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Ausgabe

24. Jahrgang
JULI/AUGUST - 2011
Nr. 157
- - - - -
Anton Cupak
03.07.2011 20:53:55

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Presse

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Kritiken

Aktualisiert: 

18.09.2011 18:02:21

Oper „Der Tod und das Mädchen“ von Alfons Karl Zwicker. Schweizer Erstaufführung in St. Gallen (Premiere: 17. 9. 2011)

Das Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ zählt mit Sicherheit zu den populärsten Werken von Franz Schubert. Die von Gustav Mahler erstellte Fassung für Streichorchester wurde bei den diesjährigen Salzburger Festspielen von den Wiener Philharmonikern unter Franz Welser-Möst aufgeführt und nun kam es im Theater St. Gallen zur Schweizer Erstaufführung der Oper gleichen Namens, in der Schuberts Melodien eine nicht unbedeutende Rolle spielen.

Bemerkenswert ist die Entstehung der Oper, die auf dem Drama gleichen Namens des US-chilenischen Schriftstellers Ariel Dorfman basiert und deren Libretto Daniel Fuchs verfasste. Im Jahr 2003 erhielt der 1952 in St. Gallen geborene Komponist Alfons Karl Zwicker von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia einen Kompositionsauftrag und 2004 von der Ernst von Siemens-Musikstiftung einen Förderbeitrag. Die Uraufführung der Oper fand am 4. Dezember 2010 in Dresden- Hellerau statt.

Die Handlung: Paulina wurde als junges Mädchen von einem Arzt mehrmals vergewaltigt und grausam gefoltert, als sie wegen ihres politischen Engagements gegen das totalitäre Regime ihres Landes inhaftiert war. Weil er ihr damals das Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ vorspielte, kann Paulina Schuberts Musik nicht mehr von den sie belastenden Erinnerungen trennen. Ihr politischer Mitstreiter und späterer Ehemann Gerardo Esteban, dessen Name sie in den Verhören nie preisgegeben hatte, wird vom Präsidenten seines Landes zwanzig Jahre später mit der Leitung einer Untersuchungskommission zur Aufklärung der früheren Menschenrechtsverletzungen betraut. Als Gerardo am Nachhauseweg von dieser Ernennung bei einer Autopanne an den Arzt Roberto Miranda gerät, der noch am späten Abend überraschend bei den Eheleuten in deren Haus am Meer auftaucht, glaubt Paulina, in ihm ihren damaligen Peiniger wiederzuerkennen. Obwohl sie die Folterungen mit verbundenen Augen über sich ergehen lassen musste, erinnert sie sich an seine Stimme, an seinen Geruch und an seine Vorliebe für die Musik Schuberts und ist fest entschlossen, sich an ihm zu rächen. Roberto nimmt Gerardos Angebot an, über Nacht zu bleiben. Paulina schlägt den schlafenden Roberto bewusstlos und knebelt ihn. Als sie Roberto beschuldigt, ihr Vergewaltiger zu sein, nimmt ihr Ehemann die Position des Anwalts ein und verteidigt den Arzt, der behauptet, Paulina noch nie zuvor gesehen zu haben. Paulina stellt Roberto vor die Alternative: Geständnis oder Tod. Gerardo rät ihm, zu gestehen. Roberto legt sein Geständnis ab, wobei er einen von Paulina absichtlich falsch genannten Namen eines Folterknechts korrigiert. Nun hat sie keinerlei Zweifel mehr.

In entscheidenden Momenten der Handlung stützte sich die feinnervige Musik des Komponisten auf Fragmente des berühmten Streichquartetts „Der Tod und das Mädchen“. Schuberts Klänge wurden in der emotionsgeladenen Partitur Zwickers, die mit extremen Mitteln die einzelnen Szenen der Oper illustriert, allerdings stark verfremdet. Dennoch konnte man sie immer wieder heraushören. Jeder der drei Figuren wurde eine leitmotivische Struktur zugeordnet, wie der Komponist in der Einführung zur Opernpremiere erläuterte.

Nicola Raab, dem Wiener Opernpublikum aus vielen Regiearbeiten an der Wiener Kammeroper und der Neuen Oper Wien gut bekannt, „konzentrierte sich in ihrer Inszenierung auf die zwischenmenschlichen Verstrickungen innerhalb dieser Dreieckskonstellation sowie auf die grundlegende Frage nach dem Verhältnis von Opfer und Täter“, wie sie in einem im ausgezeichnet illustrierten Programmheft abgedruckten Interview berichtet. Sie entschloss sich auch, in der St. Galler Produktion den Arzt von Paulinas Ehemann Gerardo erschießen zu lassen, obwohl das Libretto den Schluss offen lässt.
Für die äußerst karg gehaltene Bühne und für die neuzeitlichen Kostüme zeichnete Alexandra Burgstaller verantwortlich, für die kreative Videographie – sie bot dem Publikum in Filmsequenzen immer wieder düstere Rauchschwaden und Meeresimpressionen an – David Haneke.

Die von den quälenden Erinnerungen gepeinigte Paulina wurde von der kanadischen Mezzosopranistin Frances Pappas sehr eindringlich dargestellt. Ihren Wunsch nach Rache und Selbstjustiz stellte sie kraftvoll und ausdrucksstark auf die Bühne, leider war ihre Wortdeutlichkeit so gering, dass nur Bruchstücke ihres Textes zu verstehen waren. Es war das eindeutig größte Manko dieser an sich fesselnden Aufführung, dass sie ohne Übertitel gezeigt wurde! Gut verständlich hingegen war Andreas Scheibner als Ehemann Gerardo Escobar, der sich mit seinem klaren und kräftigen Bariton auch gegen „ausufernde“ Töne des Orchesters zu behaupten wusste. Dass der Tenor Hans-Jürgen Schöpflin bei geknebeltem Mund kaum hörbar war, lag mehr an der Rolle als an seiner Stimme. In der Darstellung des Arztes Roberto Miranda überzeugte er vor allem durch seine „sprechende“ Mimik. Der auf der Bühne unsichtbar bleibende Chor des Theaters hatte die Klagelaute der Opfer zu vermitteln (Einstudierung: Michael Vogel).

Das in großer Besetzung spielende Sinfonieorchester St. Gallen war im Hintergrund der Bühne positioniert, was einen mystischen Effekt erzielte. Unter der Leitung von Jonathan Stockhammer gab es die exzessive Partitur, die von grausamen Folterklängen der Schlagwerkinstrumente bis zu quälenden Geräuschen der Streicher reichte, bestmöglich wieder. Das von diesem musikalischen Psychodrama begeisterte Publikum würdigte die Leistungen aller Akteure und des Regieteams mit nicht enden wollendem Beifall und feierte besonders den Komponisten Alfons Karl Zwicker und den Textdichter Daniel Fuchs.

Udo Pacolt, Wien – München

WIEN: GLORIATHEATER: „DER HOFRAT GEIGER“ am 17.9.2011

Ich beginne mit einem Geständnis., ich hatte immer große Einwände gegenüber WALTRAUD HAAS. Ich nehme alles zurück und bitte um Entschuldigung. Sie ist eine solche Vollblutschauspielerin, ein echtes Bühnenviech wie man es selten erlebt, und nur so kann man in nicht mehr jugendlichen Jahren so eine Leistung bringen. Dieses Stück begleitet die Schauspielerin ein Leben, zuerst das junge „Mariandl“, dann die Mutterrolle und nun die „böse Alte“ (die Wirtin Windischgruber, im Film eine komische Männerrolle) die sie mit einem Mut und Humor zum Alterungsprozeß spielt ist bewunderungswert.

Das musikalische Lustspiel wurde nach dem Regiekonzept des verstorbenen ERWIN STRAHL von beider Sohn MARCUS STRAHL umgesetzt. Sehr gut die filmische Gestaltung der hektischen Reiseszenen nach Spitz an der Donau, ein sehr gelungener Sleppstick.

In der Titelrolle konnte man sich über KURT SCHREIBMAYER freuen, der nun eine Schiene für feines Boulevardtheater gefunden hat. Gerne erinnert man sich an seine hervorragenden Abenden an der Wiener Volksoper, speziell bei den Werken von Zemlinsky, dem er mit seinem kongenialen Partner Wicus Slabbert an der Seite zu kleinen Sternstunden verhalf. Er spielt den feinen Frauenhelden, der zum verliebten Vater moutiert mit so viel Feingefühl und Charme, der sehr zu Herzen geht. Der Hausherr GERLAD PICHOWETZ ist ein köstlich böhmakelnder Lechner, der auch seine Lieder, sehr musikalisch vorträgt.

DOROTHEA PARTON ist eine sympathische Marianne Mühlhuber, auch sie trägt ihre musikalischen Beiträge, Melodram mit dem Hofrat wunderbar vor. SUSANNA HOHLRIEDER ist ein flottes süßes Mariandl mit kecken Zöpfen. Ihr Hans wird von VALENTIN FRANTSITS ohne Pathos eher resch gespielt. Auch die beiden haben mit der Singerei keine Schwierigkeiten.

Köstlich ROBERT NOTSCH als grobschlachtiger, leicht dümmlicher Sauhändler Pfüller. Ramsenthaler, ein Gast der um sein Goulasch und Bier urgiert war JÜRGEN GRILL.

Wunderschön das Bühnenbild von DIETMAR MATEJCEK, sowie die zum Stück passenden Kostüme von ANNA DORNHOFER.
Auch das Orchester des Gloria Theaters unter HERWIG GRATZER, ein erweitertes Quartett spielte excellent und begleitete alles Singschauspieler perfekt.

Das Theater war voll besetzt, der Applaus länger als in der Staatsoper, der Prinzipal kann sich freuen.

Man kann nur sagen, hingehen und ansehen. Das griechische Lokal vis a vis ist für nachher sehr zu empfehlen. Gute Küche und rasche freundliche Bedienung.
Elena Habermann

WIEN: Theater Spielraum, Premiere am 16.09.2011 „Jobs“ von Helga Leitner

Es ist leichter, sich krank zu arbeiten, als durch Faulheit die Gesundheit zu verlieren.
Harald Porzer 1947

Ein aktuelles Thema, das die Menschen ein Leben lang verfolgt, oft sogar in die Armut und in den Wahnsinn treibt. Ein Thema, das aktueller wohl kaum sein könnte, mit dem sich die Autorin und Schauspielerin Helga LEITNER auseinandergesetzt hat. Hier geht es um die Ausbeutung von Arbeitskräften, die wirtschaftliche Versklavung, um Lohndumping, um betrügerische Unternehmungen, um Jobs die im Grunde genommen Niemand haben will, und sich doch am Ende prostituieren muss, um zumindest die Miete zahlen zu können, oder nicht verhungern zu müssen.
Hier geht es um Jobs, wo man als Tellerwäscher mit Erfahrung, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu wenig hat, und wo Menschen mit akademischer Ausbildung überqualifiziert, für gewöhnliche Arbeit untauglich, und aus dem normalen Arbeitsbereich ausgeschlossen werden.

Eine Lehrerin, gespielt von Andrea NITSCHE und eine arbeitslose Schauspielerin, gespielt von Petra JEUP können ein Lied davon singen,
wenn sie die täglichen Zeitungsinserate studieren, wo die meisten Angebote gleich in den Papierkorb landen, weil sie entweder so schlecht bezahlt, oder auf prozentuelle Basis im Ernährungs- und Wellnessbereich den großen Erfolg versprechen, der doch mehr einer Illusion als der Realität entspricht. Mit derartigen dubiosen Erfolgsversprechungen werden gerade Arbeitslose nicht nur für dumm verkauft, sondern geraten meistens noch mehr in die Schuldenfalle. Da wäre vielleicht noch der Job bei einer Sexhotline, doch wie verwerflich, nein, und so tief wollen unsere verzweifelten arbeitsuchenden Damen doch nicht sinken. Da könnte man doch gleich auf den Strich gehen, so unsere arbeitslose Schauspielerin, die nicht einmal mehr die Stromrechnung bezahlen kann.

Die Lehrerin, momentan als Klinkenputzerin tätig, ist ebenso deprimiert, und hat schon alle Hoffnungen verloren, überhaupt noch einen Job als
Lehrerin zu finden. Nun, selbes Leid – geteiltes Leid! Und so freunden sich beide miteinander an, die arbeitslose Schauspielerin und Lehrerin. Sie versuchen sich gegenseitig Mut zu machen, teilen die schmale Kost miteinander, leben in einer Wohngemeinschaft, und wollen sich noch lange
nicht unterkriegen lassen.

Gemeinsam jobben sie als Serviererinnen in einem Bierlokal, werden dort als Arbeitskraft bis zur Erschöpfung ausgebeutet, und das zu einem geringen Lohn, der gerade einmal zum überleben reicht. Und doch gelingt es den Beiden, zwar nur kurz aus der arbeitlosen Misere herauszukommen. Unsere Schauspielerin bekommt ein Engagement an einem Provinztheater, und auch die Aussicht auf eine Lehrstelle für die Freundin klingt vielversprechend.
Doch am Ende landen sie dort, wo sie bereits schon einmal begonnen haben. Der ewige Teufelskreis einer ständig arbeitsuchenden Gesellschaft, und die ewige Angst seinen Job zu verlieren. Eine grausame, und vor allen Dingen widersprüchliche Welt, wo auf Grund der kapitalistischen Industrialisierung die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Ein durchaus auch mahnendes Stück von Helga LEITNER, das einen nachdenklich macht und unter die Haut geht. Eine Ironie des Schicksals, mit einigen humorvollen Floskeln von Günther V. WLACH in Szene gesetzt.
Doch wer kann schon lachen darüber, wenn es einen vielleicht früh oder später selbst betrifft. Wo der bürokratische Mechanismus eines Staates einfach nicht mehr funktioniert, weil sowieso schon alles drunter und drüber in dieser Welt geht, und weil Arbeitslose gesellschaftlich nicht nur zu den Ausgestoßenen zählen, sondern ebenso ein gutes Kanonenfutter für den nächsten Krieg bedeuten.

Bedauerlich, das solche Stücke zu wenig propagiert, und nur in einigen Vorstellungen zu sehen sind. Aber wer will sich schon in unserer heutigen Spaßgesellschaft, mit der nackten Realität auseinandersetzen?

Überzeugend wurde die Thematik von den zwei Schauspielerinnen und der Regie herübergebracht, und so kämpfen wir eben weiter, bis man unseren Schrei nach Gerechtigkeit endlich Gehör schenkt.

Manuela Miebach

 

 

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