habe in meinem Leben bisher viel Glück gehabt, alles hat sich so wunderbar für mich ergeben“. Er ist dankbar für das bisher Erreichte und offen für alle neuen Herausforderungen. Ira Werbowsky

 

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Wien, 2010.09.07 14:34:45