DER NEUE MERKER

Nummer 130 (16. Jahrgang, November/Dezember - 2006)
06.11.04 18:16:36
Anton Cupak

Interview, 11/2006: Juliane BANSE, Es ist schon ein komischer Beruf

Bereits mit zwanzig gab die Sopranistin Juliane Banse als Pamina ihr Debüt auf einer Opernbühne. Seitdem ist sie in allen großen Theatern Europas zu Hause und gern gesehener Gast in den Konzertsälen der Welt.
Eigens für ihre Stimme komponierte Heinz Holliger die Titelpartie der 1998 in Zürich uraufgeführten Oper SCHNEEWITTCHEN.
Es liegen zahlreiche, teils preisgekrönte CD-Einspielungen vor. In diesem Jahr erhielt ihre Aufnahme ausgewählter Vokalwerke von Charles Koechlin sowohl den MIDEM Classical Award als auch den ECHO Klassik.


Aktuelle Rollendebüts

In der Spielzeit 2006 / 2007 standen zwei große Rollendebüts auf dem Programm der Sängerin. Im November gab sie ihre erste Fiordiligi in COSÌ FAN TUTTE in Innsbruck. Von den jungen und begabten Kollegen dort schwärmt Frau Banse ebenso wie von den Arbeitsbedingungen. Die großzügigen Probenzeiten boten ihr ideale Voraussetzungen, um sich die neue Partie zu erarbeiten. Auch die Dimensionen des Innsbrucker Theaters seien für diese Mozartoper wunderbar.

Ihre erste Wagnerpartie sang Juliane Banse hingegen im September an der Oper Frankfurt. Die Rolle der Eva in den MEISTERSINGERN VON NÜRNBERG nimmt in Wagners Werk eine Ausnahmesituation ein: „Sie ist ein wirklicher Spezialfall. Es ist eine total lyrische Partie und immer, wenn Eva ihren Einsatz hat, wird das Orchester leise. Insofern sehe ich das jetzt überhaupt nicht als den Beginn einer Wagner-Karriere. Es ist für mich lediglich ein Ausflug und ich werde mal abwarten wohin es zukünftig geht. Eva würde ich aber sehr gerne wieder singen, die Rolle macht mir großen Spaß. Die Musik ist wunderschön und wenn das Drumherum stimmt, würde ich die Partie sehr gerne auch an anderen Häusern singen.
Die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Roland Böer fand die Sopranistin phantastisch. Die beiden empfinden Musik auf die selbe Art. „Unsere Zusammenarbeit war ein echter Glücksfall. Wir verstehen uns von Bühne zu Graben ohne Worte, was äußerst angenehm ist. Auch wie er das Stück aufbaut und wie er das Orchester führt, finde ich erstklassig.“


Wien

Die in München lebende Mutter von zwei Söhnen würde natürlich schon allein aus logistischen Gründen gerne möglichst oft in dem Dreieck München, Zürich und Wien auftreten, obwohl ihr auch der Ausflug nach Frankfurt großen Spaß gemacht hat und sie ohnehin überall in Europa Auftritte absolviert. So freut sie sich, zumindest per „Neuem Merker“ mal wieder in Wien sein zu können. Die Engagements an der Wiener Staatsoper schliefen vor einiger Zeit ein, ohne dass sich hierfür ein besonderer Grund nennen ließe. Da die Staatsoper über Jahre eine Art künstlerisches Zuhause für die Sängerin war, würde sie sich sehr freuen, wenn sich dort zukünftig wieder etwas ergäbe.
Im Theater an der Wien steht in der kommenden Saison Haydns ORLANDO PALADINO auf dem Plan. „Ich bin froh, dass ich wieder dabei sein werde, denn Wien ist einfach schön!“


Liedgesang

Der Liedgesang stellt ein wichtiges, zweites Standbein für sie dar. Durch das Studium bei Brigitte Fassbaender hatte das Lied immer einen hohen Stellenwert und ist zu einer großen Liebe geworden. „So ein Liederabend ist -so anstrengend und so horrormäßig er dann rein nervlich manchmal ist- etwas ganz besonderes und ganz tolles.“ Die Liedfans würde sie eher als eine relativ kleine Gruppe unter dem Klassikpublikum bezeichnen, in der leider kaum junge Anhänger zu finden sind: „Ich spreche oft mit jüngeren Leuten, die dem Lied gegenüber eine unheimliche Schwellenangst haben. Eigentlich ist man dem Geschehen, der Person und auch dem Gedicht und der Musik hier viel näher verbunden als in der Oper. Und wenn dann mal jemand sagt, jetzt gehe ich in einen Liederabend, ist es für ihn meistens eine positive Überraschung. <<Es ist ja gar nicht so langweilig. Die Musik ist ja gar nicht so schwierig. Es ist ja richtig mitreißend!>> höre ich dann oft.
Zu unseren Aufgaben als Sänger gehört es ja aber auch, ein bisschen die Ängste abzubauen und Programme so zu gestalten, dass die Leute keine Scheu davor haben.“

Neben ihren eigenen Auftritten auf der Bühne widmet sich die Sopranistin derzeit auch noch ihren Studenten an der Hochschule in München, wo sie als Nebenfach eine Liedklasse leitet. Die Arbeit dort macht ihr zwar großen Spaß, Frau Banse hat momentan aber einfach zu wenig Zeit dafür und wird diese Tätigkeit deshalb zum Ende des Schuljahres im Sommer 2007 unterbrechen. Nach Möglichkeit wird sie danach gelegentlich einzelne, weniger zeitaufwändige Kurse geben. Durch ihre Lehrtätigkeit gibt sie nicht nur Wissen weiter, sondern hat auch sehr viel für sich selbst gelernt: „Der Akt des Unterrichtens wirft einen sehr auf sich selbst zurück. Man muss Sachen hinterfragen und Dinge formulieren, über die man sonst vielleicht nicht so intensiv nachdenkt. Das ist für einen selbst ein super Training.“


Oper im Fernsehen

Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen gab Juliane Banse in zwei der LE NOZZE DI FIGARO Aufführungen die Gräfin. Das Medieninteresse war zwar geringer als im Vorjahr. Dennoch waren während der Proben ständig Kameras anwesend, weil für das Fernsehen ein „Making of“ gedreht wurde. Damit konnten die Kollegen unterschiedlich gut umgehen: „Es gab welche, die hat das massiv gestört. Ich hatte damit nicht so ein Problem, aber war natürlich auch nicht so im Fokus, weil ich ja die TV-Übertragung nicht gesungen habe, sondern erst spätere Vorstellungen übernommen habe. Diese haben mir dann großen Spaß gemacht. Die Kollegen waren toll, der Regisseur ist super, die Produktion fand ich unglaublich schön.“
Die Inszenierung lebte vor allem von dem großen Raum und den verschiedenen Lichtstimmungen. Im Fernsehen kamen diese Elemente leider nicht im selben Maße zur Geltung, wie im Festspielhaus selbst. Folgende Problematik kommt generell bei Fernsehübertragungen noch hinzu: „Man kann nicht gleichzeitig für eine Kamera, die 20 Zentimeter vor einem steht, und für ein Publikum im 2. Rang spielen. Insofern wirkt auf dem Bildschirm vieles anders als es eigentlich gedacht ist.“


Geigenspiel und Ballett

Als Kind hat Juliane Banse zwölf Jahre lang Geigenunterricht genommen, spielt inzwischen aber überhaupt nicht mehr. Ganz anders sieht es mit Ballett aus. Sie absolvierte am Opernhaus Zürich eine professionelle Ballettausbildung und sagt heute, dass ihr der Tanz sehr fehlt.
Bei längeren Aufenthalten in einer Stadt versucht sie meistens, ein Studio zu finden und dort zu trainieren. Die Sehnsucht nach diesem speziellen Körpergefühl ist geblieben: „Wenn ich mich an die Stange stelle und anfange, mich zu quälen, ist mein Kopf abgeschaltet von allem anderen. Auf andere Weise kriege ich das nicht hin.“


Theaterbesuche

Zu Hause in München müsste schon ein ganz spezieller Kollege eine Rolle singen, die sie unbedingt mal von ihm hören möchte, damit sie in die Oper geht. Die wenige Zeit, die sie in ihrem Wohnort verbringt, teilt sie sonst lieber mit ihren Kindern und ihrem Mann. Wenn sie beruflich in anderen Städten ist, sieht sie sich dort aber sehr gerne Vorstellungen an. Fast noch lieber als in die Oper geht sie bei solchen Gelegenheiten ins Schauspiel.

Zum reinen Genuss hört Juliane Banse zu Hause übrigens sehr selten Musik. Oft sind es Stücke, die sie lernen muss und bei denen sie die Musik kennen lernen will. Zur Entspannung würde sie eher Jazz als Klassik hören, akustischer Luxus aber wäre: Stille.


Familie

Ihre beiden Söhne lässt sie ungern längere Zeit allein, da sonst irgendwann die Kommunikation schwierig werde. Drei Tage Abwesenheit sind überhaupt kein Problem, eine Woche ist okay, aber alles darüber hinaus wird kritisch. Da haben die Kinder dann irgendwann keine Lust mehr zu telefonieren.
Abwesenheiten von über einer Woche versucht Juliane Banse daher ganz zu vermeiden. Trotzdem fühlt sie sich oft zerrissen, wenn sie unterwegs ist, „aber das ist Klage auf sehr hohem Niveau. Es geht uns wunderbar und ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich Familie haben und diesen Beruf ausüben kann. Wie man das für alle Seiten verträglich gestaltet, muss man dann von Fall zu Fall entscheiden. Es ist eine harte Nuss, die es zu knacken gilt, aber es lohnt sich.“

Als ihre Kinder zur Welt gekommen sind, hat sich Juliane Banse jeweils nur eine kleine Pause gegönnt. Sie hat natürlich anders gearbeitet als vorher, eine Weile keine Oper, sondern ausschließlich Konzerte gesungen und auch Transatlantikflüge weitestgehend gemieden. „Als aber unser kleiner Sohn etwa neun Monate alt war, sind wir für vier Tage für einen Liederabend nach New York geflogen. Der Kleine hat geschlafen, wenn es ihm gepasst hat und hatte keine Probleme mit der Zeitverschiebung. Ich glaube nicht, dass es für ihn besonders anstrengend war. Nur für mich. Das war die einzige verrückte Aktion, die ich gestartet habe. Ansonsten habe ich die Pläne wirklich nach den Kindern gemacht.“
Inzwischen kommen die Jungs manchmal mit in eine Probe, oft wollen sie aber auch lieber spielen. Frau Banse will ihre Söhne auch nicht unbedingt in die Oper zerren, sofern sie nicht von sich aus das Bedürfnis äußern, mitkommen zu wollen.
Eine Anekdote über Theaterkinder soll in diesem Zusammenhang trotzdem nicht fehlen: „Vor Jahren habe ich in LA BOHÈME in Köln mitgewirkt. Ich sang Musette, Nina Stemme die Mimi. Damals war ihre kleine Tochter wohl so dreieinhalb Jahre alt. Es handelte sich um eine sehr naturalistische Inszenierung, in der Mimi ganz jämmerlich starb. Nach der Vorstellung turnte die Kleine auf dem Gang rum und ich fragte sie, ob sie denn da keine Angst bekäme, wenn es der Mami auf der Bühne so schlecht geht. Da sagte sie nur: <<Nö, das hat sie bei BUTTERFLY auch schon gemacht.>>


Kritiken

Kritiken über ihre Auftritte liest die Sängerin gerne. Zumindest, wenn sie positiv sind. So lasse ich mir dann die generellen Qualitätsmerkmale von Kritiken erklären: „Diejenigen, die schlechte Kritiken schreiben, haben keine Ahnung und die, die gute Kritiken schreiben, haben es verstanden.“ (lacht)
Solange aber ein Kritiker seine Äußerungen als persönliche Meinung deklariert, kann er alles schreiben: „Wir leben ja auch alle davon, dass unsere Arbeit Geschmackssache ist. Was wäre denn, wenn nun alle Kritiker den selben Geschmack hätten? Das wäre ja furchtbar! Es ist zum Glück ja wirklich für jeden etwas dabei. Ein weites Feld...“
Dass aber schon eine einzige schlechte Kritik den Namen eines Sängers ins Wanken bringen kann und dass man als Kritiker eine gewisse Verantwortung gegenüber den Künstlern hat, möchte ich an dieser Stelle auch noch mal ins Gedächtnis rufen.


Zukunftspläne

Es gibt einige Rollen, die Frau Banse gerne einmal singen möchte, aber keine von der sie sagt, diese müsse unbedingt kommen. Tatjana wäre so eine Rolle, ebenso alle drei Frauen in HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN. Antonia wäre vielleicht ein guter Anfang und könnte dann später um Olympia und Giulietta ergänzt werden.
Für das italienische Fach ist sie nicht unbedingt der Prototyp, würde sich aber wahnsinnig freuen, wenn mal jemand auf die Idee käme, sie entsprechend zu besetzen. Auch THAIS oder die Micaela in CARMEN könnte sie sich gut vorstellen.
Sie ist sehr offen für alles, was auf sie zukommen mag, glaubt aber, die kleinen Mädels langsam hinter sich zu lassen und erwachsener zu werden. Die FIGARO - Gräfin, MEISTERSINGER - Eva und jetzt schließlich Fiordiligi gehen in diese Richtung. „Was sonst noch an Rollen dazu kommen wird, ist zum großen Teil Zufall, wird sich ergeben oder nicht ergeben. Das kann ich nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen.“

Auch Hosenrollen hat sie schon gesungen, obwohl sie rein optisch eher mädchenhaft wirkt. Die Fähigkeit, einen komplett anderen Charakter überzeugend darstellen zu können, ist aber gerade Teil des Berufs eines Opernsängers. Oft ist es hauptsächlich eine Mutfrage, sich total von sich selbst wegzubewegen. „Diese Abstraktion durch die Rolle, das Kostüm und die Maske macht einen irgendwie frei. Man kann auf der Bühne so einiges ausleben und erspart sich so vielleicht sogar den Gang zum Psychotherapeuten.
Manche Sänger sind im Privatleben irrsinnig scheu und lassen sich auf der Bühne völlig gehen. Die Bühne bietet einem einen gewissen Schutz. Einerseits agiert man in einem sehr geschützten Bereich, andererseits gehört aber auch eine Portion Exhibitionismus und im schlechtesten Fall ein bisschen Prostitution zum Beruf. Es ist ganz schizophren. Mal empfindet man es mehr so und mal empfindet man es mehr andersrum. Es ist schon ein komischer Beruf!“ (lacht)


© Marc Rohde, November 2006

 

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Wien, 2018.12.13 23:41:37