Gespräch mit Montserrat Caballé
Zur „Traumbesetzung“ der „Fille du régiment“ an der Wiener Staatsoper zählten nicht nur Natalie Dessay, Juan Diego Floréz und Carlos Alvarez, das „Tüpfelchen“ auf dem „i“, welches das Ereignis vollkommen machte, war der Auftritt von Montserrat Caballé als Duchesse de Crakentorp. Die Caballé, die in Wien ihren 74. Geburtstag feierte und die Ernennung zur Kammersängerin entgegen nahm, hat dem „Merker“ ein Interview gegeben
Verehrte gnädige Frau, ich glaube, Sie wissen selbst, welche Freude Sie dem Wiener Publikum gemacht haben, als Sie in der „Regimentstochter“ wieder auf die Bühne der Staatsoper gestiegen sind. Wie ist es gekommen, dass seit der „Viaggo a Reims“, die Sie 1988 und 1989 gesungen haben, 18 Jahre vergehen mussten, bis Sie wieder an die Staatsoper kamen?
Das hängt damit zusammen, dass ich 1992 gesundheitliche Probleme bekommen habe und die Ärzte meinten, es sei zu anstrengend, weiterhin von einem Opernhaus zum anderen in großen Produktionen aufzutreten. Seither mache ich mehr und mehr Konzerte und nur noch selten Oper. Wann immer die Wiener Staatsoper in dieser Zeit angefragt hat, gab es Terminprobleme. Aber ich habe immer wieder Konzerte und konzertante Opern in Wien gesungen.
Wie kam es nun zur „Fille du régiment“, noch dazu in einer Art „Nebenrolle“?
Das ist zum ersten Mal, dass ich eine kleine Rolle gesungen habe! Und das nur für Wien, weil Holender mich so gebeten hat, weil das Ensemble so großartig war und ich ahnte, welche Freude es sein würde, dabei zu sein. Wir haben dann sehr gerätselt, welche Arie ich singen sollte, damit sie auch ins Gesamtgefüge der Oper passt. Es sollte nicht irgendetwas sein, sondern die Lustigkeit und Ironie des Stücks weiter tragen, und so sind wir auf das Schweizer Lied gekommen.
Das Publikum war auch so entzückt, dass Sie immer wieder Deutsch gesprochen haben, weil ja nicht jeder die Pointen auf Französisch verstanden hat.
Ja, das hat man mich auch gebeten, und wo es passte, habe ich es natürlich gemacht. Ich habe allerdings nicht geahnt, wie sehr das Publikum darauf einsteigen würde.
Opernfreunde werden am 1. Juli ins Burgenland, in den Römersteinbruch St. Margarethen pilgern, um dort Ihr Konzert zu hören. Wie kommen wir zu dieser Ehre?
Ich mache im Sommer eine Menge Freilichtkonzerte an schönen alten Orten, im römischen Theater in Taormina oder im Herodes Atticus Theater in Athen. Ich habe mir auch ein Programm zusammen gestellt, das zu diesem Rahmen passt, das inhaltlich ein bisschen mit der Antike und Tragödie zu tun hat, Raritäten von Mercadante, Gounod und Massenet für den ersten Teil. Im zweiten Teil singe ich dann etwas Lustiges, damit sich das Publikum auch freut, Stücke aus Spanien, womit ich ein bisschen die Sonne und Luft meiner Heimat mitbringe. Hoffentlich regnet es nicht!
Es ist ja auch schon fixiert, dass Sie am 26. März 2008 mit Ihrer Tochter Montserrat Marti im Wiener Konzerthaus auftreten werden. Hat Ihre Tochter eigentlich bei Ihnen gelernt?
Nein, gar nicht! Sie wollte ja ursprünglich Tänzerin werden, war in der Ballettschule von Maya Plisetskaya in Madrid, bis sie schwer gestürzt ist. Dass sie nicht mehr tanzen konnte, hat ihr schwere Depressionen verursacht, und mein Bruder kam auf die Idee, dass sie stattdessen ihre Stimme ausbilden sollte. Mein Mann und ich wurden mit dem Ergebnis überrascht und waren dann ganz gerührt. Wenn ich mit meiner Tochter auftrete, dann sage ich ihr bei den Proben das eine oder andere, gebe ihr auch einmal einen Rat, aber sie soll mich nicht nachmachen. Sie soll ihre eigene Karriere machen, Schritt für Schritt, auch in der Provinz.
Sie haben ja selbst in der so genannten „Provinz“ begonnen, in Basel, Saarbrücken, Bremen, und dieser Tätigkeit verdanken Sie ja wohl auch Ihr exzellentes Deutsch. Damals kam ja auch die „Salome“ in Wien…
Ja, ich hatte 1956 debutiert, und 1959 kam der Ruf aus Wien, eine Sängerin war erkrankt, ich sollte einspringen. Und da war ich dann die Donna Elvira inmitten eines wunderbaren Ensembles mit Eberhard Wächter und Erich Kunz… und wenig später die Salome. Die Wiener Staatsoper war das erste große Haus, in dem ich gesungen habe, dadurch hat es für mich auch seine besondere Bedeutung erhalten. Und ich kann sagen, dass ich zwar viele Ehrungen erhalten habe, aber dass man mich hier jetzt zur Kammersängerin macht, das ist schon sehr beglückend. Wien ist eben das Opernhaus, die Stadt ist Europas Herz und Zentrum für Musik. Ich bin glücklich, dass man erkennt, wie groß meine Liebe zu diesem Publikum ist – und die Liebe des Publikums zu mir…
Frau Kammersängerin Caballé, ist in ihrer langen, wunderbaren Karriere eigentlich ein Rollenwunsch offen geblieben?
Die Elektra! Ich habe so viel Strauss gesungen, die Salome, Marschallin, Arabella, Ariadne, für alle diese Rollen hat man an mich gedacht, nur für die Elektra nie. Bei Wagner habe ich alles Schöne gesungen, die Sieglinde, Elsa, oft die Elisabeth, auch die Isolde…
Und wie kommt es, dass man von der „deutschen“ Sängerin Montserrat Caballé kaum etwas weiß? Dass immer nur von der großen Belcanto-Spezialistin die Rede ist?
Das begann wahrscheinlich, als ich in New York in „Lucrezia Borgia“ eingesprungen bin. Ich interessiere mich immer noch sehr für Raritäten, suche noch heute unbekannte Opern oder lasse sie suchen. Ich habe ja immer wieder auch Gluck, Salieri, Spontini, Cherubini oder Resphighi gesungen, besonders viel natürlich Donizetti und Bellini, und ich bin stolz, dass heute eine Oper wie „Roberto Devereux“ oder „Anna Bolena“ fast zum Repertoire zählt, denn das war früher nicht der Fall. Mein Problem war, dass man von mir dann immer nur die Belcanto-Opern wollte. Die Mailänder Scala engagierte mich drei Spielzeiten hintereinander für „Norma“, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe und sagte, lasst mich doch auch etwas anderes singen! Bis in der dritten Saison dann die 12 Norma-Vorstellungen halbiert wurden und ich sechsmal „Ballo in Maschera“ singen durfte.
Die großen Verdi- und Puccini-Partien waren aber auch wichtig in Ihrem Leben?
Natürlich, von Aida bis Tosca und alles andere. Aber ich habe auch Mozart gesungen, Fiordiligi, Elvira und Anna, in meinen Anfängen sogar Susanna, dann Gräfin, und ich kann nur sagen, wenn man das singen kann, ist Belcanto nicht mehr so schwer verglichen mit den Arien der Gräfin im „Figaro“. Es gibt natürlich Ausnahmen – die Rolle in „I Pirata“ von Bellini, die ist schwierig…
Man würde einen wichtigen Teil Ihrer Arbeit und Karriere verschweigen, wenn man nicht sagte, dass Sie eigentlich als Erste das „Crossover“ erfunden haben, mit dem die Tenöre später so erfolgreich wurden…
Ganz so war es nicht. Als klar wurde, dass meine Heimatstadt Barcelona 1992 für die Olympischen Spiele ausersehen war, kam der Bürgermeister schon viele Jahre davor zu mir und fragte, was man dazu wohl machen könnte. Mein Bruder kam dann auf die Idee, Freddy Mercury zu fragen, der ein großer Fan von mir war und zu vielen meiner Vorstellungen anreiste. Freddy war sehr begeistert von der Idee, und so entstand „Barcelona“, und ich kann nur bewundern, mit welcher Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit und welchem Anspruch da gearbeitet wurde.
Frau Kammersängerin, Ihr Kalender ist für die nächsten Jahre voll, auch mit großen Tourneen nach Südamerika, Japan und Australien, ungeachtet dessen, dass nächstes Jahr in Paris groß Ihr 75. Geburtstag gefeiert wird. Ans Aufhören denken Sie glücklicherweise nicht – also wann werden wir Sie wieder an der Wiener Staatsoper sehen?
Meine Gespräche mit Herrn Holender waren noch eher vage, sie besagten, wie schön es sein wird, wieder hier zu sein, aber wir haben über nichts Konkretes gesprochen.
Und was könnten Sie sich für Montserrat Caballé und Wien künftig vorstellen?
Nun, ich habe mit Juan Pons „Viva la Mamma“ von Donizetti gemacht, das ist ja wirklich sehr komisch. Ich habe auch Carlos, Carlos Alvarez, scherzhaft gefragt, ob er es mit mir machen wollten, und er sagte: Sehr gern. Das wäre doch zum Beispiel eine Idee…
Das Gespräch führte Renate Wagner
