DER NEUE MERKER

Nummer 155 (22. Jahrgang, Mai/Juni - 2009)
09.05.30 22:23:08
Anton Cupak

Interview, 10/2007: Tigran MIKAYELYAN, "I feel the power of Bayern"

München: TIGRAN MIKAYELYAN -
(Opernclub München e.V. am 5.10.07)

Seit sich der 27-jährige gebürtige Armenier TIGRAN MIKAYELYAN, Erster Solist des Bayerischen Staatsballetts, im Juli 2005 erstmals dem Münchner Ballettpublikum vorstellte (als Goldenes Idol in „La Bayadère“), ist er hier beliebt und bekannt. Neben verschiedenen anderen Auszeichnungen gewann er 2007 auf Anhieb den Theaterpreis des großen „Münchner Merkur“. Nicht vielen Münchner Tänzerinnen und Tänzern ist es bisher gelungen, gleich bei der ersten Nominierung diesen Publikumspreis zu gewinnen. So verwunderte es auch nicht, dass das Künstlergespräch beim Münchner Opernclub sehr gut besucht war und dem sympathischen Tänzer sicher weitere Freunde eingebracht hat. Die Moderation hatte GISELA SCHMÖGER, die das Gespräch kompetent und charmant führte. Da der Gast die deutsche Sprache zwar gut versteht, aber beim Sprechen noch nicht so sicher ist, sprach man englisch und Frau Schmöger übersetzte Fragen und Antworten.

Obwohl Tigrans Eltern beide Balletttänzer sind und sie ihren Sohn immer förderten und unterstützten, war seine Karriere doch kein Selbstläufer. Er trat zwar schon mit sechs Jahren in seiner Geburtsstadt Eriwan mit seinem Vater zusammen als Folklore-Tänzer auf, aber die Talentsucher, die später seine Schule besuchten, berücksichtigten ihn nicht. Doch Tigrans Interesse und Ehrgeiz waren geweckt und er arbeitete als Neunjähriger intensiv mit seinem Vater, um dann 1989 doch die Aufnahmeprüfung für die Armenische Ballettschule Eriwan zu schaffen. Armenien gehörte damals noch zur Sowjetunion und die Tanzausbildung war im ganzen Reich gleich strukturiert. Hauptmerkmale waren die Unterrichtung in den allgemeinbildenden und den tänzerischen Fächern an ein und demselben Institut und die Ausrichtung des tänzerischen Lehrplans nach dem Waganowa-System. Diese Ausbildung pflanzte Tigran die Liebe zum klassischen Ballett ein und vermittelte ihm die heute an ihm so bewunderte brillante und stilreine klassische Technik. Der innere Aufbau des Waganowa-Lehrplans, nämlich langsame Steigerung der technischen Schwierigkeitsgrade, kamen Tigran nicht so entgegen. Er glaubte, dass es für seinen Körper besser wäre, die technischen Höchstschwierigkeiten möglichst bald anzugehen und sie danach erst zu verfeinern. Nach dem siebten Ausbildungsjahr (in der Regel endet die Ausbildung nach acht Jahren mit dem Diplom) konnte Tigran 1997 mit finanzieller Unterstützung der Nurejew-Stiftung am renommierten Wettbewerb für junge Tänzer „Prix de Lausanne“ teilnehmen. Er kam „nur“ bis ins Semi-Finale, erhielt aber ein Stipendium für die Schweizer Ballettberufsschule SBBS in Zürich und konnte dort ein Jahr später seine Ausbildung mit dem Diplom abschließen. Beim Prix de Lausanne 1998 erhielt er dann den „Prix Niveau Professional“ und Heinz Spoerli engagierte ihn für sein Zürich Ballett (zunächst im Corps de ballet, ein Jahr später Demi-Solist, „zwei oder drei“ Jahre später Solist).

In den folgenden sieben Jahren in Zürich tanzte er in ca. 750 Aufführungen, vor allem natürlich die Ballette von Heinz Spoerli, aber auch Neoklassisches von Hans van Manen, George Balanchine u.a. sowie im klassischen Repertoire Tybald oder Mercutio („Romeo und Julia“). Vielfach waren das die zweiten männlichen Hauptrollen, die Tigran als „meist körperlich anstrengender und tänzerisch anspruchsvoller als die ersten Rollen“ bezeichnet. Seine Zeit in Zürich bewertet er – trotz seiner Liebe zum klassischen Ballett – als sehr wichtig und erfüllend, da er künstlerisch sehr viel gelernt habe, Bühnenpraxis erworben und sich in der Partnerarbeit bewährt habe. Ganz wichtig sei dabei auch gewesen, die westliche Gesellschaft und das Leben und Arbeiten hier kennen zu lernen.
Aber nach sieben Jahren wollte er sich doch verändern und vor allem mehr klassisch tanzen. Von einem Kollegen, der früher in München getanzt hatte (Amilcar Moret Gonzalez), bekam er den Hinweis auf das Bayerische Staatsballett mit seinem breit gefächerten Repertoire. Er sei nach wie vor sehr glücklich über das Engagement ab Saison 2005/2006, dankbar dem Direktor Ivan Liška für das Vertrauen, das er ihm durch die Übertragung so schöner und anspruchsvoller Rollen wie Prinz Siegfried und Romeo erwiesen habe. Der ganz große Hit waren natürlich die beiden führenden Rollen Konrad und Ali in Ivan Liskas rekonstruiertem „Le Corsaire“, bei dem die Lobeshymnen der nationalen und internationalen Fachwelt und die Begeisterung des Publikums neben den Schöpfern Petipa/Liška auch dem Interpreten Tigran Mikayelyan galten. Nach weiteren Wunschrollen befragt, nannte er Lenski, Solor und vielleicht auch Onegin. Seine absolute Traumrolle aber sei der Basilio („Don Quijote“), von dem er schon in der Ballettschule geträumt habe. Das große Ziel, Basilio wie Mikail Baryschnikov tanzen zu können, habe ihm auch über Zeiten des Zweifelns hinweggeholfen, und ihm bewusst gemacht, dass sich für diese Rolle härteste Arbeit, Schinderei und Verzicht lohnten.

Während des nun schon zehnjährigen Aufenthalts in der Schweiz und in Deutschland, hat Tigran Mikayelyan immer Kontakt zu seiner armenischen Heimat, den Eltern, der Kulturszene und Freunden gehalten. Um den kulturellen Austausch, vor allem auf dem Gebiet des Tanzes und der Bühnenkunst zwischen Armenien und Europa zu fördern, Auftrittsmöglichkeiten für junge Tänzer im Westen zu schaffen, aber auch westliche Tanzkunst in Armenien zu zeigen, hat er mit Freunden eine eigene Compagnie „Forceful Feelings“ gegründet, über die er mit Begeisterung spricht. Der armenische Staat hat jüngst dieses Engagement mit dem Titel „Honoured Artist of Armenia“, der höchsten Auszeichnung des Landes für kulturelle Verdienste, gewürdigt.

So engagiert wie Tigran über die Kultur in Armenien spricht, so begeistert ist er von Bayern und seinen Schätzen an Kultur und Tradition. Im letzten Sommerurlaub hat er die bayerischen Berge, Burgen und Schlösser besucht, Landschaft und traditionelle Veranstaltungen genossen. All das habe ihm so viel Freude und Kraft gegeben, dass er ausrief: „I feel the power of Bayern!“. Die Zuhörer im Opernclub München waren gerührt von so viel Begeisterung und verabschiedeten Tigran Mikayelyan mit herzlichem Beifall und den allerbesten Wünschen für seine Karriere. HS

 

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Wien, 2010.09.07 14:55:34