DER NEUE MERKER

Nummer 155 (22. Jahrgang, Mai/Juni - 2009)
09.05.30 20:23:08
Anton Cupak

Interview, 03/2004: Werner ENDERS, Gratulationsdefilee für Bobéche, den König der Komödianten. Zum 80. Geburtstag

Gratulationsdefilee für Bobèche,
dem König der Komödianten


- Zum 80. Geburtstag
von Kammersänger Werner Enders
am 11. März 2004 -


„Ich kenne mich hier aus,
weil ich jahrein, jahraus
durchgeistere das Haus
wie eine Fledermaus,
ich bin hier Urgestein
seit Walter Felsenstein.
Der sei nicht mehr modern,
behaupten manche Herrn.
Das klingt dann zwar recht stark
und doch ist alles Quark!“


(Extrastrophe zum Couplet des Gefängnisaufsehers Frosch in der „Fledermaus“,
welche die Komische Oper Berlin dem Jubilar bei der jüngsten Aufführungsserie
in den Mund legte, um ihn so zu ehren.)

Es gratulieren u.a.:
der Komponist Siegfried MATTHUS;
die Dirigenten Robert HANELL, Winfried MÜLLER und Rolf REUTER;
die Regisseure Joachim HERZ, Wolfgang KERSTEN und Harry KUPFER;
der Bühnenbildner Reinhard ZIMMERMANN;
die Sängerinnen Irmgard ARNOLD, Eva-Maria BUNDSCHUH, Noëmi NADELMANN, Sabine PASSOW, Dagmar SCHELLENBERGER
und Anny SCHLEMM;
die Sänger Andreas CONRAD, Jochen KOWALSKI, Siegfried LORENZ, Hans-Martin NAU, Günter NEUMANN, Klemens SLOWIOCZEK und Siegfried VOGEL;
der Schauspieler Christoph FELSENSTEIN,
der Dramaturg Joachim GROSSKREUTZ;
der Inspizient Rudi MAYER;
der Kritiker KARL KLEBE und der Redakteur dieser Glückwunschsammlung

Ks. Irmgard Arnold:

Werner Enders ist wie ich ein Überbleibsel aus der Zeit, die mit dem Aufstieg der Komischen Oper Berlin verbunden ist. Heute ist es für mich eine Riesenfreude, den Enders immer noch am Leben und auf dieser geliebten Bühne zu wissen.
Unser erstes Zusammentreffen war das „Schlaue Füchslein“ in der zur Legende gewordenen Inszenierung Walter Felsensteins, Enders dabei als Dackel und Schulmeister. Im zweiten Bild, auf dem Hof der Försterei, musste er mich als junge Füchsin die ganze Zeit hindurch mit lüsternem Blick anstarren. Unvergleichlich war sein Heimweg als torkelnder Lehrer, der aufgrund seiner unglücklichen Liebe zu Terynka zu tief ins Glas geschaut hat und nun einer Sonnenblume, welche ich zu bewegen hatte, den Hof macht. 218 Mal und immer wie neu!
So standen wir über Jahrzehnte an hunderten von Abenden gemeinsam auf der Bühne, ob im „Hoffmann“ oder im „Fiedler auf dem Dach“, in „Turandot“, „Harry Janosch“ oder der „Reise zum Mond“. Mal hatte er, mal ich dabei die größere Partie. Einfach hinreißend war sein Bobèche im „Ritter Blaubart“, bei dem ich als Isaure nur in einer kleineren Rolle dabei war. Er war umwerfend in jeder einzelnen Vorstellung – dafür, lieber Endi, ein dreifaches „Hoch!“ von deiner Bühnenkollegin! Anders in „Traviata“, wo er als Diener Joseph mir als Violetta nur mit wenigen Worten („Ein Brief!“) „sekundierte“. Dennoch war es grandios mitzuerleben, wie Felsenstein mit dem Enders an diesen wenigen Sätzen arbeitete, unaufhörlich feilte und ihm unwiderlegbar die Bedeutung gerade dieser Rolle bewusst machte – Goethes Faust war gar nichts dagegen!
In unserem Ensemble herrschte eine sehr kollegiale Atmosphäre. So war es für mich selbstverständlich, Vorstellungen zu besuchen, in denen ich selbst nicht besetzt war. Unwahrscheinlich packend und mitreißend waren für mich seine Leistungen als Schwejk und Adam im „Jungen Lord“, beides in Inszenierungen von Joachim Herz. Für mich, die aus eigener Erfahrung wusste, welch gewaltige harte Probenarbeit in solch grandiosen darstellerischen Leistungen steckte, war es begeisternd, das zu erleben. Nach dem „Schwejk“ habe ich bei Felsenstein für einen Nationalpreis für ihn angemahnt – ein Jahr später hatte Enders ihn in der Tasche, zweifellos hoch verdient! Er hat nie über seine stimmlichen Grenzen hinaus charakterisiert und blieb vielleicht auch deshalb immer authentisch.
Unglaublich, wie lange seine Karriere jetzt schon dauert! Sein Styx war für mich die Erfüllung Offenbachschen Geistes in einer insgesamt eher trostlosen Inszenierung. Als sein Couplet an die Reihe kam, dacht ich bei mir: „Endlich bin ich bei Offenbach angekommen!“ Das Publikum sah es wohl ähnlich und applaudierte ihm minutenlang.
Es ist für mich ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass Enders und ich uns über so viele Jahre verehrt und uns die Treue gehalten haben. Ich wünsche ihm für die Zukunft alles Gute, viel Gesundheit und noch ein langes, erholsames Leben. Endi, ich liebe dich!!!
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Ks. Eva-Maria Bundschuh:
Ein Grußwort für meinen lieben Kollegen Werner Enders zum Geburtstag:

Über Türen
Einige fallen hinter uns zu.
Einige vor uns.
Wenige aus dem Rahmen.
Wegen uns.
(Thomas Luthardt)
Der Dichter dieser Zeilen, ein Fan von Ihnen, trifft den Nagel auf den Kopf. Ihr Wirken besaß allezeit eine Sprengkraft, die Herzenstüren erreichte, auftat und beglückte. So auch mich als Kollegin. Ich wünsche Ihnen allezeit Gottes Schutz und Segen und den Frieden, der höher ist als alle menschliche Vernunft.
Ihre dankbare Eva-Maria Bundschuh
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Ks. Andreas Conrad:
Meine erste Begegnung mit Werner Enders datiert aus dem Jahre 1983 – es war der 27. März (Welttheatertag), die Komische Oper nahm nach einjähriger Unterbrechung, mit einigen Um- und Neubesetzungen, ihre legendäre „Ritter Blaubart“-Inszenierung von Walter Felsenstein wieder in den Spielplan auf. Ich durfte meine ersten Schritte auf dieser Bühne gehen, als Schäfer Daphnis bzw. Prinz Saphir neben solch gestandenen Sängerpersönlichkeiten wie Werner Enders als umwerfend großartigem König Bobèche. Welch eine Zeit, welch ein Beginn, welch ein Weg! Es war für mich als jungen, beginnenden Sänger in so einem Hause und Ensemble vom ersten Augenblick an ein wunderbares Verständnis und Zusammenarbeiten, gerade mit Werner Enders, getragen von Respekt und Wertschätzung meinerseits ihm gegenüber, was ja ganz selbstverständlich war – aber mit wie viel Aufmerksamkeit und ermutigendem Vertrauen er meine Entwicklung bis zum heutigen Tag begleitet, dafür von Herzen Dank! Wie wichtig für einen jungen Sänger, der mit Eifer und Elan in ein so erfolgreiches Ensemble kommt, den Rat und die jahrzehntelangen Erfahrungen eines solch wesentlichen Kollegen, einer Leitfigur der Komischen Oper, in Anspruch nehmen zu dürfen! Inzwischen sind mehr als 20 Jahre vergangen und Werner Enders feiert seinen 80. Geburtstag, aber ist nur bedingt altersgemäß ruhiger geworden – im Gegenteil, es ist verrückt, ich darf dieser Tage nach wie vor mit ihm gemeinsam auf der Bühne stehen, diesmal als Alfred und Frosch in der „Fledermaus“, und demnächst sogar noch in einer Neuinszenierung von „Wozzeck“ im kommenden Mai. Zum 80. nochmals herzlichen Glückwunsch, Gesundheit, Kraft und Dank meinem väterlichen Freund und Kollegen Werner Enders!
In Verbundenheit – Dein Andreas Conrad
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Christoph Felsenstein:
Lieber Werner,
wie schön, dass du jung bleiben durftest, im Leben und auf der Bühne!
Bist du ein Genie, dass du das geschafft hast? Die Musen in allerlei Erscheinungen haben dich immer wieder geküsst – und so wird es wohl auch bleiben (müssen), bis der große, jung gebliebene Mann einmal seinen Hut nehmen wird. Aber, um Gottes Willen, noch lange nicht, denn die Komische Oper braucht diese sich drehenden Räder im Getriebe, voller Kraft und Schöpfergeist, die an die Zeit erinnern, die das Haus einst berühmt gemacht hat.
Es ist wunderbar, Dich heute noch auf der Bühne agil, präzise und mit deinem unverkennbaren Schalk sehen zu können. Halte den Kurs, um in der bildhaften Sprache zu bleiben. Wir grüßen dich und rufen dir zu: Werner, 80 verpflichten dich zu nochmals 80, und das auf der Bühne, wo denn sonst?!!!
Christoph und Familie und ein besondere Gruß von Hiddensee

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Joachim Großkreutz:
Werner Enders wird 80!
Kann man sich vorstellen, dass Werner Enders, dieses Urgestein der Komischen Oper, durch Zufall an unser Haus gekommen ist? Wir müssen es wohl glauben, denn „Endy“ hat es selbst berichtet. Es ist nun knapp fünfzig Jahre her, dass Walter Felsenstein nach Halle fuhr, um sich eine Arbeit des Regisseurs Heinz Rückert und des Bühnen- und Kostümbildners Rudolf Heinrich anzusehen. Eine folgenreiche Fahrt, denn nicht nur diese beiden fanden den Weg an die Komische Oper, sondern auch der Sängerdarsteller Werner Enders, der Felsenstein mit seiner Gestaltung einer Frauenrolle aufgefallen war. Bald folgte einem Gastvertrag für den Mustapha in Cornelius´ „Barbier von Bagdad“ das Angebot der Doppelpartie Dackel und Schulmeister in der nun schon zur Theaterlegende gewordenen Felsenstein-Inszenierung „Das schlaue Füchslein“. Nach der dritten Probe bot der „Chef“ Werner Enders einen festen Vertrag an. Das hat sich gelohnt, dürfen wir heute wohl mit Recht sagen, denn nach dem grandiosen Einstand im „Füchslein“ (O-Ton Felsenstein: „Ihr ´Schulmeister´ hat sich inzwischen zu einer reifen Meisterleistung entwickelt, und ich freue mich auf unsere zukünftige Zusammenarbeit noch mehr als zur Zeit unseres Vertragsabschlusses.“) ging es für Enders Schlag auf Schlag weiter – z.B. mit den vier Dienerrollen in „Hoffmanns Erzählungen“, deren Erarbeitung für den Sänger nach eigener Darstellung von größerer Bedeutung war „als ein Jahr Musik- oder Schauspielschule. Es genügte Felsenstein nicht, eine darstellerisch gute Leistung zu bekommen; er verlangte, die bestmögliche anzuzielen. Und bei seiner Geduld verstand er es sogar, manche zunächst mittelmäßige Spielbegabung so zu formen, dass es zu großartigen Ergebnissen kommen konnte.“ Von mittelmäßiger Spielbegabung konnte ja nun bei Werner Enders die Rede nicht sein, und mit dem Bälgenflicker Flaut – der Thisbe in der Theatervorstellung der Handwerker – in Brittens „Sommernachtstraum“ rollte schon die nächste Doppel-Aufgabe auf ihn zu. Wieder eine Glanzleistung in einer unvergleichlichen Ensemblearbeit, die sechzehn Jahre auf dem Spielplan blieb. Inzwischen waren auch andere Regisseure auf Enders´ komödiantisches Talent aufmerksam geworden, so Joachim Herz, in dessen „Albert Hering“-Inszenierung Enders ein umwerfend komischer Bürgermeister wurde. Wiederum einem Zufall – der Erkrankung eines Kollegen – verdankte der Sänger 1960 die Titelpartie in Robert Kurkas „Schwejk“-Oper, die für ihn zu einem der ganz großen persönlichen Erfolge wurde (Felsenstein, der ihn anfangs absolut nicht in dieser Partie „sah“, war der erste, ihm zu seiner Leistung zu gratulieren). Schließlich kam 1963 mit dem König Bobèche im „Ritter Blaubart“ auch für Werner Enders die Sternstunde. Für immer hat er sich mit dieser Rolle in die Herzen von Hunderttausenden Theaterbesuchern und Millionen Fernsehzuschauern gespielt. 29 Jahre stand er mit dieser Partie auf der Bühne der Komischen Oper und ihrer Gastspielorte. Er ist der einzige, der wirklich in allen 369 Aufführungen dieser Inszenierung aufgetreten ist. Um auch nur die Namen seiner weiteren Partien an unserem Hause aufzulisten, würde hier der Platz kaum reichen. Wohl hat sich mit ihnen bewahrheitet, was ein kluger Kritiker schon früh gemerkt hat: „Immer animierte das skurrile Komödiantentum von Enders die Regisseure, ihn in seinem gestischen und mimischen Ausdrucksreichtum neu zu fordern, ihm neue schauspielerische Bravourstücke abzuverlangen, die in ihrer Betonung des körperlich-gestischen Ausdrucks auch im Ensemble der Komischen Oper durchaus eine Sonderstellung einnehmen...“ (Manfred Haedler). Am virtuosesten konnte Enders diese Fähigkeiten vielleicht als Trompete spielender Affe Adam in Henzes „Der junge Lord“ ausspielen. Aber daneben traten sehr deutlich auch Charakterstudien, die den dunklen Fond bezeichneten, aus dem diese skurrilen Blüten ihre Kraft zogen. Dieser Fond war es, der Harry Kupfer bei der Vorbereitung seiner „Lear“-Inszenierung zu der Überzeugung führte: „Es war für mich von Anfang an klar, den Narren würde nur einer spielen können – Werner Enders, weil er als prädestinierter Musiktheater-Sänger seine stimmlichen und darstellerischen Mittel so total in den Dienst einer Figur stellen kann. Hier müssen die darstellerischen Mittel auf das Äußerste an Einfachheit und Eindringlichkeit reduziert werden.“ Es ist jener Fond, den Joachim Herz …
(„Bei Werner Enders ist es wohl der Hintergrund einer schlichten Weisheit des Menschlichen, vielleicht ihm selbst gar nicht immer bewusst, die seine Figuren bei aller animalischen Präsenz so bewegend und für den Zuschauer bereichernd macht. Den Enders könnte keiner spielen.“ -Joachim Herz )
… einmal als „Hintergrund einer schlichten Weisheit des Menschlichen“ bezeichnet hat und der Rudolf Asmus über seinen Kollegen und Freund sagen ließ, er sei und bleibe „ein seltenes Unikum – ein Theatermensch, der keine Feinde hat“. Wenn „Endy“, Ehrenmitglied der Komischen Oper seit 1993, nun im März seinen 80. Geburtstag feiert, soll über der Rückschau nicht vergessen sein, dass er noch immer kraftvoll unter uns wirkt, als Njegus, Frosch oder Alcindor auf der Bühne steht und es auch im „Wozzeck“ noch einmal wissen will. Wir sind dankbar für diese Präsenz wie für die schier endlose Reihe unvergesslicher Gestalten, mit der er uns beschenkt hat, und wünschen ihm mit und ohne Theater noch viele schöne Jahre!

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GMD Robert Hanell:
Gedanken an den Jubilar Werner Enders
… Ein hochmusikalischer Tenor, welch Seltenheit am Sängerhimmel!...
So habe ich Werner Enders vor über einem halben Jahrhundert kennen und schätzen gelernt. Mit einigem Glück aus dem Krieg zurück haben wir von der „Stunde Null“ an diese anregende, turbulente, fordernde Entwicklung des Musiktheaters miterlebt.
Dann, zusammen an der Komischen Oper Berlin, begriffen wir durch Walter Felsenstein den Sinn und die Haltung zu unserem Beruf, der immer noch der schönste für einen musischen Menschen bleibt.
Wo gibt es sonst das direkte Hineinhören in die Partituren genialer Komponisten?!
Lieber Werner Enders, für diese künstlerische Bekanntschaft danke ich Ihnen sehr herzlich.
Alle guten Wünsche für Sie!
Achtzig…Was ist schon Achtzig…
Sie werden mir immer ein Jahr voraus sein.
Ich drücke Ihnen fest die Hände,
Ihr Robert Hanell
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Prof. Joachim Herz:
Hineinragend in eine fremde Zeit
(Werner Enders zum Achtzigsten)

Der Herold ruft zum Autodafé, verkündet die Ankunft des Königs – man horcht auf und schaut: eine Persönlichkeit! Den Schiller nicht gleich zu Hand, lässt man seiner Phantasie freien Lauf – wird er konspirieren mit dem Marquis Posa? Oder nach dem Inquisitor rufen, wenn Flanderns Gesandte einbrechen in das macabre Ritual? Steckt er gar unter einer Decke mit Prinzessin Eboli?
Nichts von alledem: er ruft aus die Ankunft des Königs, sonst nichts – überbesetzt!

Der Frosch strahlt – “Ein fideles Gefängnis!” Man schaut sich um im eisernen Gestänge: sollte man vielleicht was übersehen haben? Der Lift kann doch nicht gemeint sein, der da unablässig fleißig auf und nieder fährt – wo zum Teufel steckt die fidelitas? Im Gemüt des Frosch, sonst nitschewo!

Doch wer wollte so herzlos sein und dem Mimen, dem Charaktertenor Werner Enders seine Bühnenpräsenz nicht gönnen und seinem Publikum das Wiedersehen mit einer Legende, die lebt! Noch im Ohr den Applaus für sein Chanson des Monsieur Triquet, den Jubel für die Arie des Prinzen von Arkadien, dessen Gedächtnis der Styx verschlang – möge der gurgelnde Schlund der Medien – immer aufs neue angefacht, immer auf Neues erpicht – ein Gedächtnis sich bewahren für einen, der noch immer uns die Freude macht, auf den Brettern zu erscheinen, und sei’s als Njegus von Senilien!

Walter Felsenstein soll pikiert reagiert haben, als Anny Schlemm nach einer Vorstellung des „Blaubart“ meinte: “Das nächste Mal, Chef, spielen Sie doch den Bobche?” – ob er die Konkurrenz scheute? In der Tat, welche Spannweite vom hirnlosen Tyrannenpopanz zum gemütvollen Schulmeisterlein in den mährischen Wäldern, vom tapferen Schneiderlein im chagallnahen Anatevka zu den Muttergefühlen, en travestie, einer vom Leben ein wenig stiefmütterlich behandelten Venezianerin in ihrem Campiello!
Und doch: ein Überzeugungstäter – wenn er als Braver Soldat Schwejk loszog gegen die da oben, die immer noch einen neuen Krieg vom Zaune brechen, da wusste er, wovon er sang – er, den es noch in letzter Minute erwischt hatte, als der Krieg, so glorreich wie verbrecherisch begonnen, schon ganz und gar verloren und keine Reichskanzlei mehr zu retten war.
(Fortsetzung nächste Seite)
Welches Feingefühl im Ensemblespiel, denken wir nur an das Trio der Ping – Pang - Pong an der Seite von Erwin Wohlfahrt und Uwe Kreyssig, jammernd ob ihrer Überlastung im Dienste der staatlichen Bürokratiemühle (damals noch ohne Selbstbedienung an der Kasse), doch wehe, wer ihnen auch nur ein Deut davon hätte streitig machen wollen!
Welche Kondition – zur gleichen Zeit probierend die 4 Buffi in den von Walter Felsenstein unvergesslich erzählten Liebeskatastrophen des Ernst Theodor Amadeus Hoffmann und, mit mir, den Bürgermeister von Loxford, an der Bahre von Alberts, des Heringsbändigers, tugendhafter Unschuld im Geiste zugleich bestattend den letzten Veteranen von Mars la Tour!

Wir dürfen uns – Holz klopfend – freuen auf seinen Narren im „Wozzeck“.
Ob er danach beherzigen wird, was er mir mal ins Ohr sang in einer für mich höchst fatalen Situation (hatte zu tun mit der Komischen Oper und einem ausscheidenden Intendanten):
„Ich pfleg’ meine Rosen – “?
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Prof. Wolfgang Kersten
Lieber Werner,
anlässlich deines 80. Geburtstages übermittle ich dir herzlichste Grüße und allerbeste Wünsche für das neue Lebensjahr. Mögest du noch recht lange so fit und präsent wie bisher sein, damit die Komische Oper weiterhin auf dich zählen kann, das Publikum noch viel Freude und Erbauung durch deine diffizile, unverwechselbare Bühnenpräsenz erlebt und du selbst in deinem über alles geliebten Beruf noch möglichst lange tätig sein kannst.

Ich denke, das es primär der dir eigenen Arbeitsweise voller Gründlichkeit, mit hohem menschlich-künstlerischem Anspruch, vorbildlichem Wahrheitsgehalt und ständigem Infragestellen und Weiterentwickeln deiner Figuren zu danken ist, wenn du von allen an der Komischen Oper inszenierenden Regisseuren immer wieder besetzt wirst.
Da ich dich seit über 50 Jahren kenne, in beruflicher und persönlicher Hinsicht enorm viel Gemeinsames mit dir erlebt habe, möchte ich heute ein paar Situationen Revue passieren lassen, die – obwohl es zum Teil nur kleine, episodenhafte Beispiele sein mögen – m.E. typisch für das Geheimnis deiner ungemein gründlichen, zutiefst ernsthaften und stets ehrlichen Arbeitsweise sind.

Während unseres gemeinsamen Engagements am Landestheater Halle, Mitte der fünfziger Jahre, erhieltest du die Einladung für den Schulmeister und Dackel im „Schlauen Füchslein“ an der Komischen Oper. Längere Zeit vor Beginn der szenischen Proben mit Walter Felsenstein in Berlin batest du mich, mit dir die Tiersituationen etwas auszuprobieren und vorzuarbeiten. Für einen jungen Regisseur natürlich ein äußerst problematisches und nahezu aussichtsloses Unterfangen! Aber was mir daran unvergesslich ist: als ich zu unserer Vorarbeit in deiner Wohnung erschien, war das größte Zimmer nahezu ausgeräumt, sodass deine Partie – musikalisch bereits perfekt studiert – mit unseren gemeinsamen Versuchen unter „bühnenähnlichen Bedingungen“ stattfinden konnte. Mit welcher Ernsthaftigkeit, Gründlichkeit, Neugier und Geduld von dir ausprobiert wurde, ist mir bis heute unvergesslich!
Voller Freude und Dankbarkeit denke ich an unsere gemeinsame Arbeit in den Mohauptschen „Bremer Stadtmusikanten“ an der Komischen Oper, wo du dich mit liebevoll-charakteristischer Interpretation um Hans, den Esel, so sehr verdient gemacht hast. Zählt man in diese Reihe der außergewöhnlich gelungenen Tiergestaltungen deinen vortrefflichen und erfolgreichen Schimpansen im „Jungen Lord“ dazu, versteht man das häufig genutzte Bonmot im Kollegenkreis: „Enders ist ein großer Menschendarsteller.“ Originalton Enders (mit hoch erhobenem Zeigefinder): „Und Tiere!“ Beim Thema „Junger Lord“ erinnere ich mich an unsere gemeinsame Autofahrt während der Theaterferien von Berlin nach Binz. (Alle haben bei dieser Produktion mit Recht bewundert und voller Respekt registriert, dass du es fertig gebracht hast, die von Britten für den Affen komponierten Trompetenpassagen tatsächlich selbst zu blasen, obwohl du bis zu diesem Zeitpunkt ein solches Instrument nie gespielt hattest. Auch das halte ich für ein typisches Beispiel für deine exzellente Berufseinstellung.) Während unserer gemeinsamen Reise in den Urlaub wollte ich dir etwas Entspannung gönnen und habe den Wagen gefahren. Du hattest auf dem Rücksitz ein Schläfchen gemacht. Plötzlich drangen Trompetentöne an mein Ohr – das war eine so besonders lustige Überraschung, da ich die „Vorbereitungen“ überhaupt nicht bemerkt hatte. In deiner großen Gewissenhaftigkeit hast du dann jeden Tag – nach der Mittagsruhe – eine halbe Stunde im Hotelzimmer des Kurhauses Binz Trompete geübt. Eines Tages äußerte der Direktor des Hauses mir gegenüber seine große Verwunderung darüber, wie dieses tägliche Trompetenspiel eigentlich zustande käme, da „doch gar kein Musiker im Hotel wohnt.“ Später haben wir das Geheimnis gelüftet.
Ausnahmsweise muss das ein sehr heißer Sommer gewesen sein, denn als ich im Fond deines Autos eine Händel-Schallplatte mit „Poros“-Arien – von der anhaltenden Wärme mit vielen Dellen verformt – gefunden hatte und sie dir bekümmert zeigte, sagtest du die bemerkenswerten Worte: „Macht nichts – da kommen die Koloraturen besser!“

Aus der unbeschreiblichen Füller der Erinnerungen fällt mir gerade ein: als du während eines längeren stationären Aufenthaltes im Krankenhaus Berlin-Buch lediglich für die Wahrnehmung der Vorstellungen in der Komischen Oper die Station verlassen durftest, informiertest du mich vor der Aufführung „Albert Hering“, dass der Arzt dir dringende Schonung auferlegt hätte. Also kündigtest du mir – in meiner Funktion als Abendspielleiter dieser Inszenierung – eine gewisse emotionale Zurückhaltung an, um den Heilungsprozess nicht zu gefährden. Ich weiß es wie heute: Im 1. Bild glaubte ich eine ganz geringe, wirklich nur für Insider erkennbare Verhaltenheit zu bemerken – im 2. Bild ging es mit dir schon wieder „durch“ und ab der Festtafel im 3. Bild brachen alle Dämme: Endi war in jeder Phase wieder voll da und so blieb es dann auch während des gesamten Klinik-Aufenthaltes in jeder Vorstellung, die ich miterlebt habe. Jetzt muss ich mich zum Aufhören zwingen, weil es sonst schier endlose „Erinnerungsprotokolle“ würden. Zum Schluss noch eine kleine, wohl auch nicht untypische Begebenheit, wenn auch aus völlig privatem Bereich: Als wir wieder einmal im gemeinsamen Sommerurlaub auf der Ostseeinsel Usedom waren, entdeckten wir am ersten Tag eine Kegelbahn direkt am Strand. Rudolf Asmus legte voller Eifer los und bewies dabei seine sportlichen Fähigkeiten. Wir standen staunend und voller Bewunderung daneben – zumal niemand von uns diese Sportart jemals probiert hatte. – daraufhin griff unser Freund Werner zur Kugel und versuchte sein Glück, natürlich mit kläglichem Ergebnis. Aber in übermütigem Humor und mit witzigem Charme wandte er sich an Rudolf Asmus: „Wetten, dass ich dich am Urlaubsende schlage?!“ Belustigt und in ausgelassener Ferienstimmung wurde – unter Zeugen – ein ziemlich attraktiver Wetteinsatz festgelegt, obwohl niemand von uns die Angelegenheit ernst nahm. Aber da hatten wir eben alle nicht mit der Zielstrebigkeit und dem tollen Eifer von Werner Enders gerechnet, der von diesem Urlaubsbeginn an nunmehr jeden Tag mindestens einmal, aber gewiss abends noch einmal zum Üben an der Kegelbahn zu treffen war. Um es kurz zu machen: Am Abreisetag fand unter großem Hallo aller Beteiligten und Zaungäste das Finale Asmus-Enders statt und dieses Endspiel gewann als strahlender Sieger Werner Enders!
Über den Sängerdarsteller Enders, der sich von jeher durch Wärme, Bescheidenheit, Humor, enormen Fleiß und großer Ehrfurcht vor den zu interpretierenden Werken und Partien auszeichnete, pflegte meine Berliner Haushälterin Else zu sagen: „Herr Enders is een jroßer Künstler – und hat keenen Vogel!“ Vox populi – im wahrhaftigsten Sinne des Wortes.
Dir, lieber Werner, nochmals von ganzem Herzen alles, alles Gute – vor allem viel Gesundheit. In alter Freundschaft Dein Wolfgang Kersten
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Dr. Karl Klebe:
Als begeisterter Opernliebhaber habe ich Kammersänger Werner Enders seit seinem ersten Auftreten bis heute auf seinem langen, schönen Bühnenweg an der Komischen Oper Berlin begleiten dürfen, zunächst als jugendlich alles in sich aufsaugender Zuschauer, später als abwägender Musikjournalist und nun schon seit vielen Jahren als sein guter Freund. An der Komischen Oper erlebte ich ihn und alle anderen Großen des Felsenstein-Theaters, das nicht einem bloßen ästhetischen Kunstgefühl sondern der Wirklichkeit des Lebens geschuldet war. Jeder der dort versammelten Sängerdarsteller versuchte auf seine Weise Felsensteins Forderung zu erfüllen, sich in seine Rolle zu verwandeln. Werner Enders ging dabei einen Weg, der sich mir am tiefsten eingeprägt hat. Er nähert sich seinen Figuren bis heute – seien sie tragisch, heiter oder gebrochen angelegt – stets mit einer zu Herzen gehenden, aber zugleich nie das Sentimentale streifenden tiefen Demut, aus der heraus er mit Liebe zum Menschen dessen wahres Antlitz erschütternd sichtbar macht. Darin war und ist er einzig und für mich unauslöschlich. Möge er noch lange bei bester Gesundheit freudig im vollen Leben stehen. Herzlichst Karl Klebe
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Ks. Jochen Kowalski:
Mein lieber Werner! Ich will nicht viele große Worte machen. Du liebst Elogen ebenso wenig wie ich! Ich verneige mich tief vor deiner einzigartigen Lebensleistung, die so eng mit unserer geliebten Komischen Oper verbunden ist. Danke für deine anerkennenden Worte und deine wertvollen, kollegialen Tipps. Es tat mir immer gut. Nirgends wird ja soviel gelogen wie im Theater! Du aber warst immer eine ehrliche Haut. Im realen Leben wie auf der Bühne. Vielleicht ist das auch das Geheimnis deiner großen Kunst. Diese unbedingte Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ist heute leider sehr selten geworden!
Auch dafür: DANKE UND HOCH SOLLST DU LEBEN!
Ich umarme dich fest und wünsche dir alles Glück dieser Welt! Toi, toi, toi weiterhin!
Herzlichst Dein Jochen Kowalski
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Prof. Harry Kupfer:
Mein lieber Endi, wir haben miteinander eine lange Geschichte, die nun schon ein halbes Jahrhundert dauert. Meine erste Begegnung mit dir war Mitte der 50er Jahre in Halle: Ich war noch Student und Hospitant, du gabst die Hauptrolle in einer modernen Oper mit dem Titel „Till“ (nach Till Eulenspiegel) und dein Komödiantentum war schon damals überwältigend. Außerdem warst du in dieser Zeit in Halle ein großer Hauptdarsteller in Händel-Opern, wobei mir vor allem dein Alexander in „Poros“ im Gedächtnis bleibt. Danach habe ich dich in vielen großen und kleinen Rollen auf der Felsenstein-Bühne bewundert, ob als Schwejk oder Bobéche. Umwerfend war nicht zuletzt das Gespann Asmus-Enders als Pyramus und Thisbe im „Sommernachtstraum“, voll von hinreißender Komik und Poesie. Als ich dann 1981 als mittelaltriger Provinzler an die Komische Oper kam, hast du – als der Vertreter des Felsenstein-Hauses schlechthin – mich mit offenen Armen empfangen. Einer meiner größten und bleibendsten Theatereindrücke wird immer dein Narr in meiner Inszenierung der Reimann-Oper „Lear“ sein; eine Rolle, die du mit ungeheuer viel Tiefgang, Hintergründigkeit und Schmerz zum Ereignis machtest. Eine Zusammenarbeit, bei der ich dir viel abverlangt habe. Wenn sich der Narr, der die Wahrheit nicht mehr sagen durfte, den Mund zuklebt, war das damals, zu DDR-Zeiten, eine Provokation. Du ließest dich darauf ein, wozu viel Mut gehörte und wofür ich dir heute noch dankbar bin. Du spieltest diese Rolle mit einer Überzeugungskraft, dass einem der Atem stockte. Über viele andere Produktionen müsste man noch reden… Ich wünsche dir, dass du noch viel tun kannst, umarme dich und hoffe, dass wir zusammen noch mal etwas machen! Alles Liebe und bleib gesund! Dein Harry
P.S.: Und ganz liebe Grüße von Marianne!
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Ks. Prof. Siegfried Lorenz:
Begegnungen mit Werner Enders
Zum ersten Mal in meinem Leben tauchte der Name Werner Enders auf einer Schallplattenhülle auf. Es war eine Händel-Oper, die mit ihm produziert wurde.
Späterhin war er eigentlich die personifizierte Komische Oper Berlin. Werner Enders war – wie hieß es so schön – einer der Protagonisten des Felsensteinschen Musiktheaters.
Als ich 24jährig an dieses Haus verpflichtet wurde, begegnete ich Werner gleich in meiner ersten Rolle auf der Bühne: ich war der sechste Arzt von links, er der vierte Arzt von rechts in der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“. Für mich war es das Aufeinandertreffen eines bedeutungslosen Wurmes mit einem der Giganten dieses Hauses. Beeindruckend war für mich Namenlosen der Eifer, mit dem Werner auch in dieser kaum als Rolle zu bewertenden Farce seiner Natur als Sänger und Darsteller gerecht wurde. Später begegneten wir uns in der „Carmen“ unter der Regie von Felsenstein, ich immerhin schon als Morales, er als einer der Schmuggler. Es war grandios, wenn Werner die Szene betrat. Dieser unglaubliche Humor und die Darstellungskraft begeisterten mich. Um ganz ehrlich zu sein: Da konnte ich nicht mithalten! Humor kommt ja aus einer grundtiefen Ernsthaftigkeit. Und die machte und macht Werner zu einem überzeugenden Künstler.
Nun weiß ich, dass er meine sängerischen Leistungen und Ergebnisse immer sehr wohlwollend und von großer Achtung geprägt gewürdigt hat, was mich bei meiner Verehrung diesem Künstler gegenüber schon etwas stolz macht. So war es gewiss falsche Bescheidenheit und vielleicht auch ein wenig Koketterie, als du einmal zu mir sagtest: „Ja, mit deiner Stimmer Karriere machen ist keine Kunst, mit meiner Stimme Karriere machen, das ist eine Leistung!“ Du strafst dich selber Lügen, denn nur die Einheit von Stimme und Darstellung garantiert Gültigkeit!
Werner, mit dem ich seit etlicher Zeit freundschaftlich verbunden bin, in seinen großen Partien auf der Bühne erlebt zu haben, wird nicht nur mir unvergesslich sein. Wo gibt es heute noch so von ihrer Aufgabe besessene Persönlichkeiten?! Sogar in seinen späten Jahren, nun zwar mit kleineren Partien bedacht, kann ihm kaum einer der Jüngeren das Wasser reichen. Die Komische Oper wird, wenn er einmal aufhört, mit Werner Enders den letzten großen Vertreter des Felsensteinschen Musiktheaters verloren haben.
Nun wird er 80 Jahre als, fast undenkbar, wenn man ihn erlebt. Was wünscht man ihm? Vor allem, dass er gesund bleibt, dass er noch schöne und erfüllte Jahre vor sich hat und auch weiterhin Freude und Erfüllung in seiner Kunst, der Musik findet. Und man ist dankbar dafür, dass man ihm begegnet ist, dass man einen Menschen und Künstler erleben durfte und darf, der als außergewöhnlich zu bezeichnen ist.
Also, Werner, ein Glas auf dich, verbunden mit dem Dank, dass du deiner Lebensaufgabe gerecht geworden bist: durch deine Kunst Menschen glücklich gemacht zu haben!
Dein Siegfried
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Prof. Siegfried Matthus:
In der musikalischen und szenischen Bearbeitung von Monteverdis „Die Heimkehr des Odysseus“, die wir 1965 mit Götz Friedrich und Gert Bahner während der Renovierung der Komischen Oper für die Ausweichspielstätte der Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin unternahmen, sang und spielte Werner Enders den hirten Eumaios. In der schlichten rührenden Art und Weise, wie Werner Enders diese Figur anlegte und interpretierte, zeigte sich wieder eine neue Facette in der großartigen Begabung dieses Sängers und Darstellers.
In meinen vier Opernuraufführungen an der Komischen Oper war leider nie eine Rolle für Werner Enders dabei. Darüber bin ich heute noch sehr traurig und mache mir Vorwürfe, denn meine Liebe und Verehrung für diesen genialen Sängerdarsteller hätte ich einfach in meinen Opern verankern und berücksichtigen müssen. Sehr gefreut habe ich mich über einen Besuch von Werner Enders bei der Aufführung „Der unendliche Gesang des Orpheus“ in Rheinsberg. Mit großem Interesse und Engagement beobachtete er die sängerischen Leistungen und die szenische Realisation im Schlosspark. Der letzte Teil fand dann im Theater mit Ausschnitten aus Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ statt. Ein Stück, in dem Werner Enders in der Komischen Oper eine viel umjubelte Rolle spielte und sang. Während er lachend und temperamentvoll mitgehend die Aufführung verfolgte, sah er mich plötzlich an einer Stelle mit großen Augen und todernstem Gesicht an und sagte: „Das ist ja besser als bei uns!“ Dieses große Lob aus so berufenem Munde habe ich natürlich sofort an die jungen Sänger weitergegeben.
Werner Enders bedeutet für mich ein wichtiges Kapitel meines eigenen Opernlebens.
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Rudolf Mayer:
Werner Enders ist neben Irmgard Arnold, Anny Schlemm, Hanns Nocker und Rudolf Asmus zweifellos einer der ganz großen Protagonisten der Komischen Oper Berlin. Wir haben uns hier 1962 kennen gelernt und danach in Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit in Berlin und auf zahlreichen Gastspielen viel erlebt. Er war immer ein liebenswerter und pflegeleichter Kollege und abgesehen von wenigen Ausnahmen (zumeist dann, wenn in den Endproben vor wichtigen Premieren die Nerven blank lagen) bin ich immer bestens mit ihm ausgekommen. Die gemeinsame Arbeit mit ihm möchte ich im Nachhinein nicht missen! Mit Endi konnte man Pferde stehlen!!! Ich zweifle, ob man ihm wirklich wünschen soll, zum 80. endlich aufzuhören und den weiteren Lebensabend unbeschwert zu genießen. Ich glaube, er braucht die Bühne wie ein Fisch das Wasser. Und vielleicht sind uns in dem Haus, das wir lieben, ja noch ein paar schöne gemeinsame Stunden des heiteren Zusammenseins vergönnt.
Alles Gute und noch viele schöne Jahre wünscht Rudi Mayer
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MD Prof. Winfried Müller:
Kammersänger Werner Enders zum 80. Geburtstag
Wenn Sie auf der Bühne stehen und eine Rolle gestalten, lieber, sehr verehrter Herr Enders, ziehen Sie das Publikum in Ihren Bann. Durch Ihre Professionalität und Ihre Herzensgüte wird jede Szene zu einem besonderen Erlebnis. Staunend und mit Bewunderung vor Ihrer Lebensleistung gratuliere ich sehr herzlich zu Ihrem – man glaubt es nicht – 80. Geburtstag. Der Komischen Oper aber wünsche ich noch viele Vorstellungen mit Ihnen. Für Sie, lieber Herr Enders, ist Ihr Beruf Berufung, die Komische Oper Lebensmittelpunkt.
Unvergleichlich, unverwechselbar waren und sind sie in jeder Rolle, ob als Schulmeister im „Füchslein“, als Schwejk, als Flaut im „Sommernachtstraum“, als Bobèche im „Blaubart“ oder als Alter Mann im „Zaren Saltan“ und vielen anderen Partien. Mit Ihrer positiven Lebenseinstellung und Herzensklugheit erreichen Sie alle musik- und theaterbegeisterten Menschen. Dank auch für Ihre inspirierende Mitarbeit auf den Proben!
Ich wünsche Ihnen alles Gute, weiterhin Gesundheit und viel Glück und Freude.
In Verehrung Ihr Winfried Müller.
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Ks. Noemi Nadelmann:
Werner ist für mich einer der größten Künstler, Menschen und Fische, die ich kenne. Jeder Auftritt von ihm ist ein Fest und sehr inspirierend für mich. Ob die Rolle dabei klein oder groß ist, spielt überhaupt keine Rolle. Er hat aus der Diener-Roller in „Traviata“ in der Inszenierung von Harry Kupfer eine Meisterpartie gemacht und ich habe mich immer auf ihn gefreut, was bei dieser Partie normalerweise nie von Bedeutung ist. Ich hoffe auf noch viele gemeinsame Auftritte mit dir.
Die besten Wünsche von einem anderen Fisch! In Liebe, deine N.N.
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Ks. Hans-Martin Nau:
Endi erfüllte mit Hals und Herz, mit Kopf und Hintern voll das Fach des Skurrilen und das hat sein Lebensglück ausgemacht bis heute.
Wenn man ein Fach so ausfüllt, dann ist das eine Gabe Gottes!
Herzliche Glückwünsche von deinem langjährigen Ensemblekollegen Hans-Martin Nau.
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Ks. Günter Neumann:
Warum ihn alle Endi nennen? Die Jüngeren unter uns wissen vermutlich nicht einmal seinen richtigen Namen. Ich schon, ich kenne ihn ja seit 35 Jahren – und ich sage auch Endi zu ihm.

Da sitzt er drei Reihen vor mir im Flugzeug nach Hongkong („Lustige Witwe“ gibt’s, mit Endi als Njegus) und heute Abend wird er mir erzählen, dass die hübscheste aller Stewardessen ihn betreut hat. Das ist Endi, viel mehr weiß ich nicht von ihm, außer dass er ein wunderbarer Schauspieler ist. Er war Bobèche, als ich Blaubart war, und Bobèche ist er für mich immer geblieben.
Ja, wie alt wird er eigentlich? 60 – 70 – 80? Ist eigentlich völlig egal, Endi ist eh unsterblich! Gevatter Tod würde ihn nie zu Hause antreffen, Endi ist ja im Theater, und da sitzt ein Pförtner, der Betriebsfremde nicht hinein lässt.
Endi erzählt immer, dass er nun endlich aufhören will, dabei hat er aber immer schon die neue Rolle unterm Arm und wir alle freuen und jedes Mal, ihn darin brillieren zu sehen.
Glückwunsch, Endi!
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Sabine Paßow:
Lieber Endi – die Ausnahmeerscheinung am Himmel der Künste…
Ich glaube, dass ich nicht zu betonen brauche, wie glücklich ich darüber bin, mit dir immerhin ganze 15 Jahre gemeinsam auf der Bühne gestanden zu haben und dich trotzdem auch noch ab und zu privat erleben zu dürfen.
Nein, betonen brauche ich das nicht, sage nur schlicht:
DANK für diese wunderbare Begegnung und SCHÖN, dass es dich so gibt, wie es dich gibt!!!
Bleibe bitte noch lange gesund und aktiv,
und übrigens noch was:
Was sind denn schon eigentlich „lächerliche“ 80 Jahre…?
Du bist ein EWIG-JUNG-GEBLIEBENER!!!
Ganz von Herzen wünsche ich dir alles Positive, Licht, Energie und immer starke Gesundheit,
Deine Sabine und ihr Mann Thomas
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Ks. Uta Priew:
Endi ist ein Charmeur, er liebt die Frauen! Dreistigkeit und Frivolität eingehüllt in unglaublichem Charme lassen seine „Annäherungsversuche“ zu einem Erlebnis werden.
Man kann sie genießen, muss ihnen aber nicht erliegen.
Endi ist ein wunderbarer Gesprächspartner!
Ob ernst, ob heiter – bei Letzterem oft zwerchfellerschütternd. Bemerkenswert die Kunst, über sich selbst zu lachen!
Mein lieber Freund Endi, mein großer Künstler Werner Enders: Liebe und lache noch lange!!!
Ich umarme dich!
Deine Uta
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GMD Prof. Rolf Reuter:
Kammersänger Werner Enders war der Erste aus dem Ensemble der Komischen Oper, der mich beeindruckte. Ich kam im Februar 1981 aus Leipzig über Weimar als neuer Chefdirigent an das weltweit bekannte Musiktheater. Meine erste Aufgabe war die musikalische Wiederaufnahme von Mozarts „Figaro“ in der Inszenierung des viel zu früh verstorbenen Walter Felsenstein. Werner Enders nahm mich, den um zwei Jahre Jüngeren, gleichsam bei der Hand. Meine Ehrfurcht vor dem Lebenswerk des großen Regisseurs und legendären Theaterleiters verstand er sehr gut. Das ganze Haus atmete ja noch die Glorie dieses Genies. Und Werner Enders machte mir Mut. War doch auch er ein lebendiges Vorbild, ein herausragender Exponent großer Theaterkunst, ein von allen Kollegen neidlos verehrter Sängerdarsteller.
Persona est ineffabile, sagten die alten Humanisten, die Persönlichkeit ist unauslotbar. Wo anfangen, dem Enders gerecht zu werden? Ob in großen, ob in kleinen Partien, stets war er unverwechselbar, einmalig, der Mittelpunkt des Geschehens. Das Publikum liebt ihn, verehrt ihn bis zum heutigen Tag. Ich kenne Besucher, die keinen Abend versäumen, an dem Werner Enders auf der Bühne steht. Sie warten auf seinen Auftritt. Es trug sich nicht selten zu, dass eine kleine Nebenrolle durch ihn zum umjubelten Höhepunkt des Abends wurde. So geschah es zum Beispiel im „Eugen Onegin“ Die zwei kleinen Strophen des Tanzmeister-Couplets! Wem, der sie erlebt hat, klingen sie nicht noch heute in den Ohren?
Wir alle haben großes Vertrauen in ihn. Vertrauen in seine Treue. In die Treue seinem eigenen Genius gegenüber. Aber auch in seine Treue seinen Freunden gegenüber, wenn er sie einmal in sein Herz geschlossen hat.
Er schont sich auf der Bühne nie. Wir, seine Kollegen und Freunde, fürchten oft um seine Gesundheit. Er ist aber sehr stark. Ihn trägt die Muse, der Geist.
Ad multos annos! Noch viele, viele Jahre! Dein Freund Rolf Reuter
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Ks. Dagmar Schellenberger:
Werner Enders und ich kommen aus der gleichen Gegend und haben auch sonst viel gemeinsam, nicht zuletzt ein besonderes Verhältnis zur Komischen Oper Berlin, in deren Ensemble wir Kollegen waren.
Er hat meinen Weg von Anfang an immer mit großem Interesse verfolgt und begleitet. Ich habe ihn immer bewundert, nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich immer wieder aufs Neue kritisch hinterfragt und weiter an sich gearbeitet hat.
So sehr es mich freut, jetzt als Hanna Glawari in Zürich oder Blanche unter Muti in Mailand auf der Bühne zu stehen, so sehr freue ich mich doch auch wieder darauf, in den nächsten Vorstellungen der „Fledermaus“ in Berlin gemeinsam mit ihm auf der Bühne zu stehen.
Alles Gute! Deine Dagmar.
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Ks. Anny Schlemm:
Im „Blaubart“ habe ich dich am Ende immer gefragt „Wie viel Finger sind an dieser Hand?“. Und nun muss ich dich fragen: „Wie viel Jahre bist du alt?“ und du wirst antworten:
„Ich glaube 80!“
Endi, das kann nicht wahr sein!!!
Für mich bist und bleibst du ein junger, liebenswerter, verehrungswürdiger junger Spund.
Endi, bleib so wie du bist!
Ich wünsche dir alles Liebe und Gute, vor allem beste Gesundheit.
Und vielleicht stehen wir zwei Dinosaurier mal wieder gemeinsam auf der Bühne?
In herzlicher Verbundenheit, Deine Anny
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Ks. Klemens Slowioczek:
„Man bringe mir die Welt!“
Mit diesen Worten des Königs Bobèche aus Offenbachs „Blaubart“ in der Inszenierung von Walter Felsenstein faszinierte mich 1973, als ich an die Komische Oper kam, mein Kollege und Freund Werner Enders so sehr, dass wir uns heute noch so auf dem Garderobengang oder in der Maske mit entsprechender Mimik und Gestik begrüßen.
Zu diesem Zeitpunkt, ich nahm gerade an Testproben für den Figaro teil, ahnte ich nicht, dass wir einmal Kollegen sein würden. So war es dann im „Figaro“, „Geheimnis“, „Reise zum Mond“ und so weiter, und so weiter…
Durch seine charakteristische darstellerische Präsenz sind mir viele seiner bedeutsamen Zitate in Erinnerung geblieben.
Immer diese Textperfektion, diese Bühnenpräsenz, ob es im Kleinen oder im Großen war; dies war es, was ich an meinem Kollegen am meisten bewunderte.
Und er ist groß bis heute, im „Zaren Saltan“, „La Bohème“, „La Traviata“ und in der „Fledermaus“.
Ich habe ihn nicht nur hochgeschätzt, sondern auch viel von ihm gelernt.
Ich wünsche meinem Endi noch viel Kraft und Gesundheit, auf dass wir uns noch weiter, aber nur auf der Bühne, provozieren können.
„Das ist die ewige Kunst!“
Möge es noch lange so sein!
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Ks. Siegfried Vogel:
Für Endi
Warst mein Begleiter auf der Karriereleiter,

haben uns ’55 auf der Bühne gefunden,
hatten auch privat viele glückliche Stunden,

mit dir und deiner lieben Frau.

Wir beide – Liebhaber von schönen Dingen! –
standen oft auf der Bühne zum Singen.

Mein letzter „Saltan“ – wieder mit dir!
Von Herzen Glück und Gesundheit,
das wünscht, lieber Endi,
der Vogel-Siegfried dir!

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Reinhard Zimmermann:
Lieber Werner,
du bist ein großer Künstler – das wissen alle, die dich jemals auf der Bühne gesehen haben, und sie werden es dir anlässlich deines Jubiläumsgeburtstages erneut bestätigen. Deine Könige, Diener und Narren sind Legende geworden, deine Erscheinung einmalig und unvergesslich. Aber für mich bist du auch ein wunderbarer Freund – lebenslang, möchte ich sagen – seit wir uns in Halle begegneten und seitdem (in Berlin) auf der gleichen Bühne und im gleichen Geist arbeiteten. Wie brauchten nie viele Worte, um auszudrücken, was wir einander sagen wollten, ob Kritik oder Lob, es hat uns immer sehr geholfen. Wenn meine Frau und ich nun die große Freude haben, dir zu deinem 80. Geburtstag gratulieren und dir Gesundheit und Lebensfreude wünschen zu können, so auch voller Dankbarkeit, dass du mit deinem strahlenden Blick uns so oft von der Bühne wie im Leben die Seelen erwärmt hast.
Reinhard und Nadja Zimmermann

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Nachwort:
Es ist eine kühne, vielleicht zu gewagte Aufgabe, einen der beeindruckendsten Sängerdarsteller, den die Bretter, die die Welt bedeuten, getragen haben, mit einer solchen Glückwunschsammlung zu ehren. Wie die unendliche Dankbarkeit gegenüber diesem Künstler und Menschen in Worte fassen? Und dann noch das Problem der Zusammenstellung einer solchen Auswahl von Gratulanten. Einige seiner engsten Freund, Kollegen und Weggefährten habe ich zu diesem Zwecke angefragt – die hier Aufgelisteten haben dankenswerter Weise zugesagt. Die Vielfältigkeit der hier aneinander gereihten Artikel in Umfang, Inhalt und Stil entspricht dem Wesen des Jubilars als Bühnendarsteller. Diejenigen, welche sich nicht darunter befinden, mögen mir verzeihen, dass ich nicht auch an sie gedacht oder sie einfach nicht erreicht habe (Mea culpa!). Dennoch darf man wohl mit vollem Recht von einer erlesenen Gratulantenschar sprechen.
Nach einer beeindruckenden Karriere von nunmehr fast 57 Jahren, davon nunmehr 49 an der Komischen Oper Berlin, auf deren Bühne er öfter gestanden hat als jeder Andere (mehrere tausend Male!) und die so sehr sein Haus und seine künstlerische Heimat wurde wie er einer ihrer wichtigsten Protagonisten und künstlerischen Aushängeschilder, sind viele, die würdig wären, zu gratulieren und dies auch wohl gerne täten, nicht mehr unter uns: Was würden wohl seine Eltern sagen, wenn sie wüssten, wie ungeheuer erfolgreich (und das bis heute!) der durch seine Kriegsverletzung verhinderte Geiger seine schwierige Lebenssituation gemeistert hat?! (Nein, so grausam das vielleicht klingen mag: Dieser erzwungene Berufswechsel vom Geiger zum Sänger war letztlich ein Segen und eine höhere Fügung, denn als Orchestergeiger wäre Enders längst pensioniert und hätten der Musikwelt bei Weitem nicht so viel Unverwechselbares und Unnachahmliches geben können wie als einzigartiger Tenorbuffo!) Was würde seine geliebte Frau Eva, die ihm über so viele Jahre Stütze war, wohl heute sagen, wenn sie wüsste, dass er, so schwer es anfangs auch gewesen sein mag, es doch geschafft hat, das Leben und den Beruf auch ohne ihre Hilfe zu meistern?! Was würde etwa sein Hallenser Regisseur Heinz Rückert, der sein Talent erkannte und förderte, sagen, wenn er wüsste, dass sein Endi immer noch auf der Bühne steht, und das mit stolzen 80 Jahren?! Gewiss wären er und alle anderen, die nicht mehr gratulieren können, stolz darauf und würden ihm diesen Erfolg von Herzen gönnen. Was würde wohl Walter Felsenstein sagen, mit dessen Namen Enders’ Ruhm untrennbar verknüpft ist, der diesen Sängerdarsteller formte wie kein Zweiter und zu dessen genialsten Geschöpfen sich dieser Buffo entwickelte? Vielleicht: „Singt der immer noch???!!!“ Oder „Ich bin stolz auf dich, dass du unsere Fahne immer noch hochhältst!“ Vielleicht aber auch: „Ich verzeihe dir, dass du mich einmal umbringen wolltest!“ Das war bei der berühmten Thisbe in Brittens „Sommernachtstraum“, als es dem Tenor auch nach zig Proben nicht gelang, zur vollen Zufriedenheit des Regiemeisters zu „kieksen“… „’S wär’ ein vertrackter Kontrapunkt!“ sang sein langjähriger Freund und Sängerkollege Rudolf Asmus in anderem Zusammenhang, im vorletzten „Füchslein“-Bild am Stammtisch, an dem sonst nur noch Werner Enders als tief betrübter, erbärmlich elender Schulmeister saß? Was Asmus wohl heute sagen würde, wenn er noch unter uns weilte? Vielleicht: „Du warst der Einzige, dem ich nicht verübelt habe, wenn er die Lacher auf seiner Seite hatte und mich einmal alt aussehen ließ!“ Wahre Freundschaft hält auch kollegiale Rivalität um die Publikumsgunst aus! Der leider zu früh verstorbene Regisseur Adolf Dresen nannte in seinem Vortrag „Felsenstein – die Folgen und die Verluste“ (2001) einen einzigen Sänger namentlich: Werner Enders. Und was würde wohl der ebenfalls zu früh verstorbene Regisseur Götz Friedrich zum heutigen Anlass sagen? Vielleicht dass Gleiche, was er im April 2000 auf der Trauerfeier für Rudolf Asmus in Würdigung dieses anderen Bühnengottes der Komischen Oper sagte: „Er hat die Menschen zum Lachen und zum Weinen gebracht. Mehr kann Theater kaum leisten!“


Wenn Werner Enders, umringt von einem ganzen Ensemble am Schluss von „Figaros Hochzeit“ gemeinsam mit seinen Mitstreitern den Satz „Wir werden vergessen, was heut hier geschah!“ anstimmte, gab es Abende, an denen ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte. Es war die entwaffnende, umwerfende Wirkung einer von allem Ballast befreiten und somit erschütternd bloß gelegten zutiefst empfundenen Menschlichkeit. Ja, Theater ist die vergänglichste aller Künste, auch das wird einem in solchen Momentan bewusst. Diese Broschüre soll neben der Bekundung aller Dankbarkeit für den Jubilar auch ein kleiner Beitrag wider das Vergessen sein.
Dank Ihnen, lieber Werner Enders, für die vielen unvergesslichen Bühnenaugenblicke und die vielen Tränen des Lachens und Weinens, die Sie mir und so vielen anderen Menschen in Überfülle beschert haben. Unvergesslich bleibt mir meine erste live erlebte „Blaubart“-Vorstellung, vor allem natürlich dieser hysterische Zwerg, der sich gebärdete wie ein Riese, der das Publikum mit seinem Geifer im Sturm eroberte und in seinem Strumpfhosenkostüm so beweglich war wie ein Balletttänzer, zudem mit ähnlich hohen Luftsprüngen, aber auch einem „Ram, tram, tram!“, dass es einem beinahe schon wieder unheimlich wurde. Danach noch so viele kleine Rollen, die Sie zu Höhepunkten von ganzen Aufführungen machten: als Don Curzio blieb Ihr Ausruf „Seine Mutter!“ niemals ohne starke Reaktion im Publikum und war allein das Eintrittsgeld ebenso wert wie Ihr etwas hämischer Lacher als Remendado im Schmuggler-Quintett, nachdem Carmen gesteht, dass sie verliebt ist. Ein Alcindoro in einem sensationell inszenierten 2. Akt von „Bohème“ – eine Rolle, die man sonst kaum bemerkt, die aber hier mit einigen markanten Einwürfen (etwa „Vulgär dieser Walzer, da sticht mir die Galle!“ oder„Ich bestelle, das siehst du doch!“) zum Ereignis wurde – entscheidend war dabei freilich, wie diese Einwürfe kamen!!! Ein Styx, der in eine nicht unproblematische Inszenierung Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit einbrachte und dafür bei der Premiere nach seinem Couplet mit länger anhaltendem Applaus gefeiert wurde, als der Abend am Ende insgesamt bekam! Ein Diener Joseph in „Traviata“, der mit seinem zweiten Auftritts-Ton, dem „Für Sie!“ nicht selten den saubersten Tenor-Ton des ganzen Abends beisteuerte, und andererseits mit seinem „Was mag das sein?!“ nahezu tonlos eine ganz andere Dimension von Angst und Erregung demonstrierte, als man es in solchen „Nebenrollen“ gemeinhin für möglich hält! Ein Kaiser Altoum in „Turandot“, der die Kluft zwischen Fiktion (der gottesähnliche Kaiser) und Realität (der schwache, gebrechliche Greis) grandios erlebbar machte. Hinter der Gottesstatue kommt ein alter Mann auf einen Stock gestützt hervorgehumpelt, wehrt die ihm angebotene Hilfe energisch ab und schleppt sich mit letzter Kraft die Stufen hinauf. Des Blutvergießens müde, was man ihm voll abnimmt, schlägt er anschließend doch wieder mit dem Stock den Takt mit und der Bobèche kommt wieder durch. Wenn der alte Kaiser, nach Lösung des dritten Rätsels glücklich über das Ende des Blutvergießens, nach vorne kommt, um den fremden Prinzen zu segnen, gleichzeitig jedoch den verkleideten Feindesherrscher in dessen Nähe entdeckt und ängstlich die Hand zurück zieht, ist man unwillkürlich bewegt. Und schließlich dutzende Male ein rührender Alter Mann im „Zaren Saltan“, der mit seiner Anfangsphrase „Gott erbarm sich dein und gebe dir Frieden, der als Mütterchen und Zarin ich mich neige!“ eindrucksvoll bewies, dass sich hohe Stimm- und Legatokultur (und das in hohem Alter!) und eindringliche Bühnenpräsenz nicht ausschließen müssen! Danke für diese wunderbaren Vorstellungserlebnisse und ganz besonders auch für die menschliche Erfahrung, dass ein berühmter Opernsänger nicht automatisch schwierig sein muss, sondern eine ganz einfache und ehrliche Haut sein kann – Charaktereigenschaften, die gewiss Voraussetzung für diese wahrhaftige Bühnenwirkung waren, die in diesem Maße wohl nur ganz Wenige erreicht haben.
Danke für Alles und zudem die allerbesten Grüße und Wünsche für die Zukunft, vor allem viel Gesundheit und natürlich auch – zugegeben wieder sehr egoistisch von mir gedacht! – noch so manchen Bühnenauftritt auf den Brettern, die unsere Welt bedeuten. Ihr Ivo Zöllner
Anhang 1: Artikel zum 55jährigen Bühnenjubiläum (erschienen im „Neuen Merker“ 8-9/02)

Hommage an einen „Urkomödianten“
Zum 55. Bühnenjubiläum des Tenors Werner Enders
„Auch bei der Premiere des Offenbachschen „Orpheus in der Unterwelt“ an der Komischen Oper Berlin gab es nach einer Szene nicht enden wollenden Applaus:
für Werner Enders, den 74-jährigen Tenorbuffo, der so herzerweichend die Szene des John Styx zum Bühnenleben erweckt hatte. Mit feinen, angedeuteten Gesten, in vollkommenem Einklang von Körpersprache, Text und Gesang. Wie leicht hätte er mit plumpen Kalauern die Lacher auf seiner Seite haben können, doch der Komödiant wählte den schwereren Weg.
Eine Insel der Seligkeit in dieser für die Komische Oper geradezu Rufschädigende Neuinszenierung.“
(„DER TAGESPIEGEL“ vom 25. 1.1999)

Dieses Zitat kommt dem Geheimnis des lang währenden Erfolges von Werner Enders, der sich nie in den Vordergrund drängte und sich stets dem Ganzen verpflichtet fühlte, sehr nahe: eine kaum zu beschreibende, aber vielleicht gerade deshalb so bezwingende Bühnenpersönlichkeit, die nun seit beinahe fünf Jahrzehnten von der Bühne der Komischen Oper nicht mehr wegzudenken ist.

Kammersänger Werner Enders, Tenor und Charakterkomödiant, Säule des Felsenstein-Ensembles und Generationen von Opernfreunden vor allem aufgrund seiner Paraderolle als König Bobèche im legendären „Ritter Blaubart“ unvergesslich, steht auch 55 Jahre nach seinem Berufsstart noch immer erfolgreich in zahlreichen Rollen auf der Bühne und macht diese zum Ereignis: ob als Don Curzio in „Figaros Hochzeit“, ob im „Zaren Saltan“ („ORPHEUS“ 3/02: „Bewegend war, WERNER ENDERS als „Alten Mann“ erleben und über seine Klarstimmigkeit staunen zu dürfen.“) oder als Gefängnisaufseher Frosch in der „Fledermaus“.

In der kommenden Spielzeit, seiner dann 56., wird er hier mit dem Professor Süffle in Zellers „Vogelhändler“ sogar noch in einer neuen Rolle zu erleben sein.
Sollte man einem „Nebenrollensänger“ überhaupt so viel Aufmerksamkeit widmen? Einerseits stammt von Walter Felsenstein der legendäre Satz: „Es gibt keine kleinen Partien, es gibt nur kleine Darsteller!“ Andererseits sang Enders in seiner langen Sängerlaufbahn auch viele Rollen, die man nun gewiss nicht vernachlässigen kann: Hänsel (in Zwickau), Stewa (in Altenburg), zahlreiche Händel – Helden in Halle, dort aber auch, mit mehr oder weniger Erfolg, Camille de Rosillon, Ernesto in „Don Pasquale“ und Mime in „Siegfried“.

In seinem ureigenen Charakter- oder Tenor-Buffo-Fach schrieb er danach an der Komischen Oper über viele Jahre in einigen ihrer berühmtesten Inszenierungen Musiktheatergeschichte mit. Zu seinen größten Erfolgen zählen zweifellos die Doppelrolle Dackel und Schulmeister im „Schlauen Füchslein“, die vier Diener-Partien in „Hoffmanns Erzählungen“, Flaut alias Thisbe in der deutschen Erstaufführung von Brittens „Sommernachtstraum“ und natürlich der legendäre König Bobèche in Offenbachs „Ritter Blaubart“. In dieser vielleicht berühmtesten Felsenstein-Inszenierung dominierte Enders mit Glatze und Strumpfkostüm über 29 Jahre hinweg in jeder der 369 (!) Vorstellungen den zweiten Akt, feierte bei den Gastspielen in aller Welt mit dem gesamten Ensemble Triumphe und gastierte in dieser Rolle auch solo in Leipzig und Frankfurt am Main. Das eigens für ihn hinzugefügte Couplet „Ich seh’ die Augen von Millionen auf mich gerichtet voll Vertrau’n“ sang er auch danach noch zu verschiedenen festlichen Anlässen.

Der „Blaubart“ wurde von Felsenstein mit ihm ebenso für das Fernsehen verfilmt wie „Hoffmann“ und „Füchslein“; seinem umjubelten Schwejk (in Robert Kurkas gleichnamigem Opernmusical) und seinem Adam in Henzes „Jungem Lord“, jeweils in gefeierten Inszenierungen von Joachim Herz, war gleiches leider nicht vergönnt.
Eine höchst erfolgreiche Berufskarriere, die doch ganz anders verlief als beabsichtigt, denn eigentlich ist Werner Enders ein Opernsänger und Komödiant wider Willen.
Enders, der am 11. März 1924 im sächsischen Beiersdorf geboren wurde, wollte nämlich Berufsgeiger werden und hatte nach erfolgreich abgeschlossenem Studium einen Anstellungsvertrag mit der Staatskapelle Dresden bereits in der Tasche, als ihn doch noch der Einberufungsbefehl ereilte. An der Ostfront, wenige Tage vor Kriegsende, traf ihn die schicksalhafte Kugel, die ihm die linke Hand zerfetzte, welche bis heute steif blieb. Das Geigen war ihm somit unmöglich geworden. Da er dennoch Berufsmusiker werden wollte, nahm er nach der Gefangenschaft Gesangsstunden und trat am 1. August 1947 sein erstes Engagement als Chorsänger mit Soloverpflichtung am Landestheater Zwickau an. Dort debütierte er Remendado in „Carmen“, einer Partie also, mit der er 54 Jahre später in Berlin immer noch zu erleben war.
Über die Zwischenstation Altenburg kam Enders 1953 nach Halle, wo seine eigentliche Karriere mit einem Paukenschlag begann: Eigentlich nur als Zuschauer zur Premiere von „Siegfried“ angereist, musste er als kurzfristig einspringender Mime die Vorstellung retten und ersang sich in dieser anspruchsvollen Partie, die als Krönung seines Faches gelten darf, einen außerordentlichen Erfolg. In Halle war Enders jedoch zugleich auch ein exzellenter Händel-Sänger, einer der Protagonisten der Händel – Renaissance der 50-er Jahre, die eng mit dem Namen seines damaligen Opernchefs, Heinz Rückert, verbunden ist.
1956 wechselte Enders, nachdem er dort ein Jahr zuvor bereits als Mustapha im „Barbier von Bagdad“ und mit der Frauenrolle der Cate in „Il Campiello“ gastiert hatte, ins Ensemble von Walter Felsensteins Komischer Oper, und sogleich begann als Dackel und Schulmeister in dessen poetischer, 218 Mal gespielter Inszenierung vom „Schlauen Füchslein“ eine Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält.
Die Stürme jener Jahrzehnte, auch die Führungswechsel an seinem Haus, hat er bestens verkraftet. Auch Harry Kupfer wollte auf den alten Musiktheaterrecken nicht verzichten und besetzte ihn in verschiedenen dankbaren Rollen, etwa als Narren im „Lear“ oder eben als John Styx. Selbst der neue Chefregisseur, Andreas Homoki, arbeitete mit dem „Urkomödianten“, wie Joachim Herz seinen Protagonisten einmal nannte, in seiner „Lustigen Witwe“ zusammen.
Alles in Allem kann Werner Enders dem Schicksal dankbar sein, dass ihn in diesen Beruf, in dem er unzählige Menschen zum Lachen und zum Weinen gebracht hat, und an dieses Haus führte. Diesem möchte der 78-jährige Jubilar (der um einige Monate länger Opernsänger ist, als es seine künstlerische Heimstätte überhaupt gibt!), wenn es seine Gesundheit weiterhin zulässt, noch möglichst lange die Treue halten. Sein Publikum wird es ihm sicher danken. Ivo Zöllner

Anhang 2: Interview mit W. Enders anlässlich des 100. Geburtstages von Walter Felsenstein (erschienen im „Neuen Merker“ 6/01)

„Wer schaffen will, muss fröhlich sein.“
Interview mit WERNER ENDERS anlässlich des 100. Geburtstages von Walter Felsenstein (geb. 30.05.1901)
Kammersänger Werner Enders, Tenor, Jahrgang 1924, Ehrenmitglied der Komischen Oper Berlin, wo er seit 1955 auftritt, war einer der Protagonisten des Felsenstein-Ensembles und schrieb in Inszenierungen wie „Das schlaue Füchslein“, „Hoffmanns Erzählungen“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Ritter Blaubart“ ein bedeutendes Stück Musiktheatergeschichte mit.
Lieber Herr Enders, was empfinden Sie angesichts dieses Jubiläums?
Stolz und vor allem Dankbarkeit, aber auch ein ungläubiges Staunen, denn es kommt mir so vor, als ob er eben erst mit uns auf der Probebühne stand. Für alle, die ihn kannten, wird er als großer Theaterregisseur und als Persönlichkeit unvergesslich bleiben.
Welche Bedeutung hat der Name Felsenstein für Ihre sängerische Laufbahn?
Natürlich eine ganz herausragende. Allerdings habe ich in meinem langen Sängerleben in der Zusammenarbeit mit großen Regisseuren immer Glück gehabt. Neben Felsenstein muss ich hier vor allem die Namen Heinz Rückert, Joachim Herz und Harry Kupfer nennen. Entscheidend für meinen beruflichen Werdegang war aber in hohem Maße der Intendant Felsenstein, der mich in das Ensemble der Komischen Oper verpflichtete, wo ich bis heute meine künstlerische Heimat fand. Hier bekam ich genau die richtigen Aufgaben.
Wie kam es damals zu Ihrem Berliner Engagement?
Zunächst sang ich hier als Gast den Mustapha im „Barbier von Bagdad“ und die Frauenrolle der Cate in Wolf-Ferraris „Il Campiello“ in den Inszenierungen meines Hallenser Opernchefs Heinz Rückert. Glücklicherweise hatte sich Felsenstein bereits eine Aufführung in Halle angesehen, wo ich letztere Partie ebenfalls sang, denn ein eigens in Berlin angesetztes Vorsingen verlief weniger glücklich. Für Felsenstein zählte aber vor allem die Bühne. Eine gute Stimme allein war ihm nicht genug. Seine Bühneneindrücke von mir müssen so gut gewesen sein, dass er mich gleich in seiner nächsten Neuproduktion, nämlich dem inzwischen so berühmten „Schlauen Füchslein“, mit den dankbaren Partien des Dackels und des Schulmeisters betraute. Die Inszenierung erlebte mit 218 Reprisen mehr Vorstellungen als an allen tschechischen Bühnen bis dahin zusammen. Nach der 3. Probe wurde mein Festvertrag unterschrieben.
Was war Ihrer Meinung nach das Besondere am Musiktheater Felsensteinscher Prägung? Was waren die wichtigsten Prinzipien und Methoden des Regisseurs?
Von entscheidender Wichtigkeit war immer das Ziel, Wahrheit durch Wahrhaftigkeit auf die Bühne zu bringen. Zudem gab er jedem Solisten das Gefühl, eine der wichtigsten Partien des Stückes zu gestalten, auch wenn diese noch so klein war. Das und sein permanenter Totaleinsatz auf jeder Probe, das Feuer in seinen Augen, seine ganze Agilität beim Vormachen von Bewegungen und seine große Überredungskunst spornten dann die Leistungsbereitschaft aller Mitwirkenden an.
Inwiefern war Felsenstein „besessen“?
Er probte auch winzigste Details mit einer Konzentration und Ausdauer, wie das heute kaum mehr vorstellbar geschweige denn durchführbar wäre. In „Hoffmanns Erzählungen“ zum Beispiel hatte ich u.a. den schon alten und etwas vertrottelten Diener Franz zu spielen. Über dessen Eingangssatz („Gnäd’ger Herr, Ihr müsst zur philharmonischen Gesellschaft!“) kam ich auf Proben selten hinaus, da Felsenstein meist sofort mit Einwänden wie „Enders, du bist zu jung!“, „Du bist zu wenig arrogant!“ oder „Nicht er ist der Chef, du bist es, der hier den Laden in Ordnung hält und alles bestimmt!“ abbrach. Am 1. Probentag musste ich diesen Auftrittssatz 25 Mal wiederholen, bevor wir überhaupt zum 2. Satz kamen. Der Inspizient machte jedes Mal einen weißen Kreidestrich an sein Pult. Irgendwann aber gelang es mir als junger Mann von Anfang 30, den 80jährigen Diener zu seiner vollen Zufriedenheit darzustellen. An „Hoffmanns Erzählungen“ probte er ein halbes Jahr, während andere Inszenierungen wie das „Schlaue Füchslein“ in einer vergleichsweise kurzen, aber dafür umso intensiveren sechswöchigen Probenzeit realisiert wurden.
Hatten seine Sänger immer die nötige Geduld, das mitzumachen?
Natürlich lassen sich nicht alle Sänger auf so etwas ein und auch wir, die es taten, mussten manchmal ganz schön schlucken. Ich selbst war während der Proben zu Brittens „Sommernachtstraum“ nahe am Rand der Verzweiflung, weil ich als Thisbe an einer Stelle immer absichtlich kieksen musste, dies aber völlig unabsichtlich wirken sollte. Er behauptete, sicher nicht ganz zu Unrecht, ich würde das vorbereiten und diesen Eindruck wollte er unbedingt vermeiden. Jahre später legte er mir einmal die Hand auf die Schulter und sagte süffisant: „Ich weiß, dass du mich einmal umbringen wolltest!“ Obwohl ich dies natürlich mit gespielter Empörung bestritt, ahnte ich sofort, worauf er hinaus wollte: auf die Achillesferse meiner Thisbe mit dem Kiekser. Nun ja, kieksen ist halt meine Stärke nicht…
Was für ein Intendant war Felsenstein?
Zuallererst ein gerechter. Schlamperei und Intrigen hatten bei ihm keine Chance. Wenn er in Berlin war, und das war er zumeist, wusste man nie, ob er sich Szenen aus der jeweiligen Abendvorstellung ansah. Er konnte aus seinem Zimmer direkt in die Beleuchtungsloge gehen und von dort aus unbemerkt Bühne, Orchestergraben und Zuschauerraum überschauen. Dies erfuhr man dann natürlich erst ein bis zwei Tage später, wenn die mündliche oder schriftliche Kritik auf dem Fuße folgte. Manchmal hört man, er sei als Intendant ein Diktator gewesen. Wenn von solchen oder sonst welchen Reden eine wahr ist, dann die, dass er ein Freund seine Ensembles war. Er liebte uns Sänger und ebenso seine sonstigen Mitarbeiter. Und er tat alles, was notwendig war, um sein Haus gut zu führen.
Wie gelang es ihm, das Haus so unbeschadet durch die politischen Wirren dieser Zeit zu steuern? Nicht zuletzt der Mauerbau von 1961 bedeutete ja eine entscheidende Zäsur für das Berlin jener Jahre.
Es ist das Verdienst seines besonderen persönlichen Einsatzes, die Existenz seines Hauses ohne größere Qualitätsverluste erhalten zu haben. So konnte Felsenstein z.B. durchsetzen, dass die Westberliner Mitarbeiter, sofern sie es wollten, auch nach dem Mauerbau weiter an der Komischen Oper arbeiten konnten und dafür teilweise Westgeld erhielten.
Die Komische Oper hatte neben dem Berliner Ensemble in den 50er und 60er Jahren eine ganz herausragende kulturpolitische Bedeutung. Das große internationale Aufsehen über das Neuartige der Regiearbeit Felsensteins und die großen Gastspielerfolge, so der 1. Preis beim „Theater der Nationen“ 1959 in Paris, bescherten der DDR natürlich einen beträchtlichen Imagegewinn. Deshalb konnte es sich Felsenstein auch leisten, bestimmte Forderungen zu stellen und durchzusetzen. Zudem konnte er als Österreicher jederzeit das Land verlassen, sodass ein gewisses Entgegenkommen der Partei- und Staatsführung absolut nötig war, wenn sie ihn aus besagten Gründen halten wollten. Dass das andernorts Neid und Missgunst hervorrief, ist verständlich.
Wie wirkte sich die Situation der Komischen Oper im Zentrum einer geteilten Stadt, am Schnittpunkt zweier konträrer Systeme zu liegen, konkret auf den Opernalltag aus?
Ich will Ihnen dazu eine kleine Anekdote über einen ehemaligen Kollegen aus dem Westteil der Stadt erzählen, der vom Zoll dabei erwischt wurde, wie er 12 Hasen über Grenze von Ost nach West schmuggeln wollte und nun amtshalber zum Rapport beim Chef antreten musste. Das Gespräch trug sich, stark verkürzt, etwa so zu:
Felsenstein: Sage mal, warum hast du denn hier 12 Hasen auf einmal gekauft?
Mitarbeiter: Aber Chef, ich habe immer kräftig mit dem Magen zu tun. Ich kann nur Wild essen.
Felsenstein: Aber gleich 12 Hasen! Du hast weder Frau noch Kinder. Wie willst du denn die alle auf einmal essen?
Mitarbeiter: Ja, Chef, die esse ich ja gar nicht alle auf einmal, sondern die wecke ich ein.
Darauf musterte Felsenstein den Mann lange und innerlich erheitert durch seine Brille und sagte lachend: „Na dann bringe mir mal so’n Glas mit!“
Ihre zweifellos erfolgreichste Rolle war der König Bobèche, den Sie in Felsensteins legendärer „Ritter Blaubart“-Inszenierung in Berlin und bei zahlreichen Gastspielen insgesamt 369 Mal verkörpert haben, von 1963 bis 1992. Was machte den ungeheuren Erfolg dieser Produktion aus und wo liegen konzeptionelle Unterschiede zu heutigen Offenbach-Inszenierungen?
Bei dem Konzentrat aus Überhöhung und Übertreibung in der Zeichnung dieser Rolle, war es immer gefährlich, die Balance zu verlieren und über das Ziel hinauszuschießen. Einmal beobachtete uns Felsenstein in einer Vorstellung, die wir gerade „verlacht“ hatten. Am nächsten Morgen wurde für eben diese Szene eine Regenerationsprobe unter seiner Leitung angesetzt. Als ich auf seine kritischen Vorhaltungen erwiderte: „Aber Chef, das ist doch eine Operette!“, trieb es ihm regelrecht die Zornesröte ins Gesicht: „Was ist das?!“ Und nach einer Pause betretenen Schweigens meinerseits sagte er: „Das ist Shakespeare!!! Und genau so musst du es spielen! Todernst!!“ Und dann wurde eben so lange geprobt, bis sich dieser Grundsatz wieder allen Beteiligten eingeschärft hatte. Dieser Grundsatz der unbedingten Ernsthaftigkeit bei der Umsetzung eines Operettenstoffes scheint heute manchmal etwas aus der Mode gekommen zu sein.
Ihr Bobèche-Couplet scheint dagegen nicht aus der Mode zu kommen, denn Sie haben es im letzten Jahr noch häufig zum Besten gegeben, einerseits als Einlage-Arie für die Frosch-Szene in der „Fledermaus“, andererseits zu den Neujahrskonzerten zur Freude des Publikums sogar im originalen Strumpfhosenkostüm mit Glatze.
Und dies nur dank eines glücklichen Zufalls: Wenige Tage vor der Premiere ärgerte sich Felsenstein so sehr über eine unfreiwillig lange Umbaupause zwischen dem 3. und 4. „Blaubart“-Bild, dass er kurzerhand beschloss: „Enders, da machst du ein Couplet!“ Mir war überhaupt nicht wohl bei der Sache, da ich kein so schneller Lerner bin, bis zur Premiere nur noch wenige Tage Zeit blieben und das Couplet vorerst weder in Text noch Musik vorhanden war. Den Text lieferte schließlich unser Chefdramaturg Horst Seeger, die Musik wurde kurzerhand aus einem anderen Offenbach-Werk „stibitzt“. Dass diese Notlösung so erfolgreich werden würde, war natürlich nicht abzusehen. In der Verfilmung wurde das Couplet dann mit immerhin einer Strophe im 2. Bild untergebracht. Dabei war Felsenstein mit meiner Kunstglatze so unzufrieden, dass er mir kurzerhand eine echte Glatze schneiden ließ. Das Gesicht meiner Frau, als ich am Abend nach Hause kam, können Sie sich sicherlich vorstellen…
Was verbirgt sich eigentlich hinter den berühmt-berüchtigten Kritik-Briefen Felsensteins an seine Sängerdarsteller?
Einen dieser Briefe bekam ich im Vorfeld der „Blaubart“-Premiere. Nach einem Pauschallob für meinen Bobèche folgte eine penible Auflistung aller Textunverständlichkeiten und szenischen Schnitzer, zum Beispiel: „Die Kompliziertheit des Programms… ist auch schwer verständlich. Ich rate, den Satz pedantischer zu bringen … Vor den Rufen „Attention!“ die Meldung des Pagen „Prinz Saphir!“ abwarten!“ usw.
Es war eine ungeheure Gedächtnisleistung von Felsenstein, sich jeden „Patzer“ jedes Solisten zu merken und dies anschließend auch noch schriftlich mitzuteilen. Aber dieser riesige Aufwand lohnte sich, da es half, die aufgelisteten Fehler in der nächsten Vorstellung zu vermeiden. Über seine generelle Zufriedenheit mit meiner Leistung war nichts so verräterisch wie die Anrede: „Lieber Werner Enders!“ bedeutete etwas ganz anderes als „Lieber Herr Enders!“
Laut Joachim Herz war Felsensteins Maßstab für den Erfolg seines realistischen Musiktheaters immer „Lieschen Müller“. Was diese nicht verstehen konnte, musste verändert werden. Können Sie die Existenz dieser imaginären Person in Felsensteins Denken bestätigen?
Unbedingt. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, dass er mir einmal auf dem Gang ein großes Kompliment für meinen Schulmeister und seine Liebeserklärung an eine Sonnenblume machte. ABER, und da kam wieder dieses so berühmte wie gefürchtete Wort von ihm, das den Nachsatz mit der Kritik einleitete: „Aber ich habe im zweiten Teil zu wenig Text verstanden. Es war ausgezeichnet, aber darauf musst du achten. Auch Tante Lieschen, die den Text nicht kennen kann, muss ihn verstehen.“ Sein generelles Postulat war also, dass auch der Nicht-Opernkenner das Geschehen jederzeit verfolgen und somit gestehen können muss.
Wie würde Felsenstein sich Ihrer Meinung nach im gegenwärtigen Streit zwischen „Opernbewahrern“ und Opernzerstörern“ wohl positionieren?
Er würde alles ablehnen, sobald der Zuschauer das Stück nicht mehr verstehen würde.
Harry Kupfer hat einmal in einem Fernsehinterview gesagt, wenn eine Premiere über die Bühne gegangen ist, das sei das Stück für ihn erledigt, dann muss es raus aus seinem Kopf, um Neuem Platz zu machen…
Die Zeiten haben sich verändert, leider in dieser Hinsicht nicht immer zum Guten. Wenn ein Regisseur in der ersten Reihe steht, wird er ein Angebot an eine bedeutende Bühne zu einer Gastinszenierung nicht ablehnen. Auch die Theaterwelt ist kleiner geworden, Inseln gibt es nicht mehr. Wichtig ist, dass es heute gute Assistenten gibt. Die Komische Oper ist da sehr gut ausgestattet. Natürlich kommt auch Kupfer, wenn er in Berlin ist, und sieht sich Repertoireaufführungen seiner Inszenierungen an. Er sagt dann den Assistenten, was probiert und was umbesetzt werden muss.
In einer anderen Fernsehsendung hat Herr Kupfer gesagt, dass es ihm am liebsten sei, wenn sich bei einer Premiere „Buh!“- und „Bravo“-Stürme einen erbitterten Wettstreit lieferten, weil das beweisen würde, wie lebendig Oper heute noch ist. Das Höchste der Gefühle sei für ihn zu erleben, wenn als unmittelbare Reaktion auf seine Werkinterpretationen zwei ältere Damen mit ihren Handtaschen aufeinander losgingen. Deckt sich diese Intention noch mit den Ideen Walter Felsensteins?
Kupfer wird mit Widerspruch gut fertig. Wenn er von seiner Arbeit überzeugt ist, geht er nicht davon ab.
Felsenstein hat überhaupt nur einmal „Buh“-Reaktionen erlebt, beim Gastspiel der Komischen Oper 1972 mit „Hoffmanns Erzählungen“ in Wien. Ich glaube schon, dass ihm das gerade in seiner Heimatstadt nicht sehr angenehm war. Auch die Kritiken aus Wien waren für „Hoffmann“ nicht gerade gut, teilweise aber auch ungerecht. Freilich war der „Hoffmann“ damals schon reichlich abgespielt und wurde auch kurz danach vom Spielplan genommen, während „Blaubart“ auch in Wien sehr positiv aufgenommen wurde. Mitschlechten Kritiken muss man natürlich immer rechnen und lernen, damit umzugehen. Die Kollegen, vor allem Sänger, die vorgeben, Kritik interessiere sie nicht, lügen. Keiner liest gerne schlechte Kritiken über sich. Sind Kritiken ehrlich, dann können sie hilfreich sein, auch wenn sie negativ sind. Aber der Ton macht die Musik. Es kann nicht alles gelingen. Auch Felsenstein hat nicht nur Volltreffer gelandet. Das kann keiner.
Wollte Felsenstein also Widerspruch provozieren?
Bestimmt nicht. Er wollte sein Publikum überzeugen und war tief traurig, wenn ihm das einmal nicht gelang.
Kurt Masur hat einmal gesagt, dass keiner die Komische Oper in Felsensteins Sinne weiterführen konnte. Wie glücklich oder traurig wäre Felsenstein Ihres Erachtens über die heutige Komische Oper?
Natürlich würde Felsenstein nicht über alles glücklich sein. Insbesondere mit einigen Neuinszenierungen der jüngeren Geschichte des Hauses hätte er wohl seine Probleme. Andererseits würde er aber sicherlich vieles auch bewundern, etwa Harry Kupfers Mozart-Zyklus zum großen Jubiläumsjahr 1991. An diesem vielleicht größten aller Opernkomponisten hat Felsenstein sich damals vereinzelt auch die Zähne ausgebissen. Besonders bewundert hat Felsenstein seinerzeit die Herz-Inszenierungen zeitgenössischer Opern etwa von Britten, Kurka, und Henze. Gewiss wäre er auch mit den Kupfer-Inszenierungen der Werke von Reimann, Matthus, Goldschmidt und Henze besonders glücklich. Generell gilt aber, dass sich mit den Jahren eben auch das Theater ändert.
Und was würde er zum vorherrschenden Klima, dem Ensemblegeist des Hauses sagen?
Was ich heute schlimm finde, ist die Unsicherheit, mit der viele Kollegen hinsichtlich ihres Engagements leben müssen. Die Entwicklung ist da in letzter Zeit doch etwas bedenklich. „Wer schaffen will, muss fröhlich sein“, hat schon Theodor Fontane gesagt.
Was bleibt von Walter Felsenstein?
Im Theater ist heute nichts wie gestern und nichts wird morgen so sein wie heute – das ist im ganzen Leben so. Aber alle Felsenstein-Jünger, auch Harry Kupfer, der ja kein direkter Schüler von ihm ist, aber doch vom Geist dieses Hauses entscheidend mitgeprägt wurde, sprechen immer wieder voller Hochachtung von Walter Felsenstein. Er war eben der Mann, der letzten Endes die Opernszene von Grund auf erneuerte. Sicherlich haben das vor und neben ihm auch andere Regisseure versucht, aber keiner hat das mit dieser Konsequenz und dieser Qualität, natürlich auch mit viel Geduld und Hartnäckigkeit, wirklich in die Tat umsetzen können. Das ist Felsensteins bleibendes Verdienst.
Und die Gründung der Komischen Oper Berlin, die ja zu seiner Zeit etwas ganz Besonderes war. Heute inszenieren an diesem Haus inzwischen die gleichen „Regie-Götter“, die nahezu überall inszenieren. Aber wäre es nicht vielmehr ratsam, schon um das unverwechselbare Profil dieses Hauses zu bewahren bzw. wiederherzustellen, dass ein zukünftiger Chefregisseur der Komischen Oper die „Moden“ unserer Zeit genau so kritisch hinterfragt wie Felsenstein die Konventionen seiner Zeit kritisch hinterfragt hat? Sollte in diesem „Opernhaus anderen Typs“ zukünftig auch wieder anders inszeniert werden als beispielsweise in Stuttgart, Hamburg oder an den beiden anderen Berliner Opernhäusern?
Felsensteins größte Sorge war in seinen letzten Lebensjahren die bange Frage, ob das vom ihm gegründete Opernhaus auch nach seinem Tod weiter existieren würde. Inzwischen existiert die Komische Oper schon fast so lange ohne Felsenstein, wie sie mit ihm existiert hat. Die letzten Felsenstein-Sänger werden in den nächsten Jahren ihre Sängerkarrieren beenden. Im letzten Sommer habe ich mit Andreas Homoki meine letzte Opernpremiere bestritten: als Njegus in der „Lustigen Witwe“. Ich bin zuversichtlich, dass es Herrn Homoki gelingen wird, dem Hause seine Existenz durch künstlerische Bedeutung zu sichern, wenn er das geistige Erbe Felsensteins nicht verleugnet und ein neues unverwechselbares Profil entwickelt. Dass dies gelingt, ist nicht nur meine Hoffnung, sondern wäre wohl auch Felsensteins größte Freude.
Lieber Werner Enders, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch. (Ivo Zöllner)


Anhang 3: Aus Abendspielleiterberichten über Aufführungen der Inszenierung
„Der brave Soldat Schwejk“ (Kurka) von Joachim Herz,

(welche an der Komischen Oper Berlin von 1960 bis 1964 mit dem Tenor in der Titelpartie stolze 133 Aufführungen erlebte)

(8.3.1960) ... Leider gab es eine beträchtliche Verzögerung mit der Courtine von Bild 6 zu Bild 7. Ursache: Herr ENDERS bekam die Socken für das Irrenhaus nicht an. Er war durchgeschwitzt und die weißen Socken waren zu eng und zu lang. Nach dem 14. Bild gab es beinahe Beifall – eine bemerkenswerte Selbstüberwindung des unbegreiflich stupiden Publikums. Bei der Szene mit der Notbremse hatte Herr ENDERS nicht nur das Publikum, sondern auch die Bremse selbst in der Hand: sie hatte sich von der Stange gelöst (Herr Petrick gestand resignierend: Eisen und Stahl lassen sich eben doch nicht miteinander verschweißen!). Herr ENDERS machte aus der Not eine Tugend, dass es fast noch Sonderapplaus gab – vielleicht fasste das Publikum die ganze Sache gar als einen geplanten Gag auf, so selbstverständlich reagierte ENDERS. ... (R. M.)

(29.6.1960) ... 16. Bild (Eisenbahnbrücke und Eisenbahnzug): Als Herr ENDERS den ersten Koffer fallen lassen wollte, hakte der sich an seinem Uniformrock fest. Er verlor dadurch den zweiten Koffer zuerst und das Publikum hatte den Eindruck einer überaus virtuos gespielten Panik. In Wirklichkeit aber litt der arme ENDERS Höllenqualen, weil er Angst hatte, dass alles schief gehen würde. Der erste Fehler zog den zweiten nach sich. Nachdem er die beiden Koffer glücklich los war, stellte sich heraus, dass sich der Gewehrriemen inzwischen an seiner Uniform festgehakt hatte. Unten angekommen, riss bei dem Versuch, das Gewehr abzunehmen, der Riemen, und es gab eine beträchtliche Verzögerung, bis er alles Gepäck im Zug verstaut hatte und aufsteigen konnte. Vorher stach er sich mit dem Gewehrlauf noch ins Gesicht. Das Publikum freute sich königlich, aber ENDERS kam beinahe um vor Höllenqualen – es war wirklich eine sehr ernste Situation. Das Publikum jedoch hatte, wie ich anschließend hören konnte, nichts gemerkt und fasste alles als Spiel auf. Nervös geworden und fast verzweifelt, misslang ENDERS zu guter Letzt das Aufsteigen auf den Zug: er fiel vom Trittbrett, sprang aber mit erhöhtem Lauftempo wieder auf und die Situation war gerettet. Während der ersten Hälfte der Szene im Zug benutzte ENDERS geschickt jede Gelegenheit, um den Riemen seines Gewehrs wieder anzuknüpfen. Es gelang ihm, und der „Schwejk – Marsch“ war damit gerettet. Durch die so entstandene Verkürzung der Gewehrriemens verlor er zu allem Überfluss beim Schultern des Gewehrs während des Marsches aber die Blume aus dem Lauf. Er merkte es erst, als er am Ende seines Marsches sich eben zum Schlafen hinsetzen wollte. Da die Blume ganz vorne lag, entdeckte er sie früh genug, um mit viel Humor hinzugehen und sie aufzulesen. Dann ging er zurück, setzte sich auf die Treppe und der Dirigent brachte den „Schlussrülpser“.
Dass Herrn ENDERS Schwejk eine großartige künstlerische Leistung ist, weiß jedes Kind. Wie er aber mit dieser teuflischen Kettenreaktion von Unglücksfällen fertig wurde, wie er sie kaschierte und in das Spiel einbezog, das war genial und verdient höchste Anerkennung. (R. M.)

(12.7.1960) ... Dekoration: Der Vorhang flog nebst Stange gegen Schluss des Bildes herunter und Herrn ENDERS ins Gesicht – leichte Platzwunde über dem Auge. ... (R.M.)

(3.10.1960) ... Publikum: Nach „Na, wie wär’s mit einem Lied?“ gab’s auf dem 2. Rang einen hundsföttisch gemeinen Nieser. Das ganze Publikum platzte mit einem Riesenlacher heraus – ausgerechnet in dem Augenblick, wo Schwejk ernst wird und der Song einsetzt. ENDERS kämpfte um sein Leben, und es gelang ihm, die Leute zu kriegen. ... (R. M.)

(30.10.1960) ... ENDERS: Ein Koffer fiel ins Orchester und blieb im Netz hängen. Die Musiker drückten von unten dagegen, so dass ENDERS das Gepäckstück wieder raufangeln konnte. Solche Extempores, die aus Pannen entstehen, sind – wenn man auch vorher nie weiß, wie sie ausgehen – manchmal sehr hübsch. Es ist wirklich schwer zu sagen, was in diesem Stück erlaubt und was nicht erlaubt ist. ... (R. M.)

(13.11.1960) ... Herr ENDERS / Publikum: Applaus für Schwejks Song. Er war wirklich wundervoll, aber das ist er öfter: das heutige Publikum war schlechthin großartig.
13. Bild: Herr ENDERS ergreifend, wenn der Kurat ihn an Lukasch verschachern will. Das ist einer der ganz kleinen leisen, großen Augenblicke Schwejks, von denen es ja so viele im Stück gibt und die den Maßstab für die ganze Figur setzen. Das Publikum applaudierte bereits demonstrativ in dem Augenblick, in dem ENDERS das Gewehr an den Baum hängt. Bravo, liebes Publikum! (R. M.)

(7.10.1961) ... Herr ENDERS bot seine beiden Songs so wie noch nie. Schon bei der Hauptprobe war uns die bestürzende Aktualität bewusst geworden, und es ist erfreulich, dass das Publikum sich zu dieser Aktualität bekennt, ohne sich dadurch die Lust am Spaß verderben zu lassen. Ein notwendiges Stück. (J. Herz)

(21.10.1961) ... 16. Bild / ENDERS: Ein Haken des Tornisters riss ab, so dass ENDERS große Mühe hatte, das ganze Gepäck zu schleppen. Ein Koffer fiel zwischen Laufsteg und Orchesterbrüstung in den Orchesterraum. ENDERS legte sich auf den Steg, schaute dem Koffer nach und erwartete wohl, dass ihn jemand hoch reicht. Dann richtete er sich zur Meldung an seinen Oberleutnant auf und man vernahm: „Melde gehorsamst, ein Koffer gestohlen, einer verlorengegangen!“ Daraufhin löste sich der Schreck der Zuschauer in ein befreiendes Lachen und Schwejk wurde bei der Gepäckübergabe starker Beifall gespendet. ... (A. G.)

(2.7.1964) Die letzte Aufführung unseres „Schwejk“ war gut besucht. Das Publikum wurde in seiner Bereitschaft und Aufnahmefähigkeit in wünschenswerter Weise von der Bühne aus aktiviert und amüsierte sich prächtig.
Die Qualität der Vorstellung war erfreulich gut, da die Ausdruckshöhe und die künstlerische Konzentration durchgehend vorhanden waren. Der technische Ablauf war reibungslos. Die Beleuchtung war fehlerfrei.
Das Publikum spendete viel und herzlichen Beifall. Der Inspizient ließ die Solisten zu früh abtreten, dadurch musste sich Herr ENDERS zu oft allein für den nicht enden wollenden Beifall bedanken. (A. G.)

Brief vom 2.7.1964
Lieber Herr ENDERS!
Zu dem Brief an das Ensemble – der auch an Sie gerichtet ist – möchte ich Ihnen noch einmal die Hand drücken. Mehr kann ich nicht tun, weil alle Worte, die ich versuchen würde, das verminderten und verkleinerten, was ich im Zusammenhang mit dem „Schwejk“ für Sie empfinde.
Ich glaube, ich hätte heute für meine aufrichtigen Dankes- und Anerkennungsworte an das Ensemble weniger Anlass gehabt ohne die hin- und mitreißenden Leistungen von Ihnen und Rudolf Asmus.
Seien Sie umarmt von Ihrem Walter Felsenstein.

Weitere Abendspielleiterberichte zum „Schwejk“ sowie zu den FELSENSTEIN – Inszenierungen „Orpheus in der Unterwelt“, „Der Vogelhändler“, „Die verkaufte Braut“, „Pariser Leben“, „Zar und Zimmermann“, „Die Zauberflöte“, „Eine Nacht in Venedig“ und „Die schweigsame Frau“ können Sie nachlesen im Büchlein
„ROUTINE ZERSTÖRT DAS STÜCK oder DIE SAU HAT KEIN THEATERBLUT“, das herausgegeben von Ilse Kobán und mit einem Vorwort unter dem Titel „Stallwache“ versehen von Joachim Herz anlässlich des 50. Geburtstages der Komischen Oper Berlin 1997 im „Märkischen Verlag Wilhelmshorst“ erschienen ist.

 

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Wien, 2018.10.18 02:37:37