Die in der Ukraine geborene Sopranistin Maria Fontosh und der Tenor Jonas Kaufmann wurden in diesem Frühling von der Presse als „Traumpaar der Frankfurter Oper“ gefeiert. An der Oper Frankfurt gestalteten sie gemeinsam die Hauptpartien in der „Verkauften Braut’. Die Rolle der Marie hat Maria Fontosh zuvor schon an der Königlichen Oper in Stockholm gegeben, an der sie 2001 als Rosina in „Il Barbiere di Siviglia’ debütierte. Eine der Vorstellungen wurde sogar live im schwedischen Fernsehen ausgestrahlt:
„Ich war so berührt, dass man mich für die Fernsehausstrahlung haben wollte. Damals war ich noch Studentin. Am Abend der Übertragung funktionierte mein Kopf wie ein Computer, alles lief exakt nach meinem Willen, dazu war mein Herz unglaublich warm. Es ist sehr wichtig für mich, in jeder Vorstellung die richtige Balance zwischen Kopf, Herz und Seele zu finden. Die größte Herausforderung ist es dabei für mich immer, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Nachdem mich an diesem Abend zu den 1.500 Leuten in der Oper etwa 250.000 weitere am Bildschirm gesehen hatten, fiel mir die nächste Vorstellung ohne Kameras unglaublich leicht. Ich hatte richtig das Gefühl, an der Live-Übertragung gewachsen zu sein.“
Es liegen auch schon einige CD-Einspielungen mit ihr vor, darunter ihre Interpretation der Sifare in Mozarts „Mitridate’ mit der Dänischen Radiosinfonietta unter Leitung von Adam Fischer, sowie Liu in Berios Version von Puccinis 3. „Turandot’-Akt, dirigiert von Riccardo Chailly. In diesem Sommer hat sie mit dem Koblenzer Orchester Mahlers vierte Sinfonie eingespielt. Die Aufnahme wird aber nicht im Handel erhältlich sein, sondern wurde nur für die Abonnenten eingespielt. Bleibt zu hoffen, dass der ein oder andere Abonnent die CD weitergibt und so auch andere in den Hörgenuss kommen werden. Ein Stockholmer Freund hat mir kürzlich eine Aufnahme der Radioübertragung des Eugen Onegin aus dem vergangenen Jahr mit Maria Fontosh als Tatiana zugeschickt. Hierzu sagte sie mir allerdings:
„Bei dieser Aufnahme müssen sie bitte wohlwollend mit mir sein, weil ich an dem Abend sehr krank war. Das Opernhaus hatte keine andere Tatiana und ich wollte die Vorstellung, die live im Radio übertragen werden sollte, nicht ausfallen lassen. Deswegen habe ich den Abend unter Einnahme starker Medikamente trotzdem gesungen. Das war nicht gerade meine beste Vorstellung. Es war das beste, was ich an diesem Abend zu leisten im Stande war, aber nicht das beste was ich unter normalen Umständen gekonnt hätte.“
Vor der inzwischen sehr erfolgreichen Karriere bedurfte es aber zunächst mal eines kleinen Märchens:
„Meinen ersten Auftritt hatte ich im Alter von drei Jahren zusammen mit meinem Vater. Er spielte Klavier und ich sang ein russisches Volkslied dazu. Meine musikalische Ausbildung begann ich allerdings als Pianistin, dann habe ich Chordirektion studiert. Erst als ich fast siebzehn Jahre alt war, kam die Stimme richtig zur Geltung: In einer Unterrichtsstunde in Stimmbildung sollte ich ein Lied von Rimski-Korsakow singen. Darin gab es eine Note, die ich nicht wirklich getroffen habe. Meine Gesangslehrerin hat mir dann vorgesungen, wie es klingen soll. Davon war ich so beeindruckt, ich dachte nur: „ich will es so können wie sie!’. Ich habe einfach versucht, ihr nachzusingen und das hat sehr gut funktioniert. Wir haben uns gegenseitig nur noch wortlos angestarrt und die gemeinsame Arbeit fortgesetzt. Mit der Zeit wurde es immer ernsthafter und ich habe gespürt, dass Singen das sein würde, was ich machen wollte. So habe ich mein Studium schließlich im Fach Gesang abgeschlossen. Nach dem Abschluss ging ich mit 18 Jahren als jüngste Studentin an die Musikakademie in Moskau.
Ich war aber auch sehr neugierig auf die Musikwelt außerhalb Russlands. Damals habe ich zu Hause eine Videoaufnahme von mir machen lassen. Über Freunde gelang diese Aufnahme ans Konservatorium in Stockholm, von wo ich sofort eine Einladung erhalten hatte. Da ich aus keiner reichen Familie stamme, bot man mir ein Stipendium an. Neben dem freien Studium hätte ich eine kostenlose Wohnmöglichkeit bekommen sollen und da ich noch keine zwanzig Jahre alt war, hätte ich nach dem schwedischen Schulgesetz sogar kostenlos in der Schule essen können.
Trotzdem bekam ich keine Genehmigung von der schwedischen Einwanderungsbehörde. Es gab keine Erklärung. Es hieß einfach nur „nein’ und damit hatte es sich.
Erst als der Direktor des Konservatoriums sich einschaltete und bei den Behörden nachfragte, teilte man uns den Grund für die Ablehnung mit. Für das 9-monatige Studium wurde der Nachweis von umgerechnet 5.000 Dollar Guthaben auf einem schwedischen Bankkonto verlangt. Für meine Familie und mich war das damals eine ebenso unvorstellbare Summe wie eine Million Dollar.
Meine wundervollen Eltern haben dann ohne mein Wissen alles verkauft, was sie neben der Wohnung, in der wir gewohnt haben, besaßen. Sie haben ihren alten russischen Lada und den Schmuck meiner Mutter verkauft. Zusätzlich haben sie noch weiteres Geld geliehen, und mir auf diesem Weg den erforderlichen Betrag zusammengesammelt, um mir das Studium in Schweden zu ermöglichen. Es war damals noch illegal für russische Staatsbürger, ein Konto im Ausland zu eröffnen. Der Direktor des Konservatoriums bekam das Geld von einem Engländer, der über Schweden zurück nach Hause gefahren ist, und eröffnete für mich das erforderliche Konto. Am selben Tag bekam ich von den Behörden mein Visum ausgestellt.
In den ersten zwei Jahren hatte ich noch keine Arbeitserlaubnis und war somit auf das Stipendium angewiesen. Ich habe in dieser Zeit viele wundervolle Menschen kennen gelernt, die mir sehr geholfen haben.
Nachdem ich die Arbeitserlaubnis und meine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten hatte, entschied ich mich dazu, in Stockholm zu bleiben. Inzwischen habe ich neben der russischen auch die schwedische Staatsbürgerschaft. Seitdem kann ich ohne Probleme überall hin reisen. Ich bin aber auch sehr froh, dass ich meine russische Staatsbürgerschaft behalten konnte und jederzeit meine Familie in Russland besuchen kann.“
Als Opernsängerin mit Engagements in ganz Europa und einer Gesangslehrerin in Wien zählt das Reisen für Maria Fontosh zum Alltag. Glücklicherweise liebt sie es. Wenn es die Zeit erlaubt, fährt sie am liebsten mit der Bahn:
„Mit dem Flugzeug kann man an einem Tag tausende von Kilometern zurücklegen und hat beim Aussteigen überhaupt kein Gefühl mehr dafür, wo man sich gerade befindet. Ich wohne in Stockholm, aber eigentlich bin ich so gut wie nie zu Hause. Wenn Freunde von mir nach Stockholm reisen, dann bin ich immer froh, wenn ich ihnen meine Wohnung anbieten kann und im Gegenzug dafür jemanden habe, der meine Blumen gießt.“
Die Sopranistin ist sehr selbstkritisch und immer daran interessiert, an ihren Rollenportraits weiterzuarbeiten und stetig zu verbessern:
„Ich besuche gerne Vorstellungen von Kollegen. Das hilft mir, mich selbst weiterzuentwickeln. Ich schaue mir auch oft Proben der Produktionen an, an denen ich beteiligt bin, um zu sehen wie meine Kollegen arbeiten und um ein besseres Gefühl für das gesamte Stück zu bekommen.
Außerdem ist es für mich sehr wichtig Aufnahmen von meinen Auftritten zu hören. Ich versuche auch immer ein Video von meinen Vorstellungen zu sehen. So kann ich meine Arbeit analysieren und Dinge, die mir nicht gefallen, ändern. Ich will mich stets verbessern, das ist sehr wichtig für mich. Bereits einen Tag nach der Premiere der „Verkauften Braut“ in Frankfurt habe ich mir im Tonraum das Video der Vorstellung angesehen. Die Leute haben mich für verrückt erklärt, aber ich sagte nur, „ich möchte beim nächsten Mal noch besser singen’. Bei einer Serie von neun Vorstellungen hat man wirklich die Möglichkeit, sich einen Charakter zu erarbeiten.
Meistens merke ich schon beim Singen, ob meine Leistung gut war oder nicht. Ich denke, es kann immer noch besser werden, da ich sehr selbstkritisch bin. Auch wenn mir jemand Komplimente macht, denke ich oft, dies oder jenes hätte ich aber noch besser machen können.
Für mich ist es nicht das wichtigste, auf der Bühne perfekt zu sein, sondern die Zuschauer in ihren Herzen und ihren Seele zu berühren, so dass sie für einige Stunden ihre eigenen Probleme vergessen können und sich in eine bessere Welt entführen lassen.“
Mit purem Schöngesang und statischem Herumstehen auf der Bühne lässt sich heutzutage kaum noch Publikum in die Oper locken. Haben sich die Anforderungen an Sänger geändert?
„Das Opernpublikum hat an junge Sänger heute sehr hohe Ansprüche. Man muss sehr präsent sein, man muss gut aussehen, man muss gut singen, man muss gut spielen, man muss fünf oder sechs Sprachen sprechen, man muss alles über das Stück wissen. Es ist heutzutage nicht mehr nur die Stimme, es kommen so viele Faktoren zusammen.
Die Stimme ist hoffentlich immer noch das wichtigste Element, aber auch das Aussehen ist heutzutage enorm wichtig.“
Welche Komponisten mag Maria Fontosh am liebsten?
„Ich könnte von morgens bis abends Bach hören, aber ich habe noch nie etwas von Bach gesungen. Das ist für mich etwas Heiliges. Mit Mozart assoziiere ich eher so etwas wie „Engel im Paradies’, sogar sein Requiem ist auf gewisse Weise sehr leicht und unterhaltsam. Mozart und Bach würde ich zu meinen Lieblingskomponisten zählen.“
Ihrer Stimme liegt aber auch das Belcanto-Repertoire von Verdi sowie die leichteren Puccinirollen.
Privat hört Maria Fontosh sehr gerne Popmusik und liebt es, nach einer Vorstellung auszugehen, ein Glas Wein mit Freunden zu trinken und anschließend in eine Disco tanzen zu gehen.
„Ich sehe auch gerne MTV. Meine Lieblingssängerin ist Christina Aguilera. Popmusik hilft mir, mich zu entspannen. Ich habe selbst nicht vor, Popmusik zu machen. Meine Seele gehört der Klassik, aber sollte Christina Aguilera mich jemals fragen, ob ich ein Duett mit ihr machen möchte (lacht), würde ich in jedem Fall darüber nachdenken.“
Maria Fontosh’s Terminkalender ist auf Jahre gefüllt. Neben einigen Konzerten und konzertanten Opernaufführungen sind in der nächsten Saison folgende szenische Aufführungen geplant: In Valencia wird sie unter der Leitung von Zubin Mehta Marzelline in „Fidelio’ singen. Weitere Solisten sind Peter Seiffert, Waltraud Meier und Matti Salminen. Ebenfalls in Valencia gibt sie mit Lorin Maazel am Pult und an der Seite von Barbara Frittoli Zerlina in „Don Giovanni’. An der Oper Frankfurt steht sie im März und April des nächsten Jahres als Contessa in „Le Nozze di Figaro’ auf der Bühne. Fiordiligi und Violetta wird sie an der Königlichen Oper in Stockholm geben:.
„Violetta zu singen ist ein Traum! Ich werde Gott sei Dank jeden Tag älter und früher oder später werde ich all meine Traumrollen auf der Bühne darstellen können. Darauf warte ich und freue mich drauf. Für einige Rollen muss sowohl die Stimme als auch die Psyche erst eine gewisse Reife erreichen, bevor man sie singen kann. Die erste Rolle, die ich gesungen habe war vor 10 Jahren Violetta in einer konzertanten Aufführung. Ich habe die Partie gesungen und mir gedacht: „Wow, vielleicht warte ich damit lieber noch eine Weile.’ Damals konnte ich die Partie stimmlich meistern, war aber mental noch nicht reif für die Rolle. Bei der Traviata habe ich dass Gefühl, dass Verdi das Stück genau für meine Stimme komponiert haben könnte.“
© Marc Rohde August 2006
