DER NEUE MERKER

Nummer 157 (24. Jahrgang, JULI/AUGUST - 2011)
11.07.03 20:53:55
Anton Cupak

Interview, 03/2003: JOHN TRELEAVEN, Ein waschechter Tristan aus Cornwall!

Anlässlich einer sehr gut besetzten “Walküre” an der Opéra de Nice (s. „Merker“ 3/03) konnte ich den bereits weithin bekannten und immer gefragteren Heldentenor John Treleaven am 26. Januar in Nizza interviewen. Wiener Opernbesuchern ist er als Lohengrin aus dem Jahre 2000 bekannt, eine Rolle, die er auch schon in Basel und Barcelona, Göteborg, Hamburg und Amsterdam gesungen hat. An der Münchner und Hamburger Staatsoper war er im Vorjahr als Walther von Stolzing. Aber für die etwas weiter Gereisten war er u.a. der Siegfried im Chemnitzer und im neuen Zürcher „Ring“ und Ende 2002 in der neuen Nürnberger “Götterdämmerung”. Jetzt gerade, während dieses Interview für den Druck vorbereitet wird, hat Treleaven als Jung-Siegfried in Tokyo debutiert.

Dabei hat John Treleaven seinen Weg zu den schweren Wagnerpartien trotz seiner Liebe zu Wagner und seines schon länger vorhandenen heldischen Grundmaterials sehr behutsam und stetig vorbereitet: Seine ersten Rollen waren im wesentlichen Don José, Cavaradossi, Hoffmann, Pinkerton, Don Carlos, Faust, der Prinz in „Rusalka“, Tamino und Strawinskys Oedipus Rex. Zu Beginn der 90ger-Jahre ging es dann weiter mit Florestan, Radames, Erik, Dick Johnson, Bacchus, Canio, Turiddu, Kalaf, Hermann und einer von ihm immer wieder sehr gern verkörperten Rolle, dem Peter Grimes, sowie auch dem Captain Vere in „Billy Budd“, dem Siegmund. Beim Edinburgh Festival sang er den Hans in der „Verkauften Braut“, Radames und Erik. An das wirklich schwere Wagner-Fach wagte er sich aber erst ab 1998: Sein Debut als Tristan fand in jenem Jahr in Trier statt, dann sang er ihn 2000 in Karlsruhe. Im Januar 2001 machte er mit dieser Rolle in Amsterdam unter Simon Rattle erneut auf sich aufmerksam! Seinen ebenfalls erfolgreichen ersten Tannhäuser gab er im Januar 2002 an der Hamburgischen Staatsoper. Mehr und mehr also ist nun das Werk Richard Wagners ins Zentrum seiner Arbeit gerückt. Gerade erst spielte er live in concert den Tristan in London mit dem BBC Symphony Orchestra unter Donald Runnicles ein. John Treleaven hat eine heldische Tenorstimme, die sich auf einem festen baritonalen Fundament aufbaut, wobei er sowohl über lyrische Phrasierungsgabe als auch über eine blendende Höhe verfügt, und dies alles bei sehr guter Technik. Sein hohes „C“ im 3. Akt der „Götterdämmerung“ ist ein Erlebnis! Seine Rollenauffassung und -Interpretation zeichnen sich durch große Emotionalität aus, die eine besondere Stärke seines Vortrags ist. Beim Tristan fehlt auch die spirituelle Komponente nicht.

Dabei gestaltete sich Johns Weg zur klassischen Musik durchaus unkonventionell: Die Großmutter hatte zwar Spaß am Singen, während der Enkel seine ersten musikalischen Erfahrungen im Kirchenchor machte. Dann aber spielte der Teenager erstmal in diversen Brass Bands das E-Moll Tenor-Horn. Wahrhaft unglaublich dann die Entdeckung seines stimmlichen Talents! Buchstäblich “out of the blue!”: Marjory Fogg, eine bereits pensionierte Pianistin vom London College of Music, hörte den jungen John beim Baden unter blauem Himmel singen, als dieser gerade eine Stelle als Staatsbeamter für die Royal Navy angetreten hatte. Da sie William Lloyd Webber persönlich kannte, bat sie ihn, sich das Nachwuchstalent einmal anzuhören. Webber bot John sofort einen Platz am London College of Music an, wo er ein Gesangslehrer-Diplom erwarb. Es folgte ein Stipendium am London Opera Centre. Alles weitere ergab sich fast wie von selber: Die English National Opera rief ihn etwa 1977 nach Liverpool zu einer „Carmen“. Dann tourte er mit ihnen als Don José („Ich lernte die gesprochenen Dialoge bei der Zugfahrt...“). Der neue Intendant der Welsh National Opera in Cardiff offerierte ihm daraufhin einen Dreijahresvertrag, sein erster Festvertrag. Hier sang er u.a. in „Nozze di Figaro“, „Madame Butterfly“, “La Traviata“, “Liebestrank”, “Zauberflöte”, “La Bohème”. Sein Debut an der Royal Opera Covent Garden gab er 1979.

Seine Lehrer? Ivor Evans war sein erster, und John bezeichnet ihn v. a. als seinen Stimmlehrer, von dem er wohl das meiste Wissen über die richtige Technik erworben hat. Auch Maestro Campanini in Neapel war für ihn sehr wichtig. Und dann James King und Jean Cox! Im Jahre 1974, also just als Cox in den siebziger Jahren der Siegfried in Bayreuth war, besuchte John das dortige Jugendfestspieltreffen und machte die Bekanntschaft mit dem großen Wagnersänger. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft ebenso wie zu Jean Cox’ Frau, der Mezzosopranistin Anna Reynolds, die bis heute anhält. Bei ihnen holt er sich regelmäßig fachlichen Rat. In jenem Sommer hörte er auch James King in einer Generalprobe auf der Bühne des Festspielhauses und erarbeitete sich später mit ihm den Bacchus. (Wir alle wissen, wie gut der Bacchus von „Jimmy“ hier in Wien war!) Aber über eines lässt John keinen Zweifel aufkommen: „Die Ausstrahlung muss man haben, die kann man nicht erlernen! Man kann sie lediglich durch gezieltes Studium verbessern und ausweiten.“

Ganz besonders hebt der Sänger die Wichtigkeit des italienischen und französischen Repertoires für den Aufbau einer Wagner-Karriere hervor. Nach seinem Engagement an der Welsh National Opera sang er am London Coliseum, also nach seinen italienischen Rollen auch bedeutende und bereits schwerere französische Partien wie in „Fausts Verdammnis“ von Berlioz, „Romeo und Julia“ von Gounod, „Manon Lescaut“ von Massenet, „Carmen“ von Bizet und „Louise“ von Charpentier. „Man muss sich erst einmal die italienische und französische Disziplin erarbeiten!“ meint er überzeugt. Er hält das italienische Repertoire gesund für die Stimme, während Wagner starke mentale und physische Kraft erfordert. Jean Cox und Anna Reynolds gemahnen ihn ständig an die Wichtigkeit, die lyrischen Qualitäten der Stimme zu pflegen. Diese Gebrauchsanweisung scheint mir auch heute noch zielführend zu sein, wenn auch dazu etwas mehr Geduld erforderlich ist. Man meint, das Ergebnis dieser Arbeit jedoch an der Geschmeidigkeit und zum Teil berührenden Lyrik der Stimme von John Treleaven ablesen zu können. Dann eine kleine, aber bezeichnende Anekdote dazu: Nach seinem ersten Tristan 1998 sang er in der Garderobe Taminos Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön,...“ es war ihm ein regelrechtes Verlangen! Ganz unprätenziös und in seiner charmanten und britisch humorvollen Art fügt er dann an, dass bereits zu jener Zeit der Ruf nach dem Wagnersänger aufgekommen sei, er aber den Stolzing, der an ihn herangetragen wurde, beharrlich vier Mal ablehnte!

John nahm diesen inneren Ruf aber dann doch sehr ernst! Er entschied sich mit seiner Ehefrau, um des besseren Lernens der deutschen Sprache willen, 1991 nach Deutschland umzuziehen. Peter Grimes war sein Debut in Mannheim im selben Jahr, gefolgt von Siegmund konzertant, Bacchus, Stolzing, Canio, Turiddu, Hermann u.a. Der Intendant Dr. Peter Brenner vom Staatstheater Mainz bot ihm sodann einen Vierjahresvertrag an seinem Hause an. John Treleaven ist sehr dankbar für die ihm in Deutschland gebotenen Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln. Er liebt die deutsche Sprache und kann sich mit Wagners hochpoetischen Texten voll identifizieren.

Richard Wagner ist John Treleavens erklärter Lieblingskomponist geworden. Mit aller Bescheidenheit sagt er: „Ich fühle mich geehrt und glücklich, unter jenen Leuten zu sein, die seine Werke wiedergeben dürfen!“ Aber wie steht ein Wagnersänger aus Cornwall zum Tristan?! Das muss doch etwas ganz Besonderes für ihn sein, oder? John Treleaven wurde in dem kleinen kornischen Fischerdorf Porthleven geboren. Er las auch die Legende von König Arthur schon als Kind und fand dennoch den Weg nach Tintagel, der Burg, zu der es Tristan und Isolde hinzog, erst in seinen 40ern! Dann aber pilgerte er oft zu den vermeintlichen zwei Grabstellen Tristans in jener Gegend und war stets sehr berührt, dort zu stehen. „Was waren wohl Wagners Gedanken?“ fragt er sich dann immer. John liebt am Tristan, den er mittlerweile schon über 35 Mal gesungen hat, die absolute Herausforderung, durch jeden emotionalen Zustand gehen zu können: die Angst zu lieben; total zu lieben, bis hin zum Wahnsinn; die Verneinung des Lebens; kurzum, eine der größten Gelegenheiten, musikalisch und intellektuell das Maximum dessen über die Rampe bringen zu können, was der darstellenden Gesangskunst möglich ist. Technisch geht er dagegen die Rolle wie jede andere an, hier ist kein Raum für Emotionen. Es komme aber stark auf die unterschiedliche Färbung der Tag- und Nachtstimmungen an, meint er, wobei er die Nachtszenen mit Isolde im 2. Akt für „ultralyrisch“ hält. Dagegen macht es ihm aber wiederum auch Spaß, die „enorme Naivität“ des Siegfried sängerisch und darstellerisch zu vermitteln. Dies gelang ihm im vergangenen Dezember in Nürnberg wirklich überzeugend. Seine hünenhafte Gestalt kommt ihm bei der Verkörperung der Wagnerschen Helden sehr entgegen.

Was hält John Treleaven vom sog. Regietheater?! Das Wichtigste ist für ihn der Respekt vor dem Komponisten und seinem Werk. „It has to be a genuine respect!“ Auf der Basis dieses Verständnisses ist vieles möglich, wenn Ohr, Auge und Herz offen sind. Wenn aber etwas total gegen den Strich geht, bzw. selbst nach langen Diskussionen unverständlich erscheint, dann zieht er es vor zu gehen. Das kam allerdings bisher noch nicht vor. Wenn jemand aber eine andere Agenda hat, sollte man sich in Acht nehmen... In diesem Kontext hält er den Chemnitzer „Ring“ von Michael Heinicke für eine völlig ehrliche Auseinandersetzung mit dem Werk bei gleichwohl hohem intellektuellen Gehalt.

Und wie steht es mit dem Interesse an der Musik des 20. Jhs. und Zeitgenössischem? Auch hier legt John Treleaven großen Wert auf die Seriosität der Arbeit des Regisseurs. Simon Rattle sprach ihn bereits auf ein solches Projekt an der Royal Opera Covent Garden an. Er würde gern einmal die „Gurrelieder“ singen und den Paul in „Die Tote Stadt“, aber es gab bisher noch keine Gelegenheit. Wenn ein Angebot in dieser Richtung kommt, wird er es in Erwägung ziehen, allein, sein Terminplan verdichtet sich zusehends mehr und mehr mit Wagner...

Und die Familie? Er hat eine ihn sehr unterstützende Frau, Roxane, die ihn überall hin begleitet und berät, zumal sie selbst 30 Jahre auf der Bühne stand. Ihr Vater war Opernsänger, ein Verdi-Bariton und großer Wagner-Liebhaber, die Mutter ist Konzertviolinistin. Das Ehepaar hat eine Tochter von 19 Jahren, die sich sehr für Mode interessiert. Wer weiß, ob das auf eine Kostümbildnerin hinausläuft? Der Sohn ist schon 21 und studiert an der Universität Mainz Englische Literatur. Er interessiert sich für Theatergeschichte und Film, also auch dies relevante Disziplinen des väterlichen Metiers, zumal die Zeit der Filmregisseure mit den kommenden „Ring“-Projekten von Lars von Trier in Bayreuth und John Lukas in Los Angeles ja bereits am Horizont aufzuscheinen beginnt. John Treleaven hält sich für einen „intensive family man“, der die Ruhe und Beschäftigung mit der Familie, die angesichts seines dichter werdenden Terminplans immer geringer wird, aber gerade auch deshalb sehr zu schätzen weiß.

Was sind die weiteren Pläne bzw. Projekte von John Treleaven? Im Mai/Juni gibt er an der Oper in Frankfurt am Main eine Tristan-Serie (9 Mal!). Ende des Jahres steht der Siegfried in Chicago auf dem Programm. Im Jahre 2004 kommen alle Siegfriede in den „Ring“-Produktionen von Tokio, Helsinki, Barcelona und Chicago. Dann will er den Kaiser aus der „Frau ohne Schatten“ einstudieren, worauf man sich wohl sehr freuen und gespannt sein kann. Er würde auch gern den Apollo in „Daphne“ und wieder Bacchus singen und hätte sehr großes Interesse am Loge. Es wäre m.E. interessant, diese so bedeutende Rolle im „Rheingold“ wieder einmal von einem echten Heldentenor gesungen zu hören, als - früher einmal einzige - Alternative zu den in dieser Rolle seit Mitte der siebziger Jahre so großartig reüssierenden Charaktertenören. Den Parsifal hat man John Treleaven in Hamburg angeboten, aber das Projekt ließ sich nicht verwirklichen. Eine Ambition für die Zukunft ist aber der Othello! Er will sich die Zeit dafür nehmen. Also, doch wieder Italienisches inmitten seiner wagnerischen Schwerpunktsetzung! John Treleaven gedenkt seinem guten Vorsatz treu zu bleiben. Die Wiener Opernfreunde werden am 1. November 2004 Gelegenheit haben, den Sänger nun auch am Ring als jungen Siegfried zu erleben!

Wir wünschen John Treleaven für seine viel versprechende Zukunft alles Gute und glauben nicht zu übertreiben, wenn wir ihn unter den großen Heldentenören der näheren Zukunft sehen. Davon gibt es ja leider gar nicht (mehr) viele. Umso mehr freuen wir uns, dass er da ist und uns noch viel Freude bereiten wird!

 

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Wien, 2013.06.19 02:26:40