DER NEUE MERKER

Nummer 157 (24. Jahrgang, JULI/AUGUST - 2011)
11.07.03 18:53:55
Anton Cupak

Interview, 09/2003: Hans-Martin NAU, "Diese ausdrucksvollen Züge"

„Diese ausdrucksvollen Züge!“
Streiflicht: Kammersänger Hans-Martin Nau
Als van Bett in der Stralsunder Hafenproduktion von „Zar und Zimmermann“ war der Bassist der Publikumsliebling und „Star“ – ein schönes und zugleich ungewohntes Gefühl für einen Sänger, der über Jahrzehnte in Solistenensembles die unterschiedlichsten, großen wie kleinen Rollen verkörpert hat, mit stets 100%igem Einsatz und großer Ausdruckskraft, aber als einer unter vielen – wo zwar die Gesamtleistung des Ensembles bewundert wurde, die Leistung des Einzelnen dabei aber wie als selbstverständlich hingenommen wurde. Nau ist ein Ensemblesänger, der sich nicht auf Kosten Anderer profilieren möchte, sondern stets das Gelingen der gesamten Produktion im Auge hat und für den dabei der Respekt vor dem aufzuführenden Werk bei allem angebrachten Humor wichtig bleibt; ein Kunstverständnis, das über das bloß Professionelle hinausweist.
Der in Wegeleben bei Halberstadt geborene heute 66-jährige Sänger wurde an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar ausgebildet und debütierte 1960 als Don Alfonso in Plauen, wo er drei Jahre im Ensemble blieb, bevor er ans Landestheater Halle wechselte. In Halle sang er vor allem Mozart (Figaro, Leporello, Papageno) und Händel (7 Partien!), aber auch schon Buffo-Rollen wie den Bartolo im „Barbier von Sevilla“. Eine weitere wichtige Partie war der Ochs von Lerchenau, mit dem er später auch in Leipzig gastierte. 1969 wechselte er nach Berlin an die Komische Oper, blieb Halle daneben aber als geschätzter Barockinterpret und Händel-Preisträger weiterhin eng verbunden. Dem Ensemble der Komischen Oper, wo er gemeinsam mit Barbara Sternberger, Günter Neumann und Siegfried Lorenz begann, gehörte Nau bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden vor einem Jahr an und ist den Haus seitdem weiterhin als Gast verbunden. Hier arbeitete er mit Walter Felsenstein (Farfarello in der „Liebe zu drei Orangen“), Götz Friedrich (Uraufführung „Noch einen Löffel Gift, Liebling?“ von Siegfried Matthus), Joachim Herz (u.a. Melitone in „Macht des Schicksals“), Wolfgang Kersten (u.a. „Deidamia“), Harry Kupfer (viele Produktionen von „Meistersinger“ bis „Titus“), Christine Mielitz (u.a. Mandarin), Andeas Homoki (Njegus in der „Lustigen Witwe“) und zahlreichen Gastregisseuren zusammen und trat in zahlreichen großen (Bartolo im „Figaro“, Warlaam, Kezal, Zar Saltan, Sparafucile, Gremin) und kleineren Rollen mitunter über 100x pro Spielzeit auf, sodass zum Gastieren wenig Raum blieb. An der benachbarten Deutschen Staatsoper Berlin sang er den Vater Schlendrian („Kaffee-Kantate“) im Apollo-Saal und den Rocco, an der Volksoper Wien 20x den Collin in „Bohème“ und im österreichischen Ossiach jahrelang den Vater in der berühmten Produktion von Brittens „Der verlorene Sohn“. Dazu kamen die zahlreichen Gastspiele mit dem Ensemble der Komischen Oper, u. a. in London und Japan. Auch wenn er in diesem berühmten Ensemble nur einer unter vielen war und (wie andere auch) nicht so oft zum Zuge kam wie erhofft und die Zusammenarbeit mit den oben aufgeführten großen Namen der Regie nicht immer ungetrübt verlief, blickt der Sänger doch dankbar auf diese Zeit zurück und rühmt den besonderen Ensemblegeist, der damals an diesem Haus herrschte. Für das Absetzen des Kupfer-„Figaros“ hat der Sänger ebenso wenig Verständnis wie für andere Entwicklungen der jüngsten Zeit an seinem Stammhaus, aber er ist glücklich und dankbar, dass er weiterhin gastweise dort auftreten darf. Und die „Alterskarriere“ der letzten Jahre mit großen persönlichen Erfolgen in teilweise winzigen Rollen – so setzte er etwa als Alter Diener in „Elektra“, Mitjuch in „Boris Godunow“ und als Haushofmeister besondere Akzente, die nicht unbemerkt geblieben sind – hat ihm viel Spaß gemacht. Jetzt wurde anerkannt, mit welcher Autorität und unbedingter Rollenidentifikation der Sänger sonst eher vernachlässigte Partien zum Leben erfüllte. Eine Wunschpartie ist bisher unerfüllt geblieben: der Frosch in der „Fledermaus“. Auch in seiner Freizeit bleibt der begeisterte Camper der Musik treu und veranstaltet Programme, etwa die höchst erfolgreichen „Bremer Stadtmusikanten“ mit selbst arrangierten eingeschobenen Songs. Hinzu kommen regelmäßige Opern- und Operettenkonzerte. Eine große und ungetrübte Freude war für ihn die jetzige Stralsunder Open Air-Produktion von „Zar und Zimmermann“ und die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Mathias Husmann, dem Regisseur Anton Nekovar und allen anderen Beteiligten. Was war das Regie-Konzept? „Dass er das so inszeniert hat, wie das gedacht war und geschrieben steht, einfach so, wie das sein muss!“, sagt Nau. Natürlich gab es auch verschiedene Gags, etwa der von einem Stuntman gedoubelte Sprung ins Wasser am Ende des 2. Aktes, und einige gesellschaftskritische Anspielungen wie Wahlplakate des sich im Wahlkampf befindlichen Bürgermeisters, aber das sei alles im Geiste des Werkes und nicht gegen diesen gerichtet gewesen. Überhaupt rät der Sänger sehr dazu, die Werke nicht auf den Kopf zu stellen, sondern so dem Publikum zu präsentieren, dass man es nicht aus den Theatern, sondern in die Theater treibt. Mögen sich auch in diesem Sinne die Wünsche des Sängers erfüllen! Ivo Zöllner
Das ausführliche Interview können Sie wieder in unserem Internet nachlesen.
Nachtrag: In diesen Tagen konnten zwei Tenöre, die sich als jahrelange Ensemblemitglieder um die Komische Oper Berlin sehr verdient gemacht haben, runde Geburtstage feiern: Kammersänger Günter Neumann (65.) am 22.8. und Kammersänger Michael Rabsilber (50.) am 8.9. – die würdigenden Streiflichter erscheinen in den kommenden Ausgaben. I.Z.


Interview mit Kammersänger Hans-Martin NAU
Von Ivo Zöllner

I. künstlerischer Werdegang
- geboren am 16.1.1937 in Wegeleben bei Halberstadt
- 1955-1960 Studium an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar
- 1960-1963 Ensemble in Halberstadt (Debüt: 1960 als Don Alfonso)
- 1963-1969 Ensemble in Halle (per Zweitvertrag bis 1975, Händel-Preisträger)
- 1969-2002 Ensemble der Komischen Oper Berlin, seitdem Gastvertrag
- Ernennung zum Kammersänger
- wichtige Partien u.a. Vater Schlendrian, Polydarte in „Giustino“ (dazu sieben
Händel-Partien in Halle; Bach- und Händel-Spezialist), Bartolo („Figaro“ und
„Barbier“), Figaro (Mozart), Leporello, Don Alfonso, Papageno, Publius,
Rocco, van Bett, Sparafucile, Kezal, Warlaam, Gremin, Zar Saltan, Colline,
Mandarin, Ochs, Haushofmeister, Vater in „Der verlorene Sohn“ (Britten)
- Wichtige Gastspiele mit dem Ensemble der Komischen Oper (u.a. Kezal in
London, „Figaro“ und „Bohème” in Japan)
- Wichtige Einzelgastspiele: Vater Schlendrian und Rocco an der Staatsoper
Berlin, Colline an der Volksoper Wien, Vater in „Der verlorene Sohn“
(Britten) in Ossiach (Österreich), Ochs in Leipzig, van Bett in Stralsund und Greifswald

II. Ausgewählte Fragen und Antworten
Sie haben hier 1969 gemeinsam mit Barbara STERNBERGER, Günter NEUMANN und Siegfried LORENZ an der Komischen Oper Berlin angefangen. Wie sind Sie aus Halle, wo Sie zuvor engagiert waren hierher gekommen?
In Halle hatte ich viel mit Wolfgang KERSTEN zu tun, der dort u.a. eine Modellinszenierung der „ZAUBERFLÖTE“ mit mir als Papageno gemacht hat, die große Aufmerksamkeit erregte. Er war fest in Halle und an der Komischen Oper, schlug mich in Berlin als Verstärkung vor und FELSENSTEIN engagierte mich als Leporello, den ich dann aber nie hier gesungen habe, obwohl mein Vortrag der Arie „Schöne Donna“ beim Vorsingen großen Anklang gefunden hatte. In Halle blieb ich dann per Zweitvertrag noch bis 1974/1975 ebenfalls fest engagiert.

Kann man sagen, dass Sie an der Komischen Oper neben zahlreichen Gastregisseuren, von denen der bedeutendste vielleicht Adolf DRESEN („EUGEN ONEGIN“) war, eigentlich mit allen wichtigen Hausregisseuren in der Geschichte des Hauses zusammengearbeitet haben? Also: Walter FELSENSTEIN, Götz FRIEDRICH, Joachim HERZ, Harry KUPFER, Christine MIELITZ und Andreas HOMOKI.

Das ist wohl zutreffend, auch wenn mein Lieblingsregisseur eben Wolfgang KERSTEN war, der dann leider das Haus verließ, was für mich natürlich ungünstig war. FELSENSTEIN war zwar mein erster Intendant, aber mit ihm als Regisseur hatte ich nicht mehr soviel zu tun. Ich habe lediglich den Farfarello in seiner „LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN“ übernommen. FELSENSTEIN war schon alt, hatte seine eigenen Leute, als Fachkollegen hatte ich Rudolf ASMUS vor der Nase und neben ASMUS, da wachsen keine Pflanzen.

FELSENSTEIN war also nicht mehr so prägend für Sie?

Als Person nicht, aber die FELSENSTEIN-Schule hat mich natürlich sehr geprägt. Schon in Weimar war ich an der Hochschule von der Schauspielerin Christa LEHMANN unterrichtet und dabei auf die STANISLAWSKI-Methodik trainiert worden, die sich von FELSENSTEIN ja kaum unterschied. Ihm ging es vor allem darum, dass der Sänger seine Stimme nicht vor sich herträgt und sich an seinem eigenen Gesang berauscht. Das Singen soll niemals Selbstzweck sein, sondern Transportmittel für die Aussage und somit notwendig. Der beste van Bett ist der, bei dem man nicht merkt, dass er überhaupt singt.
Mit Götz FRIEDRICH habe ich nur an seiner letzten Produktion am Haus, der Uraufführung von „NOCH EINEN LÖFFEL GIFT, LIEBLING?“ von Siegfried MATTHUS mitgewirkt, das war nicht schön.

Auf diese Inszenierung war FRIEDRICH selbst nicht stolz, wie er später eingestand.

Es war einfach erschreckend, wie FRIEDRICH mit den Leuten umgegangen ist. Da hatte er in den Hauptpartien Leute wie Jutta VULPIUS und Hanns NOCKER, die brauchte man bloß auf die Bühne zu stellen und dann lief das. Die beiden waren einfach ideal. Trotzdem hat er die VULPIUS gequält, dass sie heulend auf der Bühne stand.

Joachim HERZ soll auch kein einfacher Zeitgenosse gewesen sein?

Mit HERZ als Regisseur habe ich den Melitone in „MACHT DES SCHICKSALS“ gemacht, eine schöne Aufgabe, dazu eine kleine Partie in „DAS LAND BUM-BUM“, dann alternierend mit Rudolf ASMUS den Onkel in „BUTTERFLY“, der in der von HERZ gewählten Urfassung des Werkes im 1. Akt eine wichtige Rolle war, und abschließend den Swallow im „PETER GRIMES“. HERZ war manchmal ziemlich derb. Er hat keine Sänger auf der Bühne fertig gemacht, aber hat sie dann später abgesetzt.

Ein Ensemblekollege von Ihnen hat mir erzählt, dass KUPFER eine Sängerin auf eine Probe mal richtig niedergemacht hat, als sie, die zu der Zeit auch an der Deutschen Oper zu tun hatte, ihn zehn Minuten vor Ende der Probe fragte: „Chef, kann ich schon gehen?“

Dazu kann ich nichts sagen, da war ich nicht dabei gewesen, aber dann muss sie das vielleicht etwas ungeschickt eingefädelt haben, denn für mich war es mit KUPFER, wenn man denn dran war, das schönste Arbeiten. Ich habe überhaupt selten erlebt, dass ein Sänger richtig fertig gemacht wurde. Das schlimmste Beispiel, an das ich mich erinnern kann, war Horst-Dieter KASCHEL als Tschelio in den „ORANGEN“ bei FELSENSTEIN: der arme Kerl stand dann da in seiner Loge, vollkommen zu Staub zermalen und wieder aufgebaut. Das hat einen schon sehr mitgenommen. Das haben sich ASMUS, ENDERS und NOCKER nicht gefallen lassen. Im „SOMMERNACHTSTRAUM“ waren die Komödianten frei, aber die Liebespaare, KREYSSIG und so, die hat er ziemlich geschunden. Letztlich habe ich zu FELSENSTEIN persönlich keine große Beziehung aufbauen können und mir kam schon in diesen ersten Jahren ein Spruch in den Sinn, der dann auch unter seinen Nachfolgern oft Gültigkeit behalten sollte: „Immer wenn der Chef lachend auf mich zukommt, steht einer hinter mir, den er meint.“

Warum ist der so erfolgreiche Regisseur HERZ hier als Intendant gescheitert?

HERZ hat immer und wegen allem Rücktrittsdrohungen eingereicht und irgendwann haben die dann mal genug gehabt und angenommen. Wir haben ja von alldem nichts mitgekriegt, aber so wurde mir das mal erzählt von einem, der es wissen muss.

Aber es muss doch auch Gründe gegeben haben, die fühlbar und greifbar waren, oder?

Es herrschte in jenen Jahren keine gute Stimmung am Haus. Irgendwie hat er es immer geschafft, sich mit allen gleichzeitig zu verkrachen. Auf den Proben hat er zum Beispiel verlangt, dass man, wenn man flach, auf dem Bauch liegt, plötzlich senkrecht aufspringt. Er hat nicht kapiert, dass das nicht geht, dass man sich irgendwo abstützen muss. Und beim „GRIMES“ hatte er dann soviel auszusetzen, dass er am liebsten die Premiere verschieben und dadurch seine Intendanz verlängern wollte. So etwas hatte er auch drauf!

Sie haben gesagt, das es mit KUPFER das schönste Arbeiten war, wenn man dran war. Wie meinten Sie das? Sie haben doch einiges mit ihm gemacht, oder?

Ja, aber die ganz große Liebe war es anfangs nicht und als nicht exponiertes (also etwa im Unterschied zu Rudolf ASMUS!) Ensemblemitglied hatte man es immer schwer die Rollen zu bekommen, die man gerne singen wollte. Mein lieber Kollege Hans-Otto ROGGE sagte dazu einmal: „Wenn wir kommen, dann sagen die gleich: Der schon wieder!“
Den Kezal, der mir sehr gelegen hat, durfte ich die erste Zeit gar nicht singen, sondern immer nur den Tobias Micha, der tückisch liegt und sehr undankbar ist. KUPFER hat mit mir als B-Besetzung zwar den Kezal geprobt, aber nie das Duett, damit ich nicht einspringen konnte, bis es dann irgendwann doch mal nötig wurde und ich aus dem Orchestergraben sang. In seiner Antrittsinszenierung „MEISTERSINGER“ hätte ich zum Beispiel gerne mal den Pogner gesungen, aber da war nicht dran zu denken, es wurden Gäste geholt und mir blieb der Ortel. Ein Jahr vor „ZAR SALTAN“ wurde mir ein beantragter Urlaub verweigert mit der Begründung: „In dieser Zeit singst du eine große Rolle!“ Als die Produktion heranrückte, hieß es, Hans FRANZEN singt den Saltan. Als er dann plötzlich und unerwartet eine Woche nach der Premiere starb, musste ich die Partie binnen sieben Tagen einstudieren, das Debüt klappte auch ganz gut, bis ich im Schlussbild plötzlich das Taschentuch, die wichtigste Requisite in dieser Szene, welches mir im Ärmel runtergerutscht war, nicht zu fassen und dadurch kurzzeitig heraus kam. Da war was los! Ich habe dann in den Folgeaufführungen das Taschentuch immer an einer Ecke mit den Fingern gehalten, damit dass nicht noch mal passieren konnte. Den Saltan habe ich dann sehr oft und gerne gesungen, bis dann immer mehr Gäste dafür engagiert wurden. Bei den „BANDITEN“ war ich der Finanzminister Antonio als B-Besetzung hinter Rudolf ASMUS. Die Rolle war mir wie auf den Leib geschneidert. Trotzdem wurde immer wieder gemeckert und gekrittelt, das war schon manchmal sehr belastend. Gut war meine Zusammenarbeit mit KUPFER als Sparafucile im „RIGOLETTO“ und als Warlaam im „Boris Godunow“, eine grandiose Produktion, nicht nur wenn man bedenkt, was für ein „BORIS“ danach ans Haus kam, aber so richtig gut verstanden habe ich mich mit KUPFER erst in den letzten Jahren, wo er ganz begeistert war von meinem Alten Diener in der „ELEKTRA“ und vom Publius im „Titus“. Den Frosch hätte ich auch gerne gemacht und habe das auch vorgeschlagen, aber das hieß es gleich: kommt überhaupt nicht in Frage; und als dann Harald JUHNKE dafür besetzt wurde, war mir natürlich klar warum.
Der hat es ja dann nie gemacht, die ersten Jahre machte es Otto SANDER, dann kam Dieter MANN dazu, jetzt macht es Werner ENDERS. Die Produktion wird ja sicherlich noch eine Weile laufen, vielleicht klappt es ja noch.
Das wäre natürlich sehr schön, denn in meinem Alter kann man keine großen Karrierepläne mehr schmieden und so ist der Frosch wirklich die einzige Wunschpartie, die ich noch habe. Und am eigenen Haus wäre das natürlich fantastisch.

Letztlich kann man aber doch sagen, dass Kupfer der wichtigste Regisseur für Sie in Berlin war, schon allein quantitativ.

Absolut. Natürlich war er manchmal auch stur, aber das waren Kleinigkeiten, im Prinzip war die Zusammenarbeit mit ihm sehr schön.
Sehr schön war auch die Zusammenarbeit mit Christine MIELITZ, vor allem bei ihrer letzten Produktion „TURANDOT“. Da war sie sehr zufrieden und ich war ganz stolz, dass sie wollte, dass ich den Mandarin alleine singe. Bei der Premiere habe ich am Beginn geschmissen, der Dirigent Vladimir JUROWSKI hat das mit dem Orchester so geschickt ausgeglichen, dass es keiner gemerkt hat. Die letzten Jahre im Ensemble habe ich eigentlich sehr genossen: Rollen selbst kleinsten Umfanges wie den Alten Diener, den Mitjuch oder den Morpheus mit großer Ernsthaftigkeit zu verkörpern und so auf die Bühne zu bringen, dass man diese Rollen bemerkt, das liegt mir und hat mir großen Spaß gemacht. Bei HOMOKI habe war ich die B-Besetzung für zwei Rollen in seiner „LUSTIGEN WITWE“ und durfte zuerst nicht mitproben, aber den Njegus habe ich dann auch mit ihm persönlich geprobt. Meine Lieblingsrolle der letzten Jahre war der Haushofmeister in der von LAUFENBERG inszenierten „ARIADNE“, eine schöne und dankbare Aufgabe.

Ich habe schon herausgehört, dass sich in diesem Ensemble auch nicht jeder mit jedem blendend verstanden hat. Gab es an der Komischen Oper trotzdem den so oft beschworenen besonderen Ensemblegeist?

Aber ja! In jeder Familie gibt es auch mal kleinere Gewitter und wir waren eine große Familie, aber wir waren eben eine Familie! Gegenseitige Intrigen waren von unserer Warte aus völlig ausgeschlossen.

Gibt es diesen Ensemblegeist heute noch?

Nun gut, ich bin ja nun seit einem Jahr nicht mehr im Ensemble, aber es gab das wunderbare „FIGARO“-Ensemble mit u.a. Dagmar SCHELLENBERGER, Christiane OERTEL, Christiane BACH-RÖHR, Roger SMEETS, dann das Ensemble der „VERKAUFTEN BRAUT“ mit Sabine PASSOW, Michael RABSILBER, Andreas CONRAD, das „BOHÈME“-Ensemble mit Günter NEUMANN, Klemens SLOWIOCZEK und vielen anderen, nicht zu vergessen das „GIUSTINO“-Ensemble mit SCHELLENBERGER, RABSILBER, NEUMANN und natürlich Jochen KOWALSKI, also einige wunderbare Produktionen am Haus, in denen das Auftreten mit zumeist den gleichen Kollegen ungeheuren Spaß gemacht hat, zumal das Echo auf gerade die genannten Produktionen bei Publikum und Presse ja geradezu überwältigend war, nicht zuletzt bei den zahlreichen Gastspielen.

An die Zusammenarbeit mit welchen Dirigenten erinnern Sie sich besonders gerne?

Natürlich an unseren Professor Rolf REUTER, zuletzt aber auch an Matthias FOREMNY. Das ist ein großer Verlust, dass wir den haben gehen lassen. Eher hätte man ihm die Leitung des Hauses antragen sollen!

Wie beurteilen Sie die künstlerische Entwicklung der Komischen Oper in jüngster Zeit?

Schwierig! Einerseits bin ich glücklich und dem Haus und seiner Leitung dankbar immer wieder als Gast für kleinere Partien geholt zu werden! Andererseits verstehe ich vieles nicht und sehe einige der jüngsten Entwicklungen durchaus kritisch. Es taumelt alles so vor sich hin.

Können Sie verstehen, dass der KUPFER-„FIGARO“ jetzt abgesetzt wird?

Überhaupt nicht! Aber ich habe auch schon die Umbesetzungen im letzten Jahr nicht verstanden. Ich finde das unmöglich.

Gab es zur Verpflichtung von Andreas HOMOKI als KUPFER-Nachfolger Alternativen und wurden solche diskutiert?

Ich kann mich nicht erinnern. Als KUPFER ging, war HOMOKI doch schon da. Vielleicht gab oder gibt es auch gar keine Alternativen.

Christine MIELITZ? Johannes FELSENSTEIN?

Dass MIELITZ hier völlig raus ist, finde ich sehr schade. Und Johannes FELSENSTEIN könnte man ruhig mal holen, es muss ja nicht als Chef sein, aber er könnte zum Beispiel Modellinszenierungen von „BLAUBART“ oder „ANATEVKA“ nach seinem Vater machen und das Haus so auf die Erfolgsspur zurückholen. Das kommt an, das wollen die Leute sehen. Die Berliner Staatsoper hat es ja mit ihrer „ZAUBERFLÖTE“ in den Bühnenbildern von Karl-Friedrich SCHINKEL vorgemacht, da sind die Leute ganz scharf drauf.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Regietheaters und die offensichtliche und beim Publikumsgespräch nach dem letzten „FIGARO“ am 10.7. wieder deutlich zu Tage getretene zunehmende Entfremdung zwischen Machern und Publikum, sowohl generell als auch gerade an diesem Haus?

Das Publikum will die Opern so sehen, wie sie gedacht waren, das ist meine tiefe Überzeugung. Ich finde „FREISCHÜTZ“ ohne einen Baum unmöglich! Wir sind begeisterte Camper. Wenn Sie einmal nachts durch den Wald gehen, dann wissen Sie, was im „FREISCHÜTZ“ wichtig ist. Sie erleben dann die Bedrohung und die Stresssituation des Max hautnah. Mir ist auch ein Rätsel, wie man den „VOGELHÄNDLER“ so in den Sand setzen kann wie hier geschehen.

Ihr langjähriger Ensemblekollege Günter NEUMANN hat kürzlich in Lüneburg sein Debüt als Opernregisseur gegeben. Könnten Sie sich ebenfalls vorstellen selbst Regie zu führen?

Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass das jetzt noch kommen wird, aber ich würde es auch nicht total ausschließen wollen.

Wie sehen Sie die Zukunftsaussichten der Komischen Oper?

Vielleicht wird es früher oder später doch eine ausschließliche Konzentration auf die heiteren Stücke bzw. die Operette geben.
Schon KREIZBERG hatte kaum noch Zeit für uns. Bei einem HOMOKI in Personalunion wird das kaum anders werden, insbesondere wenn er nur für eine Neuproduktion pro Spielzeit hier ist.

Liegt die Oper heute im Sterben?

Das finde ich gar nicht, wenn man sie denn richtig macht.

Macht man sie noch richtig?

Nein. Insofern wird es in Berlin irgendwann wohl nur noch ein Haus geben und auch dort wird das Publikum irgendwann wegbleiben, wenn man ihm weiterhin so vor den Kopf schlägt.

Was ist an der Komischen Oper von FELSENSTEIN geblieben?

Nichts mehr.

Und was sollte von KUPFER bleiben?

Vieles! Sein „FIGARO“, seine „BOHÈME“, sein „ZAR SALTAN“ usw.

Die erfolgreichen Ensemblegastspiele der Komischen Oper etwa in München, Wien, Amsterdam, London und Japan haben wir schon angesprochen. Wie sah es bei Ihnen mit Einzelgastspielen aus?

Schlecht. Ich war hier so eingebunden, ich konnte hier einfach nicht weg. In meiner letzten Spielzeit als Ensemblemitglied stand ich an 111 Abenden auf der Bühne der Komischen Oper und auch in Jahren davor waren es nicht selten 80 oder 90 Abende pro Spielzeit. Wann hätte ich da noch gastieren sollen? Ich habe allerdings den Ochs in Leipzig gesungen und ein paar Jahre hindurch an der Deutschen Staatsoper Berlin den Rocco und, im Apollo-Saal, den Vater Schlendrian. An der Volksoper Wien habe ich zudem als Colline gastiert und im österreichischen Ossiach über 15 Jahre hinweg in einer Kirche den Vater in einer bezaubernden Inszenierung von BRITTENS „DER VERLORENE SOHN“ mitgewirkt. Ansonsten habe ich viele Konzerte gesungen und trete noch heute gerne regelmäßig bei Gala-Konzerten mit Arien aus Opern und Operetten auf, als Sarastro oder Kezal, Zsupan oder Ollendorff. Auf unserem Campingplatz mache ich seit einigen Jahren jeden Sommer ein Solo-Programm: „DIE BREMER STADTMUSIKANTEN“. Dazu habe ich das GRIMM-Märchen auswendig gelernt und für die Tiere Songs herausgesucht und bearbeitet. Man kann sich nicht vorstellen, wie das die Leute ansaugt.

Ihre letzte große Rolle war der van Bett in Stralsund. War das ihr Debüt?

Kurioserweise habe ich den van Bett vor einigen Jahren ebenfalls hier in Stralsund (und Greifswald) gesungen, damals natürlich im Theater. Man muss wohl zufrieden gewesen sein und hat sich an mich erinnert?

Die diesjährige Sommerproduktion hatte eine große Resonanz, sogar das ZDF hat berichtet. Was war das Besondere an dieser Operninszenierung?

Dass ich sozusagen in Freiheit „dressiert“ wurde. Eine Freiluftaufführung im Stralsunder Hafen, die Bühne ein Schiff, es war eine wunderbare Produktion und eine sehr harmonische Zusammenarbeit mit den Kollegen und allen Beteiligten, besonders mit dem wunderbaren Dirigenten Mathias HUSMANN und dem Regisseur Anton NEKOVAR.

Wie sah die Konzeption des Regisseurs NEKOVAR aus?

Dass er das Stück so gemacht hat, wie es geschrieben steht. Natürlich gab es auch eine ganze Reihe von „Gags“, um die Komische Oper zur Komischen Oper zu machen: Zu Beginn stimmt der Dirigent die Zimmerleute auf den richtigen Takt ein, nach der Schlägerei am Ende des 2. Aktes wird der Bürgermeister – Gott sei Dank nicht ich, sondern ein Double! – über Bord ins Wasser geschmissen. Aber solche Gags nur wenig und gezielt.

War die gesellschaftskritische Seite der Oper, der aufgeblasene Bürgermeister van Bett als Karikatur deutscher Spießbürgerlichkeit, dabei präsent?

Aber ja. So hing dort zum Beispiel ein Wahlplakat: „Wählt van Bett!“ – der Gute war zu allem Überfluss auch noch im Wahlkampf, musste sich um seinen Posten sorgen, die Auftrittsarie erinnert doch auch sehr an heutige Wahlkampfreden. Und im Schlussdialog, wenn ich auf den Satz: „... die Nichte des vertrottelten Bürgermeisters“ hin einzuwerfen habe: „Das bin ich!“, wollte ich das erst ganz betreten bringen, aber HUSMANN, ein unwahrscheinlich guter Mann, hat mich davon überzeugt, es mit vollen Stolz und aus vollem Hals einzuwerfen, eben als Karikatur.

Ist es nicht eine Schande, dass „ZAR UND ZIMMERMANN“ an der Komischen Oper Berlin seit einem halben Jahrhundert, als FELSENSTEIN es selbst inszeniert hat, nicht wieder gemacht wurde?

Natürlich ist das sehr schade, ich hätte das gerne in Berlin gemacht.

KOWALSKI hat mal in einem Radiointerview gesagt, dass er als Intendant viel mehr LORTZING spielen würde.

Natürlich. Auch „WILDSCHÜTZ“ ist ein tolles Stück.

Wurde in Stralsund der normale Dialog gespielt?

Der normale Dialog. Es war eine sehr schöne Produktion, die ich sehr genossen habe.

Lieber Herr NAU, ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.

Bitte, bitte

 

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Wien, 2018.11.18 12:49:30