DER NEUE MERKER

Nummer 128 (17. Jahrgang, September/Oktober - 2006)
06.09.09 20:33:05
Anton Cupak

Interview, 05/2006: Wolfgang NEUMANN, - "Neidkomplexe werden irgendwann albern"

Das Gespräch mit Wolfgang Neumann führte Marc Rohde

Karriere

In die Wiege gelegt wurde dem in Österreich geborenen Heldentenor Wolfgang Neumann der Beruf des Opernsängers nicht.

Seine Eltern haben immer gerne gesungen, dennoch ist er nicht mit der Oper groß geworden. Einer seiner Brüder nahm Gesangsunterricht und irgendwann wollte der junge Wolfgang einfach mal zusehen und zuhören, was die dort eigentlich machen. Der Gesangspädagoge forderte ihn damals auf, auch mal ein Lied anzustimmen und so wurde im Alter von 17 eher zufällig der Grundstein einer großen Sängerlaufbahn gelegt. „Da ging das Ganze los und so habe ich eine große Liebe zur Oper entwickelt“, beschreibt er die damaligen schicksalhaften Ereignisse heute.

Sein Gesangsstudium finanzierte der gelernte Dreher, der auch Schmieden gelernt hat, durch Ausübung seines technischen Berufes. Als Siegfried auf der Bühne weiß er heute umso besser, wie er in der Schmiedeszene den Hammer zu halten hat, wie lange das Eisen glühen darf, was realistisch ist und was der Phantasie eines effekthaschenden Regisseurs entspringt.

Das erste Gesangsengagement - damals noch als Bass - führte ihn nach Rendsburg, von wo er nach einem dreiviertel Jahr in den Opernchor nach Oberhausen wechselte. Er studierte noch am Konservatorium in Duisburg, hatte aber bereits einen Vertrag nach Bielefeld unterzeichnet. Der dortige Generalmusikdirektor war Bernhard Kunz, die rechte Hand von Karajan. „Wir machten die Heimkehr des Odysseus von Monteverdi. Plötzlich unterbrach Kunz die Probe <<Heldentenor! Der Karajan hat keine Tenöre!>> Dann ging es in diese Richtung und ich hab dann in Bielefeld das Fach gewechselt.“ Die erste Tenorpartie war Max im Freischütz und auch der erste Tannhäuser ließ nicht lange auf sich warten.

Schon 1976 hatte Neumann seinen ersten Gastvertrag in München. Über Augsburg kam er 1980 erstmals in das Ensemble des Mannheimer Nationaltheaters, wo er auch seit 1998 wieder zum festen Sängerstamm gehört. Er schwärmt von den Besonderheiten dieses Hauses, welches im Gegensatz zu manchen anderen Theatern noch ein richtiges Ensemble hat. Es sei ein ganz eigenes Theater, das für jene Sänger, die ein großes Repertoire singen wollen, genau richtig sei. Viele große Namen haben hier ihr Handwerk gelernt. „Oft ist es so, dass die Stimmen hier, wenn sie jung hierher kommen, am schönsten sind“. Später kehren viele dann als Weltstars im Rahmen der „Festlichen Opernabende“ wieder zurück, andere wie Neumann, Franz Mazura oder auch Jean Cox blieben dem Ensemble trotz glanzvoller Karrieren treu. Für das Publikum ist das Nationaltheater ohnehin eine Art Heiligtum, das es zu verteidigen gilt.

Die Frage, ob zu einer Karriere auch eine gewisse Portion Glück gehört, beantwortet er diplomatisch. Das Glück, das meistens gemeint sei, ist es seiner Meinung nach nicht. Glück ist in seinen Augen das, was der Liebe Gott einem Menschen mitgegeben hat. Er hat ihm die Stimme gegeben, er hat ihm eine bestimmte Intelligenz gegeben, die Lernfähigkeit, seine Musikalität, die Fähigkeit fleißig zu sein. Wolfgang Neumann macht es auch noch Freude, fleißig zu sein! Wenn man über diese Fähigkeiten verfügt und sie alle gut einsetzt, dann entwickelt sich die Karriere von selbst. „Es wird oft gesagt, man muss einen tollen Agenten finden. Ich denke aber, wenn Du toll bist, kommen die Agenten automatisch.“

Während Neumanns hoffentlich noch lange andauernder Karriere gab es bereits viele Tenöre seines Fachs, deren Namen jeder Operninteressierte kennt. Angesprochen auf die Konkurrenz räumt er ein, dass es sich bei diesen Namen zwar tatsächlich um Konkurrenten handelt, aber dass diese Konkurrenz stets belebend auf den Opernbetrieb wirke. Jeder Sänger wünscht sich, an bestimmten Häusern singen zu können, aber er kann ja nicht überall zugleich auftreten. Neumann hat zum Beispiel an der Met den Siegfried in der Premiere gesungen.
Während dieser Ring-Zeit in New York kam auch eine Anfrage aus München, aber an beiden Häusern im gleichen Zeitraum die Siegfriede zu singen, wäre organisatorisch gar nicht machbar gewesen. „Das Konkurrenzdenken relativiert sich und Neidkomplexe werden dann irgendwann albern.“

Auch die Wiener Staatsoper hat sich mehrmals bei ihm gemeldet. Zwei, drei Mal musste er wegen anderer Verpflichtungen absagen, dann hat er aber dort mit großem Erfolg in Schönbergs Moses und Aron mitgewirkt und Ende der 90´er auch die Siegfriede gesungen. Er bedauert, nicht öfter in Wien gesungen zu haben, freut sich aber über die Erfolge, die er dort hatte.

Auf Tonträgern ist der Name Wolfgang Neumann leider selten zu finden. Es gibt eine Studioaufnahme von Weils Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny und einen Livemitschnitt eines Ringes, in dem er den jungen Siegfried singt. Für den engagierten Sänger geht aber ohnehin nichts über Live-Vorstellungen. In diesem Zusammenhang sagt er: „Ich habe alles bekommen, was ich wollte, ich habe die großen Partien gesungen und dies überall auf der Welt. Ich müsste nicht ganz richtig im Kopf sein, wenn ich sagen würde, ich wäre kein glücklicher Mensch. Ich bin immer noch gesund, ich singe immer noch die großen Rollen meines Fachs. Nächstes Jahr kommen wieder ein paar Ringe auf mich zu, wer kann das schon von sich sagen? Ich habe ein schönes Sängerleben gehabt.“


Privates

Ältere Sänger können viel Erfahrung an die jüngeren weitergeben. Umgekehrt findet aber ebenfalls ein Austausch statt. Neumann sagt von sich selbst, er lerne nie aus. Er ist ein wissbegieriger Mensch und lernt gerne. Am liebsten lernt er aber von seiner Tochter, von der er mit glänzenden Augen schwärmt: „Die Geburt meiner Tochter war ein großes Erlebnis für mich. Meine Tochter ist sehr musikalisch und hat eine tolle Stimme. Mit der Oper hat sie im Moment nicht viel am Hut, sondern ist ein Fan von Hip-Hop. Sie muss ihren eigenen Lebensweg finden, der ihr gemäß ist.“ Sollte es doch einmal in Richtung Oper gehen, wäre Neumann aber nicht unglücklich, wie er noch ergänzt.

Neumann ist privat zurückhaltend und versucht sich vom Operntrubel fern zu halten. Für viele Sänger sei Oper eine Art Familienersatz, er interessiert sich aber privat vor allem für seine kleine Familie und die gemeinsamen Pferde. Er hat sozusagen seinen eigenen Grane. Es ist ein schöner Ausgleich zu der geistigen Beschäftigung in der Oper, wenn man den Pferden die Hufe auskratzt und auch mal in der Erde wühlen kann. Durch die Beschäftigung mit den Tieren, die auf einem schönen Bauernhof stehen, bekommt er auch den gesamten landwirtschaftlichen Jahresablauf hautnah mit.


Inszenierungen und Visionen

Neumann sorgt sich ein wenig über die Zukunft der Oper. Er findet, die Inszenierungen der letzten 15-20 Jahre wiederholen sich oft. Die Oper spielt wenig in der Vergangenheit, sehr viel in der Gegenwart, aber zeigt fast keine Zukunft. Viele der heutigen Inszenierungen sind austauschbar geworden und zeigen einem auf der Bühne das, was man ohnehin im realen Leben täglich zu sehen bekommt: „Ich wünsche mir visionäre Leute, die die Welt im ästhetischen Sinne weiterentwickeln. Da, denke ich, hätte das Theater Aufgaben.“
Es sind nach Neumanns Einschätzung auch genügend Leute mit entsprechender Phantasie vorhanden, aber manchmal fehle es am Mut, diese Phantasie neu zu definieren und auszuleben. „Wenn ich abends ins Theater gehe, will ich nicht die gleichen Dinge sehen, die ich auch in den Nachrichten sehe. Ich denke, dass die Kunst gefragt ist, uns Möglichkeiten aufzuzeigen, von denen man sagt; das ist schön, da lohnt es sich zu leben! Können wir nicht mal probieren, unsere Welt in diese Richtung zu bauen?“


Auf der Bühne

Zu seinen Lieblingsrollen zählen Othello, Lohengrin, Rienzi und natürlich Siegfried, den er auch in der Spielzeit 2006 / 2007 wieder einige Male auf der Bühne des Nationaltheaters geben wird. Tannhäuser, den er auch bei den Bayreuther Festspielen verkörpert hat, gehört ebenfalls zu seinen Favoriten. „Ich singe seit 20 Jahren Tannhäuser und es ist nie das gleiche. Heute kann ich mit meiner Lebenserfahrung besser verstehen, was die Rolle ausmacht und das fließt dann in meine Gestaltung ein.“

Wagner gehört eindeutig zu seinen Lieblingskomponisten: „Wenn ich eine Rolle von Richard Wagner interpretiere, bin ich in dem Moment mit den Gedanken, die durch seinen Kopf gegangen sind, verbunden. Ich singe das, was er in sich hat aufsteigen lassen. Die Kreativität des Mannes ist in dem Moment, in dem ich seine Musik singe, präsent. Es ist schon eine Gnade, das tun zu dürfen.

Irgendwie sind Lieblingsrollen aber auch immer die, an denen man gerade arbeitet. Wenn ein Künstler immer nur die gleichen Rollen singt, dann wird es langweilig. Glücklicherweise gibt es immer wieder Vorstellungen in denen man sich auf einmal fragt: ja was ist denn jetzt? Da geht plötzlich etwas ab und das Publikum geht mit. Du spürst förmlich die Freude, die unten stattfindet und das befruchtet einen oben auf der Bühne. Das ist toll! Und dann sagt man, das war ein Abend wie ein Rausch!“

Warum würde Neumann jedem jungen Menschen raten, lieber ins Theater zu gehen, anstatt sich ausschließlich Filme im Kino oder im Fernsehen anzuschauen? Im Theater spielen lebendige Menschen und bei aller Perfektion geht auch mal was daneben! Der Zuschauer sieht dann, dass die Leute auf der Bühne auch nicht vollkommen sind. Die Bühne zeigt das Leben in all seinen Facetten.

Mit seiner Arbeit auf der Bühne hat Wolfgang Neumann tatsächlich schon das Schicksal einzelner Menschen beeinflusst. Deswegen ist es ihm auch wichtig, seine Arbeit stets mit Ernsthaftigkeit zu tun. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst und versucht immer das Bestmögliche zu geben.
Da steht er dann im Scheinwerferlicht auf der ansonsten dunklen Bühne, fühlt sich manchmal fast nackt und sagt: „Das bin ich. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich weiß, dass ich in dem Moment das mir Mögliche getan habe, es ehrlich und ernsthaft getan habe und damit das Publikum bewegt habe, dann empfinde ich es als eine Gnade, Sänger zu sein.“

© Marc Rohde

 

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Wien, 2018.12.13 23:38:22