DER NEUE MERKER

Nummer 127 (17. Jahrgang, Juli/August - 2006)
06.07.08 12:23:22
Anton Cupak

Interview, 02/2007: Elena MOSUC, "Ich möchte gerne die Königinnen-Trilogie vervollständigen"

INTERVIEW MIT ELENA MOSUC
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Frau Mosuc, mit Donizetti's "Anna Bolena" im Konzerthaus in Wien steht Ende März ein weiteres gewichtiges Debüt Ihrer Karriere bevor

Da ich gerade in zwei grundverschiedenen Produktionen die Titelpartie von Donizetti's "Maria Stuarda" in Zürich und Berlin gesungen habe, freue ich mich besonders auf die Erweiterung meines Repertoires in punkto "Tudor-Königinnen-Trilogie": die Anna Bolena ist eine sehr anspruchsvolle Rolle, die mich sehr anspricht, reizt und zugleich herausfordert. Donizetti's Musik hat mich schon immer fasziniert und geradezu magisch angezogen, jetzt verehre ich ihn noch mehr.

Wie studieren Sie generell eine neue Partie ein und wo liegen gesanglich die speziellen Anforderungen dieser Heroine im Vergleich zu den von ihnen bereits von demselben Komponisten erfolgreich gesungenen Titelrollen in Lucia di Lammermoor, Linda di Chamounix und Maria Stuarda?

Bevor ich eine neue Partie annehme, schaue ich mir die Noten sehr genau an und höre mir verschiedene Aufnahmen des Werks an. Wenn ich zum Schluss komme, dass die Partie für meine Stimme geeignet ist, mache ich es beim Studium immer genau gleich: rein musikalisch gesehen Note für Note, dann Phrase für Phrase ... es ist wie ein Puzzle, das man zusammensetzt. Dazu kommt das Lesen und Studieren von bestehender Werksliteratur ... sie verstehen ... ich meine Bücher, Programme, in diesem Fall auch biographische und geschichtliche Kenntnisse über die darzustellende Figur und Persönlichkeit.

Musikalisch stellt die "Bolena" im vergleich zu den von ihnen eben genannten Partien ein Sonderfall dar, da sie zum einen weitaus länger ist und erheblich mehr dramatische Anforderungen an die Stimme stellt. Bei "Anna Bolena" steht kein technisches Koloraturfeuerwerk im Vordergrund, obwohl es Koloraturanteile in der ersten Arie, in Duetten, Ensembles und am Schluss des Werkes gibt, sondern vielmehr eine ausdrucksstarke Interpretation der Rolle, sowie eine ökonomische Einteilung der Ressourcen in stimmlicher und darstellerischer Hinsicht. Da mein Bolena-Debut eine konzertante Aufführung sein wird, kann ich mich zunächst voll und ganz auf die musikalische und stimmliche Seite konzentrieren, was mir bei dieser anspruchsvollen Aufgabe bestimmt sehr hilft. Nächstes Jahr habe ich die Chance diese wunderbare Partie dann erstmals auf der Bühne gestalten zu dürfen ... ich freue mich schon jetzt auf die Saisoneröffnung in Genua!

Fordert Donizetti der Gesangstimme eine andere Technik ab als Bellini für Amina (Sonnambula) oder Elvira (I Puritani), beide auch Rollen Ihres Belcanto-Repertoires?

Die Technik der Stimme ist gleich, ob ich Mozart, Donizetti, oder Puccini singe, nur stilistisch differenzieren sie sich. Rein stilistisch gesehen sollte man Bellini und Donizetti nicht voneinander trennen, da sie zusammen mit Rossini "das grosse Belcanto-Triumvirat" bilden. Dennoch, bei Bellini sind weitaus grössere Kantilenen und bögen zu bewältigen; es ist eine transzendentale Musik, sehr träumerisch, während die Heldinnen von Donizetti durch ihre Dramatik und Ornamentierung schon viele Elemente des "frühen Verdi" anklingen lassen. Bei Bellini steht meist das melancholische sehr im Vordergrund, bei Donizetti ist es eine direktere Expressivität. Viel von der Musik von Gaetano Donizetti finden wir in der Musik von Giuseppe Verdi wieder……
Belcanto ist sowieso ein anspruchvolles Gebiet und wie Maria Callas immer sagte "wer Belcanto singen kann, kann Alles". Hier hat ein Sänger die Möglichkeit immer stimmlich in Form zu bleiben und die Chance sich zu verbessern.

Wie kamen Sie eigentlich zum Singen?

In Rumänien singen alle bei Familienfesten, bei uns zu Hause war das ebenso. Die ganze Familie war mit Herz und Enthusiasmus dabei ... so bin ich schon als Kleinkind mit Musik vertraut geworden. Ausserdem war ich jeden Sonntag mit meinen Grosseltern in der Kirche, habe schon sehr früh zusammen mit ihnen im Chor gesungen. Meine Stimme hat sich dabei ganz natürlich von selbst entwickelt und durch die göttlichen Gesänge auch sensibilisiert.
Die Kirchenbesuche und die mich tief beeindruckende, mich erfüllende Musik haben mich schon als Kind zu einem sehr gläubigen Menschen gemacht, meine Religion ist tief in meiner Seele verankert. Mit der Zeit hat sich bei mir durch diese Emotionen eine starke Kommunikation, eine art Zwiesprache mit Gott entwickelt.

Wir Sänger sind von Gott gesandte "singende Engel", mit dem klaren Ziel das leben unserer Mitmenschen schöner und reicher zu machen, auch in Bezug auf Spiritualität ... letztere ist der grösste Schatz für uns Menschen, alles andere ist nur Tand, Staub, Wind!

Hatten Sie oder haben Sie Vorbilder für Ihren Belcanto-Gesang?

Ich schätze Maria Callas besonders für ihre Pionierleistung, das italienische Belcantofach wieder belebt zu haben und ich liebe sie auch für die Art und Weise wie sie Emotionen durch dramatischen Gesang zu vermitteln wusste.
Die Expressivität Renata Scotto's steht mir in mancher dieser Rollen jedoch etwas näher, jeder ton ist wichtig ... sie sang sehr raffiniert.
An Virtuosität und teilweise schonungslosem Einsatz war für mich Beverly Sills in einigen Partien kaum zu überbieten, während ich die intimeren Momente dieser Partien im laufe der Jahre mit Edita Gruberova zu schätzen gelernt habe. Weitere Vorbilder sind für mich Mirella Freni und Virginia Zeani, von der aktuellen Generation liebe und bewundere ich Renée Fleming und Angela Gheorghiu.

Sie haben mal geäussert, dass ihnen die Musik des romantischen Belcantos besonders am Herzen liegt, ihre ganze Liebe gilt: gibt es weitere Rollen dieser beiden Komponisten auf ihrer Wunschliste?

Im laufe der nächsten Jahre möchte ich sehr gerne die Königinnen-Trilogie vervollständigen, wobei ich mir für die Elisabetta in "Roberto Devereux" aber sicher noch etwas Zeit gönne. Denn jede dieser drei Rollen verlangt nach einem intensiven Reifungsprozess, muss sich durch wiederholte Auseinandersetzung und weitere Aufführungsserien "setzen". Wenn diese drei dann einmal hundertprozentig zu meiner eigenen Zufriedenheit "sitzen", werde ich mich dann eventuell eines Tages trauen in Richtung "Norma" zu blicken. Ausserdem gibt es viele unbekannte Donizetti-Opern, die ich liebend gerne singen würde ...

Mir fällt auf, dass Rossini bisher in Ihrem Repertoire fehlt, da gibt es doch auch grandiose Herausforderungen für einen Koloratursopran, Zufall?

Es ist Zufall, denn die meisten Koloraturpartien werden heutzutage leider mit leichten Stimmen besetzt; andrerseits gibt es einen andern Typus von Rollen, deren Tessitur für einen Sopran bis auf einige exponierte Spitzentöne extrem tief liegt ... diese wurden von Rossini für seine spätere Ehefrau Isabella Colbran komponiert, einer Altistin mit ausserordentlicher Höhe. Das ist der simple Grund warum ich bisher um diese Partien einen Bogen machte. Eine Partie wie "Semiramide" allerdings wäre eine tolle Herausforderung für mich, obwohl auch sie viele tiefe Passagen aufweist.

Nun zu meinem nächsten Fragenkreis, Sie sind ja nicht ausschliesslich dem Koloraturfach verpflichtet, haben in den letzten Jahren Ausflüge ins lyrische und lirico-spinto Fach unternommen (Gilda, Liù, Violetta, Luisa Miller, Michaela, Marguérite und alle Partien
Im Hoffmann): mit all diesen positiven Erfahrungen liegt doch eine weite Palette neuer Partien in Griffweite?


Trotz dieser Ausflüge bleibt meine Domäne der italienische Belcanto, bestimmte Partien des französischen Fachs sowie einige der dramatischen Koloraturpartien Mozarts.

Verdi: Troubadour-Leonora, Amelia (Simone), Desdemona und Alice Ford.

Die Leonora im Trovatore wird dieser Tage völlig anders als von Verdi beabsichtigt, mit dramatischen oder Lirico-Spinto-Sopranen besetzt und es ist schön so. Er hat die Rolle für Elena Rosina Penco kreiert, die sicher eine leichtere Stimme gehabt hat, aber ich mag die Partie sehr und werde sie später bestimmt singen. Amelia ist ein bisschen tief für mich, braucht wohl eine etwas vollere Stimme. Die Desdemona reizt mich, aber auch erst später.

Puccini: Mimi, Suor Angelica?

Mimi ist bereits geplant, soll aber den letzten Ausflug in dieses Fach darstellen.

Massenet: Manon?

Neben Delibes Lakmé ist die Manon eine meiner Wunschpartien, leider wurden mir beide Rollen bislang nicht angeboten.

Leila in Perlenfischer, Charpentier's Louise, Ophélie von Thomas?

Ophélie würde mich gewaltig reizen, da ich zurzeit gerade auch mit meiner Dissertation zum Thema "Wahnsinn in der Oper" beschäftigt bin. Auch Louise und Leila würden mir gefallen, passen zu mir. Ich kann mir auch die Marguerite de Valois in den Hugenotten für meine Stimme vorstellen und deren Charakter interessiert mich sehr.

Zu Mozart: Ihre Königin der Nacht hat eine Ihrer Visitenkarten; sie haben sie soeben in der Zürcher Neuinszenierung unter Harnoncourt erneut mit durchschlagendem Erfolg gegeben: sie liefern dabei nicht nur akkurat-virtuose Technik ab, sondern laden die Koloratur mit derart aggressiver Emotion auf dass jeder Ton wie ein Pfeil in Pamina's Herz trifft.

Es freut mich sehr, dass ihnen mein direkter, dramatischer Approach so gut gefallen hat. Ich habe mich in all den Jahren, die mich diese Partie schon begleitet, immer gerne an den Rat Lucia Popp's gehalten (sie war eine von meinen ersten Pamina's als ich in Zürich mit der Königin debütierte): "Die Königin der Nacht ist nicht wie ein Gang über das Seil, sondern ein Tanz auf dem Seil; die Opernwelt sei voll von Sängerinnen, die die Partie auf der Kostümprobe bringen, aber nicht am Aufführungstag selbst!" Es ist eine ganz spezielle Partie, kurz und heftig, keine Entwicklung; man muss kommen und gleich auf 100 sein!
Sehr anspruchsvoll, oft unbefriedigend und dann das Lange warten zwischen den Auftritten: na gut, ich habe genug Zeit, eine neue Partie einzustudieren.

Was bedeutet Ihnen Mozart, was die Partie der Königin?

Mit Mozarts Königin und der Traviata fing für mich alles an, habe ich den ARD -Gesangswettbewerb gewonnen. Die Königin hat mir viele Türen geöffnet, hat meinen Namen bekannt gemacht und ich bin mit ihr um die ganze Welt gereist. Ich bin nun bei ca. 250 Aufführungen angelangt, wollte sie auch schon einige Male ad acta legen. Dennoch, sie ist ein Prüfstein für Technik und Stimme und aus diesem Grund singe ich sie immer noch. Gott sei dank habe ich für die Stimmkontrolle auch gute Maestri, Midelda d'Amico in Mailand und Ion Buzea in Zürich. Mit Sicherheit werden meine Auftritte in dieser Partie in Zukunft rarer gesät sein, umso mehr würden mich weitere Donna Anna's und Konstanzen freuen.

Haben Sie auch bei Mozart noch offene Wünsche, ich denke da an Giunia, Elettra und Vitellia?

Ehrlich gesagt: nein, die drei erwähnten Rollen gefallen mir am besten.

Sie sind sehr stark mit dem Opernhaus Zürich verbunden, Ihrem Stammhaus seit 1991: wann hören wir Sie das nächste Mal in Wien?

Im Oktober des nächsten Jahres an der Staatsoper mit der Violetta ... ich freue mich unglaublich darauf, denn das Wiener Publikum ist einfach fantastisch!

Welches Verhältnis haben Sie zur Musik Ihrer Heimat?

Ich bin viel zu wenig in Rumänien, gastiere ab und zu in Bukarest oder in meiner Heimatstadt Iasi ... nein, ich singe überhaupt keine rumänische Musik ... keine Gelegenheit.

Noch eine letzte Frage: mir ist anlässlich von Repertoireaufführungen in den letzten Monaten (Gilda/Liù/Lucia) und der umjubelten "neuen Zerbinetta" im Dezember (alle in Zürich) aufgefallen, wie sehr Sie sich darstellerisch weiterentwickelt haben; sie scheinen sich pudelwohl zu fühlen, "transportieren nicht nur Töne", sondern es gelingen Ihnen Rollenporträts von überaus stimmiger Qualität. Ist das Erfahrung, ein neues Selbstbewusstsein, Ihnen besonders liegende Inszenierungen, oder von allem etwas?

Es reizt mich immer auch meine Grenzen darstellerischer Natur auszuloten, denn Oper darf nicht zu einem verstaubten Museum verkommen. Daher fühle ich mich sowohl in konventionellen als auch in modernen Inszenierungen wohl ... solange ein gut durchdachtes Konzept des jeweiligen Regisseurs vorliegt ... und ich lass mich gerne fordern und herausfordern!

Frau Mosuc, wir danke Ihnen sehr herzlich für das Gespräch.

Alex Eisinger, Marcello Paolino

Interview im Februar 2007, abgedruckt im Merkerheft 02/2007

 

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Wien, 2010.09.05 22:35:39