DER NEUE MERKER

Nummer 133 (17. Jahrgang, März/ April - 2007)
07.03.10 20:53:29
Anton Cupak

Interview, 12/2004: Margaret ILLMANN, "Ohne Risiko gibt es keine Zukunft"

Margaret – Sie sind ein Weltstar des Tanzes und haben seit etwa 1 1/2 Jahren ein Engagement als Erste Solotänzerin im Wiener Staatsopernballett. Gibt es in absehbarer Zeit eine Möglichkeit, Sie außerhalb Wiens tanzen zu sehen?

Gerade habe ich die Szene für das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gedreht, an der ich beteiligt bin. So kann man mich auch 2005 wieder am Neujahrsmorgen im Fernsehen sehen, wie ich „Fata Morgana“ in der Choreographie von Renato Zanella tanze. Im neuen Jahr werde ich weniger gastieren, da ich mich für ein Fernstudium für Medien, Kommunikation und Marketing an der Daekin University in Melbourne eingeschrieben habe. Ich werde nur noch ausgesuchte Vorstellungen tanzen und mich auf meinen zukünftigen Werdegang konzentrieren. Trotzdem werde ich noch ein ARTE Special tanzen, das eigentlich schon letztes Jahr hätte gefilmt werden sollen und an einer Gala des kgl. Dänischen Balletts teilnehmen.

Die Ballettszenen des Neujahrskonzerts sind speziell fürs Fernsehen konzipiert worden..
Wie denken Sie über die Aufzeichnung von Bühnenproduktionen? Einerseits können wir Zuschauer so recht günstig eine gute Aufführung zu sehen bekommen, andererseits kann solch eine Aufnahme niemals den Geist einer Live-Aufführung einfangen.

Ich stimme Ihnen zu, dass man einer Live-Aufführung mit einem flachen Bildschirm niemals gerecht werden kann. Durch eine Live-Darbietung werden ja alle Sinne angesprochen. Dennoch kann diese Einschränkung durch den Zauber des Filmhandwerks teilweise wettgemacht werden. Man kann andere Elemente hinzufügen, um der Aufnahme seinen visuellen Zauber zu verleihen. Diese Beiträge könnten dann sowohl für die Ausbildung in Schulen als auch zur reinen Unterhaltung verwendet werden.

Der Komponist Robert Moran sprach mir gegenüber sein Bedauern darüber aus, dass seine Werke noch nie vom Wiener Staatsopernballett aufgeführt wurden, obwohl er in Wien studiert hat. Halten Sie dies einfach nur für einen Zufall oder ist Wien vielleicht etwas konservativer als die Städte, in denen seine Ballette bereits aufgeführt worden
sind?

In jedem Land, in dem ich bisher gelebt und gearbeitet habe, scheint es das “Big Poppy Syndrome” zu geben; die vor Ort ausgebildeten Talente werden nicht wahrgenommen, wie sehr sie sich auch bemühen mögen. Ich finde Wien äußerst konservativ, weil ich festgestellt habe, dass man hier sehr an
seiner Vergangenheit und seinen Erinnerungen an den früheren Glanz hängt. Das Bestreben, dieses Vermächtnis durch das Bewahren traditioneller Werke im Spielplan aufrecht zu erhalten, ist sehr wichtig, solange es nicht zur Bedrohung für die Zukunft wird. Im allgemeinen ist die Vergangenheit sehr wichtig, sollte aber nicht den Blick auf die Zukunft verstellen. Bevor ich hierher kam, hatte ich gelesen, dass es hier wegbereitendes und neuartiges
Balletttheater geben soll. Ich weiß, dass neben der Staatsoper eine vielschichtige Tanzszene existiert. Tanz ist etwas Lebendiges und entwickelt sich stets weiter. Ohne Risiko keine Zukunft.


Ich habe gelesen, dass Sie angefangen haben, zu schreiben. Können Sie mir mehr
darüber erzählen?

Schon allein die Fähigkeit, in der Tanzwelt physisch und mental zu überleben und insbesondere auch Hauptrollen zu tanzen, erfordern mehr Intelligenz als man Tänzern gemeinhin zugesteht. Bereits bevor meine Ballettkarriere „passierte“, habe ich gern geschrieben. Nach meiner Knie-Operation fing ich wieder damit an und habe einige Artikel für die Zeitschrift „TanzInternational“ verfasst. Nun hat mich meine Vergangenheit eingeholt und ich möchte diesen Teil in mir wieder aktivieren und weiter ausbilden. Es gibt viel zu sagen wenn man schon so viel gesehen und erfahren hat wie ich.
Vielleicht könnte ich auf all die Geschichten zurückgreifen, die mich amüsiert, betrübt, oder begeistert haben. Wir werden sehen, wer daran interessiert ist.


In einem Interview mit der deutschen Zeitung „Welt am Sonntag“ haben Sie die Kulturpolitik in Berlin kritisiert. Könnten Sie sich vorstellen, selbst eines Tages eine politische Karriere zu beginnen?

Sag niemals nie... Mit Sicherheit habe ich mir durch meine Erfahrungen eine gewisse Meinung gebildet. Im Moment ist diesbezüglich aber nichts zu erwarten.

Die Tänzerin Darcey Bussell hat sich neben der Bühnenkarriere ein zweites Standbein mit einer Firma für Innendekoration aufgebaut. Könnten Sie sich ebenfalls vorstellen, eine Firma zu gründen?

Ich wusste nichts von Darceys Geschäft, aber finde es sehr clever, dass sie sich bereits jetzt etwas anderes aufbaut, während sie noch erfolgreich tanzt. Auch ich dekoriere gerne. Besonders wenn ich der Fantasie freien Lauf lassen könnte und andere Leute meine Ideen finanzieren würden. Ich denke aber nicht, dass ich in nächster Zeit etwas ähnliches machen werde. Nach 20jähriger Tanzkarriere zieht es mich jetzt mehr zum Bereich Marketing und Kommunikation. Deswegen belege ich auch den Kurs an der Universität. Momentan habe ich mehrere interessante Angebote, aber solange noch nichts konkret ist, möchte ich das nicht weiter kommentieren. Ich glaube, wenn sich das Bewusstsein in eine andere Richtung entwickelt, sollte man dem auch nachgeben.

Auf der Bühne haben Sie meistens elegant und schön zu sein. Haben Sie manchmal auch Lust, hässliche Aspekte zu zeigen?

Danke für das Kompliment. Aber ich glaube nicht daran, immer schön zu sein. Ich bin ein großer Liebhaber der Schauspielerei und möchte Situationen im Ballet Realität werden lassen. Wenn es die Rolle erfordert, hässlich, böse, eifersüchtig, entsetzt oder gequält zu sein, sollte man es auch zeigen.

Ich stelle es mir schwer vor, einen Beruf zu haben, in dem man ständig auf sein Gewicht achten muss. Sündigen Sie da gelegentlich?

Ich denke, dass nichts was mit Essen zu tun hat, eine Sünde ist! Ich liebe es zu Essen, zu kochen und köstliche Abendessen mit Freunden zu veranstalten. Tänzer brauchen keine Diät. Wer körperlich arbeitet muss auch essen. Gewicht hängt sehr stark von den Erbanlagen ab, egal was man macht, und damit habe ich Glück!

Fühlen Sie sich beim Tanzen wie in einer Art Trance?

Nein, ich fühle mich sehr lebendig. Keinesfalls wie im Schlaf oder in einer anderen geistigen Dimension. Vor der Vorstellung bin ich meistens sehr wortkarg und nervös. Das wird auch mit den Jahren nicht besser. Wenn ich aber dann auftrete, fühle ich mich meistens innerlich sehr ruhig, gleichzeitig aber nach außen hin bin ich sehr lebendig.
Manchmal befreit es mich sogar, in meiner Rolle jemand anderen zu spielen. Das wiederum kommt dann meiner körperlichen Leistungsfähigkeit zugute.


Besuchen Sie Vorstellungen Ihrer Kollegen?

Während meiner gesamten Ballettkarriere habe ich Vorstellungen meiner Kollegen besucht und mag es, wenn zwischen den Künstlern Kollegialität herrscht, was leider nicht an allen Theatern der Fall ist.

Arbeiten Sie auch gerne mit Kindern?

Ich hatte bisher kaum Gelegenheit mit Kindern zu arbeiten, obwohl ich gerne mit ihnen zusammen bin. Die Jüngsten, mit denen ich bisher gearbeitet habe, sind meine jüngeren Kollegen aus der Compagnie, denen ich Tipps beim Einstudieren des Repertoires gegeben habe bzw. habe ich manche zur Vorbereitung auf einen Ballettwettbewerb gecoacht.

Lesen Sie Kritiken Ihrer Vorstellungen?

Nicht immer

Finden Sie es fair, dass Leute, die meist selbst überhaupt nicht tanzen oder singen können, Kritiken über Opern und Ballette schreiben?

Es stört mich nicht, wenn jemand selbst nicht über diese Fähigkeiten verfügt. Ich halte es aber für notwendig, dass ein Kritiker, der keine Ballettkenntnisse hat, sich entsprechendes Wissen zulegt. Sonst kann er ja keine fundierte Fachmeinung haben. Unter anderem habe ich Kritiken von Leuten gelesen, die über ein Stück geschrieben haben, ohne auch nur einen Künstlernamen zu nennen oder spezifische Bemerkungen zu machen, so als ob sie nicht mal dort gewesen wären. Ich bin der Meinung, dass konstruktive Kritik vom Künstler und Leser viel mehr gewünscht wird als eine, die womöglich in Beleidigungen abgleitet.

Sie haben deutsche Vorfahren und leben seit einigen Jahren im deutschsprachigen
Raum. Sprechen Sie eigentlich auch deutsch?

Eigentlich sollten meine Deutschkenntnisse für die Zeit, die ich in deutschsprachigen Ländern gelebt habe, recht gut sein. Ich habe allerdings festgestellt, dass ich eine irrationale Blockade gegen diese Sprache aufgebaut hatte. Ich versuche das momentan durch den Besuch eines Deutschkurses zu korrigieren. Ganz sicher verstehe ich viel mehr, als ich sprechen kann. Da ich eine Perfektionistin bin und es liebe, mit Worten zu spielen...bin ich noch zu befangen, um deutsch zu sprechen. Dem ist noch hinzuzufügen, dass englisch die gängige Sprache in allen Ballettkompagnien ist. Nichtsdestotrotz versuche ich jetzt, den Bezug zu meinen Hamburger Vorfahren in mir zu entdecken.

Durch Ihren Beruf sind Sie an klassische Musik gewöhnt. Interessieren Sie sich auch für Opern und klassische Konzerte oder bevorzugen Sie privat einen anderen Musikstil?

Ich mag klassische Musik aus den verschiedensten Ländern sehr gerne, aber zum Entspannen höre ich lieber Popmusik. Das kann von INXS bis Sting, von Anastacia bis Avril Lavigne, Morisette bis Coltrane, von Bon Jovi bis Jazz reichen. Ich liebe Musik!

Sie haben bereits in einem Musical am Broadway mitgespielt und scheinen mir sehr aufgeschlossen zu sein. Könnten Sie sich vorstellen, in Cross-Over Produktionen auch das Element Tanz zu integrieren? Sting von einem Orchester begleitet und sie tanzen dazu, klingt das verrückt?

Hört sich großartig an! Joffrey hat so etwas zur Begeisterung der Menge mit Prince gemacht. Wenn so etwas organisiert werden könnte, wäre ich gern dabei! Als geborene Optimistin glaube ich daran, dass sich neue und interessante Herausforderungen ergeben werden. Wir werden sehen, was die Zukunft bringen wird.

© Marc Rohde 12 / 2004

 

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Wien, 2018.12.13 22:55:56