DER NEUE MERKER

Nummer 155 (22. Jahrgang, Mai/Juni - 2009)
09.05.30 20:23:08
Anton Cupak

Interview, 03/2004: Giorgio MADIA, Jetzt bilden wir bereits eine Einheit, nun vertiefen wir unsere Identitšt

VOLKSOPERNBALLETTCHEF GIORGIO MADIA:
„Jetzt bilden wir bereits eine Einheit, nun vertiefen wir unsere Identität“

Der gebürtige Italiener Giorgio Madia ist seit Herbst 2003 Ballettdirektor an der Wiener Volksoper. In seiner internationalen Tänzerkarriere – er gastierte u.a. auch weltweit mit „Nurejew and Friends“ – arbeitete er mit vielen choreographischen Größen zusammen, darunter finden sich Namen wie Alonso, Bejart, Cunningham, Forsythe, Kudelka, Nurejew, Petit, Tetley, und Van Manen. Als Ballettpädagoge und Ballettmeister war er u.a. für das Balletto di Toscana und das Berlin Ballett (Anm. d. Red.: Compagnie der Komischen Oper Berlin) tätig. Zuletzt zeichnete er als Ballettmeister und Ballettchef für das Ballet Grand Theater Lodz in Polen verantwortlich. Auch durch zahlreiche eigenständige Tanz-Kreationen für diverse internationale Ballettensembles hat er sich bereits einen Namen gemacht, darunter „Stück“ (Zürcher Ballett), „Bolero“ (Wielki Teatr Lodz) oder „Kann den Liebe Sünde sein“ (Ballett Basel). In Österreich ist er vor allem durch seine Choreographien für die Seefestspiele in Mörbisch bekannt: „Csardasfürstin“ (2002) und „Giuditta“ (2003, hier übernahm er zusätzlich kurzfristig die Regie der Operettenproduktion).
In seiner Tätigkeit als Ballettdirektor an der Volksoper Wien war es zunächst notwendig, im vergangenen Halbjahr in erster Linie einander kennen zu lernen und an der Zusammenfindung zu einer geschlossenen Einheit zu arbeiten. Das erwies sich als nicht ganz einfach, ist das Volkopern-Ensemble doch bunt zusammengewürfelt aus „alten Hasen“ und einigen Neuengagierten; verschiedene Schulen und Tanzausrichtungen mussten erst unter einen Hut gebracht werden. Das ist ein langwieriger Prozess, v.a. dann, wenn die Mitglieder aus so verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Tanzstilen geschult, hierher kommen. Gern folgen sie aber ihrem neuen Chef, der sorgsam ihre (physischen) Möglichkeiten auslotete und sie mutig neue Tanz-Welten erschließen ließ. Der Ballettchef ist zufrieden, wie es derzeit läuft. Das Gefühl einer Einheit ist schon spürbar, jetzt wird an einer unverwechselbaren Identität gefeilt: Das Volksopern-Ballett als missing link zwischen dem traditionsreichen Wr. Staatsopernballett und den modernen Gruppen, wie sie z.B. beim vielfältigen ImPulsTanzFestival zu sehen sind.
Die Choreographie für „Boccaccio“ oder entstaubte Tanz-Auffrischungen in den laufenden Produktionen waren erste kleine Kostproben und „Aufwärmübungen“ für Kommendes. Der vielseitige Künstler bereitet gerade mit seiner neuen Compagnie das 1.Tanzstück vor. „Nudo“ hat am 9.3. Welturaufführung an der Volksoper. Diese Aufgabe sieht er als besondere Herausforderung, hat doch das Volksopern-Ballett ein Image als Operetten-Truppe. In etwa 150 Vorstellungen pro Saison sind die TänzerInnen wesentlicher Bestandteil des gesamten Hausrepertoires und decken alle Tanzeinlagen, auch in Oper und Musical, ab. Daher muss parallel zu den derzeit intensiven Proben und den Vorbereitungen zur Premiere dennoch der Alltag reibungslos ablaufen: Jeden Abend Vorstellung, natürlich mit Ballettbeteiligung.
„Nudo“ sieht Madia gleichsam symbolisch. Der Mensch wird nackt geboren. Daher will er mit seinem Stück durch den (nackten) Körper in seiner Konkretheit den puren, reinen, abstrakten Tanz vermitteln, ohne Ablenkung durch Nebensächlichkeiten. Hindurchsehend durch die Körperlichkeit bleibt Raum für eigene Interpretationen des Betrachters, man soll nicht durch vorgegebene Erklärungen im phantasievollen Zugang eingeschränkt werden.
Als Musik verwendet er Johann Sebastian Bach und zusätzliche Arrangements von Béla Fischer. „Jedem Komponisten liegt eine ganz spezifische Kunst in seiner Musik zugrunde. Wenn ich die fühle, will ich sie auch durch meinen Tanz ausdrücken. Gerade Bach ist so bewegend im wahrsten Sinne des Wortes“, erklärt Giorgio Madia seine Musikwahl. Er will, dass seine TänzerInnen die Musik körperlich spüren und ihr in dynamischen Bewegungen folgen. Die Basis ist klassisch, aber inspiriert von vielen verschiedenen Einflüssen wie sportiver Akrobatik, modernem Tanz und neoklassischem Tanz lassen sich viele Wurzeln in „Nudo“ wiederentdecken, was auch die darin beteiligten TänzerInnen zu Höchstleistungen anspornt, vielleicht sogar bis jenseits der bisherigen eigenen Grenzen hinweg. Wie man schon bei den Proben sehen konnte, ist das Ensemble offen, neugierig, tatenhungrig, bereit, jederzeit höchsten körperlichen Einsatz zu geben. „Es würde nicht funktionieren, wenn meine Tänzer mir nicht vertrauten“, so Madia über die bedingungslose Hingabe seiner Truppe. Am 28.3. wird im Anschluss an die „Nudo“-Vorstellung dem Publikum Gelegenheit gegeben, mit Giorgio Madia über seine erste eigene Produktion zu diskutieren.
Leider gibt es nicht wirklich ein Ballettrepertoire, auf das zurückgegriffen werden kann. Die heurige Lösung von 3 Produktionen sieht Madia daher als gelungen Einstieg an. Die freien Gruppen mit ihrem „Dance Barock“-Programm eröffneten im September sozusagen die Tanzsaison im Haus am Gürtel. Mit den Staatsopern-BalletttänzerInnen wurde im Jänner „Nussknacker“ von Jo Stromgren erarbeitet. Jetzt ist die Zeit reif für die erste hausinterne Produktion. Tanz neu zu entdecken, neue Wege zu gehen, ist dem Choreographen und Ballettchef Madia ein wichtiges Anliegen. Man darf nicht bei Petipa stehen bleiben, sondern muss zeitgemäß sein. Tanz ist für ihn einer der wichtigsten Ur-Künste des Menschen und soll auch weiter einfach, direkt zugänglich, verständlich bleiben. Der Körper und seine Bewegung sprechen für sich, ist er überzeugt, denn je vielseitiger man trainiert ist, umso mehr „Körpersprachen“ spricht der Tänzer. Das Publikum ist tanzinteressiert, also darf man es nie langweilen, sondern muss Qualität bieten. Sogenannten toten Ästen des weit verzweigten Tanzbaumes, wie er es bildlich beschreibt, will niemand folgen, die gehören entfernt, führt Madia seine Erläuterungen bezüglich der Stellung des Tanzes in der heutigen Zeit weiter aus.
Für das nächste Jahr gibt es bereits konkrete Pläne. „Nussknacker“ kommt wieder mit den Gasttänzern aus der Staatsoper. Als Eigenproduktion will er dann das Handlungsballett „Alice im Wunderland“ erarbeiten. Damit will er auch die Jugend ins Haus holen. – „Es ist schwierig, Kinder zu unterhalten, das ist ein besonderer Ansporn für mich“, meint er zu den bereits laufenden Vorbereitungen. Jedoch kein Phantasie-Reich ohne kostenintensive Ausstattung. Daher ist er auch aus Budgetgründen gezwungen, die heurige Inszenierung bescheidener ausfallen zu lassen. 3 Bühnenproben müssen genügen, um „Nudo“ premierenreif zu machen.
Was hält Giorgio Madia von den neuen Konzepten bezüglich Volksopern- und Staatsopernballett? „Abwarten, was wird“, so sein Kommentar. „Aber die finanzielle Unabhängigkeit und die Eigenständigkeit der beiden Compagnien müsste garantiert sein, egal, ob es einen oder 2 Direktoren gibt.“
Wie sind seine Pläne ab 2005? „Ich gebe Training, leite Proben, reorganisiere den internen Betrieb. Mit meinem ganzen Herzen stecke ich in meiner Tätigkeit. Ich habe hier eine Aufgabe übernommen. Ich möchte die Compagnie weiter ausbauen und sie zu einem international renommierten Ballettensemble machen. Das ist aber ein längerfristiges Ziel.“
Ira Werbowsky

 

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Wien, 2018.11.18 13:07:39