DER NEUE MERKER

Nummer 155 (22. Jahrgang, Mai/Juni - 2009)
09.05.30 20:23:08
Anton Cupak

Interview, 02/2004: Marian POP, 32-jähriger Beckmesser

Interview mit MARIAN POP – Die Neueinstudierung von Hans NEUENFELS“ “Meistersinger”-Inszenierung in Stuttgart stand ganz im Zeichen von Marian POP in der Rolle des Beckmesser. Mit seinen nunmehr 33 Jahren dürfte er der jüngste Vertreter dieser schwierigen Rolle sein. Er ist aber auch einer der besten. Er legt den Stadtschreiber weit entfernt von alten Rollenklischees an. Von Karikatur ist bei ihm keine Spur. Sein Beckmesser ist ein jugendlich sympathischer, ernst zu nehmender Gegner Stolzings, der im Kampf um Evas Hand nicht von vornherein chancenlos wirkt – nicht zuletzt aufgrund seiner hervorragenden gesanglichen Leistung. Pop verfügt über einen prächtigen, tiefgründigen, lyrischen Bariton italienischer Schulung. Der vorbildliche Stimmsitz – tolle Körperstütze” – findet eine Entsprechung in der hervorragenden Technik. Die hohe Tessitura machte ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten. Sämtliche Spitzentöne – phantastisches hohes „a“ – sang er voll aus, wobei ihm sein Prachtbariton nie aus der Fokussierung rutschte. Dabei nahm er den Notentext sehr ernst. Wahrlich eine bayreuthwürdige Meisterleistung!
Wie sind Sie zu der Partie des Beckmesser gekommen?
Ich habe nicht viel darüber nachgedacht. Ich bin von Herrn Geiger gefragt worden, ob ich es machen möchte. Ich habe gesagt, dass ich die Noten angucken würde. Und da bin ich.
Haben Sie vorher schon andere Rollen von Wagner gesungen?
Nein.
Und auch eine der schwierigsten. War der Entscheidungsprozess, gleich mit dem Beckmesser zu beginnen, schwer?
Ich habe bisher wenige Wagner-Aufnahmen gehört. Und ich kann nicht sagen, welches seine schwierigste Rolle ist. Aber der Beckmesser hat mir sehr gefallen. Und ich denke, ich lerne es noch.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich tat etwas ganz Neues. Ich habe mir von den “Meistersingern” nur Vorstellungen angehört und keine Aufnahme mit großen Sängern. Ich habe einfach die Noten genommen und jede einzeln auf ihren Platz gestellt. Dabei habe ich ganz langsam die Wörter gelernt.
Haben Sie dabei Veränderungen an ihrer Stimme bemerkt?
Ich denke nicht. Ich habe versucht, die Rolle an meine Stimme zu bringen – nicht, meine Stimme für die Partie zu ändern.
Haben Sie Vorbilder als Beckmesser?
Nein. Ich habe in den Aufführungen mehr auf die Rolle geschaut. In Wien habe ich in dieser Partie Wicus Slabbert gehört. Wer in Bayreuth gesungen hat, weiß ich nicht mehr.
Ist Ihnen der Auffassungswandel bewusst, der sich in den letzten Jahren mit der Partie des Beckmesser vollzogen hat?
Nein, leider nicht. Herr Slabbert hat die Partie auch mit einer italienischen Stimme gesungen. Das ist mir aufgefallen. Er hat alle Rollen gemacht, die ich irgendwann machen möchte.
Welche Wirkungen bringt es mit sich, wenn man den Beckmesser, wie Sie, mit vorbildlicher italienischer Technik singt, und nicht, wie alte Rollenvertreter, in einem karikaturhaften Parlandostil?
Vielleicht ist es etwas Neues. Man hat mir gesagt, in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts hätte es angefangen, dass man die Rolle von diesen mehr parlandomäßigen Charakterbaritönen singen ließ. Vor dieser Zeit habe man den Beckmesser aber auch mit italienischer Stimme gesungen. Es ist als nichts Neues, sondern eher etwas, was jetzt zurückkommt, so wie die Mode.
Entspricht die ja sehr hohe Tessitura des Beckmesser Ihrer persönlichen? Fühlen Sie sich stimmlich in der Rolle wohl?
Ja. Ich bin ein sogenannter Bariton obliante. Ich singe ganz leicht in der hohen Lage. Ich habe hier in Stuttgart den Eisenstein in der “Fledermaus” gesungen. Und der ist auch ziemlich hoch geschrieben.
Das ist ja eigentlich auch eine Tenorpartie.
Ja und nein. Es ist eine Tenorpartie, aber viele hohe Baritone machen sie. Nichts gegen Tenöre. Nach meinem Geschmack wirkt der Eisenstein mit einem Bariton einfach männlicher.
Finden Sie es besser, wenn man den Beckmesser, wie es heutzutage üblich ist, von einem hohen Bariton singen lässt, oder, wie früher, von Bass-Buffos, die meistens mit der hohen Lage nicht zurecht gekommen sind?
Die Rolle ist ziemlich hoch geschrieben. Und ich glaube, dass jede Note gesungen werden muss.
Gewandelt hat sich auch die darstellerische Seite der Rolle. Früher als Karikatur verschrien, wird sie heute sympathischer angelegt. Was ist Ihre persönliche Auffassung von der Figur des Beckmesser? Muss sie komisch sein oder muss man sie als ernst zu nehmenden Gegner Stolzings behandeln?
Ich denke, das kommt auf den jeweiligen Sänger an. Er soll das spielen, was er ist. Wenn er älter ist oder wie eine komische Figur aussieht, muss er das auch so darstellen. Wir müssen versuchen, Musiktheater wahrhaftig zu spielen und zu singen. Es ist wichtig, glaubhaft zu sein auf der Bühne. Das ist nicht nur meine Meinung. Unser Regisseur Frank Hilbrich hat auch gesagt, dass ich etwas jünger aussehe und deshalb eine echte Konkurrenz zu Stolzing sein kann. Wir haben dann angefangen, alles in dieser Richtung aufzubauen. Und ich glaube, dass das gut gelungen ist und mit jeder Vorstellung noch klarer wird.
Hatten Sie bei der Entwicklung der Figur Freiheiten oder war das Regiekorsett ziemlich eng?
Es war nicht so eng. Ich habe versucht, mich irgendwie selbst zu spielen. Herr Hilbrich sagte mir zwar, was ich an dieser oder jener Stelle machen muss, hat mir aber in den Zwischenräumen Freiheiten gelassen.
War es für Sie ein Hindernis, dass sie nicht mit Neuenfels persönlich gearbeitet haben, sondern nur mit den Assistenten? Wie war die Probenzeit?
Die Probenzeit war ausgezeichnet. Ich schätze den Herrn Hilbrich sehr. Das wird einmal ein ausgezeichneter Regisseur. Er hat dieses Gefühl für die Bühne. Der Beckmesser war für mich neu und ich brauchte für diese nicht gerade leichte Aufgabe jede Hilfe. Er hat mir geholfen, die Rolle schnell zu lernen und war gut zu mir. Und auch mit der Assistentin, Frau Hadziahmetovic, habe ich mich gut verstanden.
War Ihnen bei Übernahme der Rolle bewusst, dass Sie mit 32 Jahren der jüngste Beckmesser sein würden, den es je gegeben hat?
Nein.
Bei der Produktion von Hans Neuenfels handelt es sich um eine überaus moderne, nicht unumstrittene Inszenierung. Wie fühlen Sie sich in dieser Produktion?
Ich fühle mich ganz wohl darin. Es ist weniger wichtig, wie die Bühne aussieht. Wesentlich ist die Beziehung zwischen den Charakteren. Der Rest ist nur Dekoration.
Wie stehen Sie zum modernen Regietheater? Bevorzugen Sie zeitgenössische Inszenierungen oder solche, die mehr konventioneller Art sind?
Als ich meinen Beruf begann, bevorzugte ich konventionelle Regie. Modernes konnte ich nicht annehmen. Mit der Zeit habe ich aber gesehen, dass man immer etwas Neues braucht, um sich zu entwickeln. Man muss auch in nicht konventionellen Räumen etwas aufbauen können, was man sich nicht unbedingt vorstellen kann.
Wie beurteilen sie die Entwicklung von der herkömmlichen Oper zum modernen Regietheater? Ist das für junge Sänger schädlich? Haben Sie diesbezüglich schon irgendwelche Erfahrungen gemacht?
Ich habe ganz gute Erfahrungen gemacht mit moderner Regie und sogar mit moderner Musik. Ich denke, das sind Schritte, die man in einer Karriere braucht. Schädlich waren diese Erfahrungen überhaupt nicht, vielmehr schärft sich dadurch das Gefühl für Rhythmus und Musik.
Moderne Inszenierungen sind nicht immer sehr sängerfreundlich. Kam es schon einmal vor, dass Sie zu einer Regieanweisung “nein” gesagt haben?
Ja. Bei einem “Barbiere di Siviglia” in Holland sollte ich einmal auf eine ungefähr 6 Meter hohe Leiter klettern und auf der anderen Seite 3 Meter herunterrutschen. Die Leiter war auch nicht sehr sicher. Da habe ich gesagt, das könne ich nicht machen. Der Regisseur war zwar etwas böse, aber dann haben wir etwas anderes gemacht.
Sagen Sie immer zu einer Regieanweisung “nein”, wenn das Singen behindert ist?
Nein. Man muss versuchen, in jeder Position zu singen. Jeder muss seine Arbeit machen. Der Regisseur hat sicher eine Idee. Man muss ihm bis zum Ende zuhören und dann wenigstens versuchen zu tun, was er verlangt. Erst dann kann man sagen, dass etwas schwer zu machen ist.
Wie sind Sie an die Stuttgarter Oper gekommen?
Vor einigen Jahren war hier ein Vorsingen für “Le nozze di Figaro”. Es war ganz gut, aber der Regisseur wollte jemand, der größer ist, weil auch die Contessa mit einer großen Sängerin besetzt war. Ich habe die Rolle zwar nicht gekriegt, man hat meine Stimme aber sehr gemocht. Kurz darauf kam ein Angebot für “Il barbiere di Siviglia”, dann “Il ritorno d’Ulisse in patria”, “Die Fledermaus” und jetzt “Meistersinger”.
Wo singen Sie sonst noch und welche Partien?
Ich singe meistens lyrische Bariton-Partien – überall, wo man mich will. Zwischen 1995 und 1999 war ich fest in Wien engagiert, wo ich an beiden Häusern gesungen habe. Dort habe ich Deutsch gelernt. Dann habe ich noch an der Pariser Bastille-Opera gesungen, in Santiago di Chile, Toulouse, Portland, Cincinnaty, Detroit, Tel-Aviv usw.
Wie sind Sie zur Musik und speziell zum Sängerberuf gekommen?
Mein Großvater war ein großer Musikfan, ein Kunstmensch sozusagen. Er wollte unbedingt, dass ich Musik lerne. Ich habe in meiner Heimatstadt 12 Jahre Geige und Klavier studiert. Mit 17 Jahren habe ich von meinem Großvater eine Schallplatte von “Madama Butterfly” bekommen. Ich habe den Onkel Bonze von Gregor Jozsef so gemocht, dass ich ihn ein bisschen nachmachte. In der Schule sagte mir mein Lehrer, ich hätte eine schöne Stimme. Darauf habe ich einen Gesangslehrer besucht und schließlich mit dem Sängerberuf angefangen. Jahre später sang ich in Portland den Malatesta in “Don Pasquale”. Der Pasquale damals war mein großes Vorbild Gregor Jozsef, den ich von der Aufnahme her kannte. Wir sind gute Freunde geworden.
Welche sängerischen Vorbilder haben Sie noch?
Von jedem Sänger habe ich etwas gelernt. Von Dmitri Hvorostovsky und selbstverständlich von Cappuccilli habe ich gelernt, auf Linie zu singen und schöne Phrasierungen zu machen. Ich kann nicht sagen, dass mir der eine oder andere total gefällt. Jeder gefällt mir in irgendeiner Richtung. Jeder hat mir etwas gegeben.
Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Welche neue Rollen werden Sie singen? Wird eine weitere Wagner-Partie darunter sein?
Ich weiß nicht, ob ich eine weitere Wagner-Rolle machen werde. Das kommt darauf an, was die Theater anbieten. Ich möchte gerne ganz langsam in die Verdi-Partien reingucken, z. B. Posa und Luna. Das sind ganz hohe Baritöne.
Im Wagner-Fach wäre für Sie meiner Ansicht nach der Wolfram noch ganz gut.
Ich habe einmal an der Hochschule das Lied an den Abendstern gesungen. Damals lag mir ein kleiner Teil dieser Arie ein bisschen zu tief. Aber wer weiß. Mit der Zeit, wenn die Stimme etwas reifer wird…
Vielen Dank für das Gespräch. Ludwig Steinbach

 

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Wien, 2018.09.25 16:42:04