Anja Silja im Interview, Wigmore Hall London, im Dezember
Im Rahmen der Song Recital Series der Wigmore Hall in London fand sich Anja Silja vor vollem Haus am 17.12.2004 zu einem Interview ein. Die Gesprächsleitung hatte Edward Seckerson, Journalist und derzeit Chefopernkritiker für den Independent. In einem kurzen Rückblick auf ihre Kindheit berichtete Silja, dass sie bereits mit vier Jahren Klavier spielte, dies aber hasste, und dann mit sechs Jahren ihre Begeisterung zum Singen entdeckte. So sang sie schon mit 18 Jahren die Königin der Nacht und die Zerbinetta!
Wieland Wagner- Schnell kommt das Gespräch auf Wieland Wagner, für den sie bereits mit 15 eine Audition machte und der das „Wunderkind“ mit 19 nach Bayreuth holte, wo Leonie Rysanek 1960 eine Senta abgesagt hatte. „Es gab keine andere Wahl“. Sie war damals Wieland Wagners Ideal, da sie wohl wie keine andere seine Auffassung einer intelligenten Sängerdarstellerin verkörperte. Dieser Terminus hat sich in seiner vollen Bedeutung eigentlich ja erst mit dem sog. Regietheater in den 70er Jahren heraus gebildet. Für Silja war Wieland Wagner der erste Lichtdesigner der Oper, heute nur noch vergleichbar mit Robert Wilson, der seinem Beleuchtungsstil am nächsten komme. Sie beschreibt den Enkel Richard Wagners als einen introvertierten Menschen, der praktisch nie in eine private Diskussion zu ziehen war. Er habe sich selbst nicht gemocht, und habe eigentlich gar nicht leben wollen. Nie müde werdend, habe er von 8 Uhr morgens bis spät in die Nacht gearbeitet, Proben konnten bis zwei Uhr in der Früh gehen! Er hatte die Fähigkeit, Talente sofort zu erkennen und zu fördern. Am Ende tat man das, was er wollte, aus freien Stücken, also innerer Überzeugung. Heute dagegen werde man gebeten, etwas zu tun, weiss aber nicht, warum... Mit Wieland hat sie in nur 6 Jahren 16 Rollen einstudiert und in 36 Produktionen mitgewirkt. Mit 21 war sie die jüngste Isolde aller Zeiten und schon mit 25 Brünnhilde in Osaka. Nach Wielands Tod im Jahre 1966 sang sie bis auf zwei Ausnahmen (Senta unter Klemperer und Ortrud in einer Wilson-Produktion) nie mehr Wagner.
Ihr Credo - Man muss Theaterinstinkt haben, man kann ihn nicht erlernen, und man kann Rollen nicht spielen, man muss sie sein. Sie war ja auch für die damalige Zeit eine Sängerin, die bereits grosse Betonung auf die Körpersprache legte. Silja mag keine Sänger, die vorgeben, etwas zu sein, sie müssen es sein! Man kann sie nicht dazu bringen, etwas zu machen, es muss ihr einleuchten, und dann macht bzw. ist sie es. Deshalb lehnt sie auch Meisterklassen ab. Es habe keinen Sinn, einen talentierten Sänger nur 14 Tage zu beraten. Man müsse ein junges Talent mindestens ein Jahr begleiten und entwickeln.
Vorbilder - Da nennt sie sofort Astrid Varnay und Martha Mödl. Aber auch Ruth Berghaus hat sie bewundert, obwohl sie nicht verstand, was sie machte...
Lieblingskomponisten - Für Anja Silja ist Leos Janacek der ehrlichste Komponist. Man kann mit ihm sympathisieren, wenn auch nicht immer mit den Rollen. Alles sei zu verstehen. Richard Strauss hält sie für etwas artifiziell. Den Rosenkavalier findet sie kitschig. Mozart ist für sie tatsächlich artifiziell.
Lieblingsrollen - Trotz ihres leichten Vorbehalts Richard Strauss gegenüber sang sie die Salome über 300 Mal! Aber auch die Zerbinetta und Ariadne hat sie gern verkörpert. Ihre Lieblingsrolle ist aber die Emilia Marty in Janaceks Vec Makropulos geworden, die sie nun schon 35 Jahre singt. Sie fühlt, dass sie sich mit dieser Rolle selbst verändert hat. Die Emilia Marty sei ihre Lebensrolle auch deshalb geworden, weil sie ihr die Problematik des Todes näher brachte. Durch sie hat sie erfahren, dass es wichtig ist zu wissen, was der Tod bedeutet und damit zu leben. Dabei mag wohl auch das Erlebnis des frühen Todes Wieland Wagners eine Rolle zu spielen. Auf die Frage nach ihrer künstlerischen Zukunft lässt sie das äußerst interessierte Publikum wissen, dass ihr Schauspielrollen angeboten worden seien. Dies sei allerdings nicht ihre Sache, sie würde immer die Musik vermissen.
Im Rahmen des zweistündigen Gesprächs gab es einige interessante Videoeinspielungen aus ihrer langen Karriere. Anja Silja sang auch Schönbergs sechs Orchesterlieder, die das ehemals große dramatische Potenzial ihrer Stimme erahnen liessen. Zu einem echten Höhepunkt und Abschluss des Abends wurde aber dann ihre Interpretation des Monologs der Emilia Marty aus Vec Makropulos, für die sie spontane Bravorufe erntete. Roger Vignoles begleitete die Sängerin am Klavier. Der Abend brachte trotz ihrer lesenswerten Biografie wohl noch einige neue und interessante Einblicke in dieses abwechslungsreiche Künstlerleben.Klaus Billand
