DER NEUE MERKER

Nummer 126 (17. Jahrgang, Juni / Juli - 2006)
06.06.10 13:22:19
Anton Cupak

Interview, 05/2003: Erkki KORHONEN, Intendant der Finnischen Nationaloper

Erkki KORHONEN, Intendant der Finnischen Nationaloper, im Gespräch mit Sune Manninen
Daß die Position des Künstlerischen Leiters von Opernhäusern oder Festivals von einem ausübenden Musiker bekleidet wird, ist in Finnland keine Seltenheit. Man denke nur an den Dirigenten Ulf Söderblom, den Pianisten Ralf Gothóni und die Sänger Martti Talvela, Timo Mustakallio, Walton Gröönroos, Jorma Hynninen und Raimo Sirkiä, die das Opernfestival von Savonlinna leiteten bzw. noch leiten. Der 1956 geborene Erkki Korhonen bildet also durchaus keine Ausnahme. Nach seinem Klavierstudium an der Sibelius-Akademie war er ein vielfach gesuchter Korrepetitor und Liedbegleiter, bevor er 1997 Leiter des Züricher Internationalen Opernstudios wurde und am 1. August 2001 von Juhani Raiskinen die Künstlerische Leitung der Finnischen Nationaloper übernahm.

Herr Korhonen, im kommenden Herbst werden es 10 Jahre her sein, daß die Finnische Nationaloper aus ihrem ehemaligen Domizil, dem früheren russischen Garnisonstheater, hierher an das wunderschön an der Töölobucht gelegene Haus umzog. Das Alexanderheater fasste an Zuschauern etwa die Hälfte des heutigen Opernhauses. Sie mussten also ein teilweise neues Publikum für die Oper gewinnen. Ist das rückblickend gelungen?

Das ist eigentlich gut gelungen. Am Anfang waren die Menschen neugierig, das Haus war immer voll. Heute haben wir ein Stammpublikum. Statistisch gesehen, haben 1993 3 % der finnischen Bevölkerung die Oper besucht, heute sind es 9 %. Wir sind aber auch aktiv gewesen und haben mit Programmen für Volkserziehung und für Kindergärten und Schulen versucht, Oper für breitere Bevölkerungsschichten attraktiv zu machen. Bezogen auf die Oper, haben wir eine Auslastung von 90 %. Höhepunkt war die in dieser Saison Rossini gewidmete Themenwoche mit 94 %. Alles in allem, also inklusive des Balletts, sind wir zu 85 % ausgelastet, wobei unsere modernen Triple-Ballettabende den Schnitt etwas gesenkt haben.

Erstaunlicherweise wurde der Plan zum Bau des neuen Opernhauses in einer Zeit großer Rezession in Finnland umgesetzt.
Es war aber auch ein Glücksfall, daß nicht in einer Zeit der Hochkunjunktur gebaut wurde, denn so waren die Kosten an Material und Löhnen niedriger.
Nun sind Sie seit 2 Jahren Künstlerischer Leiter dieses Hauses. Wie sehen Sie Ihre Position im Vergleich zu Ihren Vorgängern – mehr im Sinne einer Weiterentwicklung, oder wollten Sie andere Akzente setzen?

Mehr im Sinne einer kontinuierlichen Weiterarbeit, d.h. wir hatten zwar ein Grundrepertoire, aber ich wollte gewisse Löcher stopfen, indem ich Werke ansetzte, die noch nie in Finnland oder noch nie mit finnischen Kräften gegeben worden waren. In dieser Saison „Chowanschtschina“ zum ersten Mal mit finnischen Kräften, „Arabella“ überhaupt zum ersten Mal in Finnland, und auch „Viaggio a Reims“ war vorher nur in Mikkeli vom Mariinsky-Theater aufgeführt worden. Darüber hinaus empfinde ich es geradezu als Pflicht, die finnische Opernkultur weiterzupflegen, indem wir mindestens eine finnische Oper pro Saison uraufführen.

Vor ca. 40 Jahren hat ähnliches auch Rolf Liebermann in Hamburg versucht und der dortigen Staatsoper durch zahlreiche Uraufführungen weltweites Renommee verschafft. Davon sind allerdings die wenigsten Werke von anderen Häusern nachgespielt worden, ganz im Gegensatz zu Finnland, wo ein Stück wie Joonas Kokkonens „Die letzten Versuchungen“ seit der Uraufführung 1975 an die 300 Aufführungen erlebt hat. Woran liegt Ihrer Meinung nach die Akzeptanz zeitgenössischer Oper in Finnland?
Ich führe das zur Hauptsache darauf zurück, daß Komponisten wie Rautavaara oder Sallinen für und nicht gegen die menschliche Stimme schreiben.
Einerseits ist diese Musik einfacher zu hören, andererseits bekommen wir dadurch die besten finnischen Kräfte, die sich geehrt fühlen, bei einer Weltpremiere dabeizusein. Das war damals der Fall bei Martti Talvela in den „Letzten Versuchungen“ und Jorma Hynninen in Sallinens „Rotem Strich“ und den Opern Rautavaaras. Bei unserer nächsten Uraufführung, Rautavaaras „Rasputin“, singt Hynninen erstmalig eine Nebenrolle, zwar den Zaren Alexander II., doch im Vergleich zur von Matti Salminen interpretierten Titelrolle eine kleinere Partie. Ich finde nicht gut, wenn Komponisten gegen die menschliche Stimme komponieren und dadurch die Kapazitäten nicht ausnutzen, die dieses Instrument hat. Das hat auch Kaija Saariaho begriffen, die zwar viel elektronische Musik komponierte, in ihrer ersten Oper „L'amour de loin“ aber eine Fülle fabelhafter Melodien geschrieben hat. Wir werden dieses Stück im Herbst 2004 herausbringen, Esa-Pekka Salonen wird dirigieren, Peter Sellars die Regie führen, und es werden Monika Groop/Lilli Paasikivi sowie Dawn Upshaw und Gerald Finley singen.

Wo sehen Sie noch Lücken im Repertoire?

Ich sehe meine Aufgabe in einer Art Volksbildung und möchte dem Publikum zeigen, welche Stilarten es in der Musik gibt. So gibt es in der nächsten Spielzeit zum ersten Mal Bellini, und zwar „Norma“ mit Renata Scotto als Regisseurin und Cynthia Makris, Elina Garanca und Raimo Sirkiä in den Hauptpartien. Auch Janácek ist bisher wenig in Finnland gespielt worden. Wir bringen daher „Kat'a Kabanova“ heraus; Regie führt Kari Heiskanen, es dirigiert Jiri Belohlávek, und die beiden weiblichen Hauptpartien werden von Karita Mattila und Reinhild Runkel gesungen – also das gleicheTeam, daß das Stück ein Jahr darauf auch an der Met herausbringt. Auch die vierte Premiere entspricht der vorher angesprochenen Volksbildung, denn das Publikum in Finnland hatte leider noch keine Gelegenheit, eine Produktion des verstorbenen Jean-Pierre Ponnelle zu sehen, und ich glaube, daß sein Stil sehr gut zur „Turandot“ passt. Hier singen Adrienne Dugger, Soile Isokoski und Janez Lotric.

Verfolgen Sie bei der Wahl der Regisseure einen bestimmten Stil?

Mein Prinzip ist es, daß ich dabei nicht meine persönliche Meinung, welche Art von Regie ich bevorzuge, durchsetzen , sondern wie auch bei der Stückauswahl dem Publikum eine breite Palette bieten möchte, welche verschiedenen Regiestile es gibt, z.B. auch das, was momentan in Deutschland auf diesem Sektor passiert. Ich bin also mit Regisseuren wie Freyer, Mussbach oder Stéphane Braunschweig im Gespräch. Gleichzeitig möchte ich aber auch die verschiedenen Stilarten unserer finnischen Regisseure vorstellen. Ein Opernhaus sollte wie ein Warenhaus sein, also für viele vieles bieten. Ich glaube nicht, daß es in der Kunst nur eine Wahrheit gibt, auch nicht, daß meine Meinung „Gottes Wort“ ist. In Deutschland bei seinem großen Angebot an Theatern ist es möglich bzw. sollte es so sein, daß jedes Haus sein eigenes Profil besitzt und das Publikum dann die Wahl hat. In Finnland sind wir das einzige ständig bespielte Opernhaus. Allerdings finde ich es in Deutschland nicht gut, daß viele Theater einem Trend folgen und viele Intendanten nur für Intendanten oder für Kritiker spielen. Das finde ich snobistisch; man sollte auch gegen den Trend spielen und das machen, was gut ist, auch wenn es nicht dem Trend entspricht.

Es fällt auf, daß die Finnische Nationaloper offenbar für finnische Weltstars wie Karita Mattila, Soile Isokoski oder Matti Salminen so attraktiv ist, daß diese nicht nur für das Repertoire, sondern auch für Premieren mit einem entsprechenden Vorlauf an Probenzeit kommen. Neben den z.T. ausländischen Gastsängern haben Sie aber auch ein Ensemble, und das in einer Zeit, wo es dies kaum noch gibt. Was bedeutet Ihnen Ensemble?

Ich finde diesen Trend, das Ensemble abzuschaffen, sehr schlimm. Es ist relativ einfach, Stagione zu spielen, aber schwierig, die richtigen Sänger für ein Ensemble zu verpflichten und ihnen die Chance zu ihrer Entwicklung zu geben. Wir haben ein Ensemble von etwa 30 Sängern. Ich finde diese Anzahl groß genug, denn wir haben durch die 215 Abende, die wir im Jahr spielen, so die Möglichkeit, andere, auch ausländische, Künstler einzuladen und mit unserem Ensemble zu variieren. Darüber hinaus gibt es ungefähr 60 Sänger, die an deutschen Opernhäusern engagiert sind, besonders viele in Dresden, Leipzig und Düsseldorf, und es ist mein Bestreben, diese hier bei uns auftreten zu lassen und damit zu demonstrieren, welch großes Potential an finnischen Sängern es in der Welt gibt. Darauf können wir stolz sein. Wir interessieren diese im Ausland tätigen finnischen Sänger dafür, bei uns aufzutreten, genau wie wir unsere Ensemblesänger anregen, im Ausland aufzutreten. Dadurch profitieren wir gegenseitig. Da wir ein wenig an der Peripherie Europas liegen, haben wir es uns zum Prinzip gemacht, alle Opern durchgängig doppelt zu besetzen. Das haben selbst bei einem Stück wie „Viaggio a Reims“ mit seinen 18 Solorollen geschafft.

Wie interessiert sind solche finnischen Sänger wie Juha Uusitalo oder Esa Ruuttunen, die umfangreiche Gastverträge im Ausland haben, in das Ensemble der Finnischen Nationaloper eingebunden zu werden?

Mehr und mehr, aus vielen Gründen. Zum einen ist Finnland unser Heimatland, und es ist einfacher, zu Fuß als mit einem Flugzeug zu einer Vorstellung zu kommen. Auch ist das Niveau bei uns hoch genug, so daß es zu deutschen Opernhäusern keinen Unterschied gibt. Aus steuertechnischen Gründen ist es derzeit sogar attraktiver, bei uns aufzutreten.

Von St. Petersburg ist es nicht weit nach Helsinki. Wie stehen Sie zu einer Zusammenarbeit mit dem Mariinsky-Theater?

Daran bin ich sehr interessiert, und unser Plan, mit Rautavaaras „Rasputin“ dort zu gastieren, war schon sehr weit gediehen, die Schließung des Mariinsky-Theaters aus Renovierungsgründen ist jedoch dazwischen gekommen. Wir haben zu Beginn jedes Jahres unsere sog. Themenwoche, bisher Puccini und Rossini gewidmet. Im Januar 2004 gibt es Hauptwerke des vorigen Jahrhunderts, und wenn wir ein Jahr später eine Woche mit russischen Opern haben, hoffen wir, daß dann das Mariinsky-Theater bei uns gastieren wird.
Sune Manninen

 

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Wien, 2019.02.23 10:16:26