DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 04/2006: Intendant Dr. Christof DAMMANN (Köln), "ich schaue nach vorn"

Interview mit Dr. Christoph Dammann, Opernintendant an der Oper Köln, am
2. April 2006

Bei einem Symposium des Europäischen Forums Alpbach in Innsbruck Ende Oktober 2005 zum Thema „Teure Kunstform Oper? – Musiktheater im neuen Jahrtausend, Strategien und Konzepte“ hatte ich Dr. Dammann bereits als glühenden Bekenner der Oper trotz aller gegenwärtigen finanziellen Probleme dieser Kunstform kennen gelernt. Damals hob er die Rolle der Oper zur Förderung von Leichtigkeit und Humor hervor in einer Zeit, in der immer mehr Computerprogramme die Gesellschaft rationaler und medialer machen. Für Dammann steht der singende Mensch im Vordergrund, der älter ist als der sprechende Mensch. Er verkörpere das Prinzip der Kantabilität, wobei Stimme, Tanz und Bewegung integrale Bestandteile des Menschen seien. Die Oper, die dieses fördert, setzt dem immer rationaleren Denken des Menschen die Emotionalität entgegen und fördert damit Lebenslust und Vitalität, also Optimismus. Und was wird in unserer Zeit nicht mehr gebraucht als dieser?! Für Dammann zeigt ein Blick in die Geschichte, dass die Oper aus Krisen immer gestärkt hervor ging. Solange das Musiktheater so vital ist, wie es sich derzeit darstellt, werde es s.M. auch immer seine Finanzierbarkeit geben.
Nach diesem starken Plädoyer für unsere geliebte Kunstform Oper bat ich Herrn Dammann anlässlich des Ring-Marathons an der Oper Köln an einem Wochenende am 2. April kurz vor der Götterdämmerung um das folgende Gespräch.

Die Pläne der Kölner Oper für die Spielzeit 2006/2007

Ganz im Sinne eines produktiven Theatermachers schaut Christoph Dammann nach vorn, und so liegt ihm viel daran, die Neuproduktionen der kommenden Spielzeit vorzustellen. Am 9. September 2006 wird Klaus Maria Brandauer den Lohengrin neu inszenieren, mit Klaus Florian Vogt in der Titelrolle und Camilla Nylund als Elsa, sowie Reinhard Hagen als Heinrich der Vogler. GMD Markus Stenz wird die musikalische Leitung dieser mit großer Spannung erwarteten Produktion haben. Am 11. Oktober wird es eine neue Cosí fan tutte geben, in der Regie von Michael Hampe mit Howard Arman am Pult. Bernd Weikl wird den Don Alfonso singen und ein sehr junges Ensemble um sich haben. Es folgt die Lustige Witwe in der Regie von Jasmin Solfaghari mit Enrico Dovico am Pult und Thomas Mohr und Kirsten Blanck in den Hauptrollen, die im Kölner Ring das Wälsungenpaar mit großem Erfolg verkörperten. Im November kommt dann Caligula von Detlev Glanert in der Regie von Christian Pade mit GMD Markus Stenz. Im Barbier von Sevilla im Januar 2007 in der Regie von Christian Schuller und mit Enrico Delamboye am Pult wird Bruno Caproni sein Rollendebut geben. Eine Neuinszenierung der Jenufa durch Katharina Thalbach folgt im April 2007 mit GMD Markus Stenz. Schliesslich kommt im Mai 2007 Giulio Cesare in Egitto von Georg Friedrich Händel in einer Inszenierung von Karoline Gruber, die ja auch für die Villi von Puccini in Wien in der laufenden Saison verantwortlich zeichnete. Somit bringt die Kölner Oper sieben Neuinszenierungen, und Christoph Dammann legt Wert darauf zu betonen, das in jeder Spielzeit eine zeitgenössische Oper am großen Haus aufgeführt wird, diesmal also Caligula. Dammann ist stolz, ein im Durchschnitt der deutschen Opernszene relativ junges Publikum zu haben.

Die Kölner Oper im Museum Ludwig

Christoph Dammann berichtet mit gewissem Stolz von einem durchaus als avantgardistisch zu bezeichnendem Projekt, dass dem genau entgegengesetzten Kommentar irgendeines kulturlosen Politikers, dass die Oper ins Museum gehöre, entsprang. Dammann folgte diesem Rat und führte am 20. März im Museum Ludwig, einem der bedeutendsten Museen Deutschlands, Gala Gala auf, ein Auftragswerk der Oper Köln in Koproduktion mit der Kammeroper NRW, in der Regie von Ralph Görtz und unter der musikalischen Leitung von Xavier Poncette. Elke Heidenreich schrieb das Libretto für diese Uraufführung, die im Umfeld zur Salvador-Dalí-Retrospektive des Museums Ludwig entwickelt wurde. Die Vorstellungen waren ausverkauft, bedeutende deutsche Tageszeitungen berichteten sehr positiv von diesem Event, den man als vollen Erfolg bezeichnen kann.

Wie kam es aber zum Ring in 30 Stunden am 1./2. April 2006?
Das entsprang der folgenden Idee und hatte nichts mit einem ähnlichen Vorhaben der Tiroler Festspiele zu tun, die bekanntlich im Sommer 2005 einen sog. 24-Stunden-Ring aufgeführt haben. Christoph Dammann hörte immer wieder, dass eifrige Wagnerianer sich am Wochenende zusammen finden, um die Tetralogie auf DVD geschlossen zu erleben. Also musste es doch ein interessiertes Publikum für das Unterfangen geben, alle vier Werke eben live an einem Wochenende auf die Bühne zu stellen! Die Idee schlug offensichtlich ein wie eine Bombe vor bereits zweieinhalb Jahren. Mittlerweile will auch die Oper von Venedig, wo die Kölner Walküre im vergangenen Januar aufgeführt wurde, den ganzen Ring von Robert Carsen zeigen.

Was bedeutet ein solches Unternehmen für die Mitwirkenden?

Natürlich gab es alternierende Besetzungen des Gürzenich-Orchesters Köln sowie eine besonders ausgeklügelte Sängerbesetzung. Die Protagonisten wie Wotan, Brünnhilde und Siegfried waren doppelt besetzt. Auch hinter der Bühne gab es eine besondere Abstimmung mit den BühnenarbeiterInnen. Die Kooperation mit dem Personalrat war bestens. Auch hier gab es den nötigen Enthusiasmus für das ungewöhnliche Projekt. Einige Musiker wollten es sich sogar nicht nehmen lassen, alle vier Werke durchzuspielen und sich so über die mit dem Personalrat getroffenen Vereinbarungen in gegenseitigem Einverständnis hinwegzusetzen! Sie wollten einfach dieses besondere Erlebnis einmal ganz persönlich durchmachen bzw. durchspielen. Sicher hat der Ring an einem Wochenende somit auch den positiven Nebeneffekt gehabt, Motivation und Zusammenarbeit für die gemeinsame weitere künstlerische Arbeit zu stärken. Am 10. und 11. März 2007 ist auch schon die Neuauflage geplant.

Wie kam es zur Verpflichtung von Strafgefangenen aus dem offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt (JVA) Euskirchen und Klienten der Bewährungshilfe Köln?

Dieses überaus interessante Projekt entstand gewissermaßen aus einer Not zur Tugend. Gleich vor dem Beginn der Arbeit am Rheingold kam Robert Carsen zu Christoph Dammann und verlangte 80 Statisten! Da für eine solche Zahl das Geld nicht vorhanden war, kaum Dammann auf die Idee, männliche Kollektive anzusprechen, die evtl. Interesse an einer kostenlosen Mitarbeit hätten. Er wandte sich also and die Bundeswehr, Männergesangvereine, Fußballvereine und schließlich auch an Gefängnisverwaltungen. Und siehe da, die JVA Euskirchen in Verbindung mit der Bewährungshilfe Köln antwortete positiv! Man hat mit dem Projekt bisher ausgezeichnete Erfahrungen gemacht, und es läuft schon seit Beginn der Ring-Produktion im Jahre 2000. Die Statisten aus der JVA werden dabei genauso gefordert wie die anderen Statisten und Mitwirkenden der Kölner Oper. Sie haben auch dieselben Proben, und die Probenansprüche sind mitunter sehr hart. Für alle ist es jedenfalls ein großes Erlebnis, im Scheinwerferlicht auf der Bühne zu stehen und Wagner zu spielen. Und sicher ist es auch ein guter Beitrag zu ihrer Resozialisierung.
(Siehe auch das folgende Gespräch mit zwei Vertretern der Statisten aus der JVA Euskirchen).

Der Neue Merker dankt Herrn Dr. Dammann für das Gespräch und wünscht bei seinen unkonventionellen Projekten weiterhin viel Erfolg und Fantasie!
(Fotos in der Bildergalerie)

Gespräch mit zwei Stafgefangenen der JVA Euskirchen aus der Statisterie des Ring des Nibelungen in Köln

Im Anschluss an die Götterdämmerung gelang es durch Vermittlung des Pfarrers der JVA Euskirchen, Arnulf Linden, der zufällig neben mir im Parkett saß, ein sehr interessantes Gespräch mit zwei im sog. offenen Vollzug befindlichen Strafgefangenen dieser JVA zu machen. Es stellt sich heraus, dass die beiden bereits seit langem in der Theatergruppe ihres Gefängnisses aktiv sind und sogar in der JVA Schwerte ein selbst geschriebenes Stück mit dem Titel Grenzenlos, in dem es um multikulturelle Verständigung geht, aufgeführt haben. Insofern mögen sie nicht unbedingt dem Durchschnitt der Statisten aus der JVA entsprechen, sondern eher zu den "Fortgeschrittenen“ zählen. Was sie aber über ihre Emotionen und Eindrücke schildern, zeigt ganz klar, dass dieses Projekt eine große Bedeutung für sie und wohl auch für ihre Kollegen hat. Sie treten im Rheingold als Bauarbeiter der Riesen Fasolt und Fafner auf, dann auch als Nibelungen, oder als Uniformierte in Walhall. Für einen der beiden ist Wagner der „Olymp der Oper“. Erst dieser Tage entdeckten sie in einem Antiquariat zwei komplette Wagner-Ausgaben zum Ring von 1906 und 1911 und erstanden sie für nur einen Euro! Sie lesen sie wie einen Krimi! Obwohl die Probenbedingungen sehr anspruchsvoll sind - in der letzten Woche allein fünf Termine - so sind sie doch voll "drin" und genießen die Konzentration im Scheinwerferlicht und die große Musik. Sehr interessieren sie auch die Stoffe, die Wagner seiner Ring-Dichtung zugrunde legte, wie das Nibelungenlied, die Eddasaga und die Wölsungensaga. Mittlerweile gibt es eine große Nachfrage unter den Strafgefangneen nach den Statisten-Posten im Ring. Pfarrer Linden erläutert, dass man einen Antrag stellen muss, der Freizeitkoordinator der JVA sucht die geeigneten Bewerber aus und vermittelt sie an die Oper. Eines ist klar: Dies ist ein durchaus nachahmenswertes Projekt auch für andere Häuser, gerade in Zeiten immer knapper werdender Mittel auch für die Statisterie. Man könnte sagen, es entspricht den Vorstellungen einer typischen win-win-win situation: Den Strafgefangenen wird bei ihrer Resozialisierung geholfen; dem Opernhaus entstehen signifikant niedrigere Kosten bei der Statisterie; und die Opernbesucher kommen in den Genuss, die Werke mit der von der Regie gewünschten Zahl an Statisten zu erleben.
Klaus Billand

 

http://www.der-neue-merker.at/
Wien, 2010.07.29 15:45:58