DER NEUE MERKER

Nummer 137 (18. Jahrgang, Juni/Juli - 2007)
07.06.28 18:29:52
Anton Cupak

Interview, 07/2007: Olga PERETYATKO, "Singen ist ein wichtiger Teil meines Lebens, aber nicht alles"

Olga Peretyatko

Merker-Mitarbeiter Marc Rohde traf die vielversprechende Koloratursopranistin im Juli zum Interview in Berlin.

„Ich hatte zuerst verstanden, dass sie noch Studentin ist, aber das kann ja nicht sein, bei der tollen Stimme.“ Solche und ähnliche Bemerkungen hörte ich während der Pause des „La Dolce Vita“ Konzertes im Rahmen der Classic Open Airs auf dem Berliner Gendarmenmarkt Anfang Juli.

Doch, es kann sein! Die russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko, die gerade den zweiten Preis beim renommierten Operalia Gesangswettbewerb in Paris gewann, ist aktive Studentin der „Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler“. Hier hat sie in Brenda Mitchell eine Lehrerin gefunden, der sie in jeder Hinsicht vertraut und hier kann sie sich mit fachkundiger Unterstützung neue Rollen erarbeiten. Parallel zum Studium beginnt aber gerade eine rasante Karriere, nicht nur auf dem Gendarmenmarkt, gegenüber der Hochschule, wo sie Björn Casapietra und Vincenzo La Scola locker die Show stahl und bei den knapp 7.000 Zuschauern zum Publikumsliebling avancierte.

Im August singt sie beim Rossini Opera Festival in Pesaro an der Seite von Juan Diego Flórez die Desdemona in Rossinis „Otello“. Weitere Termine in Olgas Kalender sind Anne Truelove in „The Rake’s Progress“ im Pariser Théâtre des Champs-Élysées (November), gefolgt von Voce dal Cielo in „Don Carlo“ in Valencia unter der Leitung von Lorin Maazel. Nach diesem Gastspiel widmet sie sich eine Zeit lang wieder verstärkt ihrem Studium in Berlin bevor es im Mai und Juni 2008 erneut nach Valencia geht, wo sie dann den Waldvogel in Wagners „Siegfried“ unter der Leitung von Zubin Mehta interpretieren wird. Ab September 2008 wirkt sie an einer Tourneeproduktion von Rossinis „Il Viaggio a Reims“ in Frankreich mit. Dort werden in fünfzehn Städten insgesamt 50 Vorstellungen gegeben, von denen Olga etwa die Hälfte singen wird. „Deswegen ist es jetzt meine große Aufgabe, französisch zu lernen.“ Sie spricht bereits fließend englisch, deutsch, italienisch, ukrainisch und als gebürtige St. Petersburgerin natürlich auch russisch.

Um die Ausnahmeschülerin, wie der Dirigent und Korrepetitor Edwin Scholz sie charmant nennt, auf ihre erste Rolle in englischer Sprache vorzubereiten, wird er an der Berliner Musikhochschule im September eine konzertante Aufführung von „The Rake’s Progress“ organisieren. So hat die Sopranistin vor Probenbeginn in Paris die Möglichkeit, die Rolle bereits einmal vor Publikum singen zu können.

Dominique Meyer, der sie ans Théâtre des Champs-Élysées holte, wird sich ihrer sicherlich noch erinnern, wenn er die Direktion der Staatsoper in Wien übernimmt. Von Österreich ist die Russin ohnehin begeistert: Der erste Gesangswettbewerb, an dem sie teilnahm, fand in Deutschlandsberg statt. Auf der Reise dorthin erblickte sie aus dem Zug zum ersten Mal in ihrem Leben hohe Berge. Aus der Erinnerung an diesen atemberaubenden Anblick gewinnt sie heute noch so manche Inspiration, weil die Eindrücke so gewaltig waren. Immerhin gewann sie beim dortigen Wettbewerb, nach nur einem Studienjahr in Berlin, auch schon den dritten Preis. Eine weitere schöne Erinnerung!

In Berlin war die Künstlerin außer in Produktionen der Hochschule auch schon als Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“ an der Komischen Oper zu hören und gab in diesem Sommer ihr Debüt an der Staatsoper Unter den Linden als Blumenmädchen in „Parsifal“. Die Pause nach ihrem Auftritt im 2. Akt nutzte sie für ein spontanes Vorsingen beim Dirigenten des Abends. Es handelte sich um keinen geringeren als Daniel Barenboim und es bleibt spannend zu beobachten, ob sich hieraus weitere Engagements ergeben.

Olgas Vater ist Chorsänger am Mariinskij Theater, wo die Sopranistin früher auch selbst im Kinderchor gesungen hat. Er erkannte das Talent seiner Tochter früh und legte ihr deshalb nahe, eine Gesangsaubildung zu beginnen. Zunächst hat sie anderthalb Jahre mit einer Gesangslehrerin in St. Petersburg gearbeitet. Die Idee zum Studium in Berlin wurde spontan während einer Urlaubsreise geboren. Die junge Frau hat sich denn auch nur an dieser einen Hochschule beworben und wurde dort prompt unter 400 Bewerbern für einen der wenigen Studienplätze ausgewählt. Deutsch sprach sie damals auch noch nicht, aber von solchen Kleinigkeiten lässt sich eine Frau wie sie nicht abschrecken.

Was bedeutet Oper für die hübsche Russin persönlich? „Im Moment bin ich noch ganz begeistert von den vielen Reisen, die mit den Engagements verbunden sind. Ich kann nicht sagen, dass die Bühne der einzige Platz auf der Welt ist, an dem ich glücklich sein kann. Oper ist ein wichtiger Teil meines Lebens, aber nicht alles.“

Das Singen macht ihr einen solch großen Spaß, dass sie ihre Arbeit selbst nicht als Stress empfindet. Seit Olga aber Verpflichtungen in ganz Europa nachkommt, geht auch viel Zeit für die Fahrerei verloren. Teilweise kann sie auf den Bahnfahrten den Schlaf nachholen, der ihr sonst fehlen würde. Sie nutzt die Zeit unterwegs aber auch zum Erlernen neuer Rollen und immer wieder gerne zum Lesen. Sie hat keine bestimmten Lieblingsbücher, da es stets Neues zu entdecken gilt. Einerseits hat sie die komplette „Harry Potter“ Serie gelesen, im Moment liegt aber andererseits gerade Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ auf ihrem Nachttisch. Diese Bezeichnung ist allerdings nicht ganz zutreffend, da sie sich Bücher meistens aus dem Internet herunterlädt um sie auf ihrem Handy zu lesen: “So habe ich beim Fliegen auch keine Probleme mit dem Übergepäck.“ lautet die einfache Erklärung.
Körperlich hält sich Olga, die den roten Gürtel in Karate hat, im Fitnessstudio fit. Sie ist Mitglied einer Kette, die Filialen in ganz Europa unterhält, so kann sie in fast jeder Stadt eines der Studios aufsuchen.

Das Wochenende, an dem ich Olga kennen lernen durfte, erinnerte mich schon eher an den Termindruck eines Stars als an ein lustiges Studentenleben. Freitag abend um 23:30 Uhr kam sie von den Proben aus Pesaro nach Hause zurück. Am nächsten Morgen stand in Dessau eine Probe für „La Dolce Vita“ auf dem Programm. Nachmittags nahm sie sich Zeit für das Merker-Interview, abends blieb dann noch etwas Freiraum für private Termine. Am nächsten Mittag ging es mit dem Soundcheck auf dem Gendarmenmarkt weiter, danach holte sie schnell ihren Mann vom Bahnhof ab, bevor es auch schon ans Einsingen und Umziehen für das Konzert ging. In der Konzertpause fand ein spontaner Fototermin für den Merker statt und am nächsten Morgen um sechs ging es schon wieder zurück zu den „Otello“-Proben.
Nach den Vorstellungen im heißen Italien wünscht sie sich übrigens einen Urlaub irgendwo, wo es kalt ist. Island oder Grönland kommen da zur Abkühlung durchaus in die engere Wahl.

Zwischen den vielen beruflichen Terminen hatte Frau Peretyatko im Juni auch noch kurz Zeit, in St. Petersburg ihren langjährigen Lebensgefährten zu heiraten. Nach der Hochzeit haben die beiden zumindest ein paar Tage miteinander verbringen können. Ihr Mann kam auch zum Konzert nach Berlin und wird sie zwei Mal in Pesaro besuchen. Ein klein wenig Raum für Privatleben bleibt also auch noch.
Ihr Gatte ist Kontrabassist, somit sind gemeinsame Auftritte die Ausnahme: bislang konnten sie nur zwei Lieder für Sopran und Kontrabass ausfindig machen, die die beiden vor vier Jahren auch schon aufgeführt haben.

Obwohl Olga Peretyatko im traditionsreichen St. Petersburg aufgewachsen ist, ist sie modernen Inszenierungen gegenüber aufgeschlossen, zumindest wenn der Regisseur in der Lage ist, zu erklären, was sein Konzept mit der Musik zu tun hat. „Ich hatte in diesem Sinne einen guten Lehrer, mein Operndebüt erfolgte mit Harry Kupfer als Regisseur.“

Und warum sollten ihrer Meinung nach junge Leute statt ins Kino zu gehen oder vor dem Fernseher zu sitzen lieber mal in die Oper gehen? „Im Theater bekommt man etwas Lebendiges zu sehen. Als Zuschauer kann man alle seine Sorgen vergessen und wird zu all dem Schönen hingeführt, was es auf der Welt gibt. In der Oper hat man die Möglichkeit sich selbst in diesem Schönen wiederzufinden und darüber hinaus auch über sehr vieles nachzudenken.“

Ferngesehen hat Olga schon seit Monaten nicht mehr. Als wir in unserem Gespräch auf dieses Thema kamen, musste sie erst einmal intensiv nachdenken, wann sie zuletzt etwas gesehen hatte. Ein Leben ohne Internet und E-Mail könnte sich die junge Sängerin hingegen überhaupt nicht mehr vorstellen: „Ich bin fast schon ein bisschen süchtig. Wenn ich nicht täglich meine Mails abrufen kann, werde ich ein wenig nervös. Manchmal wünsche ich mir aber auch einen Urlaub, ganz ohne erreichbar zu sein. Ohne Handy, ohne Laptop...“ Auch ihr aufwändiges Hochzeitskleid, um dass sie viele beneidet haben, hat sie sehr günstig im Internet erworben und sich in der Kostümabteilung der Staatsoper noch nach ihren Wünschen umarbeiten lassen.

Für das Open Air Konzert in Berlin stellte ihr der Hamburger Designer Jürgen Hagen zwei atemberaubende Kleider zur Verfügung. Auch hierin machte sie eine tolle Figur! Überhaupt gehört sie zu der Kategorie Sängerinnen, die problemlos als Fotomodell arbeiten könnten. Wenn man an Russen denkt, hat man oft reiche, besoffene, geschmacklose und unverschämte Typen vor Augen. Olga versucht dem gängigen Klischee durch ihr Auftreten entgegenzuwirken. „Politik ist nicht mein Lieblingsthema, aber ich würde sehr gerne dazu beitragen das Bild, das man im Ausland von uns Russen hat, zu verbessern.“ Ein Foto von ihr in der Merker-Galerie beweist, dass sie auf dem besten Wege dazu ist.

Wer sich gerne einen Eindruck vom Klang ihrer Stimme verschaffen möchte, kann dies mit Hilfe der bei Naxos erschienenen CD von Meyerbeers „Semiramide“ tun. In der Liveaufnahme aus Wildbad, singt sie unter Richard Bonynges Leitung die Rolle der Tamiri. Ebenfalls bei Naxos wurde ihre Interpretation der Albina in Rossinis „La Donna del Lago“ veröffentlicht. Den „Otello“ aus Pesaro wird das Label DECCA aufzeichnen und auf Tonträger herausbringen.

Auch im Himmel scheint Frau Peretyatko schon einen Fan gefunden zu haben. Das Operettenkonzert am 07. Juli musste noch wegen starkem Regen unterbrochen werden, am Tag des „Dolce Vita“ Konzerts schien aber bis in den späten Abend hinein die Sonne. Erst am nächsten Morgen, als Olga die Stadt wieder verlassen hatte, kehrte das schlechte Wetter zurück.

Marc Rohde

 

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Wien, 2018.12.14 00:17:43