DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 01/2007: Genia KÜHMEIER, "Ich träume vom deutschen Fach"

Gespräch mit Genia Kühmeier

Karriere bedeutet Leistung


Sie begann 2003 in der Wiener Staatsoper mit einer Nebenrolle in einer großen Premiere. Heute ist sie ein Jungstar, der von Wien aus in die Welt zieht: Genia Kühmeier.“ Nach ihrem Sensationserfolg als Zdenka in der „Arabella“ gab sie dem „Merker ein Interview

Frau Kühmeier, Sie hatten mit der Zdenka einen außerordentlich großen Erfolg bei Publikum und Kritik. Fühlt man als Sänger selbst, wenn aus der eigenen Leistung etwas Besonderes wird?

Ja, ich habe gespürt, das wird einschlagen, aber dann war ich doch überwältigt von der Zustimmung, die ich bekommen habe. Es gab einige Glücksfälle: das homogene Ensemble, die Zusammenarbeit mit Regisseur Sven-Eric Bechtolf, der die Personen so geglückt in Beziehung zueinander gesetzt hat. Ich bin froh, ihm begegnet zu sein, denn Regisseure dieser Art kann man an einer Hand abzählen. Es hat auch so viel Freude bei der Arbeit geherrscht, ich bin jeden Tag gerne zur Probe gegangen. Es lag die Spannung in der Luft: Was werden wir heute finden, was wird passieren, was werden wir aus dem Stück herausholen?

Der Erfolg hängt aber doch auch mit der Rolle der Zdenka zusammen?

Es steckt überhaupt irrsinnig viel in der ganzen „Arabella“-Oper, diese Familienkonstellation, in der sich die beiden Schwestern befinden – der Vater ein Spieler, die Mutter eine Exzentrikerin, da geben Arabella und Zdenka einander Halt. Zdenka muss sich opfern, darf nicht Frau sein, und dann passiert die Geschichte, dass sie ausgerechnet den Mann liebt, der wiederum in die geliebte Schwester verliebt ist – also mich hat die ganze Geschichte, mich hat meine Rolle so ungemein angerührt, dass ich gewusst habe: Da kann ich gut hinein schlüpfen, da gibt es für mich viele Berührungspunkte. Und Bechtolf hat das auch gespürt, er musste gar nicht viel sagen, ich habe ihm angeboten, was ich mir vorgestellt habe, und er hat es ausgearbeitet: Es war ungemein fruchtbar. Nach der Premiere habe ich die Probenarbeit direkt vermisst.

Wie steht es nun um andere Strauss-Rollen, wäre nicht die Sophie im „Rosenkavalier“ an der Reihe?

Ja, ich habe begonnen, sie zu studieren, aber ich habe bisher nur das Schlussterzett beim Jubliläums-Konzert der Staatsoper zum 50. Jahrestag der Eröffnung gesungen. Ich sage es ehrlich, ich kann mich mit der Partie nicht anfreunden, ich will lieber auf die Marschallin warten, auch wenn das noch viele Jahre dauert. Sicher, ich traue mir die Sophie zu, aber ich bin keine Soubrette, ich habe schließlich als Mezzo begonnen und ich will die Stimme in Richtung der großen Rollen wie Marschallin und Gräfin öffnen.

Wie kommt es, dass jemand, der heute einen so strahlenden Sopran hören lässt, als Mezzo begonnen hat?

Ich hatte einige Probleme mit Gesangslehrern, bis ich zu Margarita Lilowa kam, die mein Glück und meine Rettung war. Ich habe mich regelrecht zu ihr durchgekämpft, habe gesagt, wenn sie mich nicht nimmt, höre ich auf, und das war die richtige Entscheidung: Sie beherrscht die Technik aus dem ff und hat auch mir diesen Weg geöffnet, meine Stimme so zu benützen, dass ich gar nicht mehr an das Singen an sich denken muss, sondern mich ganz der Interpretation widmen kann. Ich verdanke es ihr, dass ich heute so weit bin. Ich habe ja eher spät mit dem Gesangsstudium begonnen, erst mit 19 und ernsthaft überhaupt erst mit 21. Ich habe natürlich – wie alle – nicht gewusst, wie schwer dieser Beruf ist. Und ich bin auch zwei, drei Jahre durch die Hölle gegangen, war in der Sackgasse, wollte alles hinschmeißen. Und jetzt bin ich langsam so weit, dass ich, wie die großen Sänger es können, es ganz einfach aussehen lassen kann, als sei Singen das Natürlichste auf der Welt. Und hoffentlich gelingt es mir auch, wie Lucia Popp es ausgedrückt hat, künftig mit den Zinsen zu singen und nicht mit dem Kapital.

Sind Sie jetzt mit sich zufrieden?

Nein, ich bin sehr kritisch: Ich gefall’ mir meistens immer nie! Und wenn ich mich im Radio höre, denke ich alle paar Minuten: Das kannst Du besser! Da beeinflussen Kritiken – ob gut oder schlecht – meine Meinung nicht. Entscheidend für mich ist, was mir das Publikum sagt, durch seinen Applaus oder persönlich nach der Vorstellung. Wenn die Leute mir nach der Zdenka sagen, sie seien zu Tränen gerührt gewesen, dann weiß ich, dass der Beruf einen Sinn macht, dann bin ich selbst beglückt.

Wollten Sie immer Sängerin werden?

Nun, ich stamme aus einer Familie von Musikern, meine Mutter war selbst Sängerin, hat den Beruf aber wegen der beiden Kinder – meinem Bruder und mir – aufgegeben. Doch als ich an das Mozarteum kam, hat man sich noch an sie und ihr besonderes Talent erinnert. Für mich entscheidend war einmal, als ich eine Cassette von ihr fand, auf der sie ein Lied sang, so unglaublich beseelt, dass ich ganz berührt war und gefühlt habe: Eines Tages will ich so singen können wie meine Mama.

Die Karriere begann mit dem Ersten Preis beim Mozart-Wettbewerb in Salzburg?

Das war wie ein Wunder. Direktor Holender hatte Peter Blaha geschickt, mich zu einem Vorsingen einzuladen, und die Geschichte ist mittlerweile zu einer Art Anekdote geworden, wenn man über mich spricht, aber sie ist echt: Ich wollte wirklich nicht an die Wiener Staatsoper, ich wollte an einem kleinen Haus anfangen und vieles ausprobieren, wie es sich sozusagen gehört. Die Agentur, die ich nach dem Preis auch hatte, hat mich gewarnt, es würden viele Angebote kommen und ich sollte vorsichtig sein. Also sagte ich nein zur Staatsoper, aber glücklicherweise hat Direktor Holender darauf bestanden, mich zu hören, er schickte Peter Blaha sogar zu meinem Vater, und da habe ich schließlich vorgesungen. Er hat sich auch alle drei Stücke, die ich vorbereitet hatte, ganz angehört, hat auch dann nicht gesagt, man würde sich melden, sondern mich sofort in sein Büro geholt und den Wunsch geäußert, mich auf vier Jahre zu engagieren. Und ich, die Anfängerin, habe ihn gefragt, ob das wirklich eine gute Idee sei, und habe ihm auch meine Zweifel geschildert, dass man als junge Sängerin im Ensemble ja bei kleinen Rollen verhungern kann – es gibt ja das Beispiel der Gruberova, die nach acht Jahren so verzweifelt war, dass sie weggehen wollte. Und ich hatte ja den Traum, dass ich nicht eine durchschnittliche Sängerin werden wollte, sondern eine große. Direktor Holender meinte dann, er würde mich aufbauen wie Angelika Kirchschlager, und ich sollte Vertrauen zu ihm haben. Und das hatte ich dann auch.

Haben Sie es je bereut?

Wie sollte ich? Man hört natürlich viel entweder vom Verkümmern oder vom Verheizen oder vom Ruinieren der Stimme, und man hat mir schon immer beim Studium immer wieder gesagt, ich hätte eine Weltstimme und das Zeug zu einer Weltkarriere, was ich damals überhaupt nicht geglaubt habe. Aber wenn man dann an der Wiener Staatsoper ist… Ich bin Direktor Holender zutiefst dankbar für die Behutsamkeit, mit der er mich aufgebaut und auch immer meine Zweifel ernst genommen hat. Ich durfte mit der Premiere von „La Favorite“ anfangen, dann die Pamina singen, die schnell eine Paraderolle geworden ist, mit der ich jetzt die Häuser abklappere, ohne dass sie mir langweilig wird. Es liegt dann an der jeweiligen Regie, wie gerne man es macht… Aber als Figur liegt sie mir am Herzen.

Sie haben seither gar nicht besonders viele Rollen gesungen?

Nicht in Wien, aber zwischendurch zweimal in Mailand, wo ich schon vor der Staatsoper bei Riccardo Muti war, als er mich im Dezember 2002 für die Diana in der Gluck-„Iphigenie“, eine kleine, aber sehr filigran und schwierig zu singende Arie, sofort für die Scala genommen hat. Dann habe ich mit ihm noch den Salieri in Mailand und die Pamina bei den Salzburger Festspielen gemacht. In London kam dann noch die „Gärtnerin aus Liebe“. Aber Direktor Holender hat es mit mir wirklich nicht leicht gehabt, ich habe ihm zu so vielen Rollen nein gesagt. Ich wollte auch die Adina im „Liebestrank“ nicht wirklich machen, aber er hat mich überredet und gemeint, irgendwas müsste ich ja singen und es sei von der Stimmentwicklung her eine gute Sache, wenn ich ein wenig ins italienische Fach ginge. Aber die Rolle ist nicht wirklich die meine, auch wenn ich sie demnächst wieder an der Staatsoper singe. Ich habe lieber Rollen mit Tiefgang, elegisch und seelenvoll. Ich bin nicht quirlig und spritzig, das muss ich erzeugen. Ich habe dann auch die Marzelline gesungen, und ich finde es ganz richtig, dass ich auch ganz kleine Rollen dazwischengestreut habe wie die Erste Magd in „Daphne“ oder das Erste Blumenmädchen in „Parsifal“ – das hat mit Bühnenpraxis zu tun, da sieht auch der Betrieb ganz anders aus, wenn man keine Hauptrolle singt. Ich finde es wichtig, alles gemacht zu haben.

Wie geht es mit den Rollen weiter?

Ich will Mozart ausschöpfen, ich durfte ja nach der Pamina schon die Ilia singen. Die Susanne möchte ich überspringen, aber als man mir schon vor zwei Jahren die Gräfin angeboten hat, die unbedingt einmal kommen wird, habe ich nein gesagt: Da will ich wirklich noch reifen, auch von der Persönlichkeit her. Ich warte noch auf die Gräfin, auf die Fiordiligi, auf eine der beiden „Donnas“ von „Don Giovanni“, ich weiß heute noch nicht, welche es sein wird, beide sind reizvoll, vielleicht die Anna weniger, weil ich Koloraturen nicht so gerne habe. Ich habe große Angst zu versagen oder zu enttäuschen, und wenn man in der Wiener Staatsoper, also am weltbesten Operntheater ist, dann ist die Verantwortung noch größer. Natürlich, Direktor Holender hat es schwer, etwas für mich zu finden – nun werde ich die Micaela in „Carmen“ machen, erst in Paris, dann in Wien, und 2008 in der Staatsoper die Nanetta im „Falstaff“. Ich mag Verdi sehr, aber im Großen und Ganzen könnte ich nicht sagen, dass die Rollen wirklich die meinen wären.

Frau Kühmeier, Sie sind gerade 31 Jahre jung, woran denken Sie in der weiteren Zukunft?

Ich habe einen so genannten „Residenz-Vertrag“ mit der Staatsoper, da ist man immer bezüglich der Rollen im Gespräch. Und im übrigen vermittelt einen die Agentur an die großen Opernhäuser – Paris, München, die New Yorker Met stehen bevor, und ich finde es sogar ein bisschen unheimlich, dass jetzt schon in meinem großen Kalender steht, was ich an irgendeinem Tag im Mai 2009 irgendwo auf der Welt singen werde – so Gott will. Was die Rollen betrifft, so träume ich vom deutschen Fach, eines Tages soll es dann die Arabella sein, die Daphne und die Marschallin, aber bis dahin dürfen ruhig Jahre vergehen. Ich habe bisher an die drei neuen Rollen pro Jahr studiert, das ist einfach zu viel, zwei sollten das Maximum sein. Und wenn sich die Stimme weiterentwickelt, wie ich es erhoffe – ich lasse mir durchaus Zeit -, dann wünsche ich mir, dass man mich in zehn Jahren nach der Senta fragt, die ich immer so geliebt habe, schon als ich als Kind in die Oper in Prag gegangen bin, und wenn die Elsa und die Elisabeth kämen, sage ich sicher nicht nein. Aufpassen muss man schon, aber wenn man eine gute Technik hat und diese sich bewährt, dann sollte es gehen. „Karriere“ bedeutet für mich nicht, ein „Star“ zu sein, denn Stars werden von den Medien gemacht, Karriere bedeutet, wie lange man es als Sänger schafft, erstklassige Leistungen zu bringen.

Haben Sie eine Karriere-Strategie?

Ich „plane“ mein Leben und meine Laufbahn nicht, denn ich bin ein gläubiger Mensch und hoffe, dass es so, wie es kommt, gut sein wird. Mit diesem Vertrauen habe ich es schon bis hierher gebracht, auch in meinem Privatleben, mit meinem Mann, den ich seit meinem Studium kenne, und mit meinem kleinen Sohn Joel, der nicht auf seine Mutter verzichten und, wenn Gott will, noch eine Schwester oder einen Bruder bekommen soll. Im Moment ist es mit dem Gastieren noch leicht, weil ich immer mit Mann und Kind reise, aber ich weiß, dass die Probleme kommen, wenn Joel einmal in die Schule geht und ich Angebote habe, wochenlang weit weg zu sein: Ich hoffe, dass ich dann auch das Richtige tue. Jedenfalls haben meine Lehrer immer gesagt, eine Sängerin müsse sich entscheiden, entweder Karriere oder Familie, aber ich hoffe, dass ich beides haben kann. Meinem Mann verdanke ich viel, indem er einfach immer für mich da ist.

Letzte Frage: Sie singen relativ viele Konzerte?

Ja, da ergeben sich immer wieder interessante Projekte und auch Begegnungen wie etwa mit Nikolaus Haroncourt, aber ich muss sagen, wenn ich im März 2007 im Wiener Musikverein meinen ersten Liederabend gebe, ist das für mich aufregender als eine Opern-Premiere. Bei dieser ist man schließlich nur Teil des Ganzen, aber auf dem Konzertpodium bei einem Liederprogramm ist man ganz allein, und davor habe ich größten Respekt. Kurz, das ist noch schwieriger als alles andere… eineinhalb Stunden allein, nicht nur stimmlich durchhalten, sondern auch jedem Lied die eigene Stimmung, Konzentration und „Regie“ zu geben. Mal sehen, wie ich mich bewähre. Aber ich gehe es jedenfalls mit Lust und Leidenschaft an.

Das Gespräch führte Renate Wagner

 

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Wien, 2010.09.05 21:44:37