DER NEUE MERKER

Nummer 155 (22. Jahrgang, Mai/Juni - 2009)
09.05.30 22:23:08
Anton Cupak

Interview, 04/2007: Carlos ALVAREZ, „Ich will auf der Bühne nicht ich selbst sein!“

Gespräch mit Carlos Alvarez

Als in der Aufführung der „Fille du régiment“ an der Wiener Staatsoper ein dicker, kahlköpfiger Sulpice auf der Bühne erschien, haben die wenigsten Opernfreunde in ihm auf Anhieb den attraktiven spanischen Bariton Carlos Alvarez erkannt. Was den Sänger sehr freut, wie er dem „Merker“ verriet

Herr Alvarez, ein Mann aus Spanien, der einer der großen italienischen Baritone unserer Zeit ist, wird österreichischer Kammersänger. Wie fühlt man sich da?

Ich singe ja nun schon seit 12 Jahren an der Wiener Staatsoper, aber ich war völlig überrascht von der Ehre, die mir da zuteil wird. „Das ist zu viel“, habe ich zu Herrn Holender gesagt, „ich glaube nicht, dass ich das verdiene.“ Aber es ist natürlich eine Verantwortung gegenüber dem Haus, dem Publikum, der Stadt, und ich bin es ihnen und mir schuldig, immer das zu sein, was ich sein möchte, nämlich ein ganz „ehrlicher“ Sänger.

Als Ioan Holender Sie 1995 erstmals an die Staatsoper holte, Sie sangen damals Rossinis Barbier, wie wichtig war das für Sie?

Das war ein großer Schritt, in einem der wichtigsten Häuser der Welt zu sein, auch wenn es keine Premiere war, und ich war ja damals erst 29 Jahre alt. Es ist in Wien so unglaublich, dass jedermann etwas von Oper zu verstehen scheint, die Leute hinter der Bühne ebenso wie das Publikum, das sein Glück und seinen Enthusiasmus mit dem Sänger teilt. Wenn man es in Wien schafft, ist man auf alle anderen Bühnen in der Welt vorbereitet. Außerdem steht man in Wien immer in einer so großen Tradition. In den Kostümen ist ja stets vermerkt, wer sie schon getragen hat – ich war ganz bewegt, als ich einmal in ein Kostüm von Eberhard Wächter schlüpfte…

Es heißt, dass Sie Bariton-Kollegen Ettore Bastianini sehr verehren. Er hat ja bis zu seinem Tod viel an der Staatsoper gesungen. Ist Ihnen jemals eines seiner Kostüme untergekommen?

Nein, leider nicht. Mit „Vorbildern“ ist es so, dass man sie als junger Sänger als Orientierungshilfe braucht. Das bedeutet nicht, dass man sie nachahmt, aber man sieht sich ihre Karrieren an, schaut, was sie wann gesungen haben, das hilft manchmal bei Entscheidungen. So zu singen wie früher, wie man es auf älteren Plattenaufnahmen hört, wäre heute, glaube ich, nicht mehr möglich. Wir haben doch eine größere Gewissenhaftigkeit der Partitur gegenüber, und ich finde das auch richtig so.

Nun gehörten Sie zu dem „Wunderteam“, das die „Fille du régiment“ in Wien zu einem so sensationellen Erfolg gemacht hat. Was war eigentlich das Geheimnis dieser Aufführung?

Ich verstehe den Erfolg für alle anderen, nur für mich nicht. Als Holender mir sagte, dass er mich für die Rolle des Sulpice wollte, die ich in der Londoner Aufführung nicht gesungen habe und auch in New York nicht singen werde, habe ich ihn nur gefragt: „Sind Sie sicher?“ Diese Partie scheint so gar nicht zu mir zu passen und zu den Rollen, die ich sonst singe – ich kam von einer „Boccanegra“-Serie, mache dann in Wien den ersten Gerard. Aber Holender wollte es, und für mich ist eine komische Rolle mittendrin dann natürlich auch die Möglichkeit, flexibel zu sein.

Nun sind Sie auf der Bühne normalerweise derselbe gut aussehende Mann wie im Leben. Aber als Sulpice, mit Glatze und Riesenbauch, hat man Sie auf Anhieb gar nicht erkannt.

Meine Kinder haben mich auch nicht erkannt! Das ist wunderbar! Ich will auf der Bühne nicht ich selbst sein, sondern die Rolle. Als Bariton ist man ohnedies meist der Bösewicht, allerdings mit einem romantischen Flair. Ich lasse mich da ganz und gern auf die Kunst der Maskenbildner ein. Vor zwei Jahren habe ich in Spanien den Don Giovanni gesungen, es war nach dem Sommer, meine Haare waren noch länger als sonst, und dann sagte man mir: Leider, das Stück spielt in dieser Inszenierung im Spanien der vierziger Jahre, Sie müssten kurze Haare haben. Und ich sagte: Let’s do it, und die Haare kamen weg. Ich will der Charakter sein, den ich spiele, und ich tue dafür, was nötig ist. Das ist Teil des Berufs, immer.

Noch einmal zurück zur „Fille du régiment“: Weiß man als Sänger selbst, warum eine Aufführung so besonders ist?

Die Produktion war ein Glücksfall, es war ein Privileg, da dabei zu sein, auch weil Natalie eine so besondere Sängerin ist. Und Regisseur Laurent Pelly hat sofort gespürt, dass zwischen ihr und mir eine besondere Beziehung bestand. Und er begann die Regie zu ändern, hatte neue Ideen für uns, und so bekam die Aufführung neue Energie.

Sie haben in Wien ja auch immer große Möglichkeiten bekommen. Nun steht, wie erwähnt, Ihr erster Gerard in „Andrea Chenier“ bevor, nächste Spielzeit sind Sie in der Premiere von „Die Macht des Schicksals“ der Carlos…

Holender hat die Fähigkeit, einem Sänger zur rechten Zeit die rechten Partien anzubieten. Er kommt und fragt, und ich sage: Ja. Ich bin wirklich stolz und dankbar, was er für meine Karriere getan hat. Der „Don Giovanni“ in Wien war auch sehr wichtig für mich, und ebenso, dass Riccardo Muti mich gefragt hat, ob ich in Wien den Figaro singen wollte, nachdem ich bis dahin nur den Grafen gemacht hatte.

In „Don Giovanni“ waren Sie dann der Erste, der die Kostüme getragen hat…

Ja, und es ist schön, dass andere es nach mir tun werden. Ich fand die Inszenierung von de Simone mit den dauernden Kostümwechseln aus den verschiedenen Epochen übrigens sehr schön, obwohl es für uns Sänger sehr schwer war. Ich bin von der Bühne in die Garderobe gerast, habe die Arme ausgestreckt und mich einfach umziehen lassen. Und dabei musste man sich innerlich dafür vorbereiten, für die nächste Szene auf die Bühne zu stürzen. Das war nicht ganz einfach.

Herr Alvarez, Sie gelten als einer der führenden italienischen Baritone unserer Zeit. Aber ist das angesichts des Weltrepertoires auch genug?

Ja, ich vermisse nichts in meiner Karriere, ich hatte bisher immer das Glück, die richtigen Rollen – vor allem von Verdi - zu singen. Es gibt ein paar Partien, die man mir noch nicht angeboten hat, Nabucco zum Beispiel oder Amonasro, die werden sicher auch noch kommen. Und es gibt andere, auf die ich noch warte, wie etwa den Scarpia, für den ich meine Stimme derzeit noch zu sehr forcieren müsste. So wie ich vor Jahren nein gesagt habe, als Muti mich damals für den Rigoletto wollte, weil ich mich noch nicht reif dafür gefühlt habe. Aber das deutsche Fach, nach dem man mich manchmal fragt und von dem vieles auch „belcanto“ gesungen werden könnte, scheitert daran, dass ich leider die Sprache nicht spreche. Und meiner Meinung nach ist die Verbindung von Musik und Sprache viel zu eng, dass ich es riskieren wollte. Als Spanier habe ich mit Italienisch und Französisch kein Problem, aber Deutsch…

Man kann Sie also nicht überzeugen, es zu versuchen?

Ich forciere nie etwas. Wenn man selbst von etwas nicht überzeugt ist, wie will man das Publikum überzeugen? Und es muss doch klar sein, dass jede Aufführung, die auf der Bühne steht, ohnedies ein Kompromiss ist – zwischen der Ansicht des Regisseurs, des Dirigenten und jener des Sängers, wie er meint, dass er seine Partie gestalten will. Das geht nur, wenn man selbst keine Zweifel hat.

Ist es Ihnen schon je passiert, dass Sie in eine Inszenierung geraten sind, in der Sie nicht spielen wollten?

Bisher noch nie. Ich bin neugierig auf die „Rigoletto“-Produktion, die mir jetzt in München bevorsteht, ich habe gehört, dass alle außer Rigoletto und Gilda dort Affen sind? Ich muss mich jedenfalls umgewöhnen, denn wenn ich „Rigoletto“ denke, knicke ich ein und mache einen Buckel, aber dort muss ich wahrscheinlich gerade gehen… Ich erinnere mich daran, dass ich einmal in einer Spielzeit an vier verschiedenen Opernhäusern in vier verschiedenen „Macbeth“-Inszenierungen gesungen habe. Das Leben für Sänger ist heutzutage eine einzige Lektion in Anpassung. Man muss nur immer auf seinem eigenen, möglichst höchsten Niveau bleiben. Oder, wie die Callas sagte: „Ich will mit den best möglichen Leuten best möglich arbeiten.“

Wenn Sie Macbeth sind oder Jago oder andere düstere Figuren, wirkt das für Sie nach der Aufführung weiter?

Nein, ich spiele die Rollen auf der Bühne, lasse sie dort und nehme sie nicht mit nach Hause.

Apropos nach Hause, Sie haben Frau und zwei Kinder, die in Ihrer Heimatstadt Malaga leben, während Sie die übliche Sänger-Tour zwischen Wien und Mailand, New York, London, Paris, den großen Opernhäusern eben, absolvieren. Wie löst man das private Problem, dass die Familie notgedrungen zu kurz kommt?

Das ist eine Entscheidung, die man trifft, und zwar alle zusammen. Meine Kinder, sie sind jetzt 9 und 6, haben mich tatsächlich einmal gefragt, was ich täte, wenn ich mich zwischen ihnen und meinem Beruf entscheiden müsste. Ich habe ihnen gesagt, dass sie die wichtigsten Menschen meines Lebens sind, dass ich aber der Mensch, der ich bin, nur durch meinen Beruf bin, und dass sie bitte nicht versuchen sollen, ihn mir wegzunehmen. Wenn ihr mich als Vater wollt, müsst ihr mich ganz nehmen, wie ich bin. Und das haben sie eingesehen.

Das Gespräch führte Renate Wagner

 

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Wien, 2010.09.07 15:34:46